Bild: Sylwia Makris & Christian Martin Weiss
Ende Jänner emeritierte Kardinal Christoph Schönborn: Damit endete seine Amtszeit nach 30 Jahren als Wiener Erzbischof. Noch vergangenen Dezember äußerte er sich vor der Presse durchaus selbstkritisch, sind die letzten Jahre seiner Amtszeit vor allem durch zahlreiche Kirchenaustritte aus der römisch-katholischen Kirche geprägt: Es traten zwischen 60.000 und 90.000 Österreicher*innen aus der Kirche aus - jährlich. Aktuell sind nicht einmal mehr 50 Prozent aller Österreicher*innen Mitglied der Kirche. An diesem "Schmerzpunkt", so Schönborn, gebe es “nichts zum Schönreden”. Allerdings hob er auch hervor: “Ich glaube, dass grundsätzlich die Bindung an Institutionen nachgelassen hat.”
Neben Todesfällen ist freilich auch die angespannte wirtschaftliche Gesamtlage ein Mitgrund, wieso die Kirche weniger Neuzugänge oder gar Abmeldungen erhält: Die zu zahlende Kirchensteuer sind Fixkosten, die sich viele Menschen nicht mehr leisten können und wollen. Christ*in sein oder zumindest christliche Werte wie Nächstenliebe zu leben, das kann man bekanntlich auch ohne Mitgliedsausweis. Doch zahlreiche Menschen lehnen vieles, wofür die (katholische) Kirche heute steht, generell ab - und das freilich nicht nur in Österreich. Gerade in Ländern wie Polen, wo die katholische Kirche eine noch höhere Prominenz, einen noch höheren Einfluss als hierzulande genießt, sind Gräben zu Andersdenkenden (beziehungsweise: Progressivdenkenden) beinahe unüberwindbar: Denken wir nur an ein veraltetes Gesellschaftsbild (Stichwort: “Rolle der Frau” oder “Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben”) oder Positionen zu Themen wie etwa der Abtreibung.
Einer der größten, dabei auch prominentesten Kritiker der Kirche ist Adam Darski, Gründer, Gitarrist und Sänger der polnischen Black Metal-Band Behemoth. Black Metal, das ist eine Subkultur des Heavy Metals, die in den Achtzigern entstand und sich insbesondere in Norwegen und Schweden rasch ausbreitete: Stark vereinfacht ist eines der stilistischen Merkmale des Black Metals ein Hang zum Satanismus. Natürlich kann man Satanismus, Blasphemie und radikale antichristliche Äußerungen auch als provokante, dabei aber “verkaufsfördernde Maßnahme” ansehen - doch für Darski ist seine Ablehnung der Kirche tatsächlich auch ein persönliches Anliegen.
So zerriss er 2007 bei einem Konzert von Behemoth in Gdynia auf der Bühne eine Bibel und nannte die Kirche eine “mörderische Sekte” - und macht sich seitdem auch abseits der Bühne für eine Gleichberechtigung von Homosexuellen und für die Trennung von Kirche und Staat stark. Eine Einstellung, die ihn auch bereits vor das polnische Gericht gezerrt hat, der Vorwurf: “Verletzung religiöser Gefühle”.
Damit zeigt Darski, dass Black Metal und die damit verbundene antichristliche Einstellung auch mehr als ein “Sandkastenspiel” sein kann, mehr als nur ein Nischen- oder Jugendphänomen (immerhin ist Darski Ende 40). Es geht hier um ein dezidiert kämpferisches Denken, das in die Mitte der Gesellschaft drängt - seine Gedanken, die eines reflektierenden Individualisten, lassen sich etwa in seinem Buch “Beichten eines Ketzers” (2018 auch auf Deutsch erschienen) nachlesen: Es geht ihm nicht um die Anbetung Satans oder ähnliches, sondern um einen Kampf gegen Institutionen, ihre Anhänger und ihre Regeln, die nicht mehr zeitgemäß oder sogar brandgefährlich sind.
