Bild: Ray Burmiston
Weltstar Ronan Keating gastiert 2027 in Wien. Im reflektieren Interview spricht der Ex-Boyzone-Sänger über Lebenshunger, Selbstfindung, Cancel Culture, die bunten Neunziger – und wieso seine neue Musik die beste ist, der er jemals gemacht hat.
Es gibt Momente, über die kehrt man besser einen Teppich des Schweigens. Einen flauschigen, sehr dicken, Staub-absorbierenden Teppich des Schweigens. Ronan Keatings diesjährige Teilnahme bei der deutschen Musik-Entertainment-Wer-ist-das-unter-den-lustigen-Kindergeburtstagskostümen-Show “The Masked Singer Germany” ist solch einer. Nicht, dass Keating sich schlecht geschlagen hätte, das keinesfalls. Der 49-jährige Ire unterhielt mit Top-Performances als “Mr. Mic” das Publikum, seine Stimme klar, prägnant und männlich-sexy wie zu seinen besten Boyzone- als auch “Life Is A Rollercoaster”-Zeiten. Da kam man vorm TV-Bildschirmen durchaus ins Schwärmen und erinnerte sich an die eigene Jugend zurück.
Worüber man besser nicht sprechen sollte, war vielmehr der Groschen, der bei der Jury nicht nachvollziehbar partout nicht fallen wollte. Die Promis, deren Namen hier nicht genannt werden sollen, kamen einfach nicht drauf, wer sich unter dem silbernen Mikro-Kostüm versteckte, tippten auf Kurioses wie Mika, Robbie Williams, David Hasselhoff oder gar Eko Fresh. Aber auf den Popstar Ronan Keating kamen die “Experten” nicht – und das, obwohl “Mr. Mic” zuvor noch seinen eigenen Welthit mit dem nun ironischen Titel “When You Say Nothing At All” einwandfrei geträllert hatte.
Galant übergehen wir diesen dunkelsten der dunkeln TV-Momente also, als wir uns rund einen Monat später mit Ronan Keating zum Zoom-Interview verabreden. Es gibt aber auch so viel mehr, um so viel Interessanteres zu besprechen! Seine anstehende Tour zum Beispiel, die nach drei Jahrzenten Karriere provokant und euphorisch “Just Getting Started” heißt und somit gekonnt Vergangenes mit Zukünftigem verbindet. Wenn der irische Popstar – manche bezeichnen ihn auch als Nineties-Legende – am 20. September 2027 im Wiener Gasometer Tour-Station macht, dann wird er ein ebenso tanzfähiges, als auch schmachtendes Potpourri aus Boyzone-Klassikern, internationalen Solo-Hits sowie brandneuen Songs zum Besten geben.
Die Tour, so wird uns schon jetzt von offizieller Seiter der (Nostalgie-)Mund wässrig gemacht, soll “die Songs, Geschichten und besonderen Momente, die Ronan Keating zu einem der beständigsten und erfolgreichsten Entertainer seiner Generation gemacht haben”, feiern. Gleichzeitig aber möchte Keating auch ein neues Kapitel aufschlagen: mit frischer Energie, neuer Leidenschaft und der Perspektive eines Künstlers, der heute mehr denn je weiß, wer er ist und wofür seine Musik steht. (Zur Auffrischung, man hat ja so viel im Kopf heutzutage: Mit Boyzone und als Solokünstler hat Keating weltweit 45 Millionen Tonträger verkauft, davon mehr als 20 Millionen alleine. 21 Alben hat er insgesamt veröffentlicht. Zudem hält er einen Guinness World Record für 30 aufeinanderfolgende UK-Top-10-Singles und übertraf damit den bisherigen Rekord von Elvis Presley.)
Wofür also steht Keatons Musik heutzutage? Für Beständigkeit. Für authentische Menschlichkeit. Für Liebe. Für die Reise zu sich selbst. Für den Hunger nach Leben. Für ein Jahrzehnt, das simpel und komplex zugleich war. Und nicht zuletzt für Freundlichkeit – wie Keating selbst sogleich ganz zu Beginn des Interviews charmant beweist. Bloß eine (!) Minute zu spät loggt er sich bei Zoom ein, wirkt deshalb etwas zerknirscht, da hätte etwas nicht funktioniert, er war plötzlich mit den USA verbunden, nicht mit Austria. (Und zwischen den Zeilen schwingt ein bisserl mit: “Diese blöde neumorderne Technik”, was Keating irgendwie zum sympathischen Vorzeige-Generation-X’ler macht).
“Es tut mir leid”, sagt er also grinsend in gebrochenem Deutsch, vor einer großen Fensterfront sitzend, hinter der sich ein riesiger Garten in saftigem Grün erstreckt. Keating wirkt bescheiden, seriös, manchmal sogar etwas schüchtern, aber trotzdem selbstbewusst und voller Energie. Und, ja: Sexy sieht er nach wie vor aus, der irische Posterboy aus den Neunzigern, der mittlerweile süße Naivität gegen anziehende Lebensweisheit eingetauscht hat – und es somit nach wie vor schafft, uns zum (reflektierten) Träumen zu bewegen. Und sei es nur von einer TV-Jury, die Weltstars auch als solche erkennt. Vielleicht waren die Neunziger ja tatsächlich besser.
Eigentlich war das die Idee meiner Frau. Sie hat mich in letzter Zeit genau beobachtet, meine Energie und die Phase, in der ich mich gerade befinde. Sie hat sich das Album angehört und mitbekommen, in welche Richtung sich die neue Platte entwickelt. Sie hat meinen Antrieb gespürt, meinen Hunger nach dem, was ich tue, und meine Leidenschaft dafür. Und ganz ehrlich: Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass hier etwas Großartiges seinen Anfang nimmt. Dieses nächste Album ist die beste Arbeit, an der ich jemals beteiligt war. Ich glaube, ich habe wirklich alles gegeben.
Im Laufe der Jahre habe ich viel auf andere gehört – auf Plattenfirmen, auf die Teams um mich herum. Diesmal habe ich einfach auf mein Bauchgefühl vertraut und alles in dieses Album gesteckt. Ich glaube, ich bin gerade in einer wirklich guten Verfassung. Kreativ bin ich an einem Punkt, an dem ich mich so gut fühle wie nie zuvor – sowohl im Kopf als auch im Herzen. Ich habe einfach ein wenig losgelassen, und irgendwie hat sich alles gefügt. Die Sterne stehen gerade richtig. Deshalb fühlt sich das tatsächlich wie ein Neuanfang an. Und außerdem werde ich nächsten März 50. Das ist ja auch etwas.
Ich bin unbeschwerter. Ich glaube, ich war noch nie so sehr mit mir selbst im Reinen wie heute. Das gibt mir eine große innere Ruhe. Die Menschen wissen inzwischen, wer ich bin, und ich weiß es selbst auch. Ich glaube, es dauert Jahre, bis man herausfindet, wer man als Mensch eigentlich ist. In seinen Zwanzigern und Dreißigern denkt man zwar, man wüsste es bereits, aber in Wirklichkeit ist man in diesen Jahren erst dabei, sich selbst kennenzulernen.
Wenn man in einer Boyband ist, weiß eigentlich niemand so richtig, wer man ist. Da werden Mauern um einen herum errichtet, sodass man weder nach draußen schauen kann noch andere wirklich einen Blick hinein werfen können. Man bekommt angeschafft, was man sagen und was für ein Mensch man sein soll. Das ist einfach nicht natürlich. Man sollte in dieser Lebensphase eigentlich erwachsen werden. Man sollte Fahrrad fahren, auf Bäume klettern, Freundschaften schließen und erste Beziehungen haben. Stattdessen war das Leben völlig verrückt. Ich bin auf eine ganz andere Art erwachsen geworden.
Ja und nein. Auf dem Album sind vier oder fünf Songs, die ich gemeinsam mit Gregg Alexander geschrieben habe, der auch “Life Is A Rollercoaster” und “Lovin' Each Day” geschrieben hat. Gregg und ich haben wieder zusammengefunden. Das Besondere daran ist: Wir haben diese Songs vor 20 Jahren geschrieben. Sie lagen in einem Schuhkarton unter meinem Bett und irgendwann habe ich sie für dieses Album wieder hervorgeholt. Sie klingen unglaublich gut. Ich kann kaum glauben, dass ich solche kleinen Schätze noch in meinem Repertoire hatte und sie jetzt auf diesem Album veröffentlichen kann.
Die erste Single wiederum habe ich gemeinsam mit Ed Sheeran und Brendan Brown geschrieben. Der Song ist eine große Hymne. Ich kann es kaum erwarten, dass die Leute ihn hören.
