Eine farbenprächtige Gigant-Lichtshow vor Mega-LED-Walls, mehr als 100 Künstler auf die Bühne. Das ist das Setting für die Werke des ungarischen Ausnahmekönners Balázs Havasi. Die Alten Meister dürfen in der Schublade bleiben, denn seit mittlerweile zehn Jahren beeindruckt der heute 42jährige mit eigenen Kompositionen Fans auf der ganzen Welt. Der gefeierte Pianist pfeift auf Konventionen und liefert ein Gesamtkunstwerk für Ohren und Augen ab, duelliert sich schon einmal mit einem Rock-Drummer und füllt so die großen Hallen. Bereits Mitte November gastierte er bei der Programmpräsentation in der Wiener Stadthalle, am 2. Dezember kommt Havasi mit seinem Klassik-Spektakel erneut in die namhafteste Location des Landes. Kann so die Zukunft der klassischen Musik aussehen?
Bei einem Showcase kann man dich schon mal hautnah am Klavier erleben, du trittst bloß mit einem Beatboxer (!) und einem Rock-Schlagzeuger als Trio auf. Erst da merkt man, welche Kraft hinter deinem Spiel steckt.
Havasi: Ehrlich gesagt ist das nur ein kleiner Ausschnitt von dem, was ich mache. Ein Musiker muss wandlungsfähig sein. Was wir tun müssen ist, unsere Emotionen auf das Publikum zu übertragen. Es geht um Leidenschaft. Wenn man mich als virtuosen Pianisten bezeichnet, dann ist mir das eigentlich völlig egal. Virtuosität ist bloß ein Hilfsmittel um mich auszudrücken. Das wichtigste in der Musik, in meinem ganzen Leben, ist die Leidenschaft.
Perfektes Spielen ist also gar nicht so wichtig?
Havasi: Nein, überhaupt nicht. Sviatoslav Richter war einer der größten Konzertpianisten aller Zeiten. Er hat bei seinen Konzerten viele Fehler gemacht, aber wen kümmerte es? Ich muss die richtige Botschaft haben und sie muss ankommen. Wenn man solche Showcases spielt, die kaum 15 Minuten dauern, kann man sich nicht erst aufwärmen. Man muss gleich die Atombombe werfen!
Normalerweise spielst du mit einhundert Musikern vor tausenden Menschen, heute vor einer Handvoll Journalisten und Veranstaltern. Fühlst du dich so nicht ein wenig nackt?
Havasi: Ja, für mich ist sowas schwieriger, als in einem Stadion aufzutreten. Als wäre man ein Zauberer, dem alle aus nur einem Meter Entfernung auf die Finger schauen. Da musst du schon sehr professionell sein, damit sie deine Tricks nicht entdecken. Da geht es um dein Talent, ob man eine solche Situation auch meistern kann. Wenn ich hundert Musiker um mich herum habe, hinter mir die riesige LED-Wall - da ist es nicht besonders schwer, ein Superstar zu sein. Wenn du nur ein Klavier hast und die Menschen sind zwei Meter entfernt, ist das eine komplett andere Sache. Da musst du schon zeigen, was du kannst.
Vor längerer Zeit habe ich mit David Garrett darüber gesprochen, dass Klassik-Fans Crossover-Musiker nicht besonders ernst nehmen. Gilt das auch für dich?
Havasi: Vielleicht. Der Unterschied zwischen mir und den meisten Crossover-Künstlern ist, dass ich keine Covers spiele. Ich spiele ausschließlich meine eigene Musik, ich bin ja Komponist. Da sind die Regeln anders. Wenn du Chopin spielst, gibt es eine Menge an Experten die dir sagen, wie du zu spielen hast. Wenn du deine eigene Musik aufführst, kann dir keiner sagen, wie das zu klingen hat.
Ist es ein absolutes Muss, dass du ausschließlich eigene Stücke im Programm hast?
Havasi: Ja, das ist ein mein wichtigste Handwerkszeug seit acht oder neun Jahren.
In den vergangenen Jahrzehnten gab es unzählige Crossover-Projekte, die nie so erfolgreich waren wie Havasi. Sind deine Eigenkompositionen das Geheimnis des Erfolgs?
Havasi: Das ist natürlich der schwierigere Weg, denn du musst dich nicht nur als Künstler der Welt vorstellen, sondern noch dazu deine eigene Musik. Und meine Musik ist ja eine neue Art von Musik, die man kaum mit anderen Stilen vergleichen kann. Das ist der Grund, weshalb so viele Künstler Covers von bekannten Stücken spielen, die kennen bereits Millionen von Menschen. Das ist viel einfacher. Als ich mich entschieden habe ausschließlich meine Titel zu spielen, hat das mein Leben komplett verändert. Ich kann mich sogar noch genau an den Tag erinnern, als ich das entschieden habe. Ich mag diese Art der Freiheit, dass ich auf der Bühne tun kann was ich will. Ich kann gemeinsam mit einem Beatboxer spielen - und das hat es noch nie gegeben! Heute war das erste Mal, dass wir damit live aufgetreten sind.