Bild: Danny Clinch
Im November beehrt der nimmermüde Nobelpreisträger Bob Dylan im Zuge seiner "never ending tour" gleich mehrfach Österreich. Im Vorfeld verrät Dylanologe und WUK-Musikchef Hannes Cistota die subjektiv zwanzig besten Songs von Bob Dylan.
Auf seinem Album “Hunky Dory” aus dem Jahre 1971 widmete der große David Bowie einen Song Bob Dylan, einem “seltsamen jungen Mann mit einer Stimme wie Sand und Klebstoff”, dessen Worte “auch das Fürchten lehren” können. Und die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates ("Der Schlächter") zeigte sich ebenfalls von Dylans Stimme, die so klingt “als könne Sandpapier singen”, dermaßen berührt, dass sie ihm ihre Kurzgeschichte “Where Are You Going, Where Have You Been?” widmete – insbesondere das Hören von Dylans Song “It’s All Over Now, Baby Blue” hätte ihr erst ermöglicht, selbst eine derart unheimliche Atmosphäre zu erschaffen. Dylan zugetan ist gar eine weitere Legende, Rolling Stones‘ Mick Jagger, der erst kürzlich in einem Interview erklärte: “Es ist eine seltsame Stimme, aber sie hat Timbre, Projektion und Gefühl.”
Es ist wohl tatsächlich vorwiegend seine Stimme, die Bob Dylan unter den unzähligen honorigen Songwritern hervorhebt: Dieses knarzende Timbre – man mag es mögen, erst an ihm wachsen oder gar verschmähen – ist ein fesselndes Alleinstellungsmerkmal, das wie ein Mahlstrom den geneigten Hörer anzieht, anzieht zu den Texten, die tatsächlich derart formidabel sind, dass sie ihm 2016 gar einen Literaturnobelpreis einbrachten. Dylan, der sich zuvörderst als Poet, und erst hierauf als Musiker, als Songwriter erachtet und dieses Jahr seinen 85. Geburtstag feierte, ist als Schöpfer eines überbordenden Oeuvres tief im popkulturellen Gedächtnis verankert – und darüber hinaus.
Evident, dass er da vor zwei Jahren mit dem Musikdrama “Like A Complete Unknown” honoriert wurde: Timothée Chalamet gelang es da, Dylan glaubwürdig zu verkörpern, ohne damit in die Parodie abzudriften – ein Kunststück, lädt doch eben genau sein nasaler Gesang zur Persiflage nur so ein. Bemerkenswert: Wenngleich seine Stimme im Gegensatz zu etwa Van Morrison oder Mick Jagger durchaus Metamorphosen durchwanderte, hatte sie bereits zu Karriereanfang und seiner Jugend zum Trotz immer schon etwas Altes, vom Leben gezeichnetes an sich – mit maximaler Distanz zur Lieblich-, aber auch Beliebigkeit. Ja, selbst die unerträgliche Lagerfeuerschnulze “Blowin‘ in the Wind” ist im Original bar jedes Pathos: Dylan beweist seit sechs Karrierejahrzehnten – ganz gleich, ob folkig oder elektrifiziert – ein perfektes Gespür dafür, unendliche Wehmut heraufzubeschwören und mit seinem eigenen Schmerz den Schmerz der geneigten Hörer zu lindern. Dylan ist einer der wenigen Songwriter, deren Charisma gar endlos scheint: Dringlicher als mit seinem Anti-Belcanto kann man die Welt nicht durchleuchten – “nobody sings like Dylan”.
“Nobody sings like Dylan”: Schon Mitte der Sechziger lancierte seine Plattenfirma diesen simplen, aber wahrhaftigen Slogan: Sein Timbre mag irritieren, insbesondere heutzutage, wo man zuvörderst nach ausgebügelten, glatten Tönen sucht – bei ihm jedoch schleift die Stimme, und gerade live zelebriert er meisterhaft das Phrasieren, dehnt Silben, Wörter, ganze Textblöcke gar – oder zieht sie dermaßen zusammen, dass selbst Eingefleischte nur mit Müh und Not selbst die “Klassiker” wiedererkennen. Dadurch baut sich eine Dramatik auf, dass man vermeint, im eigenen Kopf wird die Welt in ihrer Gesamtheit durch die Töne vollends dekonstruiert: Wenngleich seine Lieder auch durch die textliche, inhaltliche Brillanz leben – die Dynamik seiner Stücke ist wie die der Welt schief und nicht am Schachbrett zusammengezimmert. Gerade live, auf der Bühne, ist Dylan unberechenbar – und demnach ein Schreckgespenst für alle, die sich im Konzert ein Best-of aus seinem Studio-Potpourri erwarten. Dylan versteht man zuvörderst durch das Gefühl, das ihm entströmt. Oder wie es Dylan in seiner mit jazzigen Klavierklängen unterlegten Dankesrede zur Verleihung des Literaturnobelpreises selbst formulierte: “Meine Songs sind lebendig im Land der Lebenden.”
Auch heuer befindet sich Dylan weiterhin und “like a rolling stone” auf seiner “never ending tour”, die bereits im Jahr 1988 begann und mittlerweile, angelehnt an sein Album aus dem Jahre 2020, unter dem Motto “Rough and Rowdy Ways” steht – und wird diesen November gleich zweimal in der Wiener Stadthalle, einmal in der Salzburgarena die Brüche der Welt durchforsten: Denn bei “Dylanologen” – das sind die zumeist männlichen, grau oder kaum mehr melierten Korrelate zu den “Swifties” – zählt Bob Dylan nicht als verquerer Hitlieferant, sondern tatsächlich als Weltversteher. Beinah schon obsessiv wird in seinen Texten, in seinem gesamtheitlichen Wirken der Sinn des Lebens gesucht – einer davon ist der österreichische Literaturwissenschaftler Stefan Kutzenberger, der sich 2020 in seinem zweiten, autofiktionalen Roman “Jokerman” von Bob Dylan leiten ließ. Das liest sich wie ein mittelalterliches Grals-Epos, wenn er sich nach einem tiefen Einschnitt in seinem Leben plötzlich auf “Wanderjahren” und gleichermaßen auf stetiger Suche befindet, dabei danach strebt, mithilfe der Texte von Bob Dylan unter die Oberfläche seines eigenen Daseins, aber auch des Laufes der Welt zu tauchen.
Ein weiterer Dylanologe – wenngleich er seine ungezügelte Obsession beharrlich verleugnet – ist WUK-Musikchef Hannes Cistota, der in seiner ohnehin beachtenswert umfangreichen Plattensammlung die Vinyl von Bob Dylan nicht mehr in Stückzahlen, sondern in Laufmetern bemisst: Zum Leidwesen seiner mithörenden, aber immer noch liebenden Familie hat er sich für uns durch das dylansche Oeuvre geforstet und die subjektiv zwanzig besten Stücke zusammengestellt – eine Playlist, die in ihrer steten Wiederholung die Wartezeit auf die November-Gastspiele verkürzt.
Auch wenn Bob Dylan live in der Wiener Stadthalle und in der Salzburgarena zu erleben sein wird – dennoch lohnt sich ebenfalls ein Besuch im Wiener WUK, im Haus des Dylanologen Hannes Cistota: Nicht nur für die zahlreichen formidablen Konzerte, sondern auch, weil Hannes Cistota auf Anfrage nur allzu gern für einen kleinen Vortrag zu Bob Dylan bei einem Gläschen Wein zur Verfügung steht.