Bild: Chris Slack
Inquisition ist eine von Dagon 1988 in Kolumbien - damals noch unter dem Namen Guillotine - gegründete Black-Metal-Band. Das Markenzeichen ist neben seinem Gesang vor allem die (musikalische) Repetition, die für hypnotische Momente sorgt. Sein Gesangsstil wird - positiv konnotiert - als emotionslos und unmenschlich bezeichnet - kurz: Inquisition (im Duo mit Schlagzeuger Incubus) polarisieren. Diesen Jänner erschien mit "Veneration of Medieval Mysticism and Cosmological Violence" ihr aktuelles, neuntes Album auf Agonia Records. Und auch im Gespräch zeigt sich Dagon von seiner polarisierenden Seite.
Ich bin froh darüber und fühle mich glücklich, dass diese Reise schon so lange andauert. Es ist so, als hätte ich im Lotto gewonnen. Ich habe immer sehr hart an dieser Band gearbeitet, aber es fühlt sich nicht wie Arbeit an. Natürlich ist es auch ein Job, aber einer, der auch Passion und Leidenschaft ist. Normalerweise kommt man mit seinem Hobby nicht so weit in seinem Leben, das ist sehr selten. Ich habe aber alles dafür getan, dass es geklappt hat und hatte auch Glück.
Ich habe keine Ahnung, welchen Einfluss wir wirklich auf die Szene haben. Du siehst auch den Wald vor lauter Bäumen nicht. Ich wollte immer, dass Inquisition eine richtige Kultband ist. Das ist eine, die nicht unbedingt komplett originell und schon gar nicht perfekt ist. Eine Kultband muss etwas Einzigartiges weitertragen und andere damit beeinflussen. Alles, was in der großen Welt der Kunst zum Kult wird, ist im Endeffekt nichts weiter als ein erfolgreiches Experiment. Natürlich fühle ich Stolz, wenn wir wirklich einen Einfluss auf diese Szene haben.
Nein, das passierte aus glücklichen Zufällen. Es fing damit an, dass ein Typ Gitarre spielte und darin gut sein wollte. Dann habe ich einen Drummer zur Unterstützung geholt und wollte Black Metal machen – das ist das ganze Geheimnis dahinter. Dass wir nur eine Zwei-Mann-Band sind, ist auch nicht mehr als Zufall. Wenn du all diese unbeabsichtigten Bewegungen zusammenrechnest, ergab all das etwas Großes, in einer hässlichen Art und Weise. Es gab immer wieder Kritik wegen der Stimme, den Gitarrenspuren oder der Tatsache, dass wir nur zu zweit sind. Im Endeffekt macht uns das aber einzigartig und deshalb sind wir auch eine Kultband. Man muss hinter den Vorhang schauen, um das alles zu verstehen.
Wieder ein Element, das sich glücklich zusammenfügte. Ich weiß nicht, ob es Synchronität, Schicksal oder reines Glück ist – ich bin nur froh, dass das andere Mitglied in dieser Band immer greifbar war, und zwar zu fast jeder Sekunde. Jeder hat sein eigenes Leben, aber metaphorisch gesprochen hat er auch sein gesamtes Leben in den Dienst von Inquisition gestellt. Das ist das Wichtigste überhaupt für jeden in einer Band. Es klingt nach Klischee, aber Leute in einer Band müssen gleich ticken. Am Wichtigsten ist immer, dass jeder dasselbe will. Es klingt sehr poetisch, aber die Wahrheit ist, dass du immer auf Bereitschaft bist, weil immer eine Art Notfall passieren kann. Du musst bereit sein für Proben, Songwriting und spontane Touren, ohne extrem Passion geht das nicht. Wie sie schon auf den alten Behemoth-Demos sagten: Black Metal Is A Cult. Es ist dein Leben – aber so ist es mit jeder Kunst. Oft gibt es Interviews, wo du mich als Musiker fragen würdest, warum ich schon acht Drummer hatte. Bei uns ist das nicht so und der Schlüssel für diese Konstanz ist, dass jemand sein ganzes Leben um die Band plant. Auch wenn jemand eine eigene Familie hat. Natürlich zieht die Band auch dort ein, es ist fast so wie beim Militär.
