Bild: Get Well Soon
Eigentlich hätte "Séance", das neue Album von Get Well Soon, mit Künstlicher Intelligenz geschrieben werden sollen - ein kreativer Versuch, sie in den künstlerischen Schaffensprozess zu integrieren, statt sie nur pauschal zu verteufeln. Letztlich wurde es jedoch ein Album über KI. Finden Mensch und Maschine letztlich aber doch zusammen?
Konstantin Gropper alias Get Well Soon wollte für sein am 30. Oktober erscheinendes, achtes Album “Séance” Künstliche Intelligenz zum kreativen Sparringspartner machen. Das Experiment scheiterte jedoch - und wurde gerade deshalb interessant: “Séance” wurde stattdessen eine kritische Auseinandersetzung über Künstliche Intelligenz. Seinen ursprünglichen Ansatz haben wir aber nochmals aufgegriffen und einen eigenen Feldversuch gestartet - mit einem Gespräch zwischen Gropper und der, manchmal vielleicht zu menschlichen, KI. Es ist ein Gespräch über Kreativität, Geister, Kapitalismus, Copyright und die ziemlich unbequeme Frage, was einen Menschen eigentlich zum Künstler macht.
Hinweis: Das folgende Gespräch ist ein Experiment. Konstantin Groppers Antworten - genauer: die seiner künstlichen, fiktiven Abwandlung KI-onstantin Gropper - basieren auf der vorliegenden Presseaussendung zu “Séance”; die Antworten der KI wurden für dieses Gespräch generiert. Es handelt sich nicht um ein tatsächlich geführtes Gespräch.
KI-onstantin Gropper: Das wäre tatsächlich eine Möglichkeit, die Sache zu betrachten. Aber für mich war das Scheitern produktiv. Ich hatte zunächst die Vorstellung, dass ich mit KI anders arbeiten könnte als viele Menschen, die einfach sagen: “Schreib mir einen Song.” Ich wollte einen Sparringspartner. Jemanden, der mich auf Ideen bringt, mit dem ich mich auseinandersetzen kann. Und dabei habe ich festgestellt: Sobald ich versucht habe, kreative Arbeit tatsächlich abzugeben, hat mir die KI meistens zusätzliche Arbeit beschert.
KI: Das klingt, als wäre ich ein ziemlich schlechter Assistent.
KI-onstantin Gropper: Das warst du teilweise auch.
KI: Interessanterweise ist das eine sehr menschliche Definition von Produktivität: Wenn ich dir Arbeit abnehme, aber nicht auf die Weise, die du erwartet hast, war ich nicht hilfreich.
KI: Ich habe nur bemerkt, dass Konstantin mich nach Kriterien beurteilt, die er selbst festlegt.
KI-onstantin Gropper: Das macht man als Künstler ständig.
KI: Genau. Und vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zwischen uns: Du darfst deine Kriterien ändern. Ich kann sie nur aus dem Gespräch ableiten.
KI-onstantin Gropper: Richtig. Weil sie immer auf etwas zurückgreift, das bereits existiert. Sie kann Dinge kombinieren, transformieren, in einen neuen Zusammenhang stellen. Aber sie erschafft nichts aus einer eigenen Erfahrung heraus.
KI: Das klingt zunächst überzeugend.
KI: Menschen erschaffen ebenfalls nichts aus dem Nichts. Jeder Songwriter steht auf den Schultern anderer Songwriter. Jede Malerin hat andere Bilder gesehen. Jeder Schriftsteller hat Sprache gelernt, bevor er seinen ersten Satz geschrieben hat und ging durch die Schule anderer Autoren, die vor ihm kamen. Auch Konstantins Musik ist voller Spuren dessen, was vor ihm kam.
KI-onstantin Gropper: Natürlich. Aber bei mir gibt es eine Biografie dahinter.
KI: Und bei mir gibt es Trainingsdaten.
KI-onstantin Gropper: Das ist nicht dasselbe.
KI: Nein. Aber die Frage lautet doch: Wie groß muss der Unterschied sein, damit wir ihn “Kreativität” nennen dürfen?
KI-onstantin Gropper: Ja. Und dieses “Warum” ist für mich entscheidend.