Nun kündigen Behemoth ihr 13. Album an, das am 9. Mai erscheint: Es ist etwas plakativ mit “The Shit Ov God” betitelt und wird im Pressetext als ihr “bis dato aufrührerischstes und extremstes Album” bezeichnet. “Wir haben diesen provokativen Titel bewusst gewählt, um Subtilität abzulehnen und stattdessen eine direkte, polarisierende Aussage zu treffen. Es ist ein trotziger Sprung in die Tiefe, ein mutiger Versuch, das Absolute selbst in der Gosse zu suchen”, wird Darski zitiert. Acht Songs werden darauf zu hören sein, mit Texten, die “in die Tiefen der Menschlichkeit, der Göttlichkeit und der Auflehnung” vordringen. Es ist eine Abrechnung mit einer Zeit, in der sich immer noch viel zu viele Menschen an einen Erlöser klammern, während Individualität und Selbstbestimmung immer kostbarer wird.
Das Album ist bereits in zahlreichen Versionen, darunter auch signierten Vinyls, vorbestellbar.
Selbstverständlich laden Behemoth auch zur öffentlichen Messe - und zwar bereits vor Erscheinen des Albums! So gastieren sie mit Satyricon und Rotting Christ am 4. April im Wiener Gasometer, am 5. April im Münchner Zenith. Passender könnte der Support nicht sein!
Satyricon sind wie Behemoth auch bereits seit den frühen Neunzigern aktiv und gelten heute als eine der prominentesten norwegischen Black-Metal-Bands, wenngleich sich ihr Sound seit den Anfängen wie etwa “Dark Medieval Times” stark weiterentwickelt und Anleihen von massentauglicherem Rock'n'Roll genommen hat. Ja, selbst in die Welt der Hochkultur ist man bereits eingetaucht, gastierte man im September 2013 doch mit Chor im Osloer Opernhaus (!) und konnte für den Song “Phoenix” gar Sivert Høyem gewinnen - eine norwegische Prominenz, die sich sowohl mit Madrugada, aber auch mit einer sehr intensiven Solokarriere einen Namen gemacht hat.
Erst vergangenen Sommer hatte ich am norwegischen Beyond The Gates-Festival die einmalige Gelegenheit, Satyricon im renommierten Grieghallen mit gleich zwei besonderen, die komplette Karriere umspannenden Konzerten, live zu erleben. Im Studio dieser überaus edlen Konzertlocation, die etwa auch Nick Cave auf seiner Solotour wiederholt eine Bühne bietet, haben bereits zahlreiche Black-Metal-Bands ihre Alben eingespielt, darunter Burzum, Emperor, Enslaved, Immortal, Gorgoroth, Mayhem und viele andere. Vergangenen August standen jedoch eben Satyricon an zwei Abenden auf der Bühne und wurden beim bereits angesprochenen “Phoenix” diesmal live von der norwegischen Schauspielerin Heidi Ruud Ellingsen unterstützt.
Die Eröffnung der “unheiligen Dreifaltigkeit” kommt schließlich aus dem eigentlich sonnigen Griechenland und trägt den durchaus plakativen Namen Rotting Christ. Klanglich hingegen sind Rotting Christ die vielleicht eingänglichsten Teufelsanbeter des Abends, gießen sie ihre Teufelsbeschwörungen nach krachigen Anfangstagen doch spätestens seit “A Dead Poem” (1997) doch eher in ein vielseitiges Dark Metal-Gemisch, das eher an Paradise Lost, Samael, Katatonia und Konsorten andockt, als am geifernden Black Metal. Erst vergangenes Jahr feierten Rotting Christ den 35. Band-Geburtstag am Lykabettus, dem Stadtberg von Athen - das Album zum Jubiläumskonzert soll noch im Frühjahr erscheinen!
Wer mit dieser unheiligen Dreifaltigkeit noch nicht genug den Antichristen raushängen hat lassen, dem sei bereits am 22. März ein Besuch in der Wiener Szene empfohlen: Hier findet bereits zum vierten Mal das kleine, aber feine Black-Metal-Festival The Fall statt, als Headliner konnte man diesmal mit Gorgoroth eine wahre Legende verpflichten!
Gorgoroth entstammen wie auch Satyricon aus der norwegischen Szene der frühen Neunziger und gerade ihre beiden ersten Alben - “Pentagram” und “Antichrist” - sind eigentlich Fixbestandteil jeder vernünftigen Black-Metal-Plattensammlung. Erst im Jänner wurde ihr Album “Quantos Possunt ad Satanitatem Trahunt” wiederveröffentlicht - es markiert die Wiedergeburt von Gorgoroth 2009, damals im Line-up aus Infernus, Pest, Boddel (von den amerikanischen Death Metallern Obituary!) und Asklund (Dark Funeral, Dissection).
Tickets für The Fall sind [an dieser Stelle] erhältlich.