Darauf kannst du auch psychologisch oder physiologisch blicken: In den 20ern glaubst du, dass das Leben immer so weitergeht. Aber das ist meist nicht der Fall. Ich habe früher sehr viel Zeit in normalen Jobs verbracht und war trotzdem immer mit der Band auf Tour. Ich habe keine Kinder, das macht es natürlich leichter. Viele Leute müssen sich auch irgendwann entscheiden, wie sie weitermachen und dann gewinnt die Vernunft oft über die Passion. Der große Test kommt dann, wenn deine Passion kein romantischer Gedanke mehr ist, sondern sich zu Arbeit verwandelt und auch mal Enttäuschungen bereithält. Disziplin ist wichtig und bedeutet, nicht immer Dinge zu tun, die Spaß machen. Man muss sich die Zeit besser einteilen und sich zur Inspiration zwingen. Ich habe sonntags vielleicht keine Ideen, aber ich muss mich dahintreiben. Es ist wie in jedem anderen Job auch – manchmal muss man es einfach tun.
Natürlich, es geht gar nicht anders. Du kannst dich dazu zwingen, denn dein Gehirn kann viel mehr leisten, als du glaubst. Irgendwann schaltet es um von gezwungen, auf akzeptiert, dass jetzt etwas passieren muss – ob es will oder nicht. Das aktuelle Album hat fast ausschließlich so funktioniert. Ich musste einfach irgendwann mit dem Songwriting beginnen. Ich war immer inspiriert, aber nach einer halben Stunde war ich wieder leer. Ich habe dann gegoogelt und nach Lösungen gesucht. Ein Musiker, der Werbejingles komponiert, sagte, dass man einfach spielen und schreiben muss, wenn die Inspiration fehlt. Ich bin diesem Ratschlag gefolgt und es war schwer, aber es hat auch geklappt.
Klar passiert das. Ich kann zuhause sitzen und meine Gitarre in die Hand nehmen und im Kopf total leer sein. Ich schrubbe also am Griffbrett herum und all die Riffs und Melodien gefallen mir nicht, machen mich wahnsinnig. Was aber passiert ist, dass ich Ideen für Rhythmen habe, für Arrangements oder für das Schlagzeug. Ein Rhythmus ist mehr analytisch denn emotional aufgebaut, deshalb kann man ihn auch mit wenig Inspiration erschaffen. Manchmal kriege ich auch nur eine Idee für die Texte, aber es passiert eigentlich immer etwas, wenn ich mich an die Arbeit zwinge. Du kannst nicht jeden Tag einen ganzen Song schreiben, aber denk einfach nicht lange darüber nach, sondern mach es einfach. Irgendetwas passiert immer – da sind wir auch wieder bei der Disziplin, die unerlässlich ist. Von nichts kommt sowieso nicht.
Ja und nein. Die Texte sind ein guter Begleiter zur Musik, aber der Song selbst ist alles. Du kannst jeden Text drüberlegen, das ist alles sekundär. Du kannst ein kryptischer Songwriter sein oder so wie die alten Immortal, die dir norwegische Wetterberichte vermittelten. Das waren damals auch Kids, denen es nur um Eis und Dunkelheit ging, aber vielleicht waren das auch Metaphern. Es war lyrisch vielleicht nicht wichtig, aber am Ende des Tages ist es auch eine Kunstform, simple Dinge zu schreiben. Edgar Allen Poe war auch simpel und effektiv. So epische Romantexte wie die alten Iron Maiden sind nur wie die Süßkirsche am Kuchen, sie sind das letzte, das bei Inquisitionvon Belang ist. Meine Geschichten erzählt die Gitarre, die Texte sind der Weg dorthin. Die Texte verstärken nur die Atmosphäre des Gitarrensounds, der am Allerwichtigsten ist.
