Das zweite Album von Sam Quealy, JAWBREAKER, verdankt seinen Titel der gleichnamigen, zeitlosen Süßigkeit, die denselben unverwechselbaren Charakter wie ihre Musik besitzt: eine gewagte Versuchung, die zugleich unwiderstehlich süß und gefährlich hart ist und nicht zuletzt für ihr Potenzial geliebt wird, auf herrlichste Weise Chaos anzurichten. In einer beeindruckenden Weiterentwicklung ihres 2023 erschienenen Debütalbums Blonde Venus bereichert die in Paris lebende Sängerin und Songwriterin ihren wunderbar anarchischen Dance-Pop um eine neue Disco-Komponente. Dabei verbindet sie üppige Grooves mit himmlischen Melodien, ohne auch nur im Geringsten hinter der chaotischen Energie der Welt um sie herum zurückzubleiben. Als brillante Kollision aus Sensibilität und Subversion, überbordendem Bombast und Hyperfeminität bestätigt JAWBREAKER Quealys Status als visionäre Verwandlungskünstlerin, die sich jeder Konvention widersetzt.
JAWBREAKER entstand gemeinsam mit ihrem langjährigen musikalischen Weggefährten Marlon Magnée (Mitbegründer der französischen Rockband La Femme) in ihrem Homestudio sowie im Studio Ferber, einem Pariser Tonstudio, in dem bereits der legendäre Serge Gainsbourg in den 1970er-Jahren Aufnahmen machte. In bewusster Abkehr vom ungestümen Techno-Pop von Blonde Venus formte Quealy den opulenten Sound des Albums durch den umfangreichen Einsatz live eingespielter Instrumente und verlieh den Songs über Lust, Sehnsucht und Selbstzelebrierung eine intensive Strahlkraft. „Beim ersten Album ging es viel ums Entdecken und Experimentieren – ich habe mich an keinerlei Regeln gehalten, und es fühlt sich sehr nach Nische und Underground an“, erzählt die in Australien geborene Künstlerin. „Dieses Album hat immer noch die nihilistische Grundstimmung der ersten Platte, aber gleichzeitig auch eine gewisse Leichtigkeit und Positivität. In einer Zeit, in der man ständig mit so vielen deprimierenden Nachrichten konfrontiert wird, wollte ich etwas schaffen, das allen ein gutes Gefühl gibt.“
Mit der Leadsingle „LONDONTOWN“, die zugleich das Album eröffnet, liefert Quealy den perfekten Einstieg in die wunderbar entfesselte Atmosphäre von JAWBREAKER: eine ebenso fieberhafte wie euphorische Hymne auf den Ausbruch aus dem Alltag. „In dem Song geht es darum, einfach weglaufen und irgendwo anders neu anfangen zu wollen. Das hat zum Teil damit zu tun, dass ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin und wusste, dass es da draußen noch so viel mehr gibt“, erzählt Quealy, die aus einem Küstenort in der Nähe von Sydney stammt. Hypnotisch und voller Dramatik zeichnet „LOVE LASSO“ ein Bild von unheilvoller Romantik und handelt von dem, was Quealy als „eine toxische Liebe, zu der man immer wieder zurückkehrt, obwohl man weiß, dass sie einem nicht guttut“ beschreibt. Mit dem herrlich ausgelassenen „GIRLS NIGHT“ präsentiert JAWBREAKER anschließend ein schillerndes Stück Synth-Pop, das aus ihrer großen Leidenschaft für das Spiel mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Rollen entstanden ist. „Auch wenn alle meine Songs aus mir selbst heraus entstehen, schreibe ich nicht immer aus meiner eigenen Perspektive“, erklärt sie. „Ich habe hundert Perücken zu Hause und probiere ständig verschiedene Versionen meiner selbst aus. Bei ‚GIRLS NIGHT‘ wollte ich in die Rolle eines Rockstar-Girls im Stil von Debbie Harry oder Nina Hagen schlüpfen.“ Auf „BY MY SIDE“ wiederum tut sich Quealy mit Magnée für einen traumhaft schönen Liebessong zusammen und krönt ihr zärtliches Duett mit einem wahrhaft majestätischen Gitarrensolo.
