Bild: Live Nation
Star-Geiger David Garrett verzaubert seit knapp 30 Jahren Menschen aus allen Generationen. Nach einer ausufernden Klassik-Tour veröffentlicht er im Herbst das Doppelalbum „Millennium Symphony“ und vereint dort 25 Hits aus den letzten 25 Jahren - mit Stücken von Taylor Swift, Rihanna, Ed Sheeran, The Weeknd, David Guetta und vielen mehr. Damit kommt er 2025 in die Wiener Stadthalle.
Ich hatte drei Ideen mit jeweils gutem Potenzial für ein Album und habe diese dann meinem Label vorgestellt. Wir haben uns dann gemeinsam erst einmal für „Millennium Symphony“ entschieden. Ich hatte den Titel für das Album schon fertig, weil das Konzept bereits stand. Ich wollte Musik nehmen, die in den letzten 25 Jahren entstand und somit auch für mich einen etwas moderneren Weg einschlagen. Es sind quasi „Klassiker der Moderne”, aber ich fand dann meinen Titel sexyer (lacht).
Ich habe mir die schönsten Diamanten des letzten Vierteljahrhunderts herausgepickt und teilweise auch ein paar Songs, die vielleicht schon in Vergessenheit geraten sind und nicht unbedingt Nummer-1-Hits waren.
Damit habe ich mich auch beschäftigt, klar. Fairerweise muss ich aber sagen, dass ich gerne Lieder nehme, wo die Leute im Publikum textsicher sind. Es ist eine Sache, eine memorable Melodie zu haben, aber eine ganz andere, wenn eine Halle mitsingen kann. Es gibt schon ein paar Nummern wie „Dynamite” von BTS, mit denen ich kurz flirtete, aber ich ließ sie dann doch weg. Zu mir kommen ja nicht nur Kids, sondern auch Eltern und Großeltern und da muss ich eine Schnittstelle treffen.
Das Publikum hat vielleicht nicht immer Ahnung, wie das entsprechende Instrument im Orchester klingt, aber wenn du die Möglichkeit hast, dieses Instrument greif- und spürbar zu machen, solltest du diese Chance nützen. Wenn man die Musiker besonders hervorhebt, hat das die schöne Begleiterscheinung, dass das Publikum etwas lernt, ohne es bewusst wahrzunehmen.
Was die Moderation und die Interaktion mit dem Publikum angeht, ja. Die Leute reagieren in jeder Stadt und in jedem Land anders und da muss ich dann auf das Publikum eingehen. In den Songs selbst bleibt der Raum in meinen Geigenparts und nuanciert bei den Musikern. Das Gerüst muss aber zu 100 Prozent stehen. Das ist nicht anders als in der Klassik. Dort kannst du natürlich hier und da das Tempo verwalten, aber jeder muss genau wissen, was seine Aufgabe ist.
Ich habe unlängst erst im Musikverein gespielt und ich liