Bild: Barracuda Music
Die zweifache ESC-Queen Loreen bringt 2025 Euphorie nach Wien, doch von Hochstimmung ist beim Song Contest nicht mehr viel zu spüren. Ein Blick auf eine musikalische Identitätssuche.
Die Geschichte des Eurovision Song Contests ist reich (und glitzernd) an Queens und Powerfrauen. So bahnbrechend der Durchbruch Conchitas auch war, so jugendlich-frisch der Sieg von Lena oder so Friedens-beschwörend jener von Nicole: Dass man den größten Gesangwettbewerb der Welt gleich zweimal gewinnt, das schafft nur Loreen (und Johnny Logan). Wenn die 40-jährige Schwedin die kultige Dance-Hymne „Euphoria“ (der Platz 1 aus dem Jahre 2012, 2023 gewann sie mit „Tattoo”) anstimmt, ist sowohl physisch als auch psychisch zu spüren, wie das Level der Glückshormone im Publikum rapide ansteigt.
Am 28. Februar macht Loreen mit ihrer Tour in Wien Station. Ihre mythisch-düsteren Auftritte passen zur derzeitigen ESC-Stimmung. Denn die wohlige Love-Peace-Harmony-Bubble hat in den letzten Jahren Risse bekommen – und drohte 2024 gar, gänzlich in sich zusammenzubrechen.
Negative Stimmung backstage, Buhrufe und Morddrohungen gegen Israel, Disqualifikation des norwegischen Kandidaten, heftige Kritik am ESC-Verantwortlichen EBU (European Broadcasting Union) und propalästinensische Demos: Es war das „ESC-Jahr der Skandale“, titulierten zahlreiche Fachmedien im Nachhinein. Der Song Contest habe seine Unschuld, seine Unbeschwertheit verloren. Nichts ist mehr, wie es mal war. Das Motto „United by Music“ war haushoch gescheitert.
Dabei hat alles so harmlos angefangen. Naiv. Aber auch berechnend. Natürlich, schon beim allerersten ESC 1956, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, spielte auch der Gedanke des vereinten Europas eine wichtige Rolle. Verbunden durch Musik und Unterhaltung.
„Doch der ESC wurde vor allem deshalb erfunden, weil es das neue Medium Fernsehen gab, auf das man Lust machen wollte“, erklärt der deutsche Journalist und ESC-Experte Jan Feddersen. Das Radio bestimmte nach wie vor den Alltag – mitsamt der Pop-Musik, die damals ebenfalls gerade stark im Kommen war. Also verband die EBU Altes mit Neuem und rief ein generationenübergreifendes TV-Event mit einer internationalen Verschaltung ins Leben. Anfangs mit nur sieben teilnehmenden Ländern und „einer Jury, die keiner kontrolliert hat“, erinnert sich Feddersen. „Völlig irre.“
Der liebevolle Irrsinn kam nicht nur an, sondern ist geblieben. Die Beliebtheit des ESC stieg genauso blitzartig wie die Anzahl der Länder, die dabei sein wollten. Die Regeln wurden seit 1956 zigmal geändert: Lange Zeit durfte beispielsweise nur in Landessprache (live!) gesungen werden, heute kommen die Hintergrundstimmen vom Band. Mit der sich stets weiterentwickelnden Technik rückte eine aufsehenerregende Performance immer mehr in den Mittelpunkt. In den Anfangsjahren ein lieblicher Schlager-Event, gibt es aktuell beim ESC Musikgenres jeden Couleur zu bestaunen: radiotauglicher Pop, kitschige Balladen, harter Rock, alternativer Ethno-Folk. Weil beliebt zu sein bedeutet eben auch, sich anpassen zu können – oder müssen. „Je populärer der Contest wurde, desto schlichter wurde seine Kunst“, argumentiert die NZZ.
Heute ist der ESC ein „Ausstrahlungsjuwel“, wie Feddersen ihn bezeichnet, eine „globale Marke“. Mehr als 160 Millionen Zuseher schalten jährlich ein, um zu verfolgen, welches Land sich musikalisch dieses Mal durchsetzt, wie Over-the-Topness zur Kunstform erhoben wird und wenn Künstler zu Stars gemacht werden – meistens für die Nacht, manchmal auch für die Ewigkeit: ABBA und Céline Dion seien hier erwähnt.
