Bild: Tina Niedecken
BAP-Sänger und -Gitarrist Wolfgang Niedecken ist einer der wenigen Bob-Dylan-Fans, die ihr Idol tatsächlich auch getroffen haben. Am 23. Februar gastiert er mit seinem Programm „Dylanreise“ gemeinsam mit dem Pianisten Mike Herting im Wiener Konzerthaus: Er erzählt über seine Spurensuche durch Bob Dylans Amerika, die er 2017 für den TV-Sender ARTE vollzogen hat, und über die gemeinsamen Berührungspunkte, die auch im 2021 erschienen Band 11 der KiWi Musikbibliothek nachzulesen sind. “Für mich ist er der größte unter den amerikanischen Songwritern. Kein anderer Musiker hat mir einen tieferen Einblick in die amerikanische Seele gegeben. Viele meiner Songs wären ohne das Werk Bob Dylans nicht entstanden”, wird Niedecken da zitiert.
Wolfgang Niedecken hat aber auch zahlreiche Coverversionen von Bob-Dylan-Songs veröffentlicht - Songs, die man live im Konzerthaus freilich auch hören wird. “Songs sind wie Träume, die man wahr zu machen versucht. Sie sind wie fremde Länder, die man bereist”, so Niedecken - in dem Fall Bob Dylans Amerika eben.
Als ich zum ersten Mal „Like A Rolling Stone“ hörte - das war damals mit meiner Schülerband, in der ich Bass gespielt habe -, dachte ich, ich will nicht weiter Bass spielen. Das Lied hat mich aus den Socken gehauen. Ich wollte fortan lieber Texte schreiben und diese auch singen. 1965 war das, ich war 14. Was die Beatles so gesungen haben, war ja ganz interessant, aber das schien von der Thematik her eher aus dem Reimlexikon abgeleitet worden zu sein. Immer diese Personalpronomensongs, „From Me To You“ und so! Das war okay, hat mich aber nicht so fasziniert. Wenn man es genau nimmt, waren es Schlagertexte. Dann kam eben auf einmal Bob Dylan um die Ecke. Es war unfassbar, was in seinen Liedern alles vorkam!
„Slow Train Coming“ finde ich sehr schön. Auch auf „Saved“ von 1980 sind tolle Lieder drauf: Ein wunderbarer Gospelgesang, nur die Attitüde, dass er alle bekehren wollte, die hat mir auch gestunken. Mich braucht auch ein Bob Dylan nicht bevormunden.
Ich habe Bob Dylan zweimal getroffen. Er ist sehr, sehr schüchtern. Die Schüchternheit verbirgt er auf der Bühne mit einer gewissen Arroganz. Ich habe ihn unter privaten Voraussetzungen getroffen, einmal mit Regisseur Wim Wenders. Wim hat mich ihm ganz unverhofft vorgestellt. Es war ein wunderbares Gespräch, vor allem zwischen Wim und ihm. Die kennen sich seit der Rolling Thunder Revue. Wim war mit einer Frau namens Ronee Blakley verheiratet, die damals bei Dylan gesungen hat. Das war ein ganz normales Gespräch. Sehr unverstellt.
Beim zweiten Treffen habe ich ihm eine Gitarre, die er bestellt hatte, überreicht und über Gitarren geplaudert: Die Hannoveraner Firma Duesenberg hatte eine Lapsteel Gitarre entwickelt, die man mit Kapodaster spielen kann. So ein Ding wollte er haben. Da haben wir unter vier Augen gesprochen, im gleißenden Neonlicht hinter der Bühne. Das war sehr relaxed und schön.
Das waren einfach die ganzen Songs von unserem BAP-Album „Ahl Männer, Aalglatt“, die nicht durch die Band-Kontrolle gekommen sind. Da dachte ich, da mach ich ein Solo-Album daraus. Gott sei Dank habe ich das gemacht!
Unser viertes BAP-Album war nicht ganz so erfolgreich wie die beiden vorher, die jeweils über eine Viertel Million Stück verkauft haben. Dann gingen in der Band die kommerziellen Überlegungen los: Was müssen wir machen, damit das wieder so wird? Dann kamen Gedanken wie „weniger autobiographisch schreiben“ und „hochdeutsch schreiben“. Alles Persönliche sollte weg. Aber ich bin nun mal jemand, der viel autobiographisch schreibt. Und das in der Sprache meiner Seele. Da muss man halt einen anderen Sänger nehmen. Ich bin auch kein Caruso. Ab 1985, 1986 war die Band gespalten. Dann folgte ein 14 Jahre langes Tauziehen. Dennoch haben wir unter den Umständen ganz gute Sachen zusammengekriegt. Das ist ja oft so: Wenn die Hauptströmung ein Korrektiv hat, kann sie auch besser werden. Insofern ist alles okay. Später brachte ich noch ein zweites Dylan-Album raus. Wobei ich sagen muss, dass ich damals nicht besonders werktreu übersetzt habe.
