Bild: Neon
Ende September geht in vier Wiener Lichtspielhäusern das 17. Slash Filmfestival über die Bühne - und präsentiert das Kino als "unsafe place". Wir führen vorab durch das reichhaltige Programm - und haben zum besten Film auch ein Gewinnspiel parat.
Vom 23. September bis zum 4. Oktober ist es in Wien wieder so weit: Da zeigen das Gartenbaukino, das Filmcasino, das METRO und das Schikaneder neue, aber auch alte Filme aus dem breiten Spektrum zwischen Horror, Science Fiction, Fantasy und ein bisserl auch Action - denn auch wenn der Name des Filmfestivals ausschließlich an “Blut und Beuschel” denken lässt, damit wäre natürlich noch nicht alles gesagt. “Vermehrt Schirches” verspricht das Festivalmerchandise aber trotzdem: Auch in seiner 17. Saison trachtet das renommierte Filmfestival danach, mit zahlreichen Premieren und Schmankerln aus der grauen Vorzeit der Kinokultur “zu verstören, zu beleidigen, aber auch zu becircen und glücklich zu machen”. Oder, wie es Festivalkurator Markus Keuschnig bereits vor zwei Jahren im persönlichen Gespräch auf den Punkt brachte: "Es geht darum, möglichst viele Leute gleichermaßen zu befriedigen, aber eben auch zu beleidigen".
Weil: Das Kino ist, wie etwa auch Konzertsäle, natürlich ein Ort der starken Emotion - und der Schauder, die Angst, das Gruseln (you name it) ist eine Primäremotion, eine ebenso starke Emotion wie das Lachen, das wir in den Kleinkunstbühnen wiederfinden. Um dieses Ziel diesmal bis auf den Exzess hin auszureizen, hat man sich für die diesjährige Retrospektive, die - wie der Name verdeutlicht - alte Filme zeigt, ein ganz besonderes Holladrio einfallen lassen: Unter dem Motto “Unsafe Spaces” setzt man auf kontroverse Kinoschocker aus dem Genre des “Grindhouse Cinema”. Da gibt es Exploitation, Trash und Sleazyness - allesamt auf originalen 35-Millimeter-Kopien. Das sind Filme, die in ihrer Verherrlichung von Sex (Faux Snuff!) und Gewalt (Kannibalismus!) heute sogar noch obszöner wirken, als zu ihrer Entstehungszeit in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern - deswegen gilt für die Retrospektive strenges Jugendverbot, einige Vorstellungen können ausschließlich inklusive ihrer filmwissenschaftlichen Einführung besucht werden. Besonders empfehlenswert wären hier insbesondere die Nazi-Erotica “Ilsa, She-Wolf of the SS” (28. September, Metro) und “Maniac” (26. September, Metro) - ein Meisterwerk von William Lustig, der seine Regiekarriere tatsächlich im Porno begann.
Zwar nicht der Teil des “Schunds” der Retrospektive, sondern der Arthouse-Sektion “Unearth”, ist der ebenfalls sehenswerte, weil skandalöse “Saló, Or The 120 Days Of Sodom” (1. Oktober, Metro) - der Klassiker nach Marquis de Sade. “Funfact”: Regisseur Pier Paolo Pasolini wurde zwanzig Tage vor der Veröffentlichung ermordet. Übrigens: Film- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger führt nicht nur in “Saló” ein, sondern zeichnet auch für einen gänzlich anderen, nicht minder verqueren Programmpunkt verantwortlich: Am 2. Oktober präsentiert er live mit der Formation Vortex einen eindringlichen Soundtrack zum Stummfilmklassiker “Häxan”, ein Soundtrack, der die okkulte Bildwelt des Films mit Drone, Percussion, Gongs, Kehlgesang und dunklen Klanglandschaften neu erfahrbar macht. Vorab reinhören kann man [an dieser Stelle].
Aber der Fokus liegt natürlich wie alle Jahre auf Genre-Neuerscheinungen aus den Jahren 2025 und 2026 - knapp 40 Filme werden heuer gezeigt, allesamt Österreich-Premieren - und mit “I Love Paris”, “Kick On”, “No Way Down” gar drei Europa-Premieren im Langspielsektor. Bei so vielen hässlich-guten Filmen ist natürlich die Qual der Wahl fast so schmerzhaft, wie wenn man sich mit einem rostigen Nagel während der Autofahrt über eine holprige Landstraße eine Wimper aus dem Aug wischen mag oder einem mit einer Kettensäge der Popo ausgewischt wird. Pflichtprogramm ist natürlich wie immer die “Nacht der 1000 Messer” am 2. Oktober im Filmcasino, im Rahmen derer zumindest das Gore-Kinder-TV “Buddy” die Patschen ausziehen wird.
Abseits davon: Es folgt an dieser Stelle eine subjektive Top-10 aus den Filmen des Hauptprogramms, die man sich definitiv näher anschauen sollte:
“Hokum” (29. September und 4. Oktober, Filmcasino) ist einer der Top-3-Filme des Festivals: Hat sich Regisseur Damian McCarthy mit insbesondere “Oddity” bereits einen ziemlich starken Namen im zeitgenössischen Folk-Haunted-House-Horror aufgebaut. Dazu kommt Adam Scott ("Severance") in der Hauptrolle, ein zwiderer Horror-Schriftsteller, der sich in die Einöde Irlands zurückzieht. Verstörende Visionen und ein schockierendes Verschwinden zwingen ihn dazu, sich den dunkelsten Winkeln seiner Vergangenheit zu stellen.
Hier lohnt es sich im Hinterkopf zu behalten: Böswillige Geister wirken oft blass neben den menschlichen Monstern in unserer Mitte. Manchmal bringen einen die eigenen Dämonen um.