Die überaus leidenschaftliche Fanbase besteht aus Jung und Alt – und zuvörderst aus schwulen Männern. Dazu Feddersen: „Der ESC mutierte von einem rein internationalen Fernsehereignis zu einer Art queeren internationalem Woodstock.“ Die Regenbogenflagge ist die einzige Flagge, die bei der Veranstaltung erlaubt ist. Als Feier der Vielfalt, der Lebensfreude und des „normalen Anders“ ist der ESC ein sicherer Sehnsuchtsort, größer als das Leben und das Menschsein selbst. „Und weil man dort auch die gewünschten Rollenmodelle oder die Projektion schwuler Männer wiederfinden kann“, sieht es Feddersen pragmatischer. „Tragödien, dramatische Handbewegungen, flamboyante Kostüme, Melancholie und Hysterie.“ Nicht zu vergessen: „Männer sind kompetitiver als Frauen. Und sie lieben Listen.“
Oft wird dem Song Contest vorgeworfen, ein reines Politikum zu sein, um Musik selbst gehe es in Wahrheit schon lange nicht mehr. Von der Hand zu weisen ist das freilich nicht: „Der ESC war schon immer politisch – auch wenn die EBU immer wieder betont, es nicht zu sein“, erklärt Feddersen. Andererseits: Wenn schon bekanntermaßen das Private politisch ist, wie kann es dann ein internationaler Gesangswettbewerb nicht sein? „Alles, was wir als Menschen tun, hat eine politische Komponente“, ist Lukas Plöchl (ESC 2012) im Gespräch mit uns überzeugt.
So sind in ESC-Songs immer wieder versteckte politische Botschaften zu finden. Gastgeberländer wie zuletzt Aserbaidschan nutzen das Event, um sein Image kräftig aufzupolieren. Und dass die Ukraine sowohl 2016 als auch 2022 gewann, war wohl vor allem als Solidaritätsbekundung Europas zu verstehen. „Unbeschwert war der ESC noch nie“, fasst Feddersen zusammen, will aber zugleich betont wissen: „Natürlich ist der Song Contest friedensstiftend und völkerverbindend. In der Sekunde, in der zwei Parteien sich gegenseitig in einem Wettbewerb aushalten und einander gratulieren, gewinnt man Abstand zu dem, was in früheren historischen Modi Waffen- oder körperliche Gewalt war.“ Zudem schafft es der ESC regelmäßig, gesellschaftliche Debatten zu starten – heuer über das dritte Geschlecht (Gewinner: Nemo aus der Schweiz) zum Beispiel.
Den hartnäckigen Mythos, dass man schrill, bunt und queer sein muss, um beim Song Contest per se Chancen zu haben, widerlegt Feddersen: „Ein Gewinn ist wahnsinniger Zufall. Vielleicht mag man auch einfach nur das Outfit nicht. Wichtig ist, einen glaubwürdigen Act hinzulegen.“ In dieselbe Kerbe schlägt auch Cesár Sampson, der für Österreich 2018 den dritten Platz holte: „Du musst in drei Minuten eine möglichst starke Reaktion beim Publikum erzeugen.“ Zudem rät er, die Bühnentechnik „voll auszunützen.“ Die Vergangenheit hat aber ohnehin gezeigt: Der wahre Sieger ist am Ende derjenige, dessen Song zum Radiohit wird. Loreen hat mit „Euphoria“ beides geschafft.
Nach dem 2024er Schlamassel wurden Forderungen laut, den ESC abzuschaffen. Klein beizugeben, das Trennende über das Verbindende zu stellen, wäre aber der falsche Weg. Der ESC ist und bleibt ein niederschwelliger Spiegel der aktuellen Weltlage, eingerahmt mit herrlich kitschiger Goldgravur. Ein politisches Idealbild, eine Keimzelle von Werten und Normen. Er fördert den Tourismus und die nationale Musikbranche. Änderungen sind jedoch dringend notwendig.
Sampson beispielsweise fordert „ein 50/50-Votingspilt wieder in allen Phasen des Wettbewerbs“, transparente Information über internationale Juroren, Rückkehr zur vollständigen Live-Musik und ein Verbot, „dass Staatsgelder verwendet werden, um Werbeschaltungen für Teilnehmer zu kaufen.“ Plöchl wiederum, der seine Teilnahme als „die bisher größte Mutprobe meines Lebens“ bezeichnet, möchte „Konfliktparteien eines Krieges nicht ausschließen. Wir müssen uns austauschen und in Kontakt bleiben.“
United by music? Unbeschwerte Party? Vielleicht 2025 in Basel, in der Schweiz. Die ist immerhin neutral. Und war bereits Austragungsort des allerersten ESC, 1956 in Lugano. Um Loreen zu zitieren: Vielleicht erleben wir vom ESC eine „Back in Time”-Version.