Als vielseitige kreative Kraft war Quealy maßgeblich an der Entwicklung der Musikvideos zu JAWBREAKER beteiligt und bereicherte jedes davon mit extravagant eindrucksvollen Bildern, die das Zeug dazu haben, sofort ikonisch zu werden – etwa eine rasante Motorradverfolgungsjagd in „LONDONTOWN“ oder eine Szene in „LOVE LASSO“, in der sie sich einer Horde männlicher Bodybuilder entgegenstellt. Wie bei all ihren Videos (und ihren faszinierenden Live-Auftritten) versieht Quealy auch diese beiden Clips mit einer ebenso fieberhaften wie hochraffinierten Choreografie. Damit rückt sie ihre außergewöhnlichen tänzerischen Fähigkeiten in den Mittelpunkt, die sie ihr ganzes Leben lang perfektioniert hat. Nachdem sie während ihrer gesamten Kindheit Ballettunterricht genommen und eine Schule für darstellende Künste in Sydney besucht hatte, begann sie im Alter von 18 Jahren als professionelle Tänzerin in Hongkong zu arbeiten. Später lebte sie auf den Philippinen und in den USA und nahm zwischenzeitlich sogar einen Job als Assistentin eines Zauberkünstlers auf einem Kreuzfahrtschiff an. Nach ihrem Umzug nach Paris Ende der 2010er-Jahre arbeitete Quealy zunächst als Showgirl in einem Cabaret, widmete sich jedoch schon bald ihrer lebenslangen Leidenschaft für Musik. „Anfangs habe ich hauptsächlich damit experimentiert, Songtexte zu schreiben. Aber während der Corona-Pandemie habe ich angefangen, Gitarre zu spielen, Klavier gelernt und mir beigebracht, mit Ableton umzugehen“, erinnert sie sich. „Es fühlte sich an, als könnte ich endlich alles, was ich liebe – Musik, Tanz, Performancekunst und Mode – in einem einzigen Medium vereinen, in dem es keinerlei Regeln oder Grenzen dafür gibt, was man erschaffen kann.“ Schon vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums erhielt Quealy Anerkennung von einflussreichen Trendsettern wie dem Office Magazine, das ihre „dystopischen Club-Banger“ lobte und feststellte, ihre Musik „repräsentiere die kollektive Geisteshaltung einer Generation, die in einer zunehmend instabilen Welt erwachsen geworden ist“.
Während sie sich nun auf eine ausgedehnte Tournee zur Unterstützung von JAWBREAKER vorbereitet, präsentiert Quealy eine schillernde Liveshow, die von ihrem extravaganten Charisma getragen wird. „Auf der Bühne habe ich eine starke maskuline Energie, bin gleichzeitig aber auch extrem feminin, fast schon Drag-mäßig – als würde ich mit meinen riesigen Perücken und High Heels eine Karikatur einer Frau verkörpern“, erklärt sie. Doch trotz der extravaganten Kostüme strahlt ihre Bühnenperformance eine spürbare Authentizität aus. „Auf der Bühne fühle ich mich am meisten wie ich selbst, und ein großer Teil meines Wunsches, Musik zu machen, entspringt dem Bedürfnis, sie live aufzuführen“, verrät Quealy. „Wenn ich auf der Bühne stehe, ist es, als wäre ich besessen – es strömt so viel Energie durch mich und durch alle anderen im Raum. Es ist dieser unglaubliche Austausch zwischen dem Publikum, mir und meinen Tänzerinnen und Tänzern. Und wir sind alle gemeinsam dort, um kompromisslos und ohne uns dafür zu entschuldigen, wir selbst zu sein.“