Sehr gut. Aber wenn ich Ludwig Hirsch hörte, brauchte ich auch immer ein paar Durchgänge, bis ich weiß, worum es geht. Vom Ambros war „Hoffnungslos“ immer mein Lieblingsalbum. Das habe ich oft gehört. Auch seine Dylan-Platte „Wie im Schlaf“ fand ich prima. Er hat die Dylan-Lieder in sein Gefühl übersetzt, ohne sie zu vergewaltigen.
Das passierte zu exakt zu jener Zeit als wir mit BAP unsere ersten Sachen aufgenommen haben. Es lag damals einfach in der Luft, dass man auf Kölsch etwas macht, das nicht im Karneval endet. Die Zeltinger Band hat 1979 ihr erstes Album „De Plaat im Roxy und Bunker live“ veröffentlicht. Der große Hit war eine Coverversion der Ramones: „Rockaway Beach“ hieß jetzt „Müngersdorfer Stadion“. Und Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ wurde zu „Stüverhoff“.
Nein. Wir haben unbewusst genau das Richtige gemacht. Wir haben uns nicht an Begriffe wie Radiotauglichkeit gehalten. Bei einem Stück wie „Verdammt lang her“ kommt der Refrain erst nach der vierten Strophe. Heute beginnt man am besten schon mit dem Refrain, um ein Lied ins Radio zu bringen.
Mittlerweile muss man leider sagen, dass die Dialekte überall am Aussterben sind. Wenn ich Kölsch singe, dann achte ich darauf, dass ich keine Worte singe, die ich nicht auch im Alltag benütze. Das käme mir dann seltsam vor. Ich kenne in meinem Umfeld vielleicht noch fünf Leute, mit denen ich automatisch Kölsch spreche. So eine Sprache ist ja auch ein Gefühl, das du nicht kontrollieren kannst. Wenn ich mit diesen Leuten hochdeutsch sprechen würde, käme mir das gekünstelt vor. Da käme ich mir vor wie ein Arschloch.
Ich musste wieder Worte lernen. Einer meiner besten Freunde, Hans Süper, leider auch schon tot, ein unglaubliches Original, der hat nur Kölsch gesprochen. Der war ganz besorgt und wollte mich nach meinem Schlaganfall unbedingt am Telefon sprechen. Meine Frau hat ihn zunächst abgeblockt. Irgendwann hat sie mir den Hörer dann doch gegeben. Auf seine Frage, was ich denn für Sachen mache, habe ich automatisch auf Kölsch geantwortet. Und zwar ohne Worte suchen zu müssen! Die Wortsuchproblematik war wie weg! Fürs Hochdeutsche habe ich in der Reha noch länger gebraucht. Das Kölsch ist aber ganz tief in meinem Gehirn und in meiner Seele gespeichert, das Ding ist einfach da.
Ich war so aufgeregt, dass er endlich auch in Deutschland spielt. Er hätte wahrscheinlich auch „Hänschen Klein“ rückwärts singen können, ich war einfach begeistert! Ich hatte gehofft, dass er Sachen wie auf der Rolling Thunder Revue spielen würde. Aber er war ja schon wieder weiter und hat mit seiner Las-Vegas-Formation gespielt. Ein paar Jahre vorher verlor ich vorübergehend den Kontakt zu Dylan. Alben wie „Nashville Skyline“ und „Self Portrait“ langweilten mich. Da hörte ich lieber Led Zeppelin. Beim Zivildienst hatte ich dann einen Kollegen, der mir Dylan wieder näherbrachte. Er empfahl mir „Desire“ und „Blood On The Tracks“. Das Hören war ähnlich großartig, wie das Erlebnis mit „Like A Rolling Stone“. Auf das hinauf habe ich mir alles nachgekauft, was ich versäumt hattte. Dann konnte ich wieder mitreden.
Ich denke, große Erkenntnisse wird er nicht bringen. Den Drehbuchschreibern stand wohl auch nur das Material zur Verfügung, das es halt gibt aus der Dylan-Frühzeit. Der Schauspieler muss aber etwas können, denn der Meister befand ihn für gut. Die Ausschnitte, die ich gesehen habe, die sind toll. Der Kerl singt die Lieder ja auch selbst.
Ja. Und wenn er ihn nur für „A Hard Rain's A-Gonna Fall“ bekommen hätte, wäre es schon gerechtfertigt gewesen. Das sagte ich auch den Medien, als sie mich am Tag der Bekanntgabe der Entscheidung anriefen. Nicht zufällig wurde der Text später bei der Verleihung auch vorgelesen.
Seit 2019 gibt es im renommierten Kiepenheuer & Witsch Verlag die Serie KiWi Musikbibliothek: In bisher 19 erschienenen Bänden erzählen namhafte Personen über ihre Liebe und Verbundenheit mit Künstler*innen: Etwa Thees Uhlmann über die Toten Hosen, Lady Bitch Ray über Madonna, Markus Kavka über Depeche Mode und eben Wolfgang Niedecken über Bob Dylan.
In seinem Buch erzählt Niedecken lebendig von seinen Treffen mit Bob Dylan und den Berührungspunkten zwischen seinem eigenen Werk und den Inspirationen, die er durch die Musik und die Texte des Literatur-Nobelpreisträgers Bob Dylan erhalten hat.
Mehr Informationen findet man direkt beim KiWi-Verlag an [dieser Stelle].