Bild: oeticket / Cherie Hansson und Stefan Kuback
“Universalgenies” sind die wenigsten, auch wenn es viele von sich denken: Blickt man auf die lange Geschichte von Musik und Schauspielerei zurück, stellt man fest, dass sich immer wieder Filmstars auch am Instrument versuchen - meist jedoch mit bescheidenen Ergebnissen. Aber einige wenige geglückte Ausnahmen gibt es dann doch: Keanu “John Wick” Reeves und Taylor “Gossip Girl” Momsen gastieren beide mit ihren Bands - Dogstar und The Pretty Reckless - kommenden Sommer in Österreich!
Keanu Reeves, David Hasselhoff und Jared Leto, Taylor Momsen, Juliette Lewis und Miley Crus: Was diese drei Herren und Damen in ein und demselben Satz vereint? Alle sind Schauspieler*innen und alle machten nebenher mehr oder weniger erfolgreich Musik - oder so etwas ähnliches. Und damit sind sie nicht die Einzigen auf weiter Flur.
Tatsächlich ist Jared Leto, heute wohl am bekanntesten in seiner Rolle als Sänger von Thirty Seconds To Mars, gegründet 1998, schon länger als Schauspieler tätig: Nach Nebenrollen in Filmen wie “Fight Club” und “American Psycho” brillierte er erstmals als Heroinsüchtiger in “Requiem for a Dream” (2000) und später, als transgeschlechtlicher Rayon, in "Dallas Buyers Club" (2013). Seine Darstellungen als Dr. Morbius in “Morbius” (2022) und als Joker in “Suicide Squad” (2016) lassen wir in einem ansonst fast makellosen Oeuvre an dieser Stelle einmal unter den Tisch fallen - ungeschehen machen kann man sie ja leider nicht. Ungeschehen machen kann man auch Thirty Seconds To Mars nicht: Dem kommerziellen Erfolg zum Trotz muss man diese Band einfach als überbordende Fantasielosigkeit abhaken - ob sie tatsächlich nur wegen des Gesichts eines Hollywood-Beaus gefeiert werden, sei einmal so dahingestellt.
Zugegeben, der absolute Bodensatz sind Thirty Seconds To Mars noch nicht: Und wer jetzt auf einen David-Hasselhoff-Diss hofft, der ist schief gewickelt! Hasselhoff mag ein ebenso bescheidener Schauspieler wie Sänger sein, aber zumindest sind Filme wie “Witchcraft - Das Böse lebt” (1988) und natürlich die “Knight Rider”-Serie (1982 bis 1986) heute ebenso Kult, wie sein Schlagerpop zwischen “Limbo Dance”, “Night Rocker”, “Crazy For You” und “Looking For Freedom” - mit dem er immerhin sogar den Mauerfall einleitete und bis heute im deutschen Sprachraum ein zumeist trinkfreudiges Publikum anzieht - teils aus echter Überzeugung, teils aus Faszination für Trash-Kult.
Nein, der wahre Bodensatz musikalischer Erzeugnisse findet sich tatsächlich am Hollywood-Olymp: Bei Gwyneth Paltrow zum Beispiel, deren Bedeutung als Sängerin als ungefähr genauso wertvoll einzuschätzen ist wie ihre speziellen Kerzen mit Vagina-Duft. Oder die hochnotpeinlichen Alben von Steven Seagal, dem Schauspieler mit anderthalb Gesichtsausdrücken. Auch Bruce Willis versuchte sich mal im Gesang, ebenso wie Eddie Murphy: Dessen “Party All the Time”, immerhin aus der Feder von Rick James, gilt heute auch nur mehr ab einer zweistelligen Promillezahl als Party-Klassiker für weit nach Mitternacht. Und David Duchovny möge weiterhin als Hank Moody aus “Californication” und Fox Mulder aus “Akte X” in Erinnerung bleiben, denn als Musiker - nicht minder William Shatner: “James Tiberius Kirk” nimmt seit den späten Sechzigern bis heute regelmäßig Alben auf, die irgendwo zwischen Musik und Spoken Word irrlichtern. Nicht einmal vor Coverversionen (David Bowie, The Police und Elton John) schreckt er zurück, noch vor einer Reihe an illustren Kollaborateuren - darunter gar Ritchie Blackmore und Sheryl Crow.
Nicht selten fragt man sich da sogar als Fan, ob das die Damen und Herren tatsächlich ernst meinen - und ob in ihrer Entourage tatsächlich keine Personen existieren, die die Eier oder Eierstöcke haben, auch einmal die “Bullshit”-Karte zu ziehen und nicht jede am Papier vermeintlich tolle Idee durchzuwinken.
Doch es ist nicht per se alles schlecht, was musikmäßig aus Hollywood kommt: Da ist etwa Ikone Clint Eastwood, der hier und da schon Songs in seinen Filmen selbst zum Besten gab. Und Multitalent Viggo Mortensen ist nicht nur als Schauspieler, Regisseur, Produzent und Autor erfolgreich, sondern kann auch einen beachtlichen Output als Musiker vorweisen - es schadet in dem Fall auch nicht, dass er diesbezüglich sehr oft mit seinem Spezl und Ausnahmegitarristen Buckethead kollaboriert.
