Bild: Jasmin Schuller / Christine Pichler
Der Österreichische Kabarettpreis würdigt alljährlich herausragende Leistungen im heimischen Kabarett - wir haben darüber berichtet - und verdeutlicht heuer besonders, wie vielfältig und gesellschaftlich relevant das Genre mittlerweile ist.
Der heurige Kabarettpreis geht unter anderem an zwei Künstler*innen, die zeigen, wie ehrlich und direkt Kabarett sein kann, wenn es aus persönlichen Erfahrungen spricht. Antonia Stabinger und Der Kuseng setzen auf Humor, der nicht nur unterhält, sondern sichtbar macht, was sonst oft unsichtbar bleibt.
Beide Künstler*innen sind somit an der Spitze des österreichischen Kabaretts angelangt und gleichzeitig behandeln sie thematisch den Rand der Gesellschaft: Stabinger mit ihrem Programm über feministische und queere Körperrealitäten, Kaiser, wie Der Kuseng bürgerlich heißt, mit seinem Kabarett über Herkunft, Identität und die Außenseiterperspektiven. Die Inhalte zeigen, dass Kabarett gesellschaftliche Strukturen sichtbar machen kann, ohne moralisch zu werden. Humor wird so nicht zur oberflächigen Unterhaltung, sondern zur präzisen Form der Erkenntnis – ehrlich, direkt und kompromisslos.
Für Antonia Stabinger, ausgezeichnet für ihr Soloprogramm “Angenehm”, ist “ein Kabarettprogramm immer ein Status quo der Zeit, in der es geschrieben wird.” Ihr Programm ist eine Auseinandersetzung mit feministischen Themen wie Care-Arbeit, mentale Gesundheit, queere Lebensrealitäten, Gewalt. Sie benutzt Humor, um die Ernsthaftigkeit ihrer Themen greifbar zu machen. Dabei bleibt ihr Blick analytisch, ohne belehrend zu wirken. “Es ist unglaublich, dass wir immer noch über Themen wie Gender Pay Gap, Femizide, die angemessene Wertschätzung von Care-Arbeit und Ähnliches reden müssen. Aber in meinem Programm geht es auch um andere Themen wie zum Beispiel die Klimakrise, Mental Health, Queerness, Kinder, Hunde und wie man am besten einen Orgasmus hat. Es lohnt sich also zu kommen (lacht)!”
Ihr Bühnenkostüm “Clit/Doris”, eine überdimensionale Vulva, ist dabei nicht nur ein visuelles Statement, sondern eine gezielte Kritik an der Unsichtbarkeit weiblicher Sexualität. “Für mich ist die Klitoris die Wurzel des Feminismus: Erst seit drei Jahren wird sie in Schulbüchern als Ganzes – und nicht nur ihre Spitze – abgedruckt.” Damit verknüpft Stabinger Humor und Bildungslücke, Körperpolitisches und Alltägliches. “Es ist mir wichtig, dass Menschen lachen, aber gleichzeitig merken, dass da etwas fehlt, das eigentlich selbstverständlich sein sollte.”
Man braucht ein gewisses Maß an Kraft, Zeit und wirtschaftlicher Sorglosigkeit, um sich beispielsweise Themen wie Diversität, Nachhaltigkeit oder Feminismus zu widmen – und die krisendurchwachsene Gegenwart hält gerade wenige Kapazitäten frei. Wenn internationale Konflikte und Krisen brodeln, wenden wir uns deshalb zum Beispiel lieber den Tradwives zu, anstatt gerade jetzt offen zu sein für eine faire Gesellschaftsstruktur. Wir dürfen aber das große Ganze nicht aus den Augen verlieren!
Der Kuseng alias Kian Kaiser, ausgezeichnet mit dem Förderpreis für “Hoamatland, Hoamatland”, arbeitet ebenfalls aus der eigenen Perspektive. Seine Biografie ist von Queerness, Migration und Mehrfachidentitäten geprägt. Er spricht über Erfahrungen, die sonst oft ausgeblendet werden. “Ich hatte jede Menge Startnachteile. Umso schöner fand ich dann den Moment, als ich angerufen und gefragt wurde, ob ich den Kabarettpreis annehmen möchte, weil ich nie wirklich die Zielgruppe für Erfolg war, sondern eher die Fußnote in irgendwelchen Integrationsstatistiken.”
Sein Humor entsteht aus Beobachtung, Sprache und Selbstreflexion. “Sprache ist eine politische Waffe mit einer Schaumstoffspitze – sie tut nicht weh, aber sie trifft trotzdem.” Apropos Sprache: Kian, der seit seinem zehnten Lebensjahr die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt, spricht insgesamt fünf Sprachen: Persisch, Türkisch, Deutsch, Englisch und Französisch. Die ersten beiden lernte er zu Hause, Deutsch im Kindergarten und Englisch sowie Französisch in der Schule. “Verschiedene Sprachen zu sprechen ist der größte Schatz, den man haben kann, weil man damit die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten kann.”
Queerness ist für Kian gelebte Erfahrung als trans*Person, die sich in seinen Geschichten, Beobachtungen und Perspektiven widerspiegelt. Sein Programm soll das Publikum bewegen: “Im besten Fall bringt es Menschen dazu, eigene Überzeugungen zu hinterfragen.”
Das Kabarett ist eine politische Waffe mit einer Schaumstoffspitze – sie tut nicht weh, aber sie trifft trotzdem. Und im besten Fall bringt sie Menschen dazu, eigene Überzeugungen zu hinterfragen.
Die vollen Gespräche mit Antonia Stabinger und Der Kuseng sind auf funk-tank.at nachzulesen.