Bild: Christie Goodwin
Als ich AC/DC 2010 am Flughafen Wels das erste Mal live sah, hatten die Australier schon mehrere Karrieren hinter sich. Damals wackelte das fulminante Österreich-Open-Air lange wegen einer Bodenbrütervögel-Diskussion, dafür war die Stammtruppe rund um den zeitlosen Schuljungen Angus Young an der Lead-Gitarre stabil. Bruder und Haupt-Songwriter Malcolm Young gab den stoisch-ruhigen Rhythmusgitarristen, der unscheinbare Cliff Williams versteckte sich am Bass, Skandalnudel Phil Rudd trommelte souverän und Frontmann Brian Johnson war von seinem späteren Hörsturz noch meilenweit entfernt. Bon Scott, das alkoholgeschwängerte Front-Raubein der 70er-Jahre, war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 30 Jahre nicht mehr am Leben, weil er nach einer Zechtour an seinem eigenen Erbrochenen erstickte, ist durch Johnsons Timbre aber omnipräsent. Auf Kultsongs wie „Hell Ain’t A Bad Place To Be“, „High Voltage“, „T.N.T.“ und natürlich „Highway To Hell“ aus der Scott-Ära wollen und können die Gebrüder Young nicht verzichten.
Erst im Laufe des letzten Jahrzehnts wurde treuen AC/DC-Anhängern klar, dass Spielleiter Angus sich sein Lebenswerk nicht von Schicksalen nehmen lässt. Als Phil Rudd sich 2015 wieder mal ungebührlich verhielt, wurde einfach 90er-Drummer Chris Slade rekrutiert. 2016 erlitt Johnson den besagten Hörsturz und war so überrascht wie alle anderen auch, dass die Band nicht etwa auf seine Genesung wartete, sondern kurzerhand Rock-Rüpel Axl Rose engagierte, der seinen ramponierten Ruf auf der darauffolgenden Stadion-Welttournee mit Pünktlichkeit und guter Stimme wieder aufbesserte. Zu dieser Zeit saß Malcolm aufgrund von Demenz schon längst daheim unter häuslicher Pflege, während sein Bruderherz mit veränderter Mannschaft beständig den „Duck Walk“ zelebrierte und einfach weitermachte – wie es dem Arbeitsethos von gebürtigen Schotten (die Youngs kamen im rustikalen Glasgow zur Welt) eben geziemt. Allen Kritikern und Unkenrufern zum Trotz – bis die Pandemie die gut geölte Maschine für einige Jahre ausbremste.
„Wenn wir im Proberaum sind, dann schaut er uns über die Schulter“, so Angus über das verstorbene Bruderherz, „er ist und bleibt immer ein essenzieller Bestandteil von AC/DC. Wo ich bin, ist auch er.“ Wie durch eine wunderhafte Schicksalsfügung, puzzelten sich die in alle Himmelsrichtungen verstreuten Teile der Band wieder zusammen. Für Johnson wurde ein Hörgerät angefertigt, mit dem er sogar vor Verstärkern singen kann, Phil Rudd bekam die ärgsten Drogenprobleme wieder in den Griff und Cliff Williams verschob gar seinen einst schon angekündigten Ruhestand auf unbestimmt, weil das Feuer für das Album „Power Up“ (2020) und eine damals noch nicht näher definierte Live-Rückkehr wieder entfacht war. Und Malcolms unscheinbarer, aber bienenfleißiger Neffe Stevie Young schnallt sich ohnehin seit jeher die Gitarre um, wenn Not am Mann ist oder gerufen wird. So gelang es dem alten Fuchs Angus tatsächlich die Band durch alle Krisen und Probleme zu lavieren, ohne sich dabei um die Ansichten von außen oder barsche Medienberichte zu kümmern. Frei nach dem erprobten Motto „what happens in the band, stays in the band“ hielt der überzeugte Antialkoholiker alles Unheil auf Distanz und ließ jedwede Form von Kritik wie an Teflon von sich abperlen.
Mit seiner Band lebte Angus schon immer in einer undurchdringlichen Blase, noch bevor dieser Ausdruck im Internetzeitalter überhaupt etabliert war. Unbeirrbar werkte er mit seinem älteren Bruder Malcolm an der rifflastigen Rhythmusmaschinerie, ohne sich aus dem Tritt bringen zu lassen. Nach Bon Scotts Tod veröffentlichte man mit Brian Johnson am Mikro wenige Monate darauf „Back In Black“, eines der kommerziell erfolgreichsten Alben der gesamten Musikgeschichte, das bis heute rund 50 Millionen Mal über die Ladentische ging. Als die Band in den 80ern an kreativen Schwächephasen litt, passte man sich keinem Trend an, sondern musizierte unaufhaltsam weiter und feierte 1990 mit der Single „Thunderstruck“ und dem Album „The Razor’s Edge“ ein Erfolgscomeback. Auch wenn die Zeiten der dicken Rockgrätsche durch den Grunge-Hype schon obsolet war – mit diesem Werk fuhren die Australier noch einmal kräftig die Krallen der Vergangenheit aus. Für Musiksnobs gilt der Begriff AC/DC gemeinhin als Synonym für Redundanz und Monotonie, doch in ihrer bornierten Kurzsichtigkeit vergessen jene Zweifler nur allzu gerne, dass sich das musikalische Gesicht der Band sehr wohl stets veränderte – wenn auch oft nur in Nuancen. Zwischen Alben wie „Highway To Hell“ und „Fly On The Wall“ oder „Powerage“ und „Blow Up Your Video“ liegen Welten, wenn man sie aus dem AC/DC-Kosmos heraus betrachtet.
Die größte Stärke der Australier war neben der internen Verschwiegenheit schon seit jeher die Working-Class-Attitüde. „Wir haben früh bemerkt, dass wir keine ,Overnight-Sensation‘ sein würden“, rekapituliert Angus, „wir mussten uns jeden Kontinent, jedes Land und jede Stadt hart erspielen. Aber wir haben das Livespielen geliebt und das Publikum auf unsere Seite gezogen – die Mundpropaganda hat das Übrige für uns gemacht. Wir haben uns überall von ganz unten hochgearbeitet.“ Heute, exakt 50 Jahre nach der Gründung, thront man längst an der absoluten Spitze. AC/DC sind seit 20 Jahren in der Rock And Roll Hall Of Fame, haben mehr als 200 Millionen Alben verkauft und dienen als Blaupause für schnörkellose und grundehrliche Rockmusik. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr gab es Anfang Oktober beim kalifornischen Power Trip-Festival nur einen einzigen Auftritt, aber der bewies eindrucksvoll, dass die alten Herren noch immer mühelos zum Abriss fähig sind. Im Anschluss hat sich Williams jedoch in den Ruhestand verabschiedet – nach Rose wurde jedoch nicht Duff McKagan engagiert, sondern Jane’s Addictions Chris Chaney, während wie auch am Power Trip Matt Laug hinterm Kit sitzen wird.
AC/DC gastieren in der Besetzung Angus Young (G), Stevie Young (G), Brian Johnson (V), Chris Chanes (B) und Matt Laug (DR) im Zuge ihrer „PWR UP“-Tour am 23. und 26. Juni im Ernst-Happel-Stadion, am 21. Juli am Old Airport Vajnory in Bratislava. Als Support mit dabei: The Pretty Reckless. Tickets gibt es bei oeticket.