Bild: Kevin Mazur
Mit 243 gemeinsamen Lebensjahren könnten die Rolling Stones längst auf Nostalgie setzen. Stattdessen legen Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood mit "Foreign Tongues" ein Album vor, das erstaunlich hungrig klingt. Im Gespräch erklären sie, wer und was sie immer noch antreibt, weshalb Charlie Watts noch immer Teil der Band ist und warum ausgerechnet Amy Winehouse auf der neuen Platte geehrt wird.
Bereits in Kürze, nämlich am 10. Juli, erscheint mit “Foreign Tongues” das bereits 25. Album der Rolling Stones: Von den insgesamt vierzehn neuen Nummern - davon mit “You Know I'm No Good” ein Stück von Amy Winehouse und mit “Beautiful Delilah” eines von Chuck Berry - sind bereits vier Eindrücke bekannt. Im Mai gab es das Doppel aus “In The Stars” und “Rough And Twisted”, heute erschienen “Jealous Lover” und “Divine Intervention” - zweiter mit einem Gastauftritt von Robert Smith von The Cure an der Gitarre. Dabei ist er nur einer von drei weiteren überaus prominenten Gästen: Auch Steve Winwood, Paul McCartney und Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers werden auf “Foreign Tongues” zu hören sein.
Bisher kann man “Foreign Tongues” lediglich ankreiden, dass das Cover wie eine Kopie von Metallicas “Hardwired… to Self-Destruct” aus dem Jahre 2016 wirkt. Aber musikalisch? Obwohl die Stammbesetzung Jagger, Richards und Wood bereits 243 Lenze zählt, wirken die ersten vier “Foreign Tongues”-Stücke weder nach Altersmilde, noch, dass man sich auf den Lorbeeren, die der Vorgänger “Hackney Diamonds” aus dem Jahre 2023 einbrachte, ausruht.
Wie Mick Jagger im Londoner Managementbüro der Stones erzählt, war genau das aber auch der Plan: Die unbändige Energie und die neu gewonnene Disziplin von “Hackney Diamonds” erneut aufzugreifen und bereits drei Jahre später in einen Nachfolger zu gießen. Und das, obwohl man nun seit fast 65 Jahren schon Rockgeschichte geschrieben hat. Ausgangspunkt war zwar ein Fundus an unveröffentlichtem Material aus den Sessions zu “Hackney Diamonds”, doch wirklich zum Leben erwachte das Album während eines außerordentlich produktiven Monats in den Metropolis Studios im Westen Londons, wo eine ganze Reihe neuer Songs entstand.
“Als wir ‘Hackney Diamonds’ gemacht haben, hatten wir sehr viel Material - manchmal ist das so, manchmal nicht”, erzählt Jagger. “Ich habe mir aber auch kürzlich unser 'Black And Blue' wieder angesehen, als es wiederveröffentlicht wurde. Da waren insgesamt gerade einmal acht Songs drauf! Bei ‘Hackney Diamonds’ hatten wir aber viel mehr Material und mussten uns reduzieren. Wir haben uns gesagt: ‘Wir können nur eine bestimmte Anzahl an Titeln daraufpacken. Den Rest heben wir auf. Daraus machen wir noch ein weiteres Album.’ Wir hatten also von Anfang an vor, einen Nachfolger aufzunehmen. Einige Stücke auf diesem Album stammen tatsächlich noch aus diesen Sessions, aber gar nicht so viele. Wir haben damals darüber gesprochen, weil diese Songs einfach zu gut waren, um in der Schublade zu verschwinden. Dann begannen wir mit den Planungen - und am Ende hatten wir sogar noch mehr neues Material.”
Keith Richards, der sich per Zoom aus New York zuschaltet, ist selbst nach über sechzig Jahren Zusammenarbeit immer noch fasziniert davon, wie alles aufgeht, wenn die Stones zusammenkommen: “Man macht Musik, man lernt ständig dazu - und man spielt mit den Besten”, sagt er. "Solange du mit den Leuten zusammenspielst, mit denen du glücklich bist, weißt du nie, was am Ende dabei herauskommt. Als ich mir das Ganze am Anfang angesehen habe, dachte ich noch: 'Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt ein Album wird.' Aber je mehr sich alles zusammenfügte, desto klarer wurde mir: 'Ja, verdammt, genau das ist es.' Außerdem führt es die Geschichte von ‘Hackney Diamonds’ konsequent weiter. Mal sehen, wohin uns das als Nächstes bringt.“
Aber auch wenn das Album nun schon fast in den Startlöchern steht, kreisen wir nochmals zurück zu den Anfängen: Denn noch bevor die eingängige Single “In The Stars” als erste offizielle Auskopplung erschien, bekam das Publikum bereits einen Vorgeschmack auf das neue Album. Unter dem Pseudonym The Cockroaches veröffentlichten die Stones den rauen, großartigen Blues-Stampfer “Rough And Twisted” als streng limitierte Vinyl-Single, die natürlich binnen Sekunden weltweit ausverkauft war.
Ronnie Wood, der sich aus seinem Londoner Zuhause zuschaltet, erklärt: “Ich liebe den bluesigen Charakter dieses Songs, denn genau dort liegen unsere Wurzeln. Dieses Fundament wollen wir niemals verlieren. Schon damals, als ich selbst noch Fan war, gab es in Großbritannien niemanden, der den Geist des amerikanischen Blues so eingefangen hat wie die Stones.”
Mick Jagger bestätigt, dass die neuen Aufnahmen die konzentrierte, zielgerichtete Arbeitsweise von “Hackney Diamonds” fortsetzen – und dass alle eine wahre Freude daran hatten. Das lag vielleicht auch daran, dass die Stones nicht so wie früher monatelang im Studio waren, sondern lediglich wenige Wochen. Dies ist auf Produzent Andrew Watt zurückzuführen, der ihnen diese effiziente Arbeitsweise gewissermaßen verordnet hat. So erzählt Jagger: “Ich habe im Vorfeld viele organisatorische Gespräche mit Andy geführt, damit jeder genau wusste, was zu tun ist. Das Entscheidende ist aber, dass man zügig arbeitet. Man bleibt nicht ewig an Kleinigkeiten hängen. Dinge lassen sich später immer noch korrigieren. Wichtig ist zunächst, dass alles aufgenommen wird, bevor die Leute anfangen, sich zu langweilen oder sich zu viele Gedanken darüber zu machen, ob etwas vielleicht doch anders sein sollte. Natürlich kann man später noch einmal zurückgehen und etwas verändern - genau das haben wir auch gemacht. Während dieser Phase ist die Arbeit zwar extrem intensiv, aber eben nur für einen vergleichsweise kurzen Zeitraum.”
Allerdings war Watt nicht nur an der Produktion und am straffen Zeitplan beteiligt, er ist zudem auch Co-Autor von “Side Effects” und “Back In Your Life”, spielte zudem auch zahlreiche Instrumente ein - darunter Gitarren und Percussion.
Aber nicht nur Jagger zeigt sich von der fast schon zackigen Arbeitsweise beflügelt, auch Richards lacht: “Andy weiß genau, wie man ein paar alte Kerle vom Sofa hochbekommt. Wenn er dich einmal gepackt hat, lässt er dich nicht mehr los. Wobei - ich lasse ihn umgekehrt auch nicht so leicht davonkommen. Aber wir haben inzwischen eine verdammt gute Arbeitsbeziehung.”
Auch Ronnie Wood muss da lachen: “Andrew hat uns diesmal sogar noch mehr herumkommandiert als beim letzten Album. Er steckt voller Energie, voller Tatendrang. Inzwischen kennen wir uns alle viel besser, deshalb lief diesmal alles noch flüssiger. Außerdem ist er selbst Musiker und spielt auf dem Album jede Menge Instrumente. In dieser Hinsicht erinnert er mich ein bisschen an Jimmy Miller.”
Die Erwähnung des legendären Jimmy Miller - jenes Produzenten, der die klassischen Stones-Alben zwischen 1968 und 1973 entscheidend prägte und von Band wie Fans gleichermaßen verehrt wird - führt direkt zu einem der prominentesten Gäste auf “Foreign Tongues”: Der nahezu gleichaltrige Steve Winwood, der ebenfalls bereits mit Miller gearbeitet hatte, steuert auf nicht weniger als neun Songs Piano, Orgel und Klavier bei. Keith Richards erinnert sich: “Stevie habe ich kennengelernt, als er ungefähr 15 Jahre alt war. Damals hatte er mit der Spencer Davis Group gerade den riesigen Hit 'I'm A Man'. Er stand da oben auf der Bühne und spielte schon damals unglaublich. Ich fand diese Platten großartig - und sie wurden ebenfalls von Jimmy Miller produziert. Es hat schon etwas Schönes, Stevie nach all den Jahren wiederzutreffen.”
Aber er ist nicht der einzige Gast am Album: Von Robert Smith von The Cure war ja bereits die Rede. Zu den neuen Kompositionen gehört aber auch “Covered In You”, auf dem Paul McCartney den Bass spielt – bereits sein zweiter Gastauftritt auf einem Stones-Album in Folge. Entsprechend entstand die Aufnahme auch in derselben Session wie “Bite My Head Off” von “Hackney Diamonds”. Dann gibt es noch das beinahe punkige, bissige “Hit Me In The Head”, auf dem kein Geringerer als der unvergessene Charlie Watts das Schlagzeug spielt: "Das stammt aus den Sessions, die wir damals in Los Angeles aufgenommen haben", erklärt Mick Jagger. ”Dabei entstand auch ‘Mess It Up’, das schließlich auf ‘Hackney Diamonds’ gelandet ist – ebenfalls mit Charlie."
Ronnie Wood ergänzt: “Andrew hat Charlies Schlagzeugspuren ganz behutsam angepasst, damit sie sich nahtlos in Steve Jordans Spiel auf dem Rest des Albums einfügen. Sobald das Tempo einmal feststeht, ist das das Wichtigste überhaupt - und Steve sitzt perfekt im Groove. Wir richten gewissermaßen nur die Segel neu aus und lassen uns weiter treiben.”
Entsprechend war es für Keith Richards besonders wichtig, dass der heutige Live-Kern der Stones diesmal auch gemeinsam im Studio stand: “Steve Jordan und Darryl Jones wieder gemeinsam mit den Rolling Stones auf einem Album zu haben, war großartig. Darryl war bei ‘Hackney Diamonds’ leider nicht dabei, weil er bereits anderweitig verpflichtet war. Das war schon ein kleiner Rückschlag. Damals haben wir praktisch jeden Bassisten ins Studio geholt, der gerade verfügbar war. Deshalb war ich diesmal sehr glücklich, unsere eigentliche Rhythmusgruppe wieder komplett an Bord zu haben.”
Aber es gibt nicht nur “alte” und brandneue Songs von den Stones selbst zu hören, es gibt neben dem Chuck-Berry-Cover “Beautiful Delilah" auch eine ebenso überraschende wie herzliche Hommage an Amy Winehouse: ”You Know I'm No Good" scheint den Stones wie auf den Leib geschrieben. Jaggers geschmeidiges Mundharmonikaspiel übernimmt dabei beinahe die Rolle eines Lead-Instruments: “Auf eine seltsame Weise hatte ich immer das Gefühl, dass uns dieser Song irgendwann begegnen würde”, sinniert Richards. “Ich dachte oft: 'Früher oder später werde ich Amy schon noch über den Weg laufen.' Man rechnet einfach damit, dass gewisse Dinge passieren – leider kam es anders. Es war außerdem schon eine ganze Weile her, dass wir zuletzt einen fremden Song aufgenommen hatten. Also sagte ich: ‘Wenn wir noch einmal eine Coverversion machen, dann soll es Amy sein.’”
Damit wäre ‘Foreign Tongues’ also vorgestellt. Ist es lediglich die konsequente Fortsetzung von ‘Hackney Diamonds’ - oder sogar noch besser? Keith Richards muss nicht lange überlegen: “Eigentlich trifft beides zu. Es ist eine Fortsetzung - und zugleich besser.”
Jetzt kann man nur mehr hoffen, dass die Stones ihren Eifer und ihre Vitalität auch in den Tourplan übersetzen: Es wäre an der Zeit, dass sie endlich wieder das Happel-Oval für sich reservieren. Aber immerhin besucht uns bereits im Juli zumindest einer der Stones, nämlich Ronnie Wood im Vorprogramm von Van Morrison mit einem Querschnitt aus seinem Solo- und Stones-Schaffen auf Burg Clam.
Zum Release des neuen Rolling Stones Albums am 10. Juli eröffnet bereits am 9. Juli ein exklusiver Pop-up-Store in den Museumsräumen des WUK (Währinger Straße 59 ) in Wien. Fans haben dort die Möglichkeit, das Album bereits ab 22:00 Uhr zu erwerben - und damit zwei Stunden vor dem offiziellen Release. Außerdem wird vor Ort die exklusive "Carnaby Street" LP erhältlich sein.
Weitere Standorte:
Aber man kann das Album nicht vor allen anderen hören und besitzen, bei den Pop-up-Stores besteht zusätzlich die Möglichkeit, ein Exemplar der streng limitierten “The Cockroaches” White Label LP zu gewinnen! Geil!