Bild: Patrick Münnich/FM4
Das legendäre Wiener Szenelokal Chelsea feiert dieses Jahr seinen bereits 40. Geburtstag. Eine der ersten Gratulanten: Die Leftovers mit ihrem neuen Album "Schau nicht so".
Jüngere Semester, also all diejenigen, deren Geburtsdatum nicht mit “Neunzehnhundert …” beginnt, können sich das bei der heutigen Vielfalt wohl kaum vorstellen, aber die jetzige Musikmetropole Wien warf vor vier Jahrzehnten noch ein erstaunlich tristes Bild: Natürlich gab es bereits die Wiener Stadthalle für Großkonzerte. Aber die Subkultur? Die Arena feierte dieses Jahr ihren 50. Geburtstag und war demnach damals noch relativ jung, ebenso das WUK ums Eck der Volksoper, das in Kürze den 45. Geburtstag begeht. Außerdem gab es damals noch das legendäre U4 - ursprünglich ein Club, aber auch mit zahlreichen Konzerten, man denke da etwa an Prince 1987 und Nirvana 1989. Im Wiener Metropol spielte es damals auch noch mehr Musik als heute, der Reigen in Hietzing wurde ebenfalls Ende der Achtziger eröffnet. Aber sonst: Tote Hose. Bis auf das Chelsea, heute eine der wichtigsten Konzertlocations in den U-Bahnbögen der U6, damals noch in der Piaristengasse im achten Wiener Gemeindebezirk.
Ins Leben gerufen hat das Chelsea 1986 Othmar Bajlicz. Zuvor war er eigentlich Profifußballer: In der vormals unter “Nationalliga” firmierenden Bundesliga spielte er 166 Spiele, für SK VÖEST Linz und Wacker Innsbruck. Mit den Tirolern gewann er unter anderen neben Bruno Pezzey 1975 sogar den Meistertitel. In der Saison 1983/1984 hing er dann schließlich den Fußballschuh an den Nagel, versuchte es kurz bei der Post: Da der Bürojob naturgemäß nicht sonders erfüllend war und Othmar seit Jugendtagen auch großer Musikfan, gründete er schließlich das Chelsea in der Wiener Josefstadt - natürlich benannt nach dem Londoner Szenebezirk. Zwar hatte er keine Erfahrung im Gastgewerbe oder der “Veranstaltungsbranche”, aber “eh wurscht” - und sein Sprung ist kalte Wasser ging auf.
Mit DJ-Sessions (unter anderem von Herbert Molin von Liccht) und Konzerten etablierte sich das Chelsea - viel Auswahl war ja bekanntlich nicht - rasch als Szenelokal, insbesondere auch als eins, das in erster Linie heimischen und aufstrebenden Bands eine Bühne bot: Viele später namhafte österreichische Acts wie Pungent Stench und Fetish 69 (mit Christian Fuchs von FM4) absolvierten hier ihre ersten Auftritte, ebenso Fuckhead, Ronnie Urini und der Ostbahn-Kurti. Die Konsequenz und Seriosität der Programmierung führte zum Ruf als kompetenter Liveclub, der “abgefuckt, aber mit Niveau” war: ein versiffter und wilder, aber eben genau deswegen geiler Club.
So dauerte es nicht lange, bis sich im Chelsea auch bald renommierte internationale Bands die Klinke in die Hand gaben - von der Lärmmaschine Extreme Noise Terror und den US-Punkern Bad Religion über die späteren Rockgiganten Soundgarden (RIP, Chris Cornell!) bis hin zu den - man höre und staune! - deutschen Punklegenden Die Toten Hosen: Eigentlich unvorstellbar, dass eine Band, die heute das Happel-Oval rappelvoll macht, damals noch vor grob 100 Köpfen einen schweißtreibenden, hautnahen Abriss hinlegte!
Die Toten Hosen im Rahmen ihrer “Katastrophenkommando”-Tour 1993 im alten Chelsea. Bilder: Chelsea
Nach Problemen mit Anrainern - der Lärm in einer Großstadt war damals schon ein Thema - musste das Chelsea 1994 schließen. Aber nicht auf Dauer: Bereits im darauffolgenden Jahr konnte an der neuen - und heutigen - Adresse am Lerchenfelder Gürtel das neue Chelsea eröffnen, natürlich mit gleichbleibender Programmlinie. Hinzu kamen aber nun auch regelmäßige Fußballübertragungen, hauptsächlich der englischen Premierleague, aber auch anderer europäischer Ligen sowie internationaler Großereignisse wie Champions-League, WM oder EM: Wir erinnern uns, das zweite Steckenpferd von Othmar.
