Bild: Omri Rosengart
Seit ihrem letztjährigen Meisterwerk „The Vandalist“ hat die israelische Musikerin Noga Erez zwei Singles veröffentlicht, „Not My Problem“ und zuletzt „Watch The News“: Eine Abrechnung mit den Medien. Und auch der israelischen Regierung steht sie mehr als kritisch gegenüber.
Ob die Welt der Musik öffentlich und gar offensiv politisch sein muss, darüber scheiden sich nicht erst seit gestern die Geister: Natürlich ist jeder Mensch irgendwo politisch, aber nicht zwingend muss man jedem seine Meinung aufdrücken. Doch der gerade explodierende Nahostkonflikt ist Nährboden für viele Künstler*innen, sich auf der einen oder der anderen Seite zu positionieren: David Draiman von Disturbed signierte vergangenes Jahr während eines Besuchs einer Militärbasis in Israel eine Artilleriegranate mit dem Schriftzug „Fuck Hamas“ – und wurde dafür gerade beim großen Black-Sabbath-Abgesang in Birmingham ausgebuht. Er kritisierte hierauf Tom Morello, der bei diesem Konzert als Kurator fungierte, weil dieser die irische Band Kneecap öffentlich unterstützt: Kneecap, so Morello, sind die „neuen Rage Against The Machine“. Mo Chara von Kneecap hat bei einem ihrer Auftritte im November 2024 eine Hisbollah-Flagge geschwenkt und ist seitdem in Großbritannien wegen Terrorismus angeklagt. Beim diesjährigen Coachella-Festival bezeichneten Kneecap Israels Treiben im Gaza-Streifen als „Völkermord“, ihr Auftritt am Glastonbury wurde von den BBC daher sicherheitshalber nicht live übertragen – dafür rief Bob Vylan beim Glastonbury (und live auf Sendung!) sogar zum „Death to the IDF“ – also „Tod den Israelischen Verteidigungsstreitkräften“ auf.
Dabei ist die Spaltung zwischen Israel- und Palästina-freundlichen Gesinnungen auch in der Welt der Musik nichts Neues: 2017 gastierte Nick Cave im Rahmen seiner damaligen Europa-Tournee unter anderem auch in Tel Aviv – sein erstes Konzert auf israelischem Boden seit fast 20 Jahren. Im Vorfeld wurde er dafür lautstark von Vertretern der transnationalen BDS-Kampagne kritisiert: Ziel von „Boycott, Divestment, Sanctions“ ist es, Israel aufgrund seiner Politik gegen Palästinenser nicht nur wirtschaftlich und politisch, sondern auch kulturell zu isolieren. Bereits 2014, so erzählte Nick Cave damals, wurde er von Brian Eno (Roxy Music) aufgefordert, eine Anti-Israel-Liste zu unterzeichnen. Doch nicht nur für ihn, auch für prominente Kollegen wie The Rolling Stones, Paul McCartney, Bob Dylan (nicht zu verwechseln mit Bob Vylan!), Elton John, Bon Jovi, Red Hot Chili Peppers, Linkin Park und Justin Timberlake stank dieser Boycott zum Himmel.
Denn: Bei aller berechtigten Israelkritik – der Nahostkonflikt ist wie ein jeder bilateral – steht das 2005 ins Leben gerufene BDS-Movement signifikant in einer unrühmlichen Tradition, nämlich der 1945 nach dem Vorbild des Boykotts jüdischer Geschäfte im Nazideutschland von der Arabischen Liga beschlossenen Abriegelung gegen „jüdische Produkte“, die 1948 auf den neu gegründeten Staat Israel ausgedehnt wurde. Gerade Kulturboykotte machen einen wesentlichen Anteil der Bewegung aus, bedauerlicherweise hat man sogar vermocht, sich dem Glamour eines Eintretens für Menschenrechte zu verleihen – und dabei in Roger Waters von Pink Floyd das wohl prominenteste Zugpferd gewonnen. Was soll man aber von einem Musiker halten, der bei seiner „The Wall“-Tour gelegentlich ein Schwein aufsteigen ließ, auf dem überdeutlich ein Davidstern zu sehen war?
