Bild: Daveed Benito
Die frühen Neunziger waren Schlüsseljahre für Rock-Fans, besonders in einer Ära, in der Grunge seinen Höhepunkt erreichte und der klassische Hard Rock sich gegen neue Strömungen behaupten musste: Die ausgelassene Partykultur der späten Achtziger musste langsam aber sicher der zunehmenden Desillusionierung der frühen Neunziger Platz machen – aber freilich wehrte sie sich noch ein bisschen dagegen.
Natürlich hat man das damals, insbesondere als Jugendlicher, nicht so analytisch wahrgenommen, aber “America's Least Wanted”, das Debütalbum von Ugly Kid Joe, verkörperte diesen Zeitgeist perfekt: Während Grunge mit Nirvana, Pearl Jam und Soundgarden melancholische Ernsthaftigkeit ins Zentrum rückte, gab es gerade 1992 immer noch Nachwehen der einstigen Party-Stimmung. Hip-Hop wurde immer größer, insbesondere Gangsta-Rap mit Dr. Dre’s “The Chronic”, und MTV spielte eine riesige Rolle bei der Definition von Jugendkultur. Ugly Kid Joe passten da perfekt in diese Schnittstelle: Sie hatten die rotzige Attitüde des Punk, mischten aber auch den Groove von Funk Metal wie Faith No More und das augenzwinkernde Rebellentum, das weder so düster wie Grunge noch so glatt wie der Hardrock war. Sie waren quasi die letzten Vertreter einer „unsere Probleme sind uns egal“-Jugend, bevor der Ernst der Neunziger mit Grunge und Alternative Rock dominierte.
“America's Least Wanted” strotzte nur so vor Ironie, Zynismus und einer „Scheiß-drauf“-Einstellung. Hits wie „Everything About You“ spiegeln eine nihilistische, aber dennoch humorvolle Sicht auf das Leben wider – irgendwo zwischen Punk-Resignation und kalifornischer Lässigkeit. „Neighbor“ erzählt eine herrlich überzeichnete Hass-Liebe-Beziehung zu einem Spießer-Nachbarn, und „Cats in the Cradle“, das berühmte Cover von Harry Chapins Song, fügt dem Album eine nachdenkliche Note hinzu. Hier war nicht nur die Musik selbst, sondern auch der Vibe eine Mischung aus alten Rock-Werten und einer ironischen Distanz dazu.
Ugly Kid Joe waren gewissermaßen die Antwort auf die große Frage: „Was, wenn Hair Metal und Grunge ein Kind hätten, das sich über beide Eltern lustig macht?“ Ihr Sound war hart, aber nicht düster, partyfreundlich, aber nicht übertrieben glatt. Sie nahmen sich selbst nicht zu ernst – und genau das war ihr Markenzeichen.
In der heutigen Zeit, in der sich Musik oft zwischen extremem Ernst (Post-Punk-Revival, politischer Hardcore) und übertriebener Nostalgie (80s-Retro-Welle) aufteilt, ist „America’s Least Wanted“ vielleicht genau das, was fehlt: Eine gesunde Dosis „Ich scheiß auf alles."
Während Ugly Kid Joe noch stark in der klassischen Rockwelt der Achtziger verwurzelt waren, sich aber auch zeitgleich mit einem Augenzwinkern davon distanzierten, kamen The Offspring aus einer anderen Richtung: Sie wollten gar nicht mehr dazugehören und etablierten stattdessen Punkrock als neue Stimme für die Jugend. Sprach aus “America's Least Wanted” ein „Wir sind die coolen Looser und stolz darauf“-Vibe, war gerade das dritte Offspring-Album “Smash” von 1994 wütender und direkter. Während “Self Esteem” und “Come Out and Play” von Frust, Gewalt und inneren Konflikten sprechen, geht es hier weniger um sarkastische Beobachtungen, sondern um die rohe, unverblümte Realität eines Teenagers in den frühen Neunzigern. “Smash” war nicht nur ein Soundtrack für Außenseiter, sondern ein globaler Befreiungsschlag für wütende Teenager, die sich von der Welt nicht verstanden fühlten.
Das Besondere an “Smash” war der gnadenlose Sound: Der Mix aus aggressiven Punk-Riffs und melodischen Refrains brachte den Punk zurück in den Mainstream, ohne seine Rebellion zu verlieren. Und genau in diesem Gegensatz – zwischen einer aufgeladenen Melancholie und einem unerschütterlichen Willen zur Befreiung – lag der einzigartige Charme des Albums.
Und so ergänzten sich Ugly Kid Joe und The Offspring in diesen Schwellenjahren perfekt: Auf der einen Seite eine zelebrierte Respektlosigkeit, ein nochmaliger Abriss vor dem Weltuntergang, auf der anderen Seite befanden wir uns bereits inmitten der Desillusionierung über steigende Gewalt, soziale Ungleichheiten und die Wut einer immer zynischer werdenden Generation über den Stillstand.
Und beides war nicht nur Anfang der Neunziger brandaktuell - sondern heute, über 30 Jahre später, mehr denn je: Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, über den heutigen Weltzustand einfach nur noch zu resignieren und eine letzte, gigantische Party zu schmeißen, bevor alles in Schutt und Asche liegt? Einmal noch “Scheiß drauf!”, aber laut. So richtig.