Foto: BMG
"Wir wollen, dass die Leute ins Theater kommen, ohne genau zu wissen, was passiert wird“, sagte Blue Man Group-Gründer Chris Wink einmal in einem Interview vor vielen Jahren. Inzwischen könnte man sagen: Mission accomplished, und zwar auf ganzer Linie. Denn auch 35 (!) Jahre nach der Entstehung der blauen Performance-Künstlergruppe in der New Yorker Undergroundszene weiß man nach wie vor nicht, was einem erwartet, wenn man sich ins blaue Paralleluniversum begibt, in der alles möglich zu sein scheint, Grenzen und Kategorien aus ihren Angeln gehoben werden und Experimentierfreude eine vollkommen neue Bedeutung bekommt. Mehr noch: Auch, nachdem man das Theater verlässt, ist man sich nicht sicher, ob man die letzten Stunden nur geträumt oder tatsächlich real erlebt hat. Und man tut man sich immer noch verdammt schwer damit, das gerade Erlebte in Worte zu fassen.
Wir versuchen es trotzdem, auch wenn wir eine kleine Warnung aussprechen müssen: Um die Faszination der Blue Man Group in all ihren Facetten und der Mono-Farbenpracht wirklich verstehen zu können, muss man live dabei gewesen sein. Es ist Happening und Aktionskunst zugleich, eine Multimedia-Performance mit faszinierenden technischen Aspekten, ist pulsierend-rockiges Musical, Slapstick-Comedy und Impro-Theater in einem. Klamauk wird zum Kult (und zur Kunst) erhoben, die totale Verballhornung zur Maxime einer turbulent-absurden NonHandlung gemacht, die auch gerne aktuell-brisante Themen aufgreift und sich als „brillanter Reflex auf moderne Zeiten und den technologischen Overkill“ begreift.
Gesprochen wird während der Aufführung jedoch kein Wort, was dem Erreichen des erklärten Ziels aber keinen Abbruch tut, im Gegenteil: Am Ende nämlich verwandelt sich die heterogene Zuschauer-Masse in ein das Leben und das Menschsein feierndes Kollektiv, jenseits jeglicher Gesellschaftskonstrukte und Unterschiede. Nach der Begegnung mit den blauen Männern (und ja, auch Frauen) sind wir alle Eins. Was auch für die Grenze von Publikum und Künstler gilt: Interaktivität wird bei den Blue Man Group-Shows großgeschrieben, der Zuschauerraum wird zur Bühne, die Bühne zum Zuschauerraum. Aus- und Abgrenzung wurden in der Kunst selten so strikt verbannt wie hier.
Die jeweilige Show versucht „nichts anderes, als eine Verbindung zwischen Menschen aufzunehmen“, erklärt Blue Man Group-Mitglied Nadim Helow im Gespräch mit Foucs. Die Blue Men, die ihre Gefühle mittels Farb- und Klangexplosionen ausdrücken, begreifen sich als mystische, fremde und alterslose Wesen, die die Menschen kennenlernen wollen – und umgekehrt. „Was am Ende bleibt ist eine Faszination zwischen uns allen, die uns inspiriert, alles, was wir in der Welt sehen, neu zu betrachten.“ Dass Kunst uns Menschen einen Spiegel vorhält ist nichts Ungewöhnliches. Ein blauer Spiegel jedoch einzigartig. Und scheinbar genießen wir es, uns in eben diesem blauen Spiegel zu betrachten: Über 40 Millionen Menschen in mehr als 20 Länder tauchten bereits in das Blue Man Group-Universum ein. Aktuell gibt es etwa 45 Blue Men und rund 50 (fest angestellte) Bandmitglieder.
Trotz ihres Massen-Appeals umgibt die Blue Man Group nach wie vor etwas Geheimnisvolles, das einen Teil ihrer Anziehungskraft ausmacht. Das hat sich auch bei ihrem neuen Programm „Bluevolution“ nicht geändert, mit der sie auch in der Wiener Stadthalle Station machen. Die blaue Welt mag jenseits von Schubladen und Regeln existieren, aber Veränderungen und Weiterentwicklungen gibt es freilich auch dort. Die drei kahlköpfigen blauen Charaktere werden bei ihren Slapstick-Eskapaden nun durch einen weiblichen Protagonisten begleitet, die als Multiinstrumentalistin die traditionelle Band ersetzt. Mit auffallend blauem Haar und einem exzentrischen, außerirdischen Look führt sie als eine Art schamanenhafter „Master of Ceremonies“ durch das Programm. Die Show hat viele neue Wendungen, aber natürlich finden sich darin unverzichtbare Evergreens wie Wasserwirbel-Trommeln, Marshmallow-Werfen und Farb-Spucken. Fehlen dürfen natürlich auch nicht die ungewöhnliche Schlaginstrumente aus Regenrohren, kleinen Plastikröhren oder umgebauten Trommeln. Das Highlight: Die Big Drum, die mit ihrem Durchmesser von 91,4 Zentimeter ins Staunen versetzt.
Was also ganz genau passieren wird, wenn die Wiener Stadthalle blau macht, können auch wir euch nicht sagen. Gut so, denn der Mut, sich überraschen zu lassen, scheint uns immer mehr verloren zu gehen – aber genau er macht das Leben erst lebenswert. Was wir euch aber versichern können: Nach „Bluevolution“ werdet ihr das Menschsein neu begreifen. Und vor allem mit Leib und Seele erfahren, dass, egal, ob Mann oder Frau, Weiß oder Schwarz, homo oder hetero, wir alle vor allem eines sind: blau. Und das endlich mal nicht im politischen Kontext.
Die Blue Man Group gastiert vom 31. Mai bis zum 4. Juni in der Wiener Stadthalle F. Tickets gibt es auf oeticket.com.