Ich war niemals in meinem Leben ein Teil irgendeiner Gruppe, die eine Band wie Myrkur oder Hipster-Black-Metal-Bands verurteilt. Es ist mir einfach viel zu egal. Es ist mir auch egal, wenn eine Country-Band aus Alabama sich als Black Metal deklarieren würde. Ich denke darüber noch nicht einmal nach. Black Metal besteht vordergründig nur aus zwei Wörtern, aber dahinter befindet sich meine Welt, in die niemand eindringen kann, die niemand zu berühren oder zu verändern vermag. Meine Musik und meine Überzeugungen und Ansicht sind dort gut geschützt. Wenn ein Hip-Hopper sich als Black Metal bezeichnet, ändert das nichts an Inquisition und auch nichts an mir selbst. Ich habe darüber noch niemals nachgedacht und meine Antwort ist sehr pur und spontan. Ich habe aber eine Frage an diese Menschen: Warum nennt ihr eure Musik überhaupt Black Metal?
Wenn du keinen Black Metal machst, ihn aber so nennst, dann widersprichst du dir selbst – was ist der Sinn dahinter? Black Metal ist eine Marke, ein Genre, so ehrlich müssen wir sein. Wenn du in einen Plattenladen gehst, gibt es eine eigene Sektion dafür – wie für Art Pop oder Hard Rock. Ich vergleiche es jetzt mit etwas völlig Oberflächlichem. Wenn du irgendwo Blue Jeans siehst, werden es immer Blue Jeans bleiben. So funktioniert die Welt, wenn sich eine Marke herauskristallisiert und durchgesetzt hat.
Das ist ein guter und wichtiger Punkt. Die Griechen Necromantia sind zum Beispiel sehr anders als alte Satyricon. Aber beide sind im Black Metal verankert. Da gibt es viele solcher Beispiele. Sie repräsentieren aber alle eine gewisse Attitüde. Mercyful Fate war sehr stark im Heavy Metal, aber die Attitüde war auch sehr nahe dem Black Metal – hat aber nichts mit Immortal oder den Brasilianern Mystifier zu tun. Warum darf dann Myrkur nicht Black Metal sein? Ich kenne sie nicht, aber sie hat wohl auch die richtige Attitüde. Der Black Metal drehte sich aber nie um innere Kämpfe oder Probleme. Seine Wurzeln gehen zurück auf einen von ganz jungen Kids, die eine Art Krieg gegen abrahamitische Religion führten. Sie waren hungrig, sich durch eine E-Gitarre und bösem Getue auszudrücken. Natürlich kannst du heute lächelnd darauf zurückblicken und ihr Image nicht ernst nehmen, aber hör dir all ihre frühen Alben an. Die waren nicht nett oder süß. Diese Kids waren die Essenz von dem, über das sie sangen.
Ja, das ist mir immer noch wichtig. Wenn du älter wirst, dann machst du all das aber mit etwas mehr Klasse. Die Leute sehen, dass du denkst, bevor du was sagst und über den Tellerrand hinausblickst. So geht es mir mit den kosmischen Themen, die ich besinge – sie haben für mich einfach mehr Klasse als stumpfe Textbeistellung. Die Leute sollen wissen, dass das Universum Gott ist, ohne den Begriff Gott zu benutzen. Egal in welcher Religion jemand einen Gott hat, er ist immer eine Metapher für etwas, das schon hier ist. Das große, gewaltige, schwarze Loch namens Universum. Die Band ist ein guter Weg die Leute daran zu erinnern, dass das, woran sie glauben, nicht mehr ist als eine Philosophie. Es existiert einfach nicht.
Wir haben das Problem in Wien noch immer. Unser Management sagt mir oft, dass wir eine schöne Location in Wien für eine Tour kriegen, aber kurz vor Start ebenjener Tour ruft uns dann immer der lokale Promoter an, oder mailt mir, dass es doch nichts wird. Jeder beruft sich auf diese oder jene Sache, die irgendwann einmal passiert ist, so klappt es mit Wien so gut wie nie. In Europa geht es uns nur in Wien so, ein bisschen noch in London, aber hauptsächlich hier. Manchmal ist der Promoter das Problem, ein anderes Mal die Location selbst. Es ist ein ewiger Kreislauf, der nicht funktioniert.
