Bild: Stefan Baumgartner
Diesmal aber wirklich: Nach ihrer eigentlichen Abschiedstournee 2017 zogen die Heavy-Metal-Urväter Black Sabbath vergangenen Samstag in ihrer Heimatstadt Birmingham nun endgültig den Stecker – in Originalbesetzung, mit prominenten Gästen und in den Diensten einer guten Sache. The End. God Is Dead.
Vor 55 Jahren wurde der Heavy Metal begründet: Ozzy Osbourne (Gesang), Tony Iommi (Gitarre), Geezer Butler (Bass) und Bill Ward (Drums) alias Black Sabbath veröffentlichten 1970, natürlich am unheilschwangeren Freitag, den 13., ihr selbstbetiteltes Debütalbum und dachten weiter, was etwa Deep Purple und Led Zeppelin vor ihnen irgendwo im Hinterstübchen hatten. Mit einem Donnerschlag, dem Läuten ominöser Kirchenglocken und einem der schwersten und lautesten Gitarrengrollen überhaupt wurde die Geburtsstunde des testosterongesteuerten, brünftigen, dabei aber stets charismatischen Heavy Metals eingeläutet. Freilich: Anfangs zeigte das neue, lautstark und mit hochrotem Gesicht krakeelende Genre noch enge Verwurzelungen im traditionellen Blues, Progressive und Psychedelic – die ersten Bands, die sich auch aus eigenem Selbstverständnis tatsächlich als „Heavy Metal“-Bands bezeichneten, waren wenig später dann erst Formationen wie Judas Priest und andere Vertreter der New Wave of British Heavy Metal.
Heavy Metal also. Die Herkunft der Genrebezeichnung ist nicht gänzlich bekannt – musikalisch tauchte der Ausdruck erstmals in „Born to Be Wild“ der amerikanischen Band Steppenwolf (1968) auf, es gilt zudem heute als wahrscheinlich, dass Led Zeppelin mit ihrem Bandnamen – der sich auf Keith Moons Scherz bezog, sie würden „untergehen wie ein bleierner Ballon“ – dem Ausdruck den Weg geebnet haben. Seit ehedem ist der Heavy Metal – in etwa das, was der Horrorfilm für cineastisches Vergnügen ist – jedoch ohnehin in Windeseile „balkanesk“ geworden, ohne an eigentlicher Stärke zu verlieren in abertausend Subgenres zerbrochen – vom klassischen Heavy Metal hin zum Speed Metal, Thrash Metal, Death Metal, Black Metal, Folk Metal, Doom Metal et cetera et cetera. Außerdem hat er natürlich seit ehedem und wie alle anderen Genres auch seine Hochs und Tiefs durchlebt und ist von Einflüssen von außen – denen sich ohnehin ausschließlich und alleinig Manowar verwehren – penetriert und demnach aufgeweicht und geöffnet worden, bis hin zum Hip-Hop und Electro.
Auch wenn die breite Masse den Heavy Metal per se heute vielleicht gerade einmal von Metallica – die das Genre ja sogar im Namen tragen – kennt: Alles, was seit ehedem Geschichte geschrieben hat, geht jedoch zurück auf Black Sabbath, zeigt sich mal mehr oder mal etwas weniger direkt beeinflusst von ihren ersten fünf Alben „Black Sabbath“, „Paranoid“, „Master of Reality“, „Vol. 4“ und „Sabbath Bloody Sabbath“.
Doch irgendwann hat alles einmal ein Ende: Nach ihrem achten Album „Never Say Die!“ (1978) verließ Sänger Ozzy Osbourne Black Sabbath, startete seine veritable Solo-Karriere und Gitarrist Tony Iommi blieb über die Folgejahre hinweg die einzige Konstante bei Black Sabbath – bis man sich 2013, für das letzte Studioalbum „13“, noch einmal zusammenraufte, allerdings ohne Originalschlagzeuger Bill Ward. Vertragliche Probleme – andere sagen: die sturen Köpfe alter Männer – verhinderten dies.
