Bild: oeticket/Eva Ruiz
Der Ex-Identitären-Führer Martin Sellner würde vergangenen Samstag in einem Wiener Roof-Top-Lokal abgewiesen. Wir haben eine Auswahl an Konzerten, wo er auch eher weniger Willkommen wäre.
Was ist passiert? Wer vergangene Woche nicht aufgrund der dröhnenden Hitze unter einem Stein verbracht hat, wird es mitbekommen haben: Martin Sellner, Ex-Anführer und Hauptaktivist der rechtsextremen Identitären Bewegung, wurde letzten Samstag im Wiener Rooftop-Lokal “Oben” über der Hauptbibliothek nicht bedient und unmissverständlich gebeten, das Lokal zu verlassen – er sei hier nicht erwünscht. Dazu mag man letztlich stehen, wie man will: Rechtlich können Lokale grundsätzlich über weite Strecken selbst entscheiden, wen sie bewirten. Ein Hausverbot ist zulässig, solange es nicht gegen das Diskriminierungsverbot verstößt. Und im Gegensatz zur Arbeitswelt sind in der Gastronomie zwar Geschlecht, Ethnie und Behinderung, jedoch nicht die Weltanschauung geschützt. Sellner stilisiert sich jedenfalls – wie so oft – seitdem als Opfer.
Da keimte bei mir die Frage auf: Welche Musik hört Martin Sellner eigentlich? Mit der ihm und seiner Bewegung nahestehenden FPÖ verbindet man ja zuvörderst die John Otti Band und wohl KI-generiertes Bierzelt-Humptata. Zeit meines Lebens konnte ich mich darauf verlassen, dass diese Bubble nicht sonders “cool” auftritt, und dass sie jeder Art von Zeitgeist, Style und Popkultur wenn nicht feindselig, dann wenigstens hilflos gegenübersteht.
Im Gegensatz zur Partei inszeniert sich die Identitäre Bewegung jedoch als “hippe Subkultur”. Eine Recherche ergibt: Als sich Martin Sellner nach seiner Neonazi-Vergangenheit 2012 neu erfand, gab er sich fortan als lässiger Jungintellektueller, der gerne Money Boy und Yung Hurn hört (wohlgemerkt: Ohne, dass diese sein Gedankengut widerspiegeln). Auch die obskure Nischenmusik des Neofolks gilt mit ihrer romantischen Naturbetrachtung, ihrer schwarzen Esoterik und dem soldatischen Faschofetischismus als willkommene Begleitmusik. Ganz neu hinzugekommen ist vergangenes Jahr mit Deutsche Vita ein maskiertes, dem Vernehmen nach schweizstämmiges Duo – der eine singt, der andere steht am Keyboard. Zu einem Sound, der an die Neue Deutsche Welle erinnert, singen sie sowohl über das Gefühl des Verliebtseins als auch über den Krieg und das blonde Mädel Erika Eleniak, den Bikini-Star aus der TV-Serie “Baywatch”. Dass ihr Vorname zudem an das gleichnamige NS-Marschlied erinnert, ist wohl reiner Zufall. Von ihrem größten Hit, simpel mit “Krieg” betitelt und mittlerweile über eine Million mal gestreamt, existiert auch eine “Light Version”: “Böse Wörter” werden durch das Geräusch von Maschinengewehrfeuer, durch das Durchladen einer Waffe zensiert.
Während zumindest Deutsche Vita in Österreich wohl kaum eine Bühne finden werden, finden sich hingegen zahlreiche Bands und Künstler*innen in den kommenden Wochen ein, die Martin Sellner wiederum nicht gern in ihrem Publikum sehen würden – und wohl wie auch das „Oben“ des Hauses verweisen würden. Eine kleine, überaus selektive Auswahl derjenigen, die sich auch auf der Bühne konsequent gegen Rechtsaußen positionieren, haben wir zusammengestellt:
Die Toten Hosen positionieren sich seit ihrer Gründung 1982 konsequent und öffentlich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit: Songs wie “Sascha … ein aufrechter Deutscher” oder “Willkommen in Deutschland” setzen sich kritisch mit Ausländerhass und deutscher Identität auseinander, und selbst im brandneuen Song “Schlechte Nachbarn” bezieht man kurz vor dem Bühnenabschied weiterhin wütend Stellung gegen rechte Tendenzen. Für ihr allerletztes Wien-Konzert am 12. September im Happel gibt es noch wenige Restkarten, ihr letztes Österreich-Konzert am 23. Juni in Graz ist bereits ausverkauft.
Herbert Grönemeyer positioniert sich seit Jahren sehr offen und deutlich gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft, nimmt aktiv an Kundgebungen für die Demokratie teil und kritisiert regelmäßig Hetzkampagnen, Desinformation und den schleichenden Einzug rechter Ideologien in die Normalität. Seine Haltung äußert sich regelmäßig in Interviews, bei Großkundgebungen und direkt auf seinen Konzerten. Mit Parolen wie “Kein Millimeter nach rechts” (aus “Fall der Fälle”) ruft er zu einer solidarischen, offenen Gesellschaft auf. Sein Konzert im Juni in der Wiener Stadthalle ist bereits ausverkauft, aber nur wenige Tage später tritt er open-air auf Burg Clam auf!