Auf diesem Album gibt es so viel zu entdecken. Es sind unglaublich viele großartige Songs dabei: Melodiöses, Popsongs und emotionale Lieder über Liebeskummer und Herzschmerz. Es ist wirklich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Ganz ehrlich: Dieses Album ist wunderschön, brillant und “pop-tastic”. Es bietet alles, was sich die Menschen meiner Meinung nach von mir wünschen. Und ich glaube, selbst diejenigen, die meine Musik bisher nicht gehört haben, werden überrascht sein, was sie auf diesem Album erwartet.
Weißt du, das kann ich gar nicht beantworten. Ich weiß es nicht. Ich hatte einfach Glück. Gregg Alexander hat sich beispielsweise für mich entschieden, als es darum ging, “Life Is A Rollercoaster” zu singen. Er stand eines Tages vor meiner Tür in Los Angeles und sagte: “Ich habe einen Song für dich.” Auch Richard Curtis hat mich ausgewählt, um “When You Say Nothing At All” für den Film “Notting Hill” zu singen. Ich habe mir diese Dinge nicht selbst geholt, sie sind einfach auf mich zugekommen. Ich hatte Glück. Deshalb weiß ich auch nicht, was ich anders gemacht haben soll.
Was ich aber weiß, ist, dass ich immer hart gearbeitet habe. Besonders mein Vater hat uns als Kinder beigebracht, fleißig zu sein und anzupacken. Das haben wir von ihm mitbekommen. Ich glaube, von meiner Mutter habe ich gelernt, ein guter Mensch zu sein. Sie hat mir beigebracht, freundlich zu sein und gute Manieren zu haben. Ich glaube, solche Dinge spielen eine wichtige Rolle. Vielleicht haben sie mir den Übergang in die Solokarriere erleichtert. Vielleicht gab es andere, die es ebenfalls hätten schaffen können. Aber vielleicht erinnern sich die Menschen bei mir daran, dass ich freundlich war, wenn ich irgendwo aufgetaucht bin. Vielleicht bekommt man dadurch eine Chance.
Das glaube ich schon. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die Arschlöcher und unhöflich sind. Ich glaube nicht, dass sie sich damit einen Gefallen tun. Gerade heute beobachte ich, dass man es in dieser Branche nicht weit bringt, wenn man unfreundlich ist. Früher war es vielleicht akzeptierter, dass Künstler, Schauspieler, Produzenten oder andere Menschen aus der Branche ein großes Ego hatten und es an anderen ausließen.
Heute erleben wir die Cancel Culture. Die Menschen akzeptieren ein solches Verhalten nicht mehr, und das finde ich großartig. Ich bin froh, dass Unhöflichkeit und Gemeinheit nicht mehr einfach hingenommen werden. Damit kommt man heute nicht mehr durch.
Ich unterstütze es nicht, wenn Menschen gecancelt werden. Ich finde nicht, dass es richtig ist, jemanden einfach aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Aber ich finde es großartig, dass wir uns heute gegen Tyrannen und Menschen stellen können, die andere schlecht behandeln. Das liebe ich daran. Ich finde es toll, dass wir inzwischen stark genug sind, uns gegen solche Menschen zu wehren. Dort liegen für mich auch die Ursprünge der Cancel Culture. Ohne Namen zu nennen: Wir haben erlebt, wie Menschen glaubten, ihnen stünde alles zu, und ihre Macht ausnutzten, um anderen zu schaden. Diese Menschen haben heute ihre Positionen verloren – Gott sei Dank.
Der Prozess, der daraus entstanden ist, war allerdings auch beängstigend. Ich glaube, es wurden Menschen gecancelt, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie das wirklich verdient hatten. Vielleicht hat es auch einige großartige Menschen getroffen.
Ja. Als mein erstes Soloalbum herauskam, war ich damit unglaublich erfolgreich und hatte mehrere große Hits. Rückblickend habe ich wahrscheinlich viel zu viel Zeit damit verbracht, jemand anderes sein zu wollen und auf andere Menschen zu hören. Ich war damals Anfang Zwanzig und hatte plötzlich all diesen Erfolg. Man weiß in diesem Alter nicht, wie man damit umgehen soll oder was das alles bedeutet. Und es gab niemanden, der einem wirklich den Weg weist. Meine Mutter war nicht mehr an meiner Seite. Mir fehlte also mein innerer Kompass, und ich war ein wenig verloren.
