Bild: Hugo Race
Der Australier Hugo Race war in den Achtzigern zeitweilig Teil der Bad Seeds, der Stammband von Nick Cave: Mittlerweile erbaut er mit seinen Fatalists ein melancholisches Refugium irgendwo zwischen Blues, Americana, Electronica und Desert Rock.
Mit einem neuen Rekord ging der diesjährige Konzertsommer auf Burg Clam über die Bühne: 115.000 Besucher*innen erlebten da vor einer der malerischsten Kulissen des Landes wahrlich hochkarätige Open-Air-Konzerte – und fast alle Veranstaltungen waren ausverkauft, darunter Lenny Kravitz, Unheilig, das Clam Rock mit Alice Cooper, natürlich die Doppelbeschallung von Seiler & Speer und auch Nick Cave mit seinen Bad Seeds.
Und nicht nur das Publikum, insbesondere Nick Cave schien sich auf der Bühne im Mühlviertel besonders wohlzufühlen: Es war dies nach 2018 und 2022 sein bereits drittes Gastspiel dort, auf “fucking Clam”, wie er stets betonte – und erneut lud er zu einer ausufernden, intensiven Klangkreise durch sein über vier Jahrzehnte umfassendes Oeuvre. Beinah 10.000 “Jünger” (und natürlich auch: “Jüngerinnen”) lauschten da dem Spagat zwischen den frühen, wilden Post-Punk-Nummern und den späteren, beinah schon himmelhochjauchzenden Balladen – eine Menschenmasse, die man ihm 1986, bei seinem Österreich-Debüt im Linzer Posthof, noch lange nicht zugetraut hätte. Denn damals war er noch schwer heroinabhängig, kaum zugänglich und seine Begleitband, die Bad Seeds, lärmig. Heute ähneln seine Konzerte mit Gospelsängerinnen, Intermezzi am Klavier und den Bad Seeds, die nichts mehr von der chaotischen Krawallmaschine von früher haben, vielmehr einer cineastischen Messe.
Das liegt einerseits freilich daran, dass sich Nick Cave selbst vom Enfant Terrible über die Jahre hinweg zu einem charismatischen Propheten gewandelt hat: Natürlich nicht zahnlos, sondern durchaus auch weiterhin mit nicht selten derbem Witz, Bissigkeit und Intensität gesegnet. Aber Nick Cave ist mittlerweile auch der letzte Mann der Originalbesetzung der Bad Seeds, die zwar schon längst nicht mehr so arg am Rad drehen, wie dereinst, dafür aber gut geölt und im besten Sinne routiniert dem Zeremonienmeister ein mal subversives, mal bombastisches Fundament legen.
Das war zu den Anfängen in den Achtzigern noch anders: Da standen nach dem Zusammenbruch der Vorgänger-Band The Birthday Party allesamt drogensüchtige, nach London ausgewanderte, hungrige Jungspunde auf der Bühne. Neben Nick Cave tobten sich da in stets wechselnden Konstellationen etwa auch der von den Einstürzenden Neubauten entlehnte Blixa Bargeld, Caves ehemaliger Birthday-Kollege Mick Harvey und Hugo Race aus.
Da gab es noch keine kontrollierte, große Konzertdramaturgie wie heute, keine sakrale Intensität – vielmehr wüteten sich die Bad Seeds damals durch schweißnasse Asselbuden, in denen die Musik konsequent aus den Fugen geriet: Blixa Bargelds sägende, dissonante Gitarre, Hugo Race beinahe schon konsequent als Gegenläufer, Mick Harvey unerbittlich am Schlagzeug polternd und Nick Cave, der nicht einfach sang, sondern sich in die Songs hineinzustürzen schien – spuckend, knurrend, brüllend, mit weit aufgerissenen Augen und einem Körper, der ständig zuckend in Bewegung war, als litte er am Cold Turkey.
Ihr damaliges Album, “From Her To Eternity”, wirkte wie ein semi-kontrollierter Zusammenbruch: ein zäher, lärmender Sog, der sich immer weiter aufschaukelte, bis aus Rhythmus nur noch Druck, aus Melodie nur noch Geräusch – und aus dem Konzert beinahe nur noch eine körperliche Auseinandersetzung blieb. Es hatte etwas Unberechenbares an sich – als könnte sich die Band jederzeit auf der Bühne in die Haare geraten oder sich durchs Publikum prügeln und es überrollen. Die Bad Seeds klangen damals nicht wie ein Kollektiv, sondern wie eine Horde von Wilden, die einzig und allein danach strebte, herauszufinden, wie viel Lärm, Wut und Chaos ein geschlossener Raum aushalten kann. Zeitzeuge Hannes Cistota, heute Musik-Chef im Wiener WUK, bestätigt: “Es war unberechenbar, gleichsam wie die wilde Jagd, es konnte alles passieren – bis hin zum totalen Absturz.”
Seitdem ist viel Wasser die Themse, die Donau, die Spree und all die anderen Flüsse, die die Bad Seeds seitdem durchpflügten, hinabgeflossen: Hugo Race verließ die Bad Seeds bereits 1985, nach zwei Jahren, wieder, wenngleich er pointiert auf späteren Alben ebenfalls zu hören war. Während die Bad Seeds seitdem eine unzählbare Vielzahl an Inkarnationen durchlebten und zu einer Weltmacht aufstiegen, zog es Hugo Race ad interim nach Australien. Dort suhlte er sich vorerst unter dem Banner The Wreckery, anschließend mit The True Spirit im Blues – bevor es ihn Ende der Achtziger wieder nach Europa, ins damals brodelnde Berlin verschlug.
Dort verschränkte er den aus Australien mitgebrachten Blues mit Industrial und Electronica, Alben wie “Earls World”, “Spiritual Thirst” und “Wet Dream” etablierten ihn als eigenwilligen Grenzgänger. Als Kollaborationspartner fungierten im losen “True Spirit”-Konstrukt damals nicht nur sein ehemaliger Seeds-Kollege Mick Harvey, sondern auch Alex Hacke (damals: Einstürzende Neubauten) und Thomas Wydler (damals: Die Haut, später: Bad Seeds).
2010 formierte er – nach projektreichen, umtriebigen Jahren – nebenbei eine zweite (italienischstämmige) Stammband, die Fatalists: Sie werden ihrem Namen gerecht und veröffentlichten dieses Jahr mit “I Made It All Up For You” ihr neues, sechstes Album – changieren ebenda zwischen Blues, Americana und der Electronica auch zwischen Desert Rock und klassischen italienischen Soundtrack-Vibes. Damit gerät “I Made It All Up For You” als kraftvolles Pendant zu unserer gegenwärtigen Realität, die von Hektik und Sorgen geprägt ist – mit Klängen, die bewusst erden, Emotionen und Intimität atmen.
Dabei schlängelt sich Races Stimme, die nicht selten an Nick Cave, aber auch an Leonard Cohen erinnert, durchgehend durch einen vielschichten Klangteppich, mit erdigen Violinen, akustischen Gitarren und sehr dezenten elektronischen Elementen. Eine latente, mystische Größe durchzieht dabei das gesamte Album, es wirkt wie ein meditativer Moment vor dem drohenden Zerfall des Weltenlaufs, sanft schimmernd durch bedrohlich aufkommende Wolken und mit seiner Americana-Noir-Atmosphäre fast geisterhaft.
“I Made It All Up For You” klingt gleichermaßen nach Freiheit, aber auch nach einer allumschlingenden Dunkelheit, es wirkt ätherisch, melancholisch und ist, letztlich, wohl ein fragiles akustisches Refugium, ein sicherer Hafen, ein Ort des Nirwana, ein kleines Paradies.