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Musical & Show

It's gettin' hot in here!

02.03.2023 von Manunel Simbürger

Weibliche Nacktheit ist der Normalfall – männliche hingegen nicht“, meint die renommierte deutsche Zeitschrift Die Zeit in einem Artikel mit dem Titel „Das ist übrigens ein Penis“. Darin stellt die Redakteurin einige wirklich harte (sorry, wir können einfach nicht anders) Fragen, zum Bespiel: „Warum spielen Nacktbilder von Männern keine Rolle? Kann männliche Nacktheit im Gegensatz zur weiblichen nichts erzählen?“ Und die Überlegung nach einer „Männerquote bei Nacktbildern“ wird auch in den Raum geworfen.

Female Gaze

Dieser Artikel erschien 2012. Seitdem hat sich viel verändert. Zwar nicht unbedingt, was ein Penis ist, aber dafür umso mehr, was die gesellschaftliche Wahrnehmung und deren Umgang mit nackter Männlichkeit betrifft. Wie in so vielen anderen Bereichen auch nimmt die (Pop)Kultur, insbesondere die Film- und Serienwelt, hier eine Vorreiterrolle ein – und eine, die wir besonders gern näher unter die Lupe nehmen: Die weibliche Heldin ist drauf und dran, sich von der Ausnahmeerscheinung zum Usus zu entwickeln, womit auch der sogenannte „female gaze“ einhergeht: Nicht mehr der weibliche, sondern der männliche Körper wird von der Kamera lustbringend umschmeichelt und äußerst sexy in Szene gesetzt, full-frontal-Scenes inklusive. Der Mann als Eye-Candy und Initiator erotischer Momente – aktuell beispielsweise zu sehen in „Magic Mike’s Last Dance“ oder „Welcome to Chippendales”.

„Welcome to The Chippendales“, die True-Crime-Serie auf Disney+, erzählt von den Anfängen der berühmtesten Male-Strip-Gruppe der Welt und taucht dabei in tiefe menschliche Abgründe: Der indische Einwanderer Somen Banerjee (Kumail Nanjiani) möchte in den USA groß durchstarten. Das gelingt ihm schließlich mit einem Strip-Club, der sich ausschließlich an Frauen richtet, womit er eine Marktlücke schließt. Bald aber kommt es zum eskalierenden Disput mit dem selbstherrlichen Choreograph Nick De Noia (Murry Bartlett). Banerjee ist nicht bereit, sich die Lorbeeren wegnaschen zu lassen ...
„Welcome to Chippendales“ ist nicht nur in eine unterhaltsame Zeitreise, sondern erzählt auch von Unterdrückung, Diskriminierung, Eifersucht, dem American Dream und die alles umfassende Sucht eines Mannes nach Anerkennung. Entlarvend, nachhallend – und sexy, auch wenn der Fokus eindeutig auf seelischer anstatt körperlicher Nacktheit liegt.

Tabu dank Patriarchat

Zugegeben, außerhalb der kunterbunten Popkultur sieht es schon ein bisserl blasser und weniger prächtig aus: Im Gegensatz zur weiblichen Nacktheit wird die männliche tatsächlich immer noch als aufsehenerregender und als größeres Tabu wahrgenommen. Weil die Gesellschaft nach wie vor vom patriarchalen, heteronormativen (und somit homophoben) Blick geprägt und bestimmt wird, der den Blick von nackten Männern ab- und ihn viel mehr nackten Frauen zuwendet. Die Frau ist verletzlich und unterlegen – und deshalb hüllenlos –, der Mann stark und überlegen, folgerichtig also seinen Körper beschützend, will man uns weißmachen.

Aber, bei allem Nachholbedarf: Wir geben immer öfter zu, ganz ohne Genierer: Ja, wir wollen nackte Männer sehen! Denn dass Männer genauso erotisch wie Frauen sein können (nein: sind!) und das mitunter auch durchaus wollen, weiß jeder, der Brad Pitt in „Fight Club“ gesehen hat. Oder seinen Partner wieder mal mit Herzerlaugen anschmachtet. Oder Channing Tatum als Stripper in „Magic Mike“ bewunderte.

Stripper als Sex-Revoluzzer

Apropos: Mehr noch als Models oder SchauspielerInnen (oder FKK-Fans) kommt männlichen Strippern eine wichtige Rolle in der Revolution der männlichen Nacktheit zugute, auch wenn die ihnen oftmals nicht anerkannt wird. Was mehr als unfair ist: Männliche Stripper kehren das Prinzip des Patriarchats um und begehren dagegen auf, interpretieren Geschlechternomen und -rollen neu und dekonstruieren Binärität: Sie werden betrachtet (passiv), behalten dabei aber stets die Kontrolle (aktiv), sind Fantasie und Realität zugleich, sind Empowerment für männliche als auch (und allen voran) weibliche Sexualität. Und sie definieren das Genre des erotischen Ausziehens neu: Weil 90 Prozent der exotischen TänzerInnen weiblich sind, müssen sich Männer besonders ins Zeug legen, um sichtbar zu werden. Männliche Strip-Shows sind Performances, spielerischer Aktionismus, ein heißer Mix aus Tanz, Storytelling, Schauspiel und Interaktion mit dem Publikum. Erotisch durchaus, aber nicht verrucht, oftmals gar augenzwinkernd und immer darauf bedacht, dem Publikum eine gute, kurzweilige Zeit zu bieten und den grauen Alltag vergessen zu lassen. Während bei Männern, das liest man aus diversen Erfahrungsberichten heraus, in Strip-Clubs vor allem das Befriedigen von sexuellen Fantasien im Fokus steht, wollen Frauen vor allem eines: Spaß! Und eine Show, die auf so viel mehr abzielt als auf stumpfe Geilheit. Sie wollen ein alle Sinne umfassendes Märchen für Erwachsene erzählt bekommen.

Die Chippendales

Die Blaupause des männlichen Strips sind natürlich die Chippendales, die Ende der 1970er-Jahre in Los Angeles gegründet wurden und noch heute als Inbegriff dieser Art von Unterhaltung gelten. Muskulöse Männer, nackte Oberkörper, weiße Krägen, schwarze Fliegen und um die Handgelenke gelegte Ärmelmanschetten sind die zeitlosen Markenzeichen der Gruppe, die innerhalb kürzester Zeit zum Welterfolg sowie internationalem Phänomen wurde und zu den erfolgreichsten Las-Vegas-Shows ever zählt. Die Chippendales setzten aber nicht nur neue Maßstäbe mit ihrem (stets wechselnden) aufwendig produzierten Mix aus Tanz-, Gesangs- und Erotikshow (die Mitglieder durchlaufen ein sehr strenges Auswahlverfahren!), sondern revolutionierten auch die weibliche Sexualität im gesellschaftlichen Kontext und verhalfen somit gleichzeitig dem Feminismus zu neuen, wenn auch anders als ursprünglich gedachten Höhen: Ende der 70er war es eine sexuell fade Zeit für Frauen, ihre Bedürfnisse wurden totgeschwiegen. Mit ihrem Fokus auf ein weibliches – sexuell ausgehungertes – Publikum trafen die Chippendales den Nerv der Zeit und traten nicht nur für Unterhaltung im Revue-Stil, sondern für sexuelle Selbstbestimmung ein. Die Chippendales gelten auch über vier Jahrzehnte später noch als Ausdruck des weiblichen Verlangens nach Sexualität – aber stets mit ironischem Augenzwinkern. Oder besser: Hüftschwung.

Die Sixx Paxx

Klar, dass die Chippendales das Erotik-Entertainment-Genre international beeinflussten. Einer der erfolgreichsten Männer-Strip-Gruppen Europas sind die Sixx Paxxs aus Deutschland. Die Jungs liefern das gesamte Paket (pun intended): Gestählte Muskeln, glänzende nackte Männerhaut, verführerische Tanzeinlagen (u. a. auch Breakdance!), atemberaubende Akrobatik, ein Gesang zum Dahinschmelzen – und Strips, die an Kreativität schwer zu übertreffen sind: Abwechselnd in der Gruppe und in Soloperformances (in der Badewanne oder unter der Regendusche) präsentieren die Männer fantasieanheizende Kostüme, vom Polizist bis zum Biker und Cowboy ist hier alles dabei. Bei den Sixx Paxxs wird Ausziehen zur Kunst der Überwältigung. Das vielleicht Beste daran: Im Rahmen ihrer „Anfassbar“-Tour ist anfassen nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht!

Männliche Nacktheit erzählt viel!

Nach unserem kurzen Ausflug ins männliche Nackt-Gefilde müssen wir uns erstmal eine kalte Dusche genehmigen – und ihr wahrscheinlich auch! Doch bei allen pubertären Schmunzlern können wir nun dem 2012er-„Zeit“-Artikel leidenschaftlich widersprechen und stolz festhalten: Ja, männliche Nacktheit spielt eine Rolle. Und hat etwas zu erzählen, ganz viel sogar und mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Ein Blick, den wir gerne auskosten, zugegeben ...

Die Chippendales gastieren im Rahmen ihrer „Get Naughty”-Tour im März in Klagenfurt, Wien, Wiener Neustadt, St. Pölten und Salzburg. Tickets gibt es bei oeticket.com.

TICKETS CHIPPENDALES

 

Die Sixx Paxx gastieren mit ihrer „Anfassbar”-Tour im April in Salzburg, Graz, Villach, Innsbruck, Linz und Wien. Tickets gibt es bei oeticket.com.

TICKETS SIXX PAXX
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