Ja, das nennt man Heuchelei. War die Antwort schnell und präzise genug? Es ist einfach nur Scheinheiligkeit. Ich fürchte mich nicht davor, mich politisch zu artikulieren, also folgendes: Kennst du den Begriff „Weiße Schuld“? Ich glaube, es gibt auch etwas, dass man „Europäische Schuld“ nennen kann. Ich respektierte das, finde das irgendwie nett, süß und bis zu einem gewissen Grad okay. Ich bin jemand, der selbst Fehler macht und sie später gerne korrigiert. Du kannst die Geschichte aber nicht neu schreiben und auch nicht das ändern, was in deiner Vergangenheit passiert ist, indem du irrationale und unlogische Entscheidungen in der Gegenwart triffst. Du fühlst dich dann besser, aber eigentlich ist das einfach nur dumm. Um es direkt zu sagen: Würde uns die Promoter die großen Venues bespielen lassen, wären alle glücklich. Das ist alles am Ende des Tages. Alles was diese Personen tun müssen, ist, ihre eigene Geschichte im Zirkel des Lebens richtig zu deuten. Ich mache keine dummen Sachen auf der Bühne und deshalb finde ich das alles sehr heuchlerisch. Was diese Leute vernichten wollen, das verschwindet deshalb nicht, weil man uns nicht spielen lässt. Das hat keine Auswirkungen, außer dass sie sich besser fühlen. Ich hatte diese Diskussion schon öfters mit sehr einflussreichen Szeneleuten aus der Wirtschaft - Plattenlabels und großen Magazinen. Eines davon wollte den geplanten großen Artikel über unser Album nicht bringen, weil sie Heuchler waren. Ich schrieb ihnen einen sehr klaren, aber nicht unfreundlichen Brief, wo ich sie als scheinheilige Lemmy- und Jeff-Hanneman-Verehrer bezeichnete. Diese Typen hatten Nazi-Memorabilia in ihrem ganzen Haus, wurden aber immer von allen gefeiert. Das ist für mich pure Heuchelei. Allen geht es nur ums Geld. Gedruckt wird, was sich verkauft. Sie druckten dann aber unsere Geschichte. Die Promoter sollen mich persönlich kontaktieren, mich kennenlernen und auch einmal mit mir selbst sprechen.
Es gibt dieses eine kontroverse Bild von uns aus dem Jahr 1997, das war es. Dieses eine Bild hat absolut alles verändert. Dann gab es noch die Geschichte in Kanada. (2008 hatte ihr Roadie Daniel Gallant ein riesengroßes Hakenkreuz auf der Brust tätowiert, das er der Band zeigte – Anm. d. Verf.) Diese Idioten behaupteten, wir wären davon begeistert gewesen und das ging dann viral. Ich habe wohl eine halbwegs positive Bemerkung darüber gemacht, fand es in erster Linie recht cool und das wurde uns auch zum Verhängnis.
Das macht es für mich noch schlimmer, quasi dreifach-scheinheilig. Hätte das Regime damals gewonnen, wärt ihr – wenn ich das jetzt so sagen darf – heute ziemlich im Rampenlicht und viele Menschen hätten davon profitiert. Ich glaube nicht, dass alle Menschen hier so unglücklich darüber gewesen wären. Die Menschen fangen Dinge immer dann zu verachten an, wenn sie verlieren. Damals hatte aber offenbar jeder, der sich daran beteiligte eine halbwegs gute Zeit – darüber solltet ihr auch mal nachdenken. Warum gab es damals nicht schon viel mehr Proteste und Gegenbewegungen, als der Nationalsozialismus startete? Damals gab es sehr viel Unterstützung dafür, speziell in Österreich. Das war nicht wirklich ein Problem.