Mit „13“ im Gepäck ging man dann auch noch auf „The End“-Abschiedstournee und verabschiedete sich schließlich am 2. und 4. Februar 2017 in ihrer Heimatstadt Birmingham, in der Genting Arena, vor insgesamt 32.000 Besucher*innen in den wohlverdienten Ruhestand. Ein denkwürdiger Moment, ja – doch einer, der auch ein großes Fragezeichen hinterließ: Auch beim allerletzten Konzert war – wie auf der kompletten Tour zuvor – nicht einmal für einen Moment Bill Ward auf der Bühne, um der Band, die er mitbegründet hatte, ein Lebewohl zu sagen. Nachdem die „Originale” Osbourne, Iommi, Butler und Session-Schlagzeuger Tommy Clufetos mit „Paranoid“ damals das Konzert beschlossen, verabschiedete sich Ozzy mit einem einfachen „Thank you, goodnight, thank you so much.“ von der Bühne. Ihm entgegen starrten da nicht wenige verständnislose, entgeisterte Gesichter: Das soll also nun das Lebewohl der Legende gewesen sein? Das war vieles, aber kein würdiger Schlussakkord!
Ein Eindruck, der wohl auch in Osbourne, Iommi, Butler und insbesondere Ward verhaftet blieb – denn bereits seit zwei Jahren erarbeite man unter dem Titel „Back to the Beginning“ ein Konzept, das nun „aber wirklich“ ein würdiges Ende von Black Sabbath bedeuten sollte und schließlich am vergangenen Samstag, den 5. Juli 2025 im Stadion des legendären Birminghamer Fußballclubs Aston Villa auch tatsächlich über die Bühne ging. Dabei wurde die Örtlichkeit nicht zufällig gewählt, denn im Arbeiter-Stadtteil Aston wuchsen alle vier auf: Ozzy Osbourne etwa in der 14 Lodge Road, nur 13 Minuten Fußweg vom Stadion entfernt.
„Back to the Beginning“, so hieß es, sollte noch einmal eine große Abschiedsfeierlichkeit werden: Mit der kompletten Originalbesetzung, mit zahlreichen prominenten Gästen, mit einem würdigen Verbeugen vor den Anfängen von Black Sabbath und des Heavy Metals im Generellen. Aber auch in den Diensten einer guten Sache: Alle Bands würden ohne Gage spielen, die Einnahmen würden zu gleichen Teilen auf das Acorns Children’s Hospice, auf das Birmingham Children’s Hospital und – Ozzy ist immerhin schwer an Parkinson erkrankt – Cure Parkinson’s aufgeteilt werden.
Deutlich über 2 Millionen Menschen versuchten zu Jahresanfang hierfür an die Tickets zu kommen, lediglich 45.000 davon verließen die Warteschlange von Ticketmaster erfolgsgekrönt, so auch ich. Aufgrund der großen Nachfrage wurde schließlich auch ein kostenpflichtiger und um zwei Stunden zeitversetzter „Live“-Stream angeboten: 5,8 Millionen Menschen (!) weltweit verfolgten das Konzert von zuhause aus. So wurden letztlich fast 165 Millionen Euro an die gemeinnützigen Organisationen gespendet!
Ich reiste bereits Tags zuvor an: Immerhin stand nicht nur Aston Villa selbst, sondern gleich die ganze Stadt – sämtliche Straßen, Kaufhäuser, Restaurants und sogar das örtliche Theater mit einem eigenen Sabbath-Ballett – ganz im Zeichen von Black Sabbath und Ozzy Osbourne – und das, obwohl sich am selben Wochenende mit Jeff Lynnes ELO noch eine zweite lokale Legende in den Ruhestand begab.
Das Birmingham Museum & Art Gallery etwa zeigte unter dem Titel „Working Class Hero“ eine Ausstellung über Ozzy Osbourne, am Victoria Square war eine out-door Fotoausstellung über die Anfänge von Black Sabbath zu sehen. Der stählerne Bulle im Zentrum von Birminghams Hauptbahnhof New Street Station wurde kurzerhand in Ozzy umbenannt – während die West Midlands Police ihre neuen Hundewelpen auch gleich Ozzy, Toni, Geezer, Billie, Sabbath, Wizard und Sharon (nach Ozzy Osbournes Frau und Managerin) taufte.
Der lokale Sprayer Mr Mural gestaltete in der Navigation Street ein übergroßes Graffiti, das von den Black Sabbath-Mitgliedern sogar handunterschrieben wurde – liegt nicht unweit davon doch das Crown Pub, in dem Black Sabbath damals ihren allerersten Auftritt spielten und später auch Konzerte von unter anderem The Who, Judas Priest und Robert Plant, bevor er bei Led Zeppelin einstieg, stattfanden. Heute zieren übergroße Black Sabbath-Fotografien die Fenster des mittlerweile geschlossenen Pubs.
