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Konzerte

As Bad As I Am

09.09.2022 von Robert Fröwein

Kennen Sie den? Ein Vampir kommt besoffen nach Hause. Seine Frau schimpft: „Musst du immer Alkoholiker beißen?“ Nun gut, es gibt sicher bessere Kalauer, doch wenn wir von den Hollywood Vampires reden, dann haben sich die drei Hauptprotagonisten früher nur allzu gerne selbst gekostet. Wenn Alice Cooper, Johnny Depp und Joe Perry (mit Begleitband, die aus Tommy Henriksen, Glen Sobel, Chris Wyse und Buck Johnson besteht) am 1. Juli 2023 unter der Burg Clam rocken, dann treffen Gallonen von Promille aufeinander. Das Rock’n’Roll-Leben haben alle drei bis zum Exzess ausgekostet, nur um in verschiedenen Ebenen ihres Lebens doch die Notbremse zu ziehen. Gruselpapst Alice Cooper hat schon in den frühen 80er-Jahren zu Gott gefunden und den Schnaps zum Teufel gejagt. Für Joe Perry und seinen Aerosmith-Lead-Sänger Steven Tyler wurde der heute salonfähige Begriff „Toxic Twins“ überhaupt erst ins Leben gerufen und Bandküken Johnny Depp hat sich vor einigen Jahren von den beiden Geläuterten therapieren lassen. „Saufen ist Flucht. Und ich laufe nicht mehr weg“, diktierte er Journalisten 2019 in die Aufnahmegeräte. Da wartete das Malheur dieses Jahres bereits listig hinter der Kühlschranktür.

Brot und Spiele

Österreich in leiwanden Grafiken

Wenn man in den medialen Bilanzlisten des Jahres 2022 Ukraine-Krieg, Gasknappheit und Regierungsversagen bei Corona beiseitelässt, wird die Gerichtscausa zwischen Johnny Depp und seiner Ex Amber Heard den breitesten Platz einnehmen. Wer nach Verfügbarkeit der Covid-Impfung dachte, kein Thema könne die Gesellschaft ähnlich in zwei Lager spalten, der hat das Society-Thema des Jahres, ja, vielleicht sogar Jahrzehnts, eindeutig zu wenig beachtet. Von Schlägereien, Verletzungen, Bettwäsche-Defäkation und verbrannten Leichnamen war da die Rede. Schön medienwirksam für die ganze Welt aufbereitet, die sich auf den diversen Plattformen der sozialen Medien im Gerichts-Elend suhlte. Was war denn nun schwarzer Humor und was echt? Wo darf man denn noch darüber lachen und was ist eindeutig „way too far“? Das Gericht entschied pro Johnny und stürzte Amber ins Tal der gesellschaftlichen Bedeutungslosigkeit. Brot und Spiele anno 2022. Aus dem geächteten Chauvinisten wurde wieder „sweet Johnny“, der fast 60-jährige Bengel, der keiner Fliege ernsthaft was zuleide tun kann.

Zwischen den global grassierenden Hashtags #justiceforjohnnydepp und #amberheardisapsychopath blieb kaum noch Platz um durchzuatmen. Ein Zeitzeichen unserer virtuellen Hetzgesellschaft, die Diskurs und Meinungsvielfalt schon vor langer Zeit gegen unreflektiertes Schafotterrichten und digitale, prozesslose Hinrichtungen eingetauscht hat. Morddrohungen gegen Heard nahmen zu, der sicher nicht blütenweiße Depp hatte dafür gefühlt die halbe Welt hinter sich. Ob der Prozess und die wilden Online-Diskussions- und Meinungstornados dafür gesorgt haben, dass man häusliche Gewalt nicht ernst genug nimmt und der Toxic Masculinity in den eigenen vier Wänden nun Tür und Tor geöffnet sind, darüber wird noch in vielen Büchern diskutiert werden. Ein entlarvenderes Beispiel für die gesellschaftliche Schnappatmung der immer zahlreicher aufploppenden „Tastatur-Krieger“ hätte es jedenfalls nicht geben können. Depp selbst ging schlussendlich gestählt aus dem skurrilen Gerichtsreigen hervor und wurde über Nacht von der böse gecancelten Persona Non Grata hin zu Everybody’s Darling in Hollywood zurückbefördert. Der Wahnsinn kennt eben keine Grenzen.

Flucht aus dem Alltag

Der 59-Jährige setzt in seiner neugewonnenen Freizeit auf die Kraft der Musik. Ein paar ausgewählte Shows mit Gitarrenlegende Jeff Beck quer durch Europa konnte man unter „ja eh“ verbuchen, doch hier zählt vornehmlich die Star-Power und nicht die dargebotene Qualität, die Videoaufnahmen zufolge eher im mediokren Bereich angesiedelt waren. Auf dem gemeinsamen Studioalbum „18“ frönen die beiden ausufernd der Vergangenheit und berufen sich in einem Song sogar auf die von Depp so vergötterte österreichisch-amerikanische Schauspielerin Hedy Lamarr. Einen jugendlichen und kreativen Geist hätte die Zusammenarbeit erweckt, gaben die beiden Musiker in Gesprächen bekannt, vielmehr sehnte sich Depp nach dem kräfteraubenden Prozess aber wohl nach einer verklärten Vergangenheit, als die Welt noch heil und in Ordnung war. Für die Flucht aus dem Alltag war der Rock’n’Roll schon immer das beste Ventil und wer ist mehr Rockstar als Johnny Depp himself, für den sogar ein Keith Richards einst bei „Fluch der Karibik“-Dreharbeiten demütig von der Palme fiel?

Wird man sich der gegenwärtigen Nüchternheit der alten weißen Männer gewahr, ist der Terminus Hollywood Vampires längst obsolet. So nannten sich nämlich in den 70er-Jahren ultratrinkfeste Rockstars wie Keith Moon, Ringo Starr oder Harry Nilsson, neben denen einst sogar Namenspatron Alice Cooper wie ein Chorknabe wirkte.

Den mit dem Debütalbum eroberten Ruf, die „teuerste Coverband der Welt“ zu sein, hat man mit dem 2019 erschienenen Zweitwerk „Rise“, das vorwiegend auf Eigenmaterial setzte, abgelegt. Wie im Rock’n’Roll heute Usus, klingen die drei Helden aber dann am besten, wenn sie sich auf längst vergangene Tage berufen. So erinnert sich der Verfasser dieser Zeilen mit Gänsehaut an Johnny Depps Version von Bowies „Heroes“ beim Clam-Konzert 2018. Das sollte sich doch nächsten Sommer wiederholen lassen – mit einem humorigen Alice Cooper, einem musikalisch bezaubernden Joe Perry und einem rehabilitierten Johnny Depp. Auch wenn wir es noch sehr abstreiten: unseren Rock’n’Roll lieben wir noch immer weiß, alt und männlich. Das mag so platt wie unser Vampirwitz sein, aber geben Sie es doch zu – es funktioniert.

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