Die Gegner waren eine kleine, verschwindende Minderheit. Da wird es für mich kompliziert. Ich denke auch für die Zukunft darüber nach. In etwa 60 Jahren kann es sein, dass die arabischen Nationen vom extremen Islamismus überrollt sind. Sie bekämpfen dieses Problem aber schon heute kaum. Ich sehe nicht, dass die Menschen dort proaktiv versuchen, diese scheußlichen Regime zu bekämpfen. Es ist verdammt traurig, dass man über dieses Thema nicht sprechen kann. Es ist so einfach, mich als hasserfüllte Person hinzustellen, die Pro-Nazi ist. Das bin ich aber nicht. Es gibt in der Geschichte aber so viele ähnliche Tragödien und Aufstände, die nichts mit den Nazis zu tun haben und ähnlich schlimm waren. Selbst in den USA gibt es so viele Befürworter und wir nennen uns eine Demokratie.
Wieder Scheinheiligkeit. Menschen arbeiten mit Black-Metal-Bands zusammen und wundern sich dann, dass diese Bands auch mal gerne Grenzen ausloten? Da wird es für mich ziemlich verrückt.
Das Internet fühlt sich für mich noch immer neu an, es ist ein Biest. Die pure Essenz des Black Metal drehte sich immer um Kontroversen und darum, Emotionen hervorzurufen. Wenn du etwas nicht hören willst, dann sagen wir es noch öfter und lauter. Fick deinen Gott und deine Kultur. Mit Kultur meine ich in dem Fall Bands, die ihre Folk-Elemente einbauten und das Genre verwässerten. Es ist nicht extrem, über seine Ahnen zu singen, da ist keine Blasphemie drin. Es geht darum, dass man all das zerstört, das man für heilig hält. Wenn du jünger bist, dann fühlst du das instinktiv. Ich glaube nicht, dass du ohne Grund so denkst. Zumindest passiert es im Unterbewusstsein und ohne all dem, würde es keine große Musik mit so vielen Emotionen geben. Der Black Metal muss unter der Oberfläche einfach eine brutale und authentische Botschaft vermitteln. Wenn du dir Bands wie die Briten Lucifyre anhörst, dann ist das real. Sehr basisch und extrem höllisch. Um das politische Thema abzuschließen. Wenn du mich fragst, ob das Sinn macht, wie die Österreicher über ihre Vergangenheit denken oder sie wahrnehmen, dann sage ich dir, dass die Ironie und Scheinheiligkeit dahinter für mich verständlich ist. Ich will aber, dass jeder von euch realisiert, dass er nicht schuld ist und sich nicht schuldig fühlen soll. Ihr habt nichts gemacht. Deshalb verstehe ich diese Promoter hier nicht, sie haben auch nichts gemacht. Am Ende des Tages sind wir einfach eine Rockband, so läuft das eben.
Ich darf wohl nicht mehr sagen, dass es schwul klingt, aber sagen wir anders – so schwach es sich auch anhört: sie zerstört die Reinheit des Ausdrucks. Das klingt furchtbar, aber es stimmt. Wenn ich sagen will, „vernichte den verdammten jüdischen Propheten“, dann stehe ich dazu, weil es sich gut anfühlt und verdammt krank klingt, in Verbindung mit massiven Gitarren und wuchtigem Schlagzeug. Aber ich bekomme dafür Ärger, also kann ich es nicht so deutlich sagen. Wie umschreibe ich es dann? „Die grauen Wolken weinen Tränen der Traurigkeit von meiner Seele“ oder so etwas in der Art. Die klare Aussage wird mir somit verweigert. Wenn die Leute von mir wissen wollen, was ich darüber denke, dann ist das meine Antwort. Die Glühbirne wurde auch nicht über Nacht erfunden, dahinter lag eine gewisse Art von Evolution wie bei allen Ideen. So entwickelt sich auch Kunst. Mit guten und auch vielen schlechte Ideen, aber im Endeffekt wird es alles besser. Denk an die große Ära der Renaissance- und Barock-Musik zurück. Es gab extrem viele Kontroversen in der Musik. Du durftest nicht alle Noten spielen und es gab viel Blasphemie. Mozart und Beethoven brachen regelmäßig die Regeln, sie hatten eine „Fuck You“-Attitüde. Sie machten seine Symphonie, wie er wollte und hatten dafür ihre Jobs verloren und durften nicht in allen Kirchen spielen, für die sie bezahlt wurden. Aber die Kunst war ihnen wichtiger und sie waren authentisch. Sie haben auf ihre Kunst bestanden und sind immer ihrem Weg gefolgt. Sie schrieben zwar keine Texte, aber im Kern ist es dasselbe. So wie der Satz mit dem jüdischen Propheten. Es gibt Momente und Texte, die Menschen inspirieren. Wie nennt man das? Den Butterfly-Effekt? Wenn ein Kind einen Song hört, dann kann es dazu führen, dass es eine Gitarre in die Hand nimmt und plötzlich einen anderen Lebensweg einschlägt oder sich damit Ärger auf der Straße erspart. Alles kann aus dem Nichts passieren.