Und auf der Black-Sabbath-Bank auf der Black-Sabbath-Brücke in der Broad Street konnte man zwischen Portraits von seinen Heroen Platz nehmen, bevor man sich direkt nebenan im Brasshouse Pub noch ein eigenes Black Sabbath IPA zapfen konnte – mit direktem Blick auf das Hyatt Hotel, in dem an diesem Wochenende all jene Superstars logierten, die Ozzy Osbourne und Black Sabbath nun würdig in den Ruhestand begleiten sollten.
Bisher war vermutlich das The Freddie Mercury Tribute Concert 1992 im Londoner Wembley-Stadion das Konzert, das in der Rockwelt mit natürlich Queen, aber auch Metallica, Def Leppard, Bob Geldof, Guns N‘ Roses und mehr am prominentesten besetzt war. Für Back to the Beginning wurde jedoch nochmals ein Schäuferl draufgelegt: Den 10-stündigen Konzerttag moderierte „Aquaman“ Jason Momoa, zwischen den einzelnen Auftritten gab es DJ Sets von Slipknots #0, Sid Wilson, und Rage Against The Machine-Gitarrist Tom Morello zeichnete als „Musical Director“ für „the greatest Heavy Metal show“ verantwortlich – und trommelte das Who-is-Who der Branche zusammen, kurierte den Konzerttag.
14 Bands traten ab 13 Uhr im Vorprogramm von Ozzy Osbourne und Black Sabbath auf, darunter auch zwei All-Star-Supergroups: Sie alle spielten natürlich kürzere Sets als normal, und das in einer geschickten Melange aus eigenen Klassikern und Cover-Songs von Black Sabbath und Ozzy Osbourne, immerhin hieß es, sich sowohl vor dem Genre als auch dessen Urvätern zu verbeugen.
Mastodon, Rival Sons (die Black Sabbath bereits auf ihrer „The End“-Tour begleiteten), Anthrax, Halestorm und Lamb of God brachten das rappelvolle Stadion auf Betriebstemperatur, bevor in wechselnder Besetzung die erste der beiden „All Stars“-Bands bereits für eine große Überraschung sorgte: Yungblud, ein langjähriger Freund von Ozzy-Tochter Kelly Osbourne, sang Ozzys „Changes“ – und wurde mit frenetischem Jubel belohnt. Dabei war er für das tendenziell ältere Metal-Publikum ein vergleichsweise unbeschriebenes Blatt.
Die erste „All Star“-Band sorgte allerdings auch für den einzigen Eklat des Abends (der für den Livestream rausgeschnitten wurde): Als David Draiman (Disturbed) für den Ozzy-Klassiker „Shot in the Dark“ die Bühne betrat, wurde er von Teilen des Publikums mit Buhrufen empfangen – nicht ganz zu Unrecht, hat er doch vergangenes Jahr eine große Kontroverse ausgelöst, als er auf seinem Instagram-Account ein Bild veröffentlichte, auf dem er während eines Besuchs einer Militärbasis in Israel eine Artilleriegranate der israelischen Armee mit dem Schriftzug „Fuck Hamas“ signierte. Ganz egal wie man zum Gaza-Konflikt steht: Dass Draiman Teil der Feierlichkeiten einer Band war, die mit „War Pigs“ immerhin einen der größten Anti-Kriegs-Songs veröffentlichte, hinterließ einen fahlen Beigeschmack.
Bevor im Anschluss Alice in Chains und Gojira – inklusive Marina Viotti, mit der sie gemeinsam „Mea Culpa (Ah! Ça ira!)" von den 2024er Olympischen Spielen zum Besten gaben – die Bühne betraten, sah man auf großer Leinwand noch Hollywood-Superstar und Tenacious D-Hälfte Jack Black, der mit Revel Ian (Sohn von Scott Ian, Anthrax) und Roman Morello (Sohn von Tom Morello, RATM) Ozzys „Mr. Crowley“ Tribut zollte. „This is not the greatest song in the world, no this is just a tribute …“
Es folgte ein eindrucksvolles „Drum-off“ zwischen Danny Carey (Tool), Travis Barker (Blink-182) und Chad Smith (Red Hot Chili Peppers), bevor sich bei der zweiten „All Stars“-Band die Überraschungen die Klinke in die Hand gaben: Eröffnet wurde ihr Set vom Judas Priest-Klassiker „Breaking the Law“, und das sogar mit ihrem ehemaligen Gitarristen K. K. Downing! Judas Priest selbst konnten ja leider nicht persönlich teilnehmen, da sie am selben Abend in Hannover spielten - sie schickten immerhin mit „War Pigs" ein digitales Tribut an Black Sabbath. Hervorragend geriet aber auch das Ozzy-Cover „Bark at the Moon“ mit Papa V Perpetua von Ghost am Gesang, bevor mit Steven Tyler (Aerosmith) und Ron Wood (The Rolling Stones) gleich zwei übergroße Legenden erstmals gemeinsam (!) auf der Bühne standen!
