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Musical & Show

Martin Rütter will nur spielen

31.01.2023 von Hannes Kropik

Martin Rütter, 52, ist der bekannteste Hundetrainer Deutschlands – nicht zuletzt dank TV-Shows wie „Der Hundeprofi“, „Die Welpen kommen“ und aktuell „Die Unvermittelbaren“. Der studierte Sportwissenschaftler entwickelte seine eigene Philosophie zur Hundeerziehung („Dog Orientated Guiding System“, kurz: DOGS) und betreibt mittlerweile ein Netzwerk von rund 150 Hundeschulen in ganz Europa. Als Entertainer bringt er mit seinem neuen Programm „Der will nur spielen!“ erstmals auch weniger lustige Themen auf die Bühne.

Martin, was fasziniert dich so sehr an Hunden?

Ich war als Kind schon sehr Tier-affin. Meine Eltern haben allerdings keine Haustiere zugelassen; mein Vater findet noch heute jedes Tier vollkommen sinnlos, das man nicht grillen und aufessen kann. Ich hatte aber eine Tante, die ein kleines bisschen verrückt war. Tante Thea war so etwas wie eine Pflegestelle; jeder im Dorf, der ein Tier gefunden oder seines nicht mehr gewollt hat, brachte es zu ihr. Faszinierend war für mich ihr Einfluss auf das Verhalten von Hunden: Sie hat es geschafft, selbst aus den nettesten Hunden binnen weniger Wochen komplett verstörte, aggressive und damit vollkommen unvermittelbare Tiere zu machen.

Und das hat dir gefallen?

Ich habe gespürt, dass es offenbar eine starke Verbindung zwischen Mensch und Hund geben muss. Heute ist mir der wissenschaftliche Grund klar: Der Hund ist das einzige Tier, das einen Artfremden als vollwertigen Sozialpartner sehen kann. Er weiß die ganze Zeit, dass du kein Hund bist – aber du bekommst von ihm den gleichen Stellenwert wie ein Hund. Andere Tiere tun das nicht. Das Pferd wird, wenn es die Wahl hat, seine Zeit lieber mit anderen Pferden verbringen – und eine Katze mit sich selbst. Ein Hund sucht deine Nähe.

Sind dir Hunde als Gesellschaft lieber als Menschen?

Wenn du als Hundetrainer erfolgreich sein willst, musst du ein Menschenfreund sein. Ich kann ja nur etwas erreichen, wenn ich dem Herrchen oder Frauchen erklären kann, was sie mit ihrem Hund vielleicht anders machen könnten. Tatsächlich arbeite ich viel weniger mit den Hunden als mit den Menschen.

Du bist längst eine Berühmtheit – arbeitest aber abseits des Rampenlichts immer noch normal als Hundetrainer. Fehlt dir da nicht manchmal der Applaus?

Im Gegenteil! Es ist für mich immer noch surreal, auf einer Bühne zu stehen. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Aufritt in der Wiener Stadthalle, wo ich zum ersten Mal 10.000 Zuschauer hatte: Backstage hingen Poster von Pink, Joe Cocker und anderen wirklichen Stars. Ich dachte mir: „Hä, was tue ich hier? Ich bin doch nur ein Hundetrainer …“

Eine Million Fans auf Facebook und 300.000 Follower auf Instagram ändern nichts an deiner Persönlichkeitsstruktur?

Nein. Aber ich habe um mich herum sehr viele Leute von früher, sogar Freunde aus Kindheitstagen. Sie haben den klaren Auftrag, mir Bescheid zu geben, wenn ich ein bisschen zu gaga werde. Mein Glück ist, dass der Erfolg erst gekommen ist, als ich mental schon gefestigt und Familienvater war.

Der amerikanische Schauspieler W.C. Fields hat schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts postuliert: „Tritt nie mit Hunden oder Kindern auf. Sie werden dir auf jeden Fall die Show stehlen.“ Hatte er recht?