Danger Dan von der Antilopen Gang positioniert sich seit Jahren musikalisch und öffentlich sehr deutlich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Bekannt wurde in diesem Kontext unter anderem sein Song “Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt” sowie sein aktuelles Lied “Keine Angst”, das den antifaschistischen Widerstand zum Thema hat: Und zwar dermaßen explizit, dass die Intendanz des ZDF einen geplanten Auftritt in der Satire-Sendung Die Anstalt kurzfristig strich. Aber keine Sorge, live gibt es keine Zensur: Sein Konzert im Dezember im Gasometer ist zwar bereits ausverkauft, kommenden Juli gastiert er jedoch bei den METAStadt Open Airs.
Das Musik- und Kabarett-Duo Paul Pizzera und Otto Jaus positionierte sich 2020 mit dem satirischen Lied “Rechtes Vorbild” (ein Cover von Sidos “Schlechtes Vorbild”) deutlich und kritisch gegenüber dem ehemaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, erst diesen Sommer veröffentlichte Paul Pizzera mit seinem Projekt AUT of ORDA die bissige und satirische Single “Nazis gegen Rechts”, ein Song mit einem sehr klaren Blick auf rechte Selbstinszenierung, alltäglichen Fremdenhass sowie mediale Verschwörungsmythen. Beide Bands sind in den kommenden Monaten quer durch Österreich live zu erleben, in Wien, Graz, Kitzbühel, Salzburg und Amstetten.
Die Berliner Punkrocker Die Ärzte positionieren sich seit Jahrzehnten klar und unmissverständlich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Faschismus. “Schrei nach Liebe” ist wohl ihr bekanntester und einflussreichster Song gegen Neonazis und Fremdenfeindlichkeit, während “Liebe gegen Rechts” von “Hell” die Absurdität von Radikalisierung behandelt und “Demokratie” aus dem Jahre 2024 ein später Appell der Band für die Demokratie und gegen den Rechtsruck, verbunden mit dem deutlichen Aufruf, bei Wahlen seine Stimme abzugeben, ist. Die beiden Stadthallen-Konzerte im Mai sind bereits ausverkauft, aber dafür werden Die Ärzte auch Headliner am Nova Rock sein!
Die deutschen Rocker Madsen positionieren sich seit Jahren klar gegen Rechtsextremismus, Rassismus und den Rechtsruck in der Gesellschaft. Die Gruppe nutzt ihre Musik, Konzerte und Interviews regelmäßig für politische Aussagen und den Schutz der Demokratie. So wirkte man unter anderem bei der Initiative “Kein Bock auf Nazis” mit und veröffentlichte etwa 2024 die Single “Faust hoch gegen Faschismus”, um ein deutliches Zeichen gegen den Rechtsruck zu setzen: “Sie machen sich wieder breit, haben nichts gelernt mit der Zeit. Und der Hass ist groß: Dagegen Faust hoch!” Madsen spielen im November in der Music Hall in Innsbruck und im Wiener Gasometer.
Auch die deutsche Indie-Rock-Band Sportfreunde Stiller positioniert sich seit Jahren klar und öffentlich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und den Rechtsruck in der Gesellschaft: Im Jahr 2008 riefen die Musiker den Song und die Initiative “Antinazibund” ins Leben, um ein Zeichen gegen Antisemitismus und Neonazismus zu setzen, zudem arbeite man unter anderen mit der Organisation “Laut gegen Nazis” zusammen. Bekannt ist aber auch ein Konzert in Finowfurt im Jahr 2008, das unter dem Motto gegen Rechts stattfand und wegen rechtsextremer Gegendemonstrationen unter massivem Polizeischutz ablief. Die Sportis spielen im Oktober in Linz (ausverkauft) und in Wien!
Die Hamburger Band Tocotronic positioniert sich seit Beginn ihrer Karriere klar und unmissverständlich gegen Rechtsextremismus, Faschismus und Nationalismus, so spielen sie regelmäßig auf Soli-Konzerten und unterstützen Initiativen gegen Nationalismus in der Popkultur und sammeln Spenden für Geflüchtete. Musikalische Statements gibt es aber auch zuhauf: Von älteren Klassikern wie “Aber hier leben, nein danke” über “Jugend ohne Gott gegen Faschismus” bis hin zu “Denn sie wissen, was sie tun” protestieren sie mit teils drastischen Bildern gegen den rechten Zeitgeist. Tocotronic spielen im August in Wien und Linz, im Oktober beim Grazer IndieOhren Festival.
Die Chemnitzer Indie-Band Kraftklub (und Felix Kummer mit seinem Soloprojekt) positioniert sich seit ihrer Gründung klar links, antifaschistisch und gegen Rechtsextremismus. Nicht nur Kummer, auch seine Bandkollegen nutzen ihre Bekanntheit immer wieder für deutliche gesellschaftliche Statements: So organisierte man 2018 nach rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz spontan das kostenlose Großkonzert “Wir sind mehr” mit rund 65.000 Besucher*innen! Neben etwa “Vierter September" und “Fenster” nimmt “So rechts” gar eine Sonderstellung ein: Hier geht um die politische Radikalisierung im Alter. Kraftklub kommen am 20. August aufs Frequency!
Auch ihre Kollegen Kaffkiez positionieren sich klar gegen Rechtsextremismus, verteidigen demokratische Werte und rufen regelmäßig zu Zusammenhalt sowie zur Teilnahme an Wahlen auf: Im Mittelpunkt steht immer, dass Werte wie Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Demokratie geschützt werden müssen - und zwar nicht nur auf ihren Konzerten, sondern natürlich auch im Alltag. Allerdings artikulieren sie sich in ihren Songs tendenziell zwischen den Zeilen, greifen nicht Parteien oder Ideologien direkt an, sondern setzen darauf, Werte wie die Gemeinschaft hochleben zu lassen. Kaffkiez kommen im August in der Arena, im September in den Posthof.