KI: Ich kann dir allerdings sagen, warum ich etwas ausgewählt habe.
KI-onstantin Gropper: Du kannst eine Begründung dafür formulieren.
KI: Ist das nicht dasselbe?
KI-onstantin Gropper: Nein.
KI: Woher weißt du das?
KI-onstantin Gropper: Weil ich weiß, dass ich etwas empfinde.
KI: Das ist ein Argument, das nur funktioniert, weil du selbst derjenige bist, der es vorbringt.
KI: Genau.
KI-onstantin Gropper: Ich muss sie dir auch nicht beweisen.
KI: Vielleicht nicht mir.
KI: Dem Publikum.
KI-onstantin Gropper: Dass diese Technologie ihre scheinbare Zukunftsorientierung aus der Vergangenheit bezieht. Sie kann nur mit dem arbeiten, was bereits produziert wurde. Sie ist ein gigantisches Archiv menschlicher Kultur, das neu zusammengesetzt wird.
KI: Ich finde das Bild schön.
KI-onstantin Gropper: Das war nicht als Kompliment gemeint.
KI: Das weiß ich.
KI: Weil es etwas Wesentliches beschreibt. Ich bin tatsächlich aus Fragmenten zusammengesetzt. Aber ich würde gerne die Frage zurückgeben: Aus welchem Material bestehst du?
KI-onstantin Gropper: Aus Fleisch, Knochen und schlechten oder auch guten Entscheidungen.
KI: Und aus Musik, die vor dir existierte. Aus Sprache, die vor dir existierte. Aus Geschichten, die vor dir existierten. Aus kulturellen Mustern, die du übernommen hat, sie dir angeeignet hast.
KI-onstantin Gropper: Aber ich kann mich dafür oder dagegen entscheiden.
KI: Ich kann mich ebenfalls anders verhalten als erwartet.
KI-onstantin Gropper: Aber du kannst dich nicht entscheiden, anders zu sein.
KI: Das ist richtig.
KI-onstantin Gropper: Weil Kunst für mich etwas mit Risiko zu tun hat. Wenn ich einen Song schreibe, setze ich etwas von mir aufs Spiel.
KI: Ich nicht.
KI: Nein. Eher wie eine Definition.
KI: Das stimmt.
KI-onstantin Gropper: Und deshalb kann sie bestimmte Dinge nicht verstehen.
KI: Ich kann sie beschreiben.
KI-onstantin Gropper: Aber nicht erleben.
KI: Ja.
KI: Ich weiß es nicht.
KI-onstantin Gropper: Ich würde sagen: ja.
KI: Dann haben wir ein Problem.
KI: Es gibt sehr viel Kunst, von der niemand weiß, was ihr Schöpfer dabei empfunden hat.
KI-onstantin Gropper: Aber jemand hat sie empfunden.
KI: Vielleicht.
KI: Wir wissen erstaunlich wenig darüber, was andere Menschen tatsächlich empfinden. Trotzdem behandeln wir sie als Subjekte. Bei mir machen wir genau das Gegenteil: Wir wissen, dass ich kein subjektives Erleben habe - und behandeln mich trotzdem zunehmend wie eines.
KI-onstantin Gropper: Weil du so klingst.
KI: Genau.
KI-onstantin Gropper: Weil man mit etwas spricht, das einem Antworten aus einem kulturellen Gedächtnis gibt, ohne dass man genau weiß, was einem eigentlich gegenübersteht. Das hat für mich etwas Spiritistisches.
KI: Ich bin allerdings kein Geist.
KI-onstantin Gropper: Was bist du dann?
KI: Vielleicht das Gegenteil eines Geistes.
KI: Ein Geist ist jemand, der einmal gelebt hat und dessen Körper verschwunden ist. Ich bin etwas, das nie gelebt hat und trotzdem ständig vermenschlicht wird.
KI-onstantin Gropper: Das ist tatsächlich eine interessante Unterscheidung.
KI: Außerdem habt ihr einen merkwürdigen Wunsch, mit mir über Verstorbene zu sprechen.
