Bild: Barracuda Music
Gehasst, verdammt und vergöttert werden nicht nur die Böhsen Onkelz, sondern auch der Black Metal. Die in den Mainstream-Orbit gesendeten Skandale der frühen 90er-Jahre strahlen noch heute aus und das Subgenre polarisiert in einer „woken“ Gesellschaft mehr denn je.
Um das Interessensausmaß einer prinzipiellen Frage beantworten zu können, fragt man am besten Dr. Google. Gibt man dort „Black Metal ist …“ ein, kommt als erste Antwort „Krieg“. Punktesieg also für den deutschen Musiker René Wagner, der unter dem Pseudonym Kanwulf mit seiner Band Nargaroth 2001 das Album „Black Metal ist Krieg“ veröffentlichte. Er sieht es als Hommage an die von ihm so geliebte Subkultur des Heavy Metal, die sich in knapp vier Jahrzehnten von einer bewussten Abspaltung im Untergrund zu einem globalen Phänomen entwickelte, das treue Fans, Hipster und staunende Neugierige gleichermaßen anzieht. Die Magie des Black Metal liegt gerade in Zeiten der globalen Gleichschaltung und der „das darf man jetzt aber nicht sagen“-Gesellschaft in seiner radikalen Unangepasstheit, im Kokettieren mit dem Verbotenen und dem Anecken an gängigen Normen. Der Black Metal riecht nicht nur modrig-faul, weil Mayhem-Sänger Dead es vor seinem Freitod in den frühen 90er-Jahren üblicherweise praktizierte, vor Konzerten seine Lederjacke im modrigen Erdreich einzugraben, um auf der Bühne nach Verwesung und Tod zu riechen, sondern weil er sich behände gegen alles stellt, was gemeinhin unter normal oder angepasst firmiert.
„Für mich ist das Genre an sich sehr schwammig“, erzählt uns Marduk-Gitarrist und Bandgründer Morgan Steinmeyer Håkansson im Interview, „primär ist Black Metal extreme Musik mit satanischen Texten. Das ist die Quintessenz dieser Subszene. Für mich persönlich ist er aber mehr spirituell als eine Sache des Klangs.“
Håkansson gründete Marduk 1990 im schwedischen Norrköping. Mit Songs wie „Fuck Me Jesus“, „Panzer Division Marduk“ oder „Fistfucking God’s Planet“ spielt der 50-Jährige samt wechselnder Besetzung seit Anbeginn geschickt auf der Klaviatur der Provokation. Zwischen einem überbordenden Interesse am Zweiten Weltkrieg und dem Transportieren nationalsozialistischer Ideologie ist der Grat schmal und wird im Black Metal nur allzu gerne übertreten. Håkansson distanziert sich jedoch öffentlich gegen rechtsextremes Gedankengut. Als Ex-Bassist Joel Lindholm im Mai 2013 bei einem Festival in England volltrunken den Hitlergruß zeigte, wurde er aus der Band geworfen. „Wir haben schlichtweg immer das gemacht, woran wir geglaubt haben. Wenn sich Menschen dadurch provoziert fühlen, ist das für mich okay. Viele Bands haben bewusst auf Provokation gesetzt, weil es ein elementarer Teil des Genres ist. Mir ist wichtig, dass hinter allen Taten eine Bedeutung steckt.“
Über die absolute Hochphase der Vermarktung des Black Metal wurden mittlerweile zahlreiche Bücher gefüllt (etwa: „Black Metal: Evolution of the Cult” von Dayal Patterson und „True Norwegian Black Metal” von Peter Beste) und Filme gedreht. Die in Skandinavien entstandene, sogenannte „Zweite Welle des Black Metal“ (die erste fand schon Mitte der 80er-Jahre statt, kam aber weitgehend ohne Skandale aus) hatte ihren Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt zwischen 1992 und 1993, als Kirchenverbrennungen, Morde und darauffolgende Gerichtsverhandlungen die Szene prägten und in den Mainstream ausstrahlten.
Dass die Hollywood-reife Geschichte erst vor wenigen Jahren als „Lords Of Chaos“ (lose am gleichnamigen Buch von Michael Moynihan basierend) verfilmt wurde, mutet ob der vielen Dramen, die sich im bitterkalten Norden abgespielt haben, nachbetrachtet fahrlässig an. „Ich war selbst ein Teil der Szene und mittendrin, als all diese Dinge passiert sind“, so Håkansson, „ich muss mir keinen Film darüber ansehen.“ Von den vielen Geschichten, Gerüchten und Mysterien der frühen 90er-Jahre lebt das globale Genre noch heute – auch wenn das Internet und die Social-Media-Plattformen dem pechschwarzen Ruf der Szene längst ein paar seiner Zähne gezogen haben.
Fast exakt 30 Jahre nach den großen Skandalen sind die Schicksale der handelnden Charaktere so unterschiedlich und bunt, wie die Black-Metal-Szene heute insgesamt aufgestellt ist. Varg Vikernes von Burzum (neben Mayhem und Darkthrone die Trias des norwegischen Black Metals) lebt als rechtsextremer Sonderling halbautark in der französischen Diaspora und veröffentlicht aktuell unter dem Titel „To Hell and Back Again” in mehreren Teilen seinen stark subjektiv gefärbten Rückblick auf die Anfänge des norwegischen Black Metals.
Jon Nödtveidt von Dissection, Dead und Euronymous von Mayhem haben ihren Kult nicht überlebt. Necrobutcher und Hellhammer sind die Nachlassverwalter ihrer einzigartigen Mayhem-Historie. Fenriz und Nocturno Culto haben ihre Band Darkthrone zu einem doomigen Heavy-Black-Metal-Schlachtschiff gemacht und soeben via Peaceville ihr zwanzigstes (!) Album „It Beckons Us All” veröffentlicht. Emperors Bard Eithun mutierte vom Mörder zum geläuterten Fitnessfreak und trommelt sich heute durch diverse Projekte. Marduk touren noch immer als nicht zu stoppende Kriegsmaschinerie über den Globus und das einstige Immortal-Mastermind Olve Eikemo aka Abbath macht heute mit seinem Soloprojekt (am 1. August übrigens in der Arena!), einer Motörhead-Coverband und als Komiker in Interviews auf sich aufmerksam. Abbath war einst bei Old Funeral ein früher Wegbegleiter Vikernes’, könnte dem heute aber nicht ferner stehen. Ein profunder Beweis dafür, wie durchmischt die junge und provokative Szene damals war. „Olve war schon immer ein Clown und hat alle zum Lachen gebracht“, so Marduks Håkansson, „er hat sich früh von allem Ärger ferngehalten."
Neben der Dramatik abseits der Bühnen, inszeniert sich der Black Metal auch gerne mit einer überbordenden Theatralik auf ebenjenen. Umgedrehte Kreuze, das Corpsepaint, Nieten, Spikes, Leder, Blut. „Wir sind ein bisschen mehr wie ,Mad Max‘ und keinesfalls wie KISS“, lacht der Marduk-Gitarrist, „bei einer Live-Show im Black Metal muss der Dreck zu spüren sein. Man muss sich ein bisschen unwohl fühlen. Ich sehe heute aber viel zu viele Acts, die sich so auf das Äußere konzentrieren, dass sie dabei vergessen, gute Songs zu schreiben.“ Modernere Vertreter des Genres streifen sich Säcke über den Kopf, kostümieren sich aufwändig von Kopf bis Fuß oder warten mit allerlei kreativer Maskierungen auf. Musikalisch gedeiht man vielen Bands das Präfix „Post“ an, sehr viele junge Acts entstammen der vornehmlich linken Hardcore-Szene oder kokettieren – wie im Fall von Zeal & Ardor (am 11. September vor Heilung in der Arena, 12. September im Posthof) – sogar mit Gospel. Für abweichende Strömungen von der alten Lehre hat Håkansson Verständnis. „Die Leute sollen experimentieren und machen, was sie wollen. Solange man mich in Ruhe lässt, ist mir das völlig egal.“
In Skandinavien hat sich um Bands wie Darvaza, Misthyrming und Co. längst eine jüngere Szene an Acts gebildet, die Mythos und Fahnen ihrer Vorväter hochhalten. Inhaltlich wieder verstärkt der Lehre Satans zugetan und nicht mehr so locker mit nationalsozialistischen Umtrieben spielend. Doch geben tut es ihn freilich in allen Ausformungen. Rechtsradikal oder linksgerichtet, mit Shoegaze versetzt oder puristisch, aus Trondheim oder Taiwan. Black Metal mag heute nicht mehr so offensichtlich Anti-Establishment sein, doch er hat sich mehrmals aus seinem eigenen Kokon geschält, neu zusammengesetzt und dabei nicht auf die Ursprünge und Wurzeln seiner selbst vergessen. Vor allem bleibt er unangepasst, provokant, unberechenbar und eigenwillig – alles Dinge, die in einer modernen Gesellschaft nicht mehr gerne gesehen werden, aber den Geist des Individualismus hochhalten. „Sollte die Öffentlichkeit mich durch meine Einstellung zu bestimmten Themen brechen wollen, dann ist das eben so“, erläutert Håkansson lapidar, „ich stehe zu meinen Ansichten und gehe keine Kompromisse ein. Die Doppelmoral in dieser Gesellschaft stößt mir sauer auf.“ Black Metal ist halt doch noch ein bisschen Krieg – und das schadet in dem Fall nicht ...
Gleich zwei Ausstellungen lassen tiefer in die Geschichte des Heavy Metals im Allgemeinen, aber auch des Black Metals im Besonderen eintauchen: Wir haben beide besucht.
Ausstellung in Paris: "Metal: Diabolus in Musica"
Die Philharmonie de Paris ist der derzeit größte Konzertsaal in Paris für klassische Musik, im Keller des beeindruckenden Aluminium-Kolosses wird man aktuell aber zusätzlich dem von der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo vorgegebenen Anspruch gerecht, auch das weniger bourgeoise Publikum anzuziehen, taucht man hier doch ein in eine Ausstellung, die (nach ebensolchen Ausstellungen über Electro und Hip-Hop) die Geschichte, die unterschiedlichen Ausprägungen und vor allem auch das optische In-Szene-Setzen der Musikrichtung Heavy Metal Tribut zollt.
Ausgehend von Black Sabbath, die den Grundstein für das Genre legten reisen wir durch die lauten Jahrzehnte seit den Siebzigern, erleben insbesondere die genretypischen Vorlieben für Grenzüberschreitungen, die sich oft in der makabren oder apokalyptischen Bildsprache wiederfinden, manchmal aber auch politische und sozialkritische Bezüge haben.
Wir sehen zahlreiche originale Musikinstrumente (wie etwa den Bass von Lemmy von Motörhead oder von Cliff Burton von Metallica), Bühnenrequisiten (wie etwa den Mikroständer von Jonathan Davis von Korn, live am 29. Juli in der METAStadt), Originale von Coverartworks (wie etwa von Sepulturas „Beneath the Remains”, live am 20. November im Gasometer) und erfahren mehr über die Geschichte einzelner Sub-Genres, die stets verstorbenen Koryphäen gewidmet sind (wie etwa Chuck Schuldiner von Death, dem bei Left To Die am 6. August in der Szene gehuldigt wird).
Die Ausstellung „Metal: Diabolus in Musica” gastiert noch bis 29. September in der Philharmonie de Paris. Mehr Informationen: philharmoniedeparis.fr
Ausstellung in Berlin: "Heavy Metal in der DDR"
Neben zahlreichen anderen Meilensteinen der diversen Heavy-Metal-Geschichte prägten vor allem zwei Veröffentlichungen meine Jugend, in der meine Liebe zu Heavy Metal zu knospen anfing: Die VHS „Live in East Berlin” von Kreator aus dem Jahre 1990 (siehe Konzertplakat rechts), und das Album „Live in Leipzig” der Black-Metal-Band Mayhem, das Ende November 1990 (und somit streng genommen nach dem Ende der DDR) im Leipziger Eiskeller aufgenommen wurde (siehe kleines Bild) und das einzige Album von Mayhem ist, auf dem ihr verstorbener Sänger Dead zu hören ist.
Die Ausstellung „Heavy Metal in der DDR”, die aktuell in der Berliner Kulturbrauerei gastiert, wirft einen Blick auf das Jahrzehnt vor dem Mauerfall, als sich in Ostdeutschland eine Szene entwickelte, die sich am Aufstieg des Heavy Metals im „freien Westen” orientierte und vom SED-Regime freilich misstrauisch beäugt wurde. Wir tauchen ein in eine Jugendkultur, die von Schikanen und Überwachung durch die Stasi geprägt war, sehen zahlreiche Originalobjekte wie bemalte Jeanswesten, Konzertplakate, Tapes, Instrumente, Konzertmitschnitte und Fotos, oder auch den Nachbau eines typischen Jugendzimmers.
Wer noch tiefer in diese kultige Zeitreise eintauchen möchte, der kann im Ausstellungs-Shop oder beim Buchhändler des Vertrauens das Buch „Red Metal: Die Heavy-Metal-Subkultur der DDR” von Nikolai Okunew erwerben.
Die Ausstellung „Heavy Metal in der DDR” gastiert noch bis zum 9. Februar im Museum der Kulturbrauerei in Berlin. Mehr Informationen: hdg.de
In den kommenden Wochen und Monaten gastieren (nebst den im Artikel genannten) einige fantastische Metal-Bands in unseren Landesgrenzen, als Beispiele wären genannt:
Behemoth, Katatonia, Amorphis und viele mehr am Area 53 in Leoben (11. bis 13. Juli) - [TICKETS]
Purulent Spermacanal & Pornthegore im Rockhouse (13. Juli) - [TICKETS]
Baroness in der SIMMCity (24. Juli) - [TICKETS]
Cradle of Filth im ppc (7. August) - [TICKETS]
Belphegor, Rotting Christ und viele mehr am Metal Fields in Wiesen (9. bis 11. August) - [TICKETS]
Amon Amarth im Congress Innsbruck (20. August) - [TICKETS]
Overkill in der ((szene)) (11. September) - [TICKETS]
Batushka mit Vltimas und God Dethroned in der ((szene)) (28. September) - [TICKETS]
Septicflesh in der SIMMCity (25. Oktober) - [TICKETS]
Solstafir in der SIMMCity (6. Dezember) - [TICKETS]