Instagram @ykaaar
Ein 2002 erschienenes Buch von Alice Schwarzer trägt (m)einen Traum im Titel, spricht es sich doch „gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen” aus. Eine Welt, die die Popmusik schon lange vorlebt.
In grauen Vorzeiten von Social Media, als Facebook gerade MySpace ablöste, war es durchaus noch en vogue, sich ebendort auch Debatten zu stellen. Und so zog es sich dereinst zu, dass Der Standard das kleinen Mädchen eingeimpfte Frauenbild vermittels Barbie-Puppen zur Diskussion stellte. Etwas polemisch stellte ich damals die HeMan-Actionfigur entgegen: Auch heranwachsenden Burschen wird ein sonderbares Körper- und Rollenbild vermeintlich spielerisch vermittelt. Der Shitstorm war damals schon: gewaschen. Wenngleich: Meine Absicht war kein Kleinreden des Diskurses, sondern viel mehr eine Ausweitung. Mehr noch als ehedem bin ich heute, in einer gesellschaftlichen Ära, in der das „Gender” mit all seinen Kausalketten mehr als ein Bubblediskurs auf den Universitätsgängen ist, der Meinung, dass für zielführende Auseinandersetzungen ein einseitig gewichteter Fokus nicht im Sinne der Aufklärung steht, und einseitig gewichtete Kniggen erst recht nicht.
Es liegt vielleicht auch daran, dass ich mit der kunterbunten Welt der Populärmusik mein persönliches Biedermeier 2.0 (freilich ohne dessen Hausbackenheit) ausgerufen habe, eine idyllische Idealvorstellung, bei der ich mir freilich rational bewusst bin, dass sie (noch) nicht der Realität entspricht, aber als Blaupause einer neuen Realität gelten sollte – zuvörderst auf die strammen Geschlechterrollen bezogen, die ich – wie auch Alice Schwarzer – als aufgelöst sehen möchte, im Gegensatz zum Transgender-Spektrum jedoch unaufgeregt und bar jedweder Hysterie, mit allen Freiheiten. Identitäten, Machtformen und Normen sind schließlich nicht naturgegeben, sondern entspringen einem Konstruktionsprozess, einer sozialen Identität, die sich in ständiger Veränderung befindet. So ist es freilich bekannt, dass das traditionelle Geschlechterverhältnis seit Ende der Sechziger mehr und mehr auch realiter auseinanderbricht – Eigenschaften oder Verhaltensmuster, die noch vor wenigen Jahrzehnten einem der beiden Geschlechter zugeordnet wurden, heute in einer Diffusität aufgelöst werden und sukzessive von einer körperlich-seelischen Mischung beider Geschlechter bei jedem Menschen ausgegangen wird: Während Frauen sich zunehmend (wenngleich noch nicht gleichwertig) mit vormals männlichen Domänen wie Macht und Kontrolle anfreunden, Kurzhaarschnitt und Hosenanzug tragen, dürfen Männer (obwohl hie und da noch belächelt) durchaus auch „ihre weibliche Seite” (sprich: Gefühle) zeigen und ihre Metrosexualität ausleben. Beides Progresse, die in der Popmusik schon lange Normalität darstellen: Bereits in den Fünzigerjahren trug Little Richard Federboa, Rüschenhemd und Leopardenfellschuhe – gepaart mit weibisch abgespreiztem Finger und hysterischem Kieksen. Schon radikaler gab sich Lou Reed in den Siebzigern mit S/M-Outfits und seiner Liaison mit einer Transfrau namens Rachel – war er doch einer der ersten Künstler, die offen zur Schau stellten, sich nicht zwischen ihrer eigenen Männlichkeit und Weiblichkeit entscheiden zu wollen. Hierauf auch David Bowie, der am Cover von „The Man Who Sold The World” in ein seidiges Kleid gehüllt einer Diva gleich ausgestreckt auf einem Diwan lag. Später dann auch Boy George, Aerosmith und Prince, die ebenfalls im Glam aufgingen. Im Gegensatz dazu zierte damals schon das Antlitz von Patti Smith nicht wenig Gesichtshaar, während Grace Jones mit ihren martialischen Drohgebärden, Madonna mit an Leinen geführten Männern gespielte sexuelle Gefräßigkeit und somit gemeinhin männliches Verhalten karikierten und imitierten.
Die Begrifflichkeit der „Androgynität”, die die Vereinigung vermeintlich männlicher und weiblicher Merkmale – auch durch „Crossdressing” – in einer Person meint, kategorisiert diese Bipolarität: Androgynität ist bereits seit der Schöpfungsgeschichte, in der Adam und Eva bekanntlich aus einem Körper entstammen, ein Thema und gerade der androgyne Mann ist (siehe dazu auch Greer, Germaine: „Der Knabe”) seit der Antike ein Objekt der Begierde und Inbegriff der Schönheit. So wie es auch dereinst der durch zig Messerschnitte gebastelte Michael Jackson war, der freilich später durch seine Eskapaden mit Kindern in Ungnade kippte. Oder auch Brian Molko von Placebo, Marilyn Manson und Bill Kaulitz, androgyner Sänger von Tokio Hotel, die sich allesamt eine Zeit lang vor hysterischen Avancen vornehmlich weiblicher Groupies kaum retten konnten.
Freilich: Androgynität und die damit oft einhergehende Sexualisierung ist (nicht nur) in der Welt der Musik ein Vehikel zur Selbstdarstellung, zum Auffallen, Provozieren, manchmal auch, um zu kompensieren und letzten Endes natürlich der Vermarktung dienlich: Aktuell sind etwa Harry Styles und auch Måneskin nicht allein ob ihrer musikalischen Potenz derart in aller Munde, sondern auch wegen ihrer Optik. Aber trotzdem verdeutlicht ihr Image auch eine vorauseilende, gesellschaftliche Selbstverständlichkeit: Wir entstammen alle derselben Rippe, Geschlecht und Geschlechtlichkeit ist Kultur, sie werden durch unser tägliches Handeln neu gedacht und irgendwann löst sich „Gender” vielleicht auch im Alltag aus seiner aktuellen Krise und ist ein winziges Chromosom tatsächlich der einzige Unterschied zwischen Mann und Frau.
Måneskin haben soeben ihre neue Single "The Loneliest" veröffentlicht" und gastieren am 28. April in der Wiener Stadthalle D. Tickets gibt es bei oeticket.com.
Dieses Jahr erschien mit „Don’t Worry Darling” bereits der erste, im November mit „My Policeman” gleich der zweite Film mit Harry Styles, am 8. Juli gastiert er im Ernst-Happel-Stadion. Tickets gibt es bei oeticket.com.