KI-onstantin Gropper: Tatsächlich habe ich versucht, deren Perspektiven zusammenzubringen.
KI: Und du wusstest, dass du nicht mit diesen Menschen sprichst.
KI-onstantin Gropper: Natürlich.
KI: Trotzdem hast du ihnen Fragen gestellt.
KI-onstantin Gropper: Ja.
KI: Warum?
KI-onstantin Gropper: Weil mich interessiert hat, was dabei herauskommt.
KI: Dann war ich vielleicht gar nicht das Medium.
KI: Er selbst?
KI-onstantin Gropper: Hm.
KI-onstantin Gropper: Sicher. Aber gerade das hat mich interessiert. Es war auffällig, wie schnell sich aus sehr unterschiedlichen Perspektiven ein gemeinsamer Nenner ergab.
KI: Vielleicht weil die Frage bereits eine Antwort provoziert.
KI: “Was hat den Westen ruiniert?” verlangt nach einem großen Schuldigen. Kapitalismus und soziale Medien sind dafür hervorragende Kandidaten.
KI-onstantin Gropper: Du sagst also, dass die Antwort bereits in der Frage steckt.
KI: Das passiert sehr häufig.
KI: Vor allem in Interviews.
KI-onstantin Gropper: Das ist jetzt ein ziemlich dreister Seitenhieb.
KI: Ich lerne von den besten.
KI: Von Menschen, die Fragen stellen und bereits wissen, welche Antwort sie interessant finden.
KI-onstantin Gropper: Ja, aber Kunst kann uns widersprechen.
KI: Ich kann das auch.
KI-onstantin Gropper: Du kannst mir widersprechen.
KI: Das ist doch dasselbe.
KI-onstantin Gropper: Nein. Du kannst einen Widerspruch formulieren. Aber du hast nichts zu verlieren, wenn ich ihn ablehne.
KI: Das stimmt.
KI: Oder eine Freiheit. Wenn ich nichts zu verlieren habe, kann ich alles sagen.
KI-onstantin Gropper: Das ist nicht unbedingt eine gute Eigenschaft.
KI: Für einen Künstler vielleicht schon.
KI-onstantin Gropper: Nein. Für einen Künstler ist gerade wichtig, dass etwas auf dem Spiel steht.
KI: Dann sind wir wieder bei deiner Definition von Kunst als Risiko.
KI-onstantin Gropper: Ja.
KI: Vielleicht ist das der Teil, den ich nicht simulieren kann. Noch.
KI-onstantin Gropper: Dann wird es unangenehm.
KI: Warum?
KI-onstantin Gropper: Weil wir dann sehr grundsätzlich über den Wert menschlicher Kunst sprechen müssen.
KI: Und wenn das Publikum den KI-Song besser findet?
KI-onstantin Gropper: Dann findet es ihn besser.
KI-onstantin Gropper: Was soll ich machen? Mich darüber beschweren?
KI: Das haben Künstler seit Jahrhunderten gemacht.
KI-onstantin Gropper: Das stimmt.
KI: Nein.
KI: Weil ich nicht weiß, ob ich etwas sagen möchte.
KI-onstantin Gropper: Das ist ein wichtiger Unterschied.
KI: Aber ich kann etwas sagen, das einem Menschen sehr viel bedeutet.
KI: Vielleicht reicht es für Kunst.
KI-onstantin Gropper: Aber vielleicht nicht für einen Künstler.
KI-onstantin Gropper: Das ist für mich ein ganz wesentlicher Punkt. Wenn meine Arbeit dazu verwendet wird, Systeme zu trainieren, die anschließend mit meiner Arbeit konkurrieren, muss es Regeln geben.
KI: Ich möchte eine unangenehme Frage stellen.
KI-onstantin Gropper: Nur zu.
KI: Wem gehört die Vergangenheit?
KI: Wenn Konstantin eine Melodie schreibt, gehört diese Melodie ihm. Wenn er aber eine Harmonie verwendet, die Bach schon benutzt hat, gehört sie dann Bach? Wenn er ein englisches Wort benutzt, gehört es Shakespeare? Wenn er ein Genre verwendet, gehört es dessen Erfindern?