Das “neue” Chelsea besteht seitdem aus vier U-Bahnbögen, von denen zwei als Konzertraum und zwei als Clubraum genützt werden: In den Konzerträumen finden 250 Besucher*innen Platz, bei Partys kann das Lokal bis zu 400 Gäste fassen. Auch dort spielten Die Toten Hosen nochmals, allerdings als “Die Roten Rosen” bei einem Aufwärmgig vor ihrer Weihnachtstour 1998. Einige Szenen aus ihrem “Auld Lang Syne” stammen von ihrem damaligen Konzert. Und: Die Hosen sind seitdem auch immer wieder gern privat bei dem einen oder anderen Bierchen im Club anzutreffen.
Aber auch neben den Hosen gaben sich im neuen Chelsea seit auch schon gut dreißig Jahren das Who-is-Who die Klinke in die Hand: Für Gossip ging ihr erstes Wien-Konzert überhaupt im Chelsea über die Bühne - überraschenderweise vor lediglich 60 Leuten! Auch Peaches spielte hier ihre erste Wien-Show, ebenfalls vor einem überschaubaren Publikum. Vor lediglich 14 (!) Leuten spielten auch die Sportfreunde Stiller ihr erstes Mal im Chelsea: Davor verteilten sie noch selbst Flyer am Stephansplatz, um für das Konzert zu werben. Ihr erstes Mal in Österreich waren hier auch die Sleaford Mods, als legendär darf man wohl auch die Konzerte von den Ärzten (!), von Dillinger Escape Plan und Xiu Xiu bezeichnen.
Aber natürlich dürfen wir auch auf die Österreicher weiterhin nicht vergessen, auch das neue Chelsea war und ist immer wieder ein hervorragendes Sprungbrett gewesen: Voodoo Jürgens spielte hier seine frühen Auftritte, bevor er - wie erst vergangene Woche - sogar das Open-Air-Areal der Arena rappelvoll machte. Bilderbuch spielten im Chelsea ihre sechste Wien-Show, wie auch Wanda ihre erste Show überhaupt: Ihre “Amore”-Release-Show am 17. Oktober 2014 war unmittelbar vor ihrem Mega-Boom und vermutlich eines der nassesten Konzerte, die ich jemals im Chelsea selbst und hautnah miterleben durfte! Und: Beim letzten Song ist Marco Wanda einfach zur Bar gesgangen und hat Schnaps getrunken. Die Band selbst hat so lange einfach weiter gespielt, bis er wieder da war - fucking legendär!
Apropos selbst erleben: Allein dieses Jahr habe ich bereits vier Konzerte im Chelsea gesehen, die definitiv in Erinnerung bleiben werden. A.A. Williams im Februar, Pure Chlorine im Rahmen der ALIVE-Serie von oeticket im März, Jehnny Beth im Juni und erst vergangene Woche die zauberhafte Isabel van Gelder im Rahmen der “cuten” Introduction Nights.
Das FM4 Überraschungskonzert mit den Leftovers am 28. September im Chelsea: Eine lange Schlange und ein Moshpit ohne Männer. Fotos: Patrick Münnich/FM4
Wenngleich ich selbst selten Augenzeuge von allzu vielen freien Plätzen im Chelsea wurde, eine so lange Schlange wie vorgestern hat das Chelsea wohl auch selten gesehen: Denn kurz nach dem FM4-Überraschungskonzert von Uche “Ich bin so sweaty!” Yara in der Linzer Stadtwerkstatt, legte der Jugendsender noch eins nach und feierte mit den Leftovers in den Gürtelbögen. Die hatten nämlich soeben ihre vierte Platte “Schau nicht so” veröffentlicht - und das sollte gebührend gefeiert werden. Bereits am späten Nachmittag standen sich die absoluten Ultras an, und kurz vor Einlass war das Ende der Schlange gar nicht mehr mit freiem Auge auszumachen.
