Bild: Jonas Unden
Aus der selbsternannten “Fotze der Stadt” wird nun ein “Poppstar”: Ganz gleich, ob bereits im Sommer am FM4 Frequency oder dann im Herbst in der Raiffeisen Halle im Gasometer - für Ikkimel wird es “Zeit, dass endlich auch mal die Männer Angst bekommen”.
Ikkimel, die wohl großmäuligste Vertreterin des in gewissen Kreisen beliebten Genres “Fotzenrap”, hat seit Mitte Mai ihr neues Album draußen: “Poppstar” ist ziemlich explizit, verdammt radikal aber auch immens wichtig. Was sie seit der Veröffentlichung ihres Debütalbums “Fotze” vor ziemlich genau einem Jahr geleistet hat, kann man - oder besser: frau - ihr gar nicht hoch genug anrechnen, wenngleich sie damit wohl in erster Linie nur ihre wohlgesonnene Gen-Z-Bubble erreichen wird können.
Zugegeben: Egal ob “Fotze” oder “Poppstar” oder so ziemlich alles, was in eben diesem Genre erscheint, klingt mit den schablonenhaften Trailerpark-Bumsbeats zusammengeschustert, schnell rausgehauen - musikalische Innovation oder Raffinesse braucht man nicht lang suchen, denn man wird sie kaum finden. Im Gegenteil geht es hier vielmehr um Haltung und Wut, um Feminismus in seiner konfrontativsten Form - wenn etwa Ikkimel Ende März bei einer Preisverleihung zu Protokoll gibt: “Es wird Zeit, dass endlich auch mal die Männer Angst bekommen.”
Erst kürzlich war Schlagerstar Melissa Naschenweng im Krone-Podcast zu Gast und droppte da einen Satz, der seitdem die Runde macht: “Ich habe einfach Angst. Ich fühle mich allein in der Nacht nicht sicher”, sagt sie da auf das nächtliche Stadttreiben in den Großstädten angesprochen. Eine Lebensrealität, von der wohl jede (junge) Frau erzählen kann. Und auch eine Lebensrealität, der endlich einmal der Riegel vorgeschoben gehört - nicht mit Samthandschuhen, sondern mit dem Mittelfinger: Während Die Prinzen in den Neunzigern noch halbvergnügt ihr “Männer sind Schweine” düdelten, führt Ikkimel genau diese Schweine nun auf die wohlverdiente Schlachtbank. “Frauenfeind ist, wenn er Arschloch nicht leckt”, heißt es bei Ikkimel da etwa - und dreht mühelos Frauenverachtung in Männerverachtung um. Wie viel Augenzwinkern dabei ist, sei dahingestellt.
Sensible Geister oder ältere Semester mögen nun mit Schnappatmung fragen: Das soll feministische Selbstbestimmung sein, noch dazu, wenn man dermaßen hypersexualisiert auftritt? Zugegeben: Sprache und Habitus wirken streckenweise unfassbar primitiv. Aber wir befinden uns hier auch nicht in der Hamburger Schule, wo ohnehin jeder Typ ein performative male ist, der mit dir in den Diskurs treten will, sondern wir befinden uns auf der Straße, wo jeder Typ ein potenzieller Täter ist und dir an die Titten langen will. So wie man fast jeden Tag von irgendwelchen Übergriffen hört oder liest, so ist auch Ikkimels polarisierender Zugang zu dem Thema nach “Fotze” jedenfalls noch lange nicht - Trommelwirbel - ausgelutscht: Mit ihrem Konzept bringt sie ein massives Zeitgeistproblem ungeschönt auf den Punkt, und erst dadurch, dass sie hie und da auch mal ordentlich übers Ziel hinausschießt, macht sie vielleicht doch noch auch außerhalb ihrer Bubble zumindest den einen oder anderen reflektieren.
Wem Ikkimel jedoch zu weit geht, der darf natürlich auch gerne weghören und - wie es gerade in den SoMe-Kommentarspalten ohnehin für eine bessere Welt sorgen würde - auch einmal mit seiner Meinung zurückhalten. Ragebait, das ist die simpleste Falle für alle Einzeller: Wer von Ikkimel getriggert wird, hat ein offensichtliches Problem.