Eine pointierte und zudem wegweisende Replik kam 2017 übrigens von Radiohead, die unter scharfer Kritik damals ebenfalls in Tel Aviv konzertierten: Sänger Thom York schrieb damals auf dem X-Vorgänger Twitter: „Wir billigen Netanjahu genauso wenig wie Trump, trotzdem treten wir hier wie dort auf.“ Kunst ist schließlich dazu da, Grenzen zu überwinden – nicht, um sie zu errichten.
Eine der größten – und dabei israelischen – Kritiker*innen Netanjahus ist Noga Erez – jedoch ohne dabei Teil der BDS-Kampagne zu sein, von der sie sich bereits mehrfach überdeutlich distanziert hat: So spielte sie etwa im Juni 2023 im Vorprogramm von Robbie Williams in Tel Aviv - im Austausch ist er auf ihrem Song „Danny“ zu hören.
Sie wurde 1989 – also ein Jahr vor dem 2. Golfkrieg – in Israel geboren, studierte Komposition an der Jerusalem Academy of Music and Dance und war – wie alle männlichen und weiblichen israelischen Erwachsenen - schließlich auch in der Armee verpflichtet, glücklicherweise lediglich im Musikkorps.
2016 veröffentlichte sie nach ersten Gehversuchen bei der Indie-Folk-Band The Secret Sea ihre Debüt-Single „Dance While You Shoot“, eine Kritik an der Sozialpolitik Israels, die Blaupause für viele weitere Songs, die hierauf noch folgen sollten, Songs, in denen sie ihre ganze Frustration ablädt und sowohl ihre Verachtung von Gewalt als auch ihren Unmut über die israelische Regierung zum Ausdruck bringt. Sie plädiert seit ehedem für die Zweistaatenlösung und tritt gegen die umstrittene Justizreform ein, ruft zum Frieden auf und nach dem bedeutungsschwangeren 7. Oktober auch zu einem Deal für einen Waffenstillstand.
In einem Gespräch erzählte sie damals, 2016: „Ich hatte eine eigentlich ziemlich behütete Kindheit. Als ich älter wurde, merkte ich jedoch rasch, dass ich hier, in Israel, nicht in einem „normalen“ Umfeld aufwachse.“ Sie erzählte davon, dass viele Häuser über Schutzräume verfügen und dass es für sie ein absurdes Gefühl war in einem Land aufzuwachsen, das unter einer ständigen Bedrohung existiert.
Im Laufe der Zeit entwickelte Noga Erez schon damals ihre eigenen Bewältigungsmechanismen: Fernsehen und Zeitungen vermied sie teilweise sogar ganz – eine Tatsache, von der sie etwa auch in ihrer aktuellen Single „Watch The News“ erzählt. Bereits zu Anfängen ihrer Karriere sagte sie aber schon: „Sich von den Medien oder Nachrichten fernzuhalten, ist eine gute Möglichkeit, der Realität zu entfliehen. Aber dort, wo ich lebe, klopft die Realität von Zeit zu Zeit an die Tür, und wenn das passiert, hat man keine andere Wahl, auch wenn man entschlossen ist, nicht daran teilzuhaben.“
Heute, zu „Watch The News”, führt sie das noch weiter aus: „Was man heute in den Nachrichten sieht, das ist kein Journalismus, sondern eine Show: Laut, dramatisch, aufgeladen. Die Anchors wirken wie Reality-TV-Hosts. Es geht nicht mehr um Information – alles ist heute ein inszeniertes Spektakel. Und was mich am meisten schockiert: Die Nachrichten sind wie ein psychologisches Fangnetz, sie machen süchtig. Da habe ich mich gefragt: Geht es bei der heutigen Nachrichtennutzung eigentlich noch um Bewusstseinsbildung?“
Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, die um Aufmerksamkeit buhlenden Nachrichten einfach einmal zu muten?