Ebenso sein Kollege Bill Murray, der erst im Sommer mit Jan Voglers Klassiktrio im Wiener Konzerthaus auftrat: “Den Großteil der klassischen Musik in meinem Leben habe ich als junger Schauspieler in der Badewanne gehört. Ich bin in die Wanne eingesunken und habe klassische Musik aufgedreht, um mein Hirn zu entspannen. Ich dachte damals, diese Kombination aus Entspannungsbad und klassischer Musik würde mich klüger machen und meine Schauspieler-Karriere pushen”, erzählte Murray da etwa der Kronen Zeitung. Ob dies tatsächlich geglückt ist, sei dahingestellt - aber Murrays Ausflug in eine Welt zwischen Bach und Beethoven pendelt tatsächlich zwischen Pathos und Pointen, Konzert und Performance, ist eine Weltreise durch Sprache, Klang und Charisma.
Nicht zu vergessen auch Joaquin Phoenix, der in “Walk the Line“ mit selbstgesungenem Material auch die Johnny Cash-Ultras überzeugen konnte, Timothée Chalamet, der in ”Like A Complete Unknown" selbst von Bob-Dylan-Ultras nur vereinzelt “Judas”-Rufe kassierte, wie auch Jeremy Allen White im Springsteen-Biopic “Deliver Me From Nowhere” dieses Jahr.
Ein ebenso überzeugendes Beispiel ist Miley Cyrus: Erblich vorbelastet durch Papa Billy Ray und mit Dolly Parton als Patentante, fand sie erst über den Umweg der singenden Serien-Göre Hannah Montana hauptberuflich zur Musik, ebenso aus dem Disney-Stall wie Justin Timberlake. Beide pfeifen heute weitgehend aufs Schauspiel und widmen sich nur noch der Musik, ebenfalls keine ungewöhnliche Entwicklung.
Auch Jack Black findet man, gemeinsam mit seinem Partner Kyle Gass, in der Combo Tenacious D mittlerweile auch häufiger auf Konzert- anstatt Filmplakaten, wie auch der einst gefeierte Hollywood-Jungstar Juliette Lewis ("From Dusk Till Dawn") aktuell eher unentschlossen zwischen Schauspiel und dem Job als Frontfrau von Juliette and the Licks oszilliert. Ebenso das ehemalige “Gossip Girl” und Grinch-Muse Taylor Momsen, die ebenfalls nur noch sporadisch schauspielert und ihre Energie mit wachsendem Erfolg - immerhin war sie zuletzt gar im Vorprogramm von AC/DC im Happel-Stadion zu sehen und zu hören - ihrer Band The Pretty Reckless widmet: Erst zu Halloween veröffentlichte sie ihr Weihnachts-Album, auf dem auch die Single “Where Are You Christmas” zu hören war, mit dem sie bereits vor 25 Jahren Jim Carrey als Grinch das Herz erwärmt hat.
Was aber bei allen erfolgreichen Schauspieler-zu-Musiker-Karrieren auffällt: Meist haben die Künstler schon lange vor dem Erfolg vor der Kamera Musik gemacht oder überhaupt erst die Schauspielarbeit als zweites Standbein oder per Zufall gewählt. Das trifft nicht nur auf Jared Leto und Thirty Seconds To Mars zu, sondern auch beispielsweise auf Johnny Depp, dem Piraten aus “Der Fluch der Karibik”: Ursprünglich mit seiner Band und großen Zielen in Los Angeles angekommen, stellte sich der Erfolg nicht ein. Erst durch den Ratschlag von Zufallsbekanntschaft Nicolas Cage versuchte er sich als Schauspieler, der Rest ist Geschichte. Dabei verlor er aber nie seine Liebe zur Musik aus den Augen, als talentierter Gitarrist und Sänger kann er auf eine ebenso illustre wie hochkarätige Liste an Kollaborationen zurückblicken, darunter Marilyn Manson, Oasis oder Iggy Pop. Sein aktuelles Engagement in der Supergroup Hollywood Vampires mit Alice Cooper und Joe Perry, aber auch eine gemeinsame Tour mit der mittlerweile leider verstorbenen Gitarren-Legende Jeff Beck haben ihm auch in Musiker-Fachkreisen viel Respekt eingebracht.
Auch ein anderer universell beliebter Hollywood-Superstar greift gerne in die Saiten: Keanu Reeves, über die Jahre zum Action-Star gereift, zupft schon seit den frühen Tagen von “Bill & Ted” den Bass in seiner dreiköpfigen Band Dogstar. Die Alt-Rock-Partie hatte sich zwar nach zwei Alben und gut besuchten Gigs Anfang der Nullerjahre aufgelöst, aber in den Lockdowns der Pandemie wieder zueinander gefunden und letztes Jahr nicht nur die Reunion, sondern mit “Somewhere Between the Power Lines and Palm Trees” gar ein neues Album veröffentlicht, das hierzulande auch live am Nova Rock vorgestellt wurde - mit so viel Applaus, dass nun die Reprise kommenden Sommer in der Raiffeisen Halle im Gasometer ansteht!