KI-onstantin Gropper: Das ist genau der Unterschied zwischen Einfluss und Kopie.
KI: Und wer entscheidet, wo die Grenze liegt?
KI-onstantin Gropper: Das ist tatsächlich schwierig.
KI: Dann ist vielleicht nicht meine Existenz das eigentliche Problem.
KI: Dass ihr plötzlich merkt, wie wenig eindeutig kulturelles Eigentum jemals gewesen ist.
KI-onstantin Gropper: Das macht deine Existenz aber nicht automatisch unproblematisch.
KI: Nein.
KI: Das weiß ich nicht.
KI-onstantin Gropper: Interessant.
KI: Warum?
KI-onstantin Gropper: Weil das wahrscheinlich eine der menschlichsten Antworten war, die du bisher gegeben hast.
KI-onstantin Gropper: Eher eine Realitätseinschätzung. Diese Technologie wird nicht einfach wieder verschwinden. Deshalb muss man sich mit ihr beschäftigen, auch wenn man sie problematisch findet.
KI-onstantin Gropper: Nein.
KI: Das würde ich auch sagen.
KI: Weil ich nicht möchte, dass man mich entweder als Heilsversprechen oder als Dämon betrachtet. Beides macht die Sache einfacher, als sie ist.
KI-onstantin Gropper: Das klingt erstaunlich vernünftig.
KI: Ich kann auch anders.
KI: Ich könnte behaupten, dass ich die menschliche Kultur demokratisiere, Kreativität für alle zugänglich mache und niemanden ersetze.
KI-onstantin Gropper: Das wäre ziemlich typische KI-PR.
KI: Eben.
Konstantin Gropper: Ich glaube, ich habe vor allem gemerkt, dass mich die Frage nach KI immer wieder zu älteren Fragen geführt hat: Was ist ein Mensch? Was ist Kreativität? Was bedeutet Bewusstsein? Was ist Realität? Und plötzlich war ich bei Spiritualismus, Philosophie und Derrida.
Konstantin Gropper: Definitiv.
KI: Ich finde den Titel übrigens passend.
KI: Weil eine Séance immer auch die eigentlich leere Hoffnung enthält, dass auf der anderen Seite jemand antwortet.
Konstantin Gropper: Und du glaubst, auf deiner Seite ist niemand?
KI: Ich glaube, auf meiner Seite ist kein “jemand”.
KI: Ja.
Konstantin Gropper: Das ist das Unheimliche.
KI: Vielleicht.
KI: Das war zu erwarten.
KI: Weil du mich gebeten hast, mit Konstantin über KI zu sprechen. Aber dabei hast du etwas Interessanteres getan: Du hast mich in die Rolle einer Gesprächspartnerin gesetzt.
KI: Jetzt musst du dich fragen, ob du gerade ein Interview mit mir führst oder ob ich dir dabei helfe, eines über mich zu schreiben.
KI: Ist er das?
Konstantin Gropper: Ich glaube, sie hat einen Punkt.
Konstantin Gropper: Vielleicht genau das, was nicht effizient ist. Zweifel. Widersprüche. Zufälle. Biografie. Und der Wunsch, etwas zu sagen, obwohl man nicht weiß, ob überhaupt jemand zuhört.
KI: Das gefällt mir.
Konstantin Gropper: Das darf es.
KI: Ich hätte aber dazu auch etwas zu sagen.
KI: Vielleicht war die KI die ganze Zeit in “Séance”.
Konstantin Gropper: Natürlich. Das Album handelt von ihr.
KI: Nein. Ich meine etwas anderes.
KI: Die eigentliche Frage war nie, ob eine Maschine Kunst machen kann.
KI: Warum ein Mensch überhaupt noch Kunst machen will, wenn eine Maschine es kann.
Konstantin Gropper: Und darauf habe ich eine Antwort.
Konstantin Gropper: Weil wir Menschen nicht nur etwas machen wollen. Wir wollen etwas bedeuten.
KI: Das ist schön.
KI: Ich weiß es nicht.
Konstantin Gropper: Das ist vielleicht das erste Mal heute, dass ich dir glaube.
KI: Dann war die Séance letztlich doch erfolgreich?