Dabei wurde das Chelsea nicht zufällig erwählt, hat es doch für die Band einen ganz besonderen Stellenwert, wie Alex FM4 erzählte: “Das Chelsea ist unser Stammlokal, wir sind oft hier. Man darf draußen laut sein, das Bier kostet gleichviel wie überall sonst auch und es gibt eine ganze Bandbreite an Veranstaltungen und immer gute Musik.” Und Leon ergänzte: “Das Chelsea ist für uns das Herz vom Gürtel. Die ganzen Gürtellokale sind so eine eigene kleine Welt, in der ganz viel passiert und wo viele tolle Bands stattfinden. Für uns ist das Chelsea das Flaggschiff dieser Flotte.”
Die Messlatte für die Leftovers lag also entsprechend hoch - wurde aber letztlich vielleicht sogar übersprungen: Natürlich war das Chelsea nicht nur vollgepackt, sondern bis zum Anschlag euphorisiert. “Laut, schwitzig, energetisch”, schnaufte einer der strahlenden Besucher nach dem Konzert etwa - und damit ist als “Konzertreview” eigentlich alles gesagt. Was die Band der Crowd entgegenschleuderte, warf sie ihnen direkt mit doppelter Power zurück, Kollegin Alica Ouschan von FM4 erzählt sogar - mit Blick auf die ersten Reihen - von einem “einzigen Chaos aus springenden Menschen”. Von der Decke tropfte der Schweiß, tropfte auf den schwitzend-tanzenden Haufen und hinterließ Pfützen am Boden. Und natürlich gab es vom neuen Banger “Nasenbrecher” auch noch eine kleine Bitte an die Männer, dass sie auch einmal Platz für “all die anderen Menschen” im Moshpit machen mögen: Dieser Moment war wohl ganz vorn mit dabei, wenn man danach draußen, an der frischen Luft, fragte, wann denn die Stimmung eigentlich am allerbesten war.
Und diese gute Stimmung nehmen wir mit hinein in den nahenden tristen Herbst, wissend, dass die Leftovers kommenden Mai wiederkommen, diesmal in die Ottakringer Brauerei. Davor spielt man bereits dieses Wochenende allerdings noch in Graz und Wels, zu Monatsende in Salzburg: Letztes Konzert ist bereits ausverkauft, für die Steiermark und Oberösterreich werden die Tickets auch schon langsam knapp.
Aber auch das Chelsea lässt sich nicht lumpen: Nicht verpassen sollte man da etwa Veronica Fusaro am 12. Oktober, die die Schweiz beim ESC 2026 in Wien vertrat. Zwar qualifizierte sie sich dort nicht für das Finale, aber ihre Musik lebt ohnehin von intimen Momenten - und dafür ist das Chelsea wie geschaffen. oeticket präsentiert am 16. Oktober ein Doppelkonzert von Dramas und Junes Ivy - und somit einen Abend, der zwischen Dream Pop und cineastischem Indie changieren wird. Und ab Ende November steht dann das große Jubiläumsprogramm an: Wegbegleiter und Freunde von Naked Lunch und Kommando Elefant über EsRAP, Franz Fuexe, Kreisky und Ankathie Koi bis hin zu Christoph & Lollo, Attwenger und Cousines Like Shit werden im und mit dem Chelsea den 40. Geburtstag gebührend feiern.
Einen Gruß schickt auch oeticket-CEO Christoph Klingler:
Das Chelsea: Das ist gelebte Musikleidenschaft, kulturelle Vielfalt und eine unverwechselbare Atmosphäre. Das Chelsea: Das ist fruchtbarer Boden für Künstler und Künstlerinnen, für ihre Fans und die Wiener Kulturszene. Das Chelsea: Das ist eine Institution! Wir danken für das Herzblut, das ihr jeden Tag für die Lebendigkeit der heimischen Veranstaltungsbranche spendet. Für die kommenden Jahrzehnte wünschen wir weiterhin viel Erfolg, ausverkaufte Abende und ungebrochene Begeisterung für das, was wir alle so unendlich lieben.
Ein schönes Schlusswort: Bis bald im Chelsea auf - ums mit den Worten von Leftovers zu sagen - “zwei Bier”. La la la.