Es hat natürlich auch Spaß gemacht. Ich hätte damals ohnehin nichts anders machen können. Ich war der Mensch, der ich zu diesem Zeitpunkt war – geprägt von der Gesellschaft, meiner Geschichte und den Umständen, die mich bis dahin begleitet hatten. Wenn ich eine Sache ändern könnte, dann wäre es wohl diese: Entscheide dich nicht für die Lederhosen! (lacht).
Ganz bestimmt nicht in den Neunzigern. Keiner von uns hat diesen Erfolg wirklich genießen können. Die Plattenfirmen und die Managementteams haben die Neunziger genossen. Wir dagegen saßen irgendwo in einem Flugzeug auf dem Weg zum nächsten Termin. Wir waren ständig unterwegs. Wir waren die Arbeitstiere, die Geldmaschinen. Damals habe ich das nicht wirklich verstanden, aber heute erkenne ich es rückblickend sehr deutlich. Ich erinnere mich an unsere erste UK-Nummer-Eins-Single “Words”: Während alle anderen den Erfolg feierten, saßen wir irgendwo in einem Flugzeug. Wir haben all das überhaupt nicht richtig mitbekommen.
Natürlich: Wir durften unseren Traum leben. Wir haben etwas geschafft, woran andere gescheitert waren. Ich beschwere mich also keineswegs. Wir hatten diese Chance, waren erfolgreich und konnten vor ausverkauften Hallen spielen – mehrere Abende hintereinander in Wembley und all die anderen Dinge, die man normalerweise mit einer Erfolgsgeschichte verbindet. Aber im Grunde haben wir das alles nicht wirklich genießen können. Ich glaube, dass wir psychisch alle unsere Narben davongetragen haben.
Die Neunziger waren eine großartige, unbeschwerte Zeit. Gleichzeitig war alles unglaublich aufregend. Es gab Britpop, poppigen Pop, Boybands und Girlgroups. Es war eine magische Zeit. Die Spice Girls, Boyzone, die Backstreet Boys, Oasis, Blur, U2 – so etwas gab es kein zweites Mal. Und dann war da noch die große Rockbewegung. Bands wie Nickelback kamen auf, und aus Amerika schwappte eine ganze Welle großartiger Musik zu uns herüber. Pearl Jam – meine Güte! Es war einfach eine fantastische, einzigartige Zeit. Und dann natürlich Radiohead und all diese großartigen Bands. Ich glaube, damals kam einfach vieles zusammen.
Das Internet und die sozialen Medien haben dieses Gefühl später irgendwie zerstört. Dazu kam der Niedergang der klassischen Tonträger: CDs, Kassetten, und Alben verloren immer mehr an Bedeutung. Wir wollten die Technologie weiterentwickeln und verbessern, aber dabei haben wir etwas zerstört: das Haptische, das Greifbare, das wir am Musikhören und am gemeinsamen Entdecken von Musik so geliebt haben. Man saß mit Freunden zusammen, blätterte durch das Booklet eines Albums, las die Namen der Beteiligten oder die Songtexte auf der Innenseite der Hülle. Meine Kinder kennen das überhaupt nicht. Sie haben keine Poster ihrer Lieblingsbands an den Wänden hängen. Sie sind vielleicht Fans eines Songs, den sie auf TikTok entdeckt haben. Und das ist natürlich auch völlig in Ordnung. Das ist die heutige Zeit, und daran ist nichts grundsätzlich falsch. Trotzdem macht es mich traurig, dass ihnen etwas fehlt, das wir damals hatten. Dieses ganz besondere Gefühl ist verschwunden. Wir haben die Technologie zu einem Teil von uns selbst gemacht.
Das Besondere an den Neunzigern war vielleicht auch: Man konnte sich ausdrücken. Wir haben uns durch unsere Musik und durch unsere Kleidung ausgedrückt. Wir wollten so aussehen wie die Bands, deren Fans wir waren. An der Kleidung konnte man erkennen, zu welcher Gruppe jemand gehörte. Heute gibt es diese eindeutigen Erkennungsmerkmale kaum noch. Alles ist ein bisschen beliebiger, ein bisschen fader und austauschbarer geworden.
Im Moment planen wir, das Album im Juni 2027 zu veröffentlichen. Die erste Single soll vermutlich Ende Jänner erscheinen. Die zweite Single ist für Anfang Mai geplant. Ich kann es kaum erwarten. Es dauert einfach noch viel zu lange!