Der Heavy Metal generell. Ich wusste vor der Musik auch gar nicht, was ich werden wollte. Ich wollte ursprünglich Pilot werden und bin noch immer besessen von der Luftfahrt, das habe ich wohl von meinem Vater. Ich war aber sehr schlecht in der Schule und eine große Enttäuschung. Es war schnell klar, dass es damit nichts werden würde, ich benahm mich furchtbar als Kind. Ich wollte auch nichts studieren, es hat mich nichts interessiert. Die Musik kam zufällig in mein Leben. Als ich sieben oder acht war hörte ich eine E-Gitarre und das hat mich ergriffen. „Live Evil“ von Black Sabbath oder ein paar Judas Priest-Songs haben mich mit 13 endgültig in ihren Bann gezogen. Metal hat mir ein Leben gegeben, so viel steht fest. Ein magischer Moment war zweifellos, das erste Mal die Riffs der Young-Brüder von AC/DC zu hören. Als ich diese Band entdeckte, kannte ich Metal noch gar nicht. Der hat mich dann einfach völlig umgeblasen, denn es war noch eine andere Welt aufgebaut auf AC/DC.
Vieles geht dabei durch meinen Kopf und ich überlege oft, was ich von meinen Gedanken nach außen tragen soll. Ich will, dass die Leute den Gitarrensound spüren und auch die Vocals, es geht um alle Details. Inquisition sind eine Band, die Menschen daran erinnern soll, dass das Universum Gott und Satan ist – es ist einfach alles. Psychologisch gesehen ist das vielleicht der Grund, warum Leute bei manchen Songs etwa die Faust recken oder gewisse Körperreaktionen haben. Es ist lustig, wie wir uns von Höhlenmenschen zu aufrechtstehenden Individuen verwandelt haben, die ihre Arme recken. Auch religiöse Menschen machen das, wenn sie ihre Götter anbeten. Vielleicht sind manche auch einfach nur besoffen, aber hauptsächlich fühlen sie sich groß. (lacht) So soll es sein. Der Mensch ist ein großartiges Tier und wir sollen froh sein, das sein dürfen. Wir sollten unser Dasein feiern und es nicht als selbstverständlich ansehen. Wir sind im Prinzip der beste Computer der Welt – zumindest bislang. Man muss sich das aber immer in Erinnerung rufen und das tust du mitunter dann, wenn du gute Musik hörst. Sie setzt große Emotionen frei, kann dich verändern. Es ist so, als ob du eine Droge nimmst und ein High erfährst. Du wirst in dem Moment daran erinnert, dass du ein Mensch bist. Wir sehen in dem Moment in uns selbst hinein, der Moment ist pur. Viele Menschen haben ein hartes Leben, sind mit viel Pein konfrontiert und finden Zuflucht in der Musik. Ist es nicht ironisch, dass viele Menschen Suicidal Black Metal hören und es ihnen dadurch aber viel besser geht? Die depressive Musik hilft ihnen, weil sich die Emotionen dieser Musik für sie umdrehen.
Inquisition spielen heute, 17. April, mit Demonical im Vorprogramm im Escape. Das Konzert ist beinahe ausverkauft, es wird nur noch 10 Restkarten an der Abendkasse geben!