Wenn du vor dieser Wand aus Posaunen und Trompeten stehst. Wenn dir die Druckwellen mit Wucht ins Gesicht schlagen. Wenn sich die kollektive Energie zu einem einzigen Sound verdichtet. Nichts ist so wie dieses Gefühl, das sich schwer beschreiben, aber umso besser spüren lässt. “Bläser sind sehr menschliche Instrumente. Sie haben eine wahnsinnig direkte Energie, fast wie Gesang. Sie können laut und mächtig sein, aber auch gefühlvoll. Außerdem repräsentieren sie eine Gemeinschaft. Mit nur einem Bläser kann man keine Harmonie spielen. Es müssen immer mehrere Menschen zusammen kommen und ihren Teil dazu beitragen. Das ist, was uns ausmacht.”
Der das sagt, ist Keno Langbein. Er ist Texter, Rapper und Sänger bei Moop Mama. Seit mittlerweile sieben Jahren ist die Münchner “Urban Brass”-Band auf ihrer ganz eigenen Mission – mit zehn Mann auf der Bühne und einer einzigartigen Power, die neugierige Novizen in überzeugte Fans verwandelt, bevor diese überhaupt so recht begriffen haben, was da eigentlich los ist. Moop Mama ist physisches Entertainment, Hip-Hop als Erfahrung. “Live”, hält Saxofonist Marcus Kesselbauer ohne zu zögern fest, “sind wir ein Brett. Wenn wir alle auf der selben Welle reiten, dann gibt es kein Halten.”
Mit “M.O.O.P.topia” übersetzt die Band den viel beschworenen “Moop-Mama-Moment” in 14 Songs von dauerhafter Gültigkeit. Es geht um die feinen Schattierungen des Mensch-Seins ebenso wie die großen Kontraste unserer Zeit. Es geht um Fernweh und Frühling, um Kinder und Komplizen, um Inseln und Isolation. Es geht um Hass, den man nicht erklären kann, und um Liebe, die man nicht erklären will. Es geht um das Tanzen, das Prokrastinieren und darum, wie geil es eigentlich wäre, wenn man dieses verdammte Internet einfach mal eben löschen könnte.
So entsteht ein dezent poetisiertes Panoptikum unserer Gesellschaft und Gefühlswelt. Es ist ein denkbarer Ort aus Ideen und Melodien – eine “M.O.O.P.topia” eben. “Das Konzept der Stadt und der Gemeinschaft hat in unserer Musik immer schon eine Rolle gespielt”, erklärt Keno. “Wir machen Urban Brass, wir erzählen urbane Geschichten. Diese Idee hat sich diesmal noch klarer herausgeschält: Aus den einzelnen Songs kann man sich so etwas wie eine Stadt zusammenbauen. Eine Stadt, die es im Grunde genau so geben könnte, in der nur alles noch schöner, auch schlimmer, einfach intensiver ist.”
Wie immer bei Moop Mama ist das Album voll von amüsanten Alltagsbeobachtungen. So beschreibt “Typ Ische Verhältnisse” schrecklich normale (und normal schreckliche) Pärchen, wie sie jeder aus seinem Freundeskreis oder aus der U-Bahn kennt. “Prokrastination” widmet sich unser aller Lust am Aufschieben, dem Thema gemäß nach dreiminütigem Instrumental-Intro. “Alle Kinder” basiert auf einem erprobten Sparwitz-Schema: “Alle Kinder holen sich ein Bier / Nur nicht Kai, der holt die Polizei.” Und “Die Erfindung des Rades” ist eine rasend funky Variation des guten, alten Hip-Hop-Topos “Wir sind die Geilsten und jetzt geht’s ab”, mit einem fetten Grinsen im Gesicht: “Die Zeit der Dreiecke ist vorbei / Die Erfindung des Rades / Lass es rollen!”
Es gibt diese kleine Anekdote zu dem Bandnamen. Wer das Fantasiewort “Moop” googlet, lernt schnell, dass man es auch als Akronym lesen kann: Matter Out Of Place, MOOP. So heißt der Müll auf dem berühmten Burning Man Festival in der Wüste von Nevada, seitdem er dort an ungewöhnlichsten Orten gefunden wurde. Moop Mama erfuhren davon bei einer unbedarften Netz-Recherche. Müll also. Eine Parallele zu unerwartetem Unrat aber fiel ihnen dann doch auf. Auch Moop Mama tauchen gerne mal da auf, wo sie vermeintlich nicht hingehören. Das war so, als sie ihre Karriere mit unangemeldeten Guerilla- Konzerten im Englischen Garten oder in den Zwischengeschossen der Münchner U-Bahn starteten. Und das ist noch heute nicht anders, wenn sie als Blaskapelle plötzlich auf einer Festivalbühne stehen und vor ihnen eine Menge von Menschen alles um sich herum vergisst.
Die Wand. Die Wellen. Die kollektive Energie. Manchmal ist die “M.O.O.P.topia