Vollkommen! Kinder und Tiere gewinnen automatisch die Herzen des Publikums, das ist einfach so. Meiner Hündin Emma, mit der ich heute auftrete, schlägt wesentlich mehr Liebe entgegen als mir und sie bekommt viel mehr Fanbriefe als ich. Aber ich kann das gut aushalten. Ich habe ja fünf Kinder und mit denen komme ich auch nie an erster Stelle.

Erzähl uns von deinem neuen Programm: „Der will nur spielen!“ hätte ja 2020 eigentlich als Best-of-Show zum 25-jähren Bühnenjubiläum starten sollen.

Und dann kam Corona und damit all die Absagen und Verschiebungen. In den vergangenen zwei Jahren ist sehr viel passiert und das fließt ins Programm ein. Dazu wird es drei, vier ältere Nummern geben, in denen sich wirklich jeder Hundemensch wiedererkennt. Ich werde diesmal aber auch sehr ernste Punkte ansprechen.

Welche?

Einerseits mache ich mir Gedanken über den illegalen Welpenhandel. Andererseits geht es um ein Thema, das mir persönlich sehr am Herzen liegt: Wie gehe ich damit um, dass mein Hund alt wird? Dass er im Alter krank und vielleicht dement wird? Wie bereite ich mich auf den Abschied vor?

Ein Thema, bei dem du keine Lacher ernten wirst ...

Es wird sehr still in der Halle. Für mich sind diese Abende wesentlich intensiver als alle anderen Shows davor. Wenn ich von Mina, meiner ersten Hündin, erzähle, kommen mir immer wieder die Tränen auf der Bühne. Aber das ist okay. Und oft blicke ich in Gesichter von Zuschauern, die auch weinen müssen – und dann spüre ich eine ganz besondere Verbindung. Diese Abende sind emotionale Achterbahnfahrten. Aber sie sind sehr schön, weil wir unsere Gefühle zulassen.

Du hast Mina erwähnt, mit der du am Anfang deiner Karriere lange Zeit aufgetreten bist und nach der du sogar deine Produktionsfirma benannt hast. Wie hat sie dich geprägt?

Sie hat mein ganzes Leben verändert. Ich war 25 und schon drei Jahre lang Besitzer einer Hundeschule – hatte aber selbst zuvor nie einen Hund. Ich habe nach einem Welpen mit drei Eigenschaften gesucht: sehr verfressen, sehr eigenständig – und in den unteren zehn Prozent von kognitiver Intelligenz. Sprich, ich habe nach einem sehr dummen Tier gesucht.

Warum?

Weil intelligente Hunde oft sehr sensibel sind. Ich wusste aber, dass ich täglich acht, neun Stunden lang mit anderen, anstrengenden Hunden arbeite würde – das wäre für ein Sensibelchen sehr stressig gewesen. Mina war eine phlegmatische Hündin, die nicht sehr gut darin war, neue Tricks zu lernen. Aber sie hatte eine unglaublich hohe soziale Intelligenz und Kompetenz. Und sie hat immer gemerkt, wenn ich in der Hundeschule zeigen wollte, wie gut erzogen sie ist – vor Kunden hat sie mich in den ersten Jahren immer nur vorgeführt und bloßgestellt. Das war eine riesige Herausforderung für mich. Doch durch Mina habe ich sehr viel über Hunde gelernt – und über mich selbst.

Zum Schluss noch ein aktuelles Thema. Du bist ja ein riesiger Fußballfan – stellen wir uns folgende Szene vor: Fußball-Weltmeisterschaft, Viertelfinale, ein unglaublich spannendes Match. Wir sind in der 87. Spielminute und der Video-Assistent prüft eine gefühlte Ewigkeit, ob es einen Elfmeter für Deutschland gibt oder nicht – und Emma steht bei der Tür und muss ganz dringend hinaus. Was tust du?

Ganz klar: In diesem Fall muss sich der Hund gedulden, bis das Spiel zu Ende ist.

Martin Rütter gastiert mit "Der will nur spielen!" im Februar in Linz, Graz und Wien, im Jänner 2024 in Villach, Salzburg und Innsbruck. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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