“Hope” (27. September im Filmcasino und 1. Oktober im Metro) ist das neueste Werk von Na Hong-jin, der sich nach Action-Thriller ("The Chaser") und Horror ("The Wailing") nun im Science-Fiction versucht. Und zwar in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea, mit der aus “Squid Game” bekannten Hoyeon in einer der Rollen.
“Her Private Hell” (23. September im Gartenbaukino und 3. Oktober im Metro) ist der erste Langfilm von Nicolas Winding Refn ("Copenhagen Cowboy" auf Netflix!) seit knapp 10 Jahren - und zurecht auch der Eröffnungsfilm vom Slash. Da wird wie gewohnt an der Surrealitätsschraube gedreht, das wird retrofuturistisch und schmuddelig. Geil!
“Victorian Psycho” (3. Oktober im Filmcasino und 4. Oktober im Metro) hat einen Cast, der einem das Blut im Mund zusammenlaufen lässt, darunter Jason Isaacs (Lucius Malfoy aus “Harry Potter”) und Maika Monroe (“Longlegs”). Und letztgenannte emanzipiert sich vom engen Verhaltensregel-Korsett der damaligen Zeit, um es einmal vorsichtig auszudrücken …
“The Fox” (3. Oktober im Filmcasino) ist zwar ein Film für “Angsthasen”, aber dafür ebenfalls mit einem außergewöhnlichen Ensemble, nämlich mit den Stimmen von Olivia Colman ("The Crown") und dem kürzlich verstorbenen Sam Neill ("Jurassic Park"), sowie (auch körperlich zu sehen) Emily Browning, Jai Courtney, Miranda Otto und Damon Herriman.
“The Samurai And The Prisoner” (27. September im Metro) ist der erste Samurai-Film von Kiyoshi Kurosawa, der sich mit “Cure”, “Pulse” und “Creepy” im internationalen Arthouse-Horror bereits einen festen Platz verschafft hat. Sein neuester Streich verspricht zwar dem Daisho zum Trotz keine blutige Action, dafür aber eine unglaubliche Spannung und fesselnde Bildkompositionen!
“Colony” (25. September im Filmcasino und 29. September im Metro) ist ein weiteres Highlight aus dem asiatischen Raum, ist Regisseur Yeon Sang-Ho doch der Meister südkoreanischen, dabei ungewöhnlichen Zombie-Wahnsinns. Diesmal legt sich der CEO eines Biotech-Konzerns mit dem falschen Mitarbeiter an: Der schustert aus Rache nämlich einen Killervirus!
“Anymart” (29. September im Filmcasino und 30. im Metro) zeigt einmal mehr die diesjährige asiatische Prominenz: Zwar ist dies erst das Langspielfilm-Debüt von Yusuke Iwasaki, aber mit einem irren Mix aus schrägem Horror, sozialkritischem Drama und absurder Komödie greift er da Zeitgeist-Ängste auf, dass einem Angst und Bang werden muss …
“Species” (30. September im Filmcasino und 4. Oktober im Metro) ist ebenfalls ein Langfilm-Debüt, von Marion Le Corroller. Die hat sich dafür gleich prominente Hilfe geholt, denn Pierre Olivier Person (Effekte-Oscar für “The Substance”), zeichnet auch bei ihr für Body-Horror verantwortlich … Einer der brutalsten und absurdesten Filme dieses Jahr!
“Jim Queen” (26. September im Filmcasino und 27. September im Metro) ist ein Animationsfilm, der auch gerade in Cannes abgefeiert wurde. Warum? Weil hier queere Selbstironie und gesellschaftlich relevante Normenkritik absolut steil gehen, wenn in Paris die “Heterosis” grassiert, ein Virus, das queere Männer in manspreadende Heteros verwandelt …
Außer Konkurrenz (oder als Bonus-Nennung) sei noch auf “How Dark My Love” (2. Oktober im Metro) verwiesen: Hier dreht sich alles um Joe Coleman, der auch persönlich anwesend sein wird. Als Maler oder vielmehr als aktionistischer Punk, der die Grenzen zwischen Kunst und Kriminalität auf selbstgefährdende Weise verwischte, wurde der New Yorker bereits zur lebenden Legende. Von Martin Scorsese über Dave Navarro bis Iggy Pop wollen alle seine Bilder besitzen, darunter Portraits von Albert Fish, Charles Manson, Ed Gein und Captain Beefheart.
Die Doku taucht nun nicht nur tief in das Leben und Schaffen ein, sondern zeigt ihn auch von seiner persönlichen Seite, seiner Ehefrau Whitney Ward: eine ehemalige Dominatrix, die zur Lichtgestalt und Quell der Inspiration für ihn wurde. Eine Lovestory, die es wohl nur einmal gibt …
Neben all den benannten und unbenannten Langfilmen gibt es aber nicht nur zahlreiche Kurzfilme zu entdecken (Empfehlung: das “Frankenstein Fragment" aus dem Jahre 1922, gesichtet von Avantgarde-Meister Norbert Pfaffenbichler, sowie “The Fated Hour” mit unter anderem Cornelius Obonya), sondern mit dem “My First Slash” natürlich auch ein spezielles Programm für den ganz jungen Grusel-Nachwuchs (27. September im Metro) und zahlreiche Side-Events, die sich zu besuchen lohnen: Am 2. Oktober kann man sich am Margaretenplatz etwa für 15 Minuten lebendig begraben lassen … Whuuut? Das komplette Programm findet ihr auf der Festivalhomepage, der Verkauf startet am Freitag, 11. September um 17 Uhr!
Wir verlosen 3x2 Tickets für “Hokum” am 29. September um 20:30 Uhr im Filmcasino.
Um am Gewinnspiel teilzunehmen, beantworte bitte folgende Frage: