Nach dem Nummer-eins-Album „Noir“ gehen die Broilers mit „(sic!)“ wieder zurück zu ihren Wurzeln. Frontmann Sammy Amara sprach mit uns über die wiedergewonnene Lust am Punk, tagespolitische Gefahren und die Macht des Karmas.
Sammy, beim Interview vor drei Jahren zu eurem damals aktuellen Album „Noir“ hast du mir im Gespräch gesagt, dass ihr nicht mehr poppiger werden würdet. Nach den ersten Durchläufen von „(sic!)“ kann ich sagen – das stimmt.
Siehst du
(lacht)! Pop ist für mich aber kein Stichwort. Wir haben auf „Noir“ die Grenzen zum Pop abgesteckt. Damals sind wir mit einem Fuß im Punk geblieben und nun mit einem halben Fuß mehr reingegangen. Wir haben es einfach laufen lassen. „Noir“ war Nummer eins und ging Gold – was machen wir? Sollen wir versuchen, diesen Status kommerziell mit allen Kräften zu erhalten, oder entspannen wir uns? Es ging nur mit entspannen, sonst wären wir verrückt geworden.
Recht machen kann man es ohnehin niemandem. Habt ihr nach „Noir“ aber selbst daran gedacht, dass ihr wieder etwas mehr zu euren Wurzeln zurück müsst?
Nein. „Noir“ war das erfolgreichste von uns und wir haben uns nie dafür geschämt. Es war nicht jeder Song gut, aber das ist auf jeder unserer Platten so. Sobald man Meinungsumfragen startet, beginnt man Statistiken zu führen und dann schreibt man Lieder wie ein Dienstleister. Das ist doch Scheiße und macht dich nicht glücklich. Du kannst und musst auf dich selbst hören.
Auch wenn Künstler das gerne verneinen, aber nach so viel Erfolg hat man doch automatisch irrsinnig viel Druck, weil die ganze Maschinerie in den Himmel wächst.
Du musst frei entscheiden, aber das ist natürlich ein Luxus. Der Erfolg war nie geplant, sondern glückliche Zufälle haben dazu geführt, erfolgreich zu sein, ohne uns zu verändern. Das ziehen wir jetzt auch weiter so durch. Wir machen uns keine Gedanken darüber, uns zu verstellen oder wohin zu schielen. Wenn „(sic!)“ nicht erfolgreich wird ist das natürlich nicht geil, aber in Ordnung. Und zwar deshalb, weil wir für uns das richtige gemacht haben.
Stellt sich der erwartete Erfolg aber nicht ein, würdet ihr wohl trotzdem zu zweifeln beginnen.
Erstmal schimpfen wir
(lacht). Ich weiß nicht, ob wir dann zweifeln. Es wäre jedenfalls nicht gut, denn dann läuft man schnell den Erwartungen von außen nach. Als Künstler möchte man immer das verwirklichen, was in einem steckt. Warten wir mal ab, ob ich nach der Veröffentlichung immer noch so rumtöne wie jetzt
(lacht).
Ein großer Schritt zur Selbstständigkeit war für euch auch die Gründung eures Labels Skull & Palm Recordings. War das ein notwendiger Schritt, um sich nirgends mehr verbiegen zu müssen?
Das war der Hauptgrund. Es war auch sehr befreiend. Natürlich ist es mehr Arbeit, aber es gibt keine Diskussionen und Kompromisse mehr. Wir machen genau das, was wir für richtig halten. Auch wenn es irrsinnig ist, das Geld in eine Plakatoffensive zu stecken – egal. Wir wollten das mal als Kids und haben es jetzt umgesetzt.
Als der erste Song „Bitteres Manifest“ auf YouTube erschien, war das Feedback vornehmlich positiv. War das eine große Erleichterung für dich?
Das hat uns natürlich sehr gefreut und wir wussten, dass losgepupst wird, wenn die nächste Nummer kommt. „Keine Hymnen heute“ ist sehr politisch und fängt ruhiger an – der Song ist für viele Leute nicht so ganz zu verdauen. Ein Kommentar sagte schon, dass die Platte abbestellt ist, weil wir zu linksradikal wären. Wen überrascht das? Damit kann ich leben.
Stehst du durch dein Alter und deine Reife noch gefestigter zu deiner Position als früher?
Ich glaube ja. Die Lebensjahre bringen mit sich, dass man bereit ist, Meinung mit allen Konsequenzen zu vertreten. Das ist auch wichtig, denn wir sind zwangsweise Erwachsenen geworden und tragen Verantwortung. Alle Entscheidungen und Äußerungen haben Konsequenzen. Das wird nie allen gefallen, aber ich muss dazu stehen. Wenn es mir auf der Seele brennt, muss es raus. Ich reflektiere mich darin selbst und werde Dinge los, die mich beschäftigen. Es gibt keine Option für mich.
Feilst du lange an den Texten, oder bist du eher der schnelle Impulsivschreiber?
Es dauert immer sehr lange. „Bitteres Manifest“ ging textlich sehr flüssig raus, aber woanders feile ich wochenlang an drei Wörtern herum, die mir nicht ganz passen. Das ist ärgerlich, aber es soll alles so gut wie möglich enden. Ich finde nicht alle Texte so toll, wie sie hätten sein können. Der Refrain zu „Unsere Tapes“ ist nicht so gelungen. Die Lösung fiel mir erst vor ein paar Tagen ein, aber gut. Es ist jetzt so, wie es eben ist.
Du hast damals auch gesagt, so groß wie Die Toten Hosen oder Rammstein kann man als Band heute nicht mehr werden. Stehst du da immer noch dazu?
Das hat mit dem Musikkonsum der Menschen zu tun. Musik geht hier rein und dort raus. Wir sind in einem „Trackbusiness“ – es geht nur mehr um einzelne Songs und nicht mehr um Alben. Diese Albumwelten waren wichtig, um Bands groß zu machen und deren Image zu schärfen. Ich liebe Alben, sie haben nicht umsonst Intros und Outros. Menschen haben heute keine Sehnsucht danach, eine Platte zu öffnen oder daran zu riechen – das ist sehr schade. Sowas war aber ausschlaggebend dafür, dass Bands solche Riesenmonster wurden. Man muss erst schauen, ob eine Band wie Silbermond das mal werden kann. Bei den Hosen hätte man das nach so vielen Jahren Bandgeschichte auch nicht mehr gedacht. Oben stehen bei Festivals immer noch dieselben Namen, aber es gibt auch viele, die nachkommen. Diversität tut am Ende allen gut.
Ist es für euch, die medial auch immer öfter mit Superlativen in Verbindung gebracht werden, gefährlich, sich in zu viel Lob zu suhlen?
Nein. Zum einen kriegen wir noch immer genug auf die Schnauze und zum anderen ist bei uns alles so langsam passiert, dass uns die Sozialisation im Punk zurückholt – und auch unsere Freunde. Wenn bei uns jemand ausflippen sollte, wäre die korrigierende Instanz Freundeskreis sofort zur Stelle und würde uns eine ordentliche Watschen geben. Wir machen das lang genug und wissen alles zu schätzen. Wir haben lange genug auf bepissten Bühnenbrettern geschlafen, als das wir jetzt abheben würden.
Der Albumtitel „(sic!)“ bedeutet „so und nicht anders“. Ist das ein klares Statement, einhergehend mit eurer neuen Unabhängigkeit?
Es hat irgendwie damit zu tun, dass wir mit der eigenen Plattenfirma ein neues Kapitel öffnen und gleichzeitig auf die Bandgeschichte zurückblicken. Wenn wir das „sic!“ metaphorisch vergewaltigen steht es dafür, dass wir viele Sachen gemacht haben, die vielleicht ungeschickt oder fehlerhaft waren, aber so sein mussten, damit wir dort sind, wo wir heute eben sind.
Messt ihr euch trotzdem auch nach Chartpositionen?
