Bild: Pascal Riesinger
Nach ihrer spektakulären 360-Grad-Show diesen Dezember in der Wiener Stadthalle stehen für Seiler und Speer kommenden Juni und Juli Salzburg, Graz und Linz am Programm - passend zum Sommer open-air.
Wenn man heute von österreichischer Popmusik spricht, dann zählt natürlich die Vergangenheit, das Fundament: Wolfgang Ambros zeigte sich zuletzt im Theater im Park wieder deutlich fitter auf der Bühne als zuletzt - und tourt weiterhin regelmäßig, sowohl mit seiner Nr. 1 vom Wienerwald als auch “pur.” Auch Peter Cornelius ist immer noch nicht müde und “zeitlos”, feiert diesen Herbst quer durch Österreich sein jahrzehnteumfassendes Werk, das von “Reif für die Insel” bis “Du entschuldige i kenn i” längst zum Allgemeingut geworden ist. Während für ihn die Bühne nach wie vor das wahre Zuhause ist, verabschiedet sich jedoch Gert Steinbäcker, die unverwechselbare Stimme von STS, nun von selbiger: Im Dezember gibt es - ebenfalls in ganz Österreich - noch einmal die allerletzte Gelegenheit, zwischen “Fürstenfeld” und “Großvater” zu schunkeln.
Aber auf dieses Fundament hat mittlerweile eine jüngere Generation ein bereits beachtliches Häuschen gebaut: Bilderbuch haben diesen Sommer mit drei ausverkauften “öffentlichen Proben” im Flex nicht nur vorab schon ihr kommendes, neuntes Album “∞+1” gefeiert, sondern im selben Atemzug auch ihre neue (Live)-Gitarristin Uche Yara vorgestellt. Es kann sich wohl nur mehr um wenige Wochen handeln, bis sie endlich auch "normale" Konzerte - und das in deutlich größerem Rahmen - ankündigen. Wanda wollten sich nach dem großen Weihnachtskonzert diesen Dezember in der Wiener Stadthalle eigentlich für mindestens ein Jahr zurückziehen, aber seit wenigen Tagen machen sie auf Social Media ihre Fans narrisch: eine “neue Ära” wird für in Bälde angekündigt - was es damit wohl auf sich hat?
Und da sind natürlich auch Seiler und Speer. Als sie vor gut 12 Jahren einen Song namens “Ham kummst” ins Internet stellten, urteilten viele - auch der Verfasser dieser Zeilen - vorschnell, dass dies lediglich ein One-Hit-Wonder bleiben wird. Das wäre auch legitim gewesen, denn um Musik ging's damals eigentlich nicht so wirklich: Der Schauspieler Christopher Seiler und der Filmemacher Bernhard Speer drehten gemeinsam die “Horvathslos”-Satire, die Lieder waren vorerst nur als Beiwerk gedacht. Doch das Beiwerk hat rasant an Fahrt aufgenommen, bereits 2015 spielte man vor 100.000 Menschen beim Solidaritätskonzert Voices For Refugees, 2016 auf der Hauptbühne am Donauinselfest und in weiterer Folge nicht nur viermal am Nova Rock Festival und gemeinsam mit Christian Kolonovits für Red Bull Symphoiic im Wiener Konzerthaus, sondern im März 2022 auch beim Ukraine-Benefiz im Ernst Happel-Stadion.
Dort feierte man vergangenen Sommer auch das 10-jährige Jubiläum vom Debütalbum “Ham kummst” - und schrieb zeitgleich mit so illustren Gästen wie Josh., Opus, Thomas Stipsits, Otto Waalkes und Wolfgang Ambros auch scheinbar nebenbei Musikgeschichte: Als erste österreichische Band verkauften sie das Stadion bis zum letzten Quadratzentimeter aus.
Natürlich ist auch bei Seiler & Speer nicht alles eitel Wonne: Aus seinem DUI-Fauxpas 2017 hat Bernhard Speer gelernt, und sein Kollege Christopher Seiler musste sich erst dieses Jahr verantworten. Im März wurde nämlich bekannt, dass er einer Frau gegenüber übergriffig wurde, es folgte nicht nur eine monatelange Therapie, sondern auch eine Diversion. Im Sommer meldeten sich Seiler & Speer dann erstmals wieder auf der Bühne zurück - und das mit der neuen Single “Daunzn” im Gepäck, die das Erlebte aufarbeiten sollte. In ihrer Bubble wurde die Entschuldigung angenommen, die Rückkehr der Helden beklatscht. “In jeder Krise steckt auch eine Chance”, sagte Christopher Seiler damals - und hat wohl, auch abseits der Bühne und Promi-Präsenz, gelernt, dass "jegliche Form von Gewalt inakzeptabel" ist, wie er auf Social Media schrieb. Ohne Verfehlungen kleinreden zu wollen: Man muss Menschen auch die Möglichkeit geben, sich wieder zu rehabilitieren.
Da befinden sie sich nun am besten Weg: Seit Sommer lassen sie wieder die Musik für sich sprechen, darunter nicht nur in brandneuer Bandbesetzung mit ausverkauften Konzerten etwa in der Festungsarena Kufstein, der Moosburger Schlosswiese und auf Burg Clam - sondern auch mit ihrer aktuellsten Single “Bisl Weh”, die vor zwei Wochen erschien und all jenen Menschen gewidmet ist, die bereits und teilweise zu früh “von uns gegangen sind”.
An weiteren neuen Songs wird aktuell, zwischen den letzten Tourterminen diesen Herbst und Winter, gearbeitet: Am 11. und 12. Dezember wird man als allererster Künstler in Österreich überhaupt eine 3D Immersive Audio Show mit einer “Centerstage” in die Wiener Stadthalle bringen - der erste Tag ist bereits ausverkauft, für den Nachfolgetermin gibt es nur mehr ganz wenige Restkarten. Restlos ausverkauft sind hingegen auch ihre “normalen” Konzerte am 18. Dezember in der Salzburgarena und am 19. Dezember in der Oberwarter Informhalle.
Ob uns 2026 dann bereits der “Hödn”-Nachfolger ins Haus steht, wurde vorerst noch nicht verraten - sicher ist nur, dass Seiler & Speer auch kommenden Sommer wieder ihre emotionalen Geschichten auf die Bühne bringen und zum Mitsingen animieren werden, passend zur Jahreszeit natürlich open-air: Der Salzburger Residenzplatz wird bereits Anfang Juni bespielt, Anfang Juli folgen dann die Grazer Freiluftarena B und der Startschuss des Ahoi! Pop Sommers an der Linzer Donaulände.
Aber sprechen wir nach der Vergangenheit und der Gegenwart auch noch kurz von der Zukunft: Vergangenen Freitag sind gleich zwei Alben von österreichischen Musiker*innen erschienen, von denen man ebenfalls in Jahrzehnten noch sprechen wird.
Einerseits haben wir da das zweite Album von Oskar Haag, “Lost Cause”. Vor fünf Jahren - da trat er beim Wiener Popfest auf - sprach man noch kurzsichtig von einem "Wunderkind" (er war damals 15) und einem “Nepobaby” (sein Vater ist Oliver Welter von Naked Lunch), aber mittlerweile muss man sich vielmehr mit Beatles-Bezügen bemühen: “Lost Cause” ist mehr als nur ein “Coming-of-Age”-Album, sondern vielmehr ein Album, das als berührendes Glanzstück der österreichischen Musikgeschichte eingehen wird.
Und Uche Yara, die zuvor angesprochene neue Gitarristin von Bilderbuch, hat wiederum ihr Debütalbum veröffentlicht: Auf “Bodyscanner” geht sie allerdings einen anderen Weg als auf ihren Singles und EPs zuvor. Denn ihrer Begleitband hat sie sich mittlerweile ebenso entledigt, wie auch den gewohnten Rock- und R&B-Sphären. Vielmehr klingt “Bodyscanner” stark nach Berlin, seit ein paar Jahren Wahlheimat der Oberösterreicherin: Die Gitarre wird zuvörderst bei Bilderbuch ausgepackt, auf “Bodyscanner” pulsieren in erster Linie Effekte, Sounds - und ihre Stimme. Das Ergebnis klingt wild, oft unvorhersehbar und: körperlich. Körperlich gerieten Uche Yaras Konzerte bisher ohnehin schon immer, aber was bei “Bodyscanner” aus dem Äther dröhnt, ist nochmals ein ganz anderes Kaliber.