Bild: Live Nation
Poppy ist Performance Art. Poppy ist aber auch ein Chamäleon in der Musiklandschaft – irgendwo zwischen Synthpop und Metalcore. Und nicht zuletzt ist sie eine der spannendsten Stimmen im Genre-Mainstream: Das beweist sie nicht nur mit ihren beiden neuen Singles “Bruised Sky” und “Unravel”, die zudem auch ihr neues Album “Empty Hands” ankündigen!
Moriah Rose alias Poppy wurde 1995 in Boston geboren und zuerst eigentlich als – ganz klassisch für die Generation – Internet-Persönlichkeit bekannt, inszeniert als ein „Potpourri aus Andy Warhols Pop-Appeal, David Lynchs Unheimlichkeit und Tim Burtons Komik“. Der Sprung von der YouTube-Obskurität zur musizierenden YouTube-Obskurität war ein kleiner, der Hype der ersten eigenen Platte („Poppy.Computer“, 2017) dann eigentlich gar nicht mehr überraschend.
Bereits damals war Poppys verspielte Herangehensweise an kommerzielle Genre-Konventionen überdeutlich, sie bedient sich beim Pop, gemischt mit Disco aus den Achtzigern, dazu ein bisschen Aphex Twin und Grimes. Man könnte Poppy als Collage aus Pop-Art, post-ironischer Absurdität, Starkult-Groteske und Transhumanismus/Robotik (man denke an “Suspended Animation” von Fantomas) verstehen – mädchenhaft und naiv im Auftreten, in der Umsetzung aber präzise und kalkuliert, wie da konträre Motive gegeneinander anlaufen und Nuancen aufbrechen, die Poppy gleichermaßen Tiefgang wie Breitenwirkung verschaffen.
Dazu gehört natürlich auch Female-Empowerment bereits früh als Leitmotiv, das sich Poppy spielerisch aneignet und mit der großen Frage nach dem generellen Menschsein verwebt, eingehüllt in futuristischem Pop: „Sometimes I’m feminine, Sometimes I’m masculine, don’t evaluate me as woman or man“, singt sie da etwa am Titelstück ihres zweiten Albums „Am I Girl?“ (2018) und spricht – brüllt – damit natürlich einer Generation aus der Seele, lässt dabei immer rabiater vermeintlich femininen, liebreizenden Pop in vermeintlich maskulinen, brachialen Metalcore krachen.
Und eröffnet so spätestens mit ihrem dritten Album „I Disagree“ (2020) ein Nu-Metal-Revival, das wie bereits Jahrzehnte zuvor bei etwa Korn und Slipknot zeigt: Gegensätze – bei Poppy: Pop, Industrial und Metalcore – funktionieren nicht nur, sondern ziehen sich sogar an. Mehr noch auf dem Nachfolger „Flux“ (2021), für den sich Poppy von ihrer alten YouTube-Persona löst und den Kawaii-Pop-Zuckerguss abzieht. Allerdings: Inmitten des Grunge- und Alt-Rock-Fetischismus, den Poppy nun für sich entdeckt hat, geht ihr quirliges Charisma ein wenig verloren, die Radikalität flöten. Jedoch nur für kurze Dauer: Bereits auf „Zig“ (2023) dreht Poppy – diesmal in pochende, dunkle Electronica gehüllt – wieder am Rad, beinah könnte man vermuten, dass sich sogar Lady Gaga für „Mayhem“ die eine oder andere richtungsweise, generationenübergreifende Inspiration bei ihr abgeholt hat.
Für den Nachfolger „Negative Spaces“, Poppys letztem Album aus dem Jahre 2024, holte sie sich erstmals Unterstützung von Jordan Fish (ex-Bring Me The Horizon) – und sein Einfluss ist kaum zu überhören: Hier wird nicht lange gefackelt, Poppy klingt wie gefangen in einem Zyklus aus Wut, Frustration und Selbstzerstörung. Aber auch, wenn sie in süße Synth-Pop-Gefilde abdriftet, verliert Poppy die beunruhigende Atmosphäre, die Intensität nicht – und beweist erneut nicht nur, dass Himmel und Hölle sehr nah zusammenliegen, sondern auch, dass sie die wandlungsfähigste und eine der spannendsten Stimmen des Genre-Mainstreams ist. „Negative Spaces“ ist mehr noch als die Alben zuvor ein düsterer, facettenreicher Trip, der spielerisch und gekonnt zwischen brachialer Härte und fragiler Schönheit changiert.
Im Frühjahr 2025 war Poppy nun gemeinsam mit Knocked Loose für “Suffocate” bei den GRAMMY Awards nominiert, mit Courtney LaPlante (Spiritbox) und Amy Lee (Evanescence) folgte im September die Single “End Of You” - und nun nach dem Wham!-Cover von “Last Christmas” Ende Oktober die erste neue Solo-Single “Unravel”, auf der sich Poppy von ihrer verletzlichsten Seite zeigt, gehüllt in atmosphärischen Pop-Metal mit emotionalem Gesang und erneut produziert und mitgeschrieben von Jordan Fish.
Im Herbst war Poppy aber auch gemeinsam mit Linkin Park in Südamerika unterwegs, bevor sie dann im März im Zuge ihrer “Constantly Nowhere”-Tour auch bei uns, in der Raiffeisen Halle im Gasometer vorbeischaut: Dann wird sie schon ihr neues Album “Empty Hands” mit im Gepäck haben, das bereits am 23. Jänner erscheint und anscheinend auch nicht nur verletzlich, sondern auch ziemlich heavy klingen wird, wie die nächste, ganz aktuelle Single “Bruised Sky” zeigt!