Konzertbesucherzahlen bedeuten mir wesentlich mehr. Verkaufte Tonträgereinheiten bedeuten mehr als eine Chartposition. Charts werden nach dem Verkaufswert ermittelt und deshalb machen Bands Fanboxen. In schlechten Monaten wie Jänner, kannst du auch mit 8.000 Einheiten auf Platz eins in Deutschland kommen. Am Ende interessiert das aber nur Leute aus dem Business. Freuen kannst du dich aber über gut besuchte Konzerte und Menschen, die glücklich nach Hause gehen. Wir sind eine Live-Band, das können wir am besten.
Ihr wart – wie für Punk-Bands üblich – immer sehr nahe am Fan. Wird das eklatant schwieriger, wenn man an Größe gewinnt?
Leider ja. Wir vermissen das von früher, haben damals selbst Merchandise verkauft, mit den Leuten getratscht und Bier getrunken. Je größer die Konzerte, umso mehr Leute wollen das machen und das eskaliert dann. Leider geht das nicht mehr und wir vermissen das. Wir können nicht bis 3 Uhr morgens stehen und jedem einmal Hallo sagen. Ich denke aber, die Menschen können das verstehen. Auf Festivals besaufen wir uns gerne mal und dann laufen wir nachts oft halb versteckt über die Zeltplätze und stiften Unruhe. Das kriegen nicht alle mit, aber die, mit denen wir am Lagerfeuer sitzen, die haben’s lustig mit uns
(lacht).
Kommen wir zu den Songs. „Meine Familie“ ist eine schöne Nummer, wo du auf alle Makel und Probleme, die eine Familie ebenso mitbringt, eingehst, und ihr trotzdem deine Liebe zugestehst. Das kann man wahrscheinlich auch auf die Band selbst umlegen?
Das ist eine Liebeserklärung an eine gewählte Familie wie Band oder Freunde. Es ist auch eine Ode an Menschen mit Fehlern und Macken, weil wir die alle haben. Symmetrie und Perfektion werden schnell langweilig, man sieht sich schnell satt. Interessant sind die Fehler und das Lied ist sehr positiv.
„Ihr da oben“ ist eine Hommage an Verstorbene. Auch an Künstler und Menschen aus dem persönlichen Umfeld gleichermaßen?
Meine Lieder sind bewusst an vielen Stellen offen. Ich finde das wichtig, denn ich möchte, dass sich alle meine Lieder zu eigen machen können. Jeder soll selbst interpretieren. Dieser Song soll für jeden da sein, der irgendwen vermisst. „Dann schau ich deine Bilder an, dann les ich deine Zeilen“ kann für alles stehen. Das muss kein Bild von Warhol oder die Zeilen von Tucholsky sein. Der Hörer erklärt mir die Lieder, das ist mir am liebsten. Es gibt da nie zwei gleiche Meinungen.
Welchen Musiker, der 2016 von uns gegangen ist, vermisst du am meisten?
Das Lied schrieb ich nach dem Tod von Wölli, dem einstigen Tote-Hosen-Drummer. Da kam der Einschlag sehr nah. Ich habe diese Liste gar nicht so begriffen und weiß noch nicht einmal, ob alles wirklich so extrem war, wie es wirkt oder nicht die sozialen Medien schuld daran sind. Es gibt ja die gefühlte Temperatur, die dort bestimmt wird. Es ist ja auf der Welt längst nicht alles so schlimm, wie es dargestellt wird, aber wir haben eine Sucht danach, uns im Elend zu suhlen. Die Leute wollen Böses lesen. Ein David Bowie starb natürlich einen gefühlten Hauch zu früh, aber es ist ein realistisches Alter. Bud Spencer war unser Typ. Der dicke lustige Onkel, der nur Bohnen fraß und Menschen von oben auf den Kopf schlug. Jüngere Menschen können mit dem beleibten Bären gar nichts mehr anfangen.
Ich denke, Bud Spencer überdauert tatsächliche sämtliche Generationen.
Ich hoffe, jedenfalls hat er viel Gutes getan. Auch der Sprecher von Pumuckel starb. Das ist Scheiße, aber das gehört einfach dazu.