Wer einmal in Kim Draculas Fänge geraten ist, der entkommt ihnen so schnell nicht mehr. Zahlreiche willige Opfer lassen sich nur allzu gerne das Blut aus den Adern saugen, als 2020 ein Cover von Lady Gagas "Paparazzi" auf TikTok auftaucht und dort schließlich durch die Decke geht. Seitdem verbreitet Kim Dracula aka Samuel Wellings nicht nur weitere Songs wie "Make Me Famous" oder "Drown", sondern mit diesen und nicht zuletzt den zugehörigen Musikvideos auch Angst und Schrecken – und das ist durchaus positiv zu verstehen. Übrigens gehört Samuel Wellings nicht eindeutig einem bestimmten Geschlecht an, weshalb in englischsprachigen Artikeln meist das Pronomen "they" verwendet wird. Ob nun weiblich, männlich oder divers – allzu Zartbesaitete bekommen bei dem australischen Phänomen angesichts der leicht verstörenden Horror-Ästhetik vermutlich wirklich das Gruseln; alle anderen aufgeschlossenen, härteren Klängen zugeneigten Musikkonsumenten dürften an dem hochspannenden, modernen Multigenre-Metalmix aber ihre helle Freude haben.
Wenn Kim Dracula mit irrem Lachen in die Kamera blickt oder im Brautkleid mit einem Maschinengewehr um sich ballert, wie im Clip zu "Make Me Famous", dann kann einem schon mal ein Schauer über den Rücken jagen. Überhaupt ist "Make Me Famous" mit seinem Schockeffekt-Video ein Paradebeispiel für jene Art Kunst, für die Kim Dracula steht. Und als solche, und nicht etwa als Gewaltverherrlichung, ist das Ganze auch zu verstehen, wie der Disclaimer am Anfang des Clips verdeutlicht: "The following is art and as such, is not an endorsement of violence, but rather a reflection of the world we live in." Ebenso verstörend und genial kommt das Video zu "Drown" daher. Heutzutage ist es wahrlich nicht leicht, das Publikum zu überraschen – Kim Dracula gelingt es jedoch, auch Hartgesottenen ein ungläubiges "WTF!?" zu entlocken.
Anfänge, "Paparazzi" und "Seventy Thorns"
So wie das Vampirgeschöpf aus Tasmaniens Hauptstadt Hobart durch extremes Auftreten mit allgemeinen Sehgewohnheiten bricht, sprengt die Musik analog dazu Genregrenzen – und das von Anfang an. Vormals bei der australischen Metal-Combo Jesterpose aktiv, kombiniert Kim schon auf frühen Solo-Singles wie "Killdozer", "1-800-Close-Ur-Eyes" und "Say Please" Trap-Beats mit Alternative-Metal- und Industrial-Elementen. Nach dem viralen Hit mit "Paparazzi" ist Kim Dracula wenig später auf "Worm" von IC3PEAK zu hören und legt 2022 mit den Songs "Make Me Famous" und "Drown" nach. Im Februar 2023 droppt Kim Dracula dann die nächste Single "Seventy Thorns" – mit einem prominenten Gastsänger, der perfekt zum außergewöhnlichen Sound passt: Kein geringerer als Korn-Fronter Jonathan Davis gibt sich auf "Seventy Thorns" die Ehre. Der Track startet mit kreischend-hohen Heavy-Metal-Screams, die von Kim Draculas erstaunlicher gesanglicher Bandbreite zeugen, bevor Davis’ unverkennbare Stimme erklingt.
Songs wie "Seventy Thorns", "Make Me Famous" und "Drown" eint der wahnwitzige Stilmix. E-Gitarren treffen auf elektronische Klänge, wütende Metalcore-Parts wechseln sich mit pop-rockigen Hooks ab, Kim rappt, schreit und singt im Wechsel und kurze Bläser-Einlagen tauchen wie aus dem Nichts auf, um beim Hörer ein erleichtertes Auflachen auszulösen, das ihm sogleich wieder im Halse stecken bleibt. Das ist crazy und chaotisch und gleichzeitig eingängig und stimmig – und obendrein absolut hörenswert! Möglicherweise gehört die musikalische Zukunft Artists wie Kim Dracula, die sich nicht um Genrekonventionen scheren und mutig neue Wege bestreiten. Eine treue Fangemeinde hat Kim Dracula jedenfalls längst überzeugt.