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Ist der Nino aus Wien der Bob Dylan aus Wien-Neubau?

13.08.2026 von Stefan Baumgartner

Auf seinem neuen Album "Neubau Alone" musiziert der Nino aus Wien ganz allein im Bobo-Bezirk – und klingt dabei nach Bob Dylan.

Sehr oft, wenn der Nino aus Wien auf der Bühne steht, dann steht er dort nicht allein – nur allzu gern finden sich da auch Ernst Molden ein, oder Ninos “AusWien”-Band. Aber auf seinem neuen, mittlerweile auch schon dreizehnten Album, das morgen und ohne Vorab-Single erscheint, präsentiert sich Nino reduziert: “allein, aber nicht einsam”, wie der Pressetext zu “Neubau Alone” verrät.

Neubau, das ist ein Wiener Gemeindebezirk, der an die Mariahilferstraße anschließt – ein “Bobobezirk”, der politisch grün geprägt ist, und in dem sich in einer deutlichen Überzahl vegane Lokale und schnuckelige Cafés zwischen Barbershops und Second-Hand-Läden schmiegen, Naturwein- und Vinyl-Freunde kommen hier auch vollends auf ihre Kosten. Dort hat der Nino aber auch seinen vom Fuzzman vermieteten Studiokeller – in dem nun eben (zumindest teilweise) dieses Album entstand, das mit seiner herrlich shabby-chicen Vintage-Soundästhetik vermutlich auch nur dort seine Wurzel sprießen hat lassen können: “Es rauscht, es kratzt und zerrt”, machte sein Label schon im Vorfeld neugierig und schoss nach: “Als sänge Wolfgang Ambros durch ein Walkie-Talke mit schwacher Batterie.”

Und tatsächlich: Dem Nino ist mit “Neubau Alone” ein Album gelungen, das wie auch die umliegenden Second-Hand-Läden in Vorzeiten entlockt, als polierte KI-Klänge noch nicht einmal Zukunftsmusik waren. Zugegeben: Der Nino war nie einer, der neumodisch oder modern klang, diese Lo-Fi-Klänge sind jetzt nicht vollends aus der Luft gegriffen. Aber wer mit dem Oeuvre von Nino vertraut ist, wird dennoch über dieses ungewohnte akustische Gruselkabinett juchezen: Genau so klang schon der großartige Bob Dylan in seinen unangepassten Momenten, roh und unmittelbar – lediglich mit Stimme und Gitarre, und ein “bisserl Krimskrams”, der im Studio so herumlag. Und wenn sich der Nino pointiert (etwa auf “Alles was ich glaub”) im lärmenden, wehmütigen Feedback seiner Gitarre suhlt, dann blitzen für einen Moment gar noch Erinnerungen an eine andere Größe auf: Neil Young.

Allerdings wurzelt “Neubau Alone” genau genommen nicht ausschließlich in Neubau: Drei der Lieder wurden auch im Keller des Elternhauses in Hirschstetten aufgenommen, weil es in Neubau einen Wasserrohrbruch gab – “Athen”, “Lange schon genug” und “Wir aus dieser Stadt” entstanden im Schoß des “Exils”. “Lange schon genug” ist auch das älteste Stück am Album, der Text entstammt der Corona-Zeit – die übrigen Lieder sind jüngeren Datums, und mit “Unchained Melody” gibt's nicht nur ausschließlich Eigenkompositionen, sondern auch ein Cover eines Standards, der etwa 1977 von Elvis Presley zwei Monate vor seinem Tod aufgenommen wurde.

Das Jüngste der insgesamt zwölf Stücke ist das abschließende “Seele des Abends”, das exemplarisch auch für den rohen Ansatz des Albums steht: Nino hat es auf dem Handy aufgenommen, daneben tickte die Uhr – ein Zwischenton, der für die Albumaufnahme nicht wegeditiert wurde. Und bei “Setz di her”, dem Opener des Albums, hört man im Hintergrund die Heizung glucksen, bevor Nino nebst der Gitarre zu Krähenpfeife greift, ein Geschenk eines Nachbarn.

Während vieles in der Mode und im Mobiliar, das den “vintage”-Sticker aufgedrückt bekommt, erzwungen wirkt, wirkt “Neubau Alone” jedoch “roh to the bone”, um einmal ganz bewusst im juvenilen Denglisch zu formulieren: Die Imperfektion klingt nicht aufgesetzt oder gekünstelt, sondern wie ein erfrischend ehrlicher Gegenpol zum glattpolierten Zeitgeist, der heutzutage aus dem Äther wummert. Für andere Künstler wären dies wohl im besten Falle Demoaufnahmen, die dann im Studio mit Band und Produzenten noch geschliffen und getrimmt werden würden – doch für den “Bob Dylan aus Wien-Neubau” ist das die Urform der Lieder, die auch so in die Welt hinausschreiten können.

Apropos Dylan: Messen muss und will man sich mit dieser Koryphäe wohl kaum. Aber auf “Neubau Alone” gibt es auch das wunderbare Kleinod namens “Zerrissene Figuren”, eine kleine Autobiografie, in der Nino unter anderem behauptet, als Jugendlicher den Anspruch gehabt zu haben, der neue Bob Dylan werden zu wollen: Auch wenn man das als Übertreibung lesen kann, mit “Neubau Alone” ist ihm das zumindest zu weiten Teilen, aber auf seine ureigene Weise, gelungen.

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