Und erneut wurde hierauf der Verstärker hochgedreht; Pantera – mit Jason Momoa moshend inmitten des Publikums! –, Tool und Slayer peitschten hierauf mit deutlich längerer Spieldauer durch ihre Sets, bevor gleich zwei Bands hintereinander auf der Bühne standen, die schon seit Jahrzehnten nicht mehr „nur“ im Vorprogramm zu sehen waren: Guns N‘ Roses und Metallica wurde die Ehre zu Teil, zum Grande Finale einzuläuten. „Ohne Black Sabbath gäbe es kein Metallica. Danke, dass ihr uns einen Sinn im Leben gegeben habt“, sprach da James Hetfield aus, was wohl auch vielen Konzertbesuchern selbst während des kompletten Sabbath-Wochenendes durch den Kopf ging.
Aber auch Backstage standen da bereits alle Zeichen auf Feierlichkeit: Sid Wilson machte zwischen seinen DJ-Sets Kelly Osbourne einen Heiratsantrag; Einen Enkel haben die beiden Ozzy ja bereits 2022 geschenkt.
Mittlerweile wurde sogar Brian May von Queen mitten (!) im Publikum gesichtet: Nicht einmal er, selbst eine übergroße Legende, konnte es sich nehmen lassen, von Ozzy Osbourne und Black Sabbath Abschied zu nehmen!
Es war dies dann auch ein Abschied, der im Gegensatz zu 2017 auch mehr als würdig geriet: Von Parkinson gezeichnet saß Ozzy zwar zum Finale in einem Thron, aber bestens gelaunt: „Es ist so gut, auf dieser verdammten Bühne zu stehen“, schoss Ozzy nonchalant aus der Hüfte und gleich „Mr. Crowley“ nach. Bei „Mama, I’m Coming Home“ merkte man dann schließlich seine überbordenden Emotionen, die spätestens hier auch in den Gesichtern des Publikums zu sehen waren: Während der Birminghamer Himmel den ganzen Tag über trocken blieb, öffneten sich nun die Schleusen bei zahlreichen Konzertbesuchern. Hier, inmitten von Aston, in dem denkwürdigen Stadtteil, wo für vier Jungs aus der Arbeiterklasse alles begann.
Und diese vier Jungs betraten dann schließlich zum epischen Kirchenglockengeläut von „War Pigs“ auch die Bühne: „Generals gathered in their masses, just like witches at black masses“ heulte Ozzy da auf, begleitet von Iommi, Butler und Ward, die um ihr Leben spielten, als wären sie wieder Jugendliche, frisch ihrem tristen Alltag entkommen – und nicht von diversen Krankheiten (Krebs, Herzleiden) gezeichnete Herren in den späten Siebzigern. Obwohl an den Thron gefesselt war Ozzy auch weiterhin, nach seinen fünf Solo-Nummern und zu später Stunde, immer noch entfesselt und zeigte auch bei „N.I.B.“ und „Iron Man“, dass die Höllenfeuer zumindest im Inneren noch weitern lodern. „Go fucking crazy, it’s the last song“, hieß es schließlich vor „Paranoid“ – und die Massen gehorchten, bevor die Kirchenglocken einem bombastischen Feuerwerk über Villa Park wichen.
Nach der Leere seit Black Sabbaths Abschiedstour und den zuletzt immer wieder krankheitsbedingt abgesagten Touren von Ozzy Osbourne ihn nun nochmals gemeinsam mit seinen Jugendfreunden Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward auf der Bühne zu erleben – und dies noch dazu musikalisch und stimmlich in absoluter Top-Form –, das hätte sich wohl niemand mehr gedacht. Dieser Abend war ein Geschenk. The End.
Einige der Bands und Künstler, die am 5. Juli Ozzy Osbourne und Black Sabbath Tribut zollten, spielen in den kommenden Monaten auch live in Österreich. Für euch gibt es hier eine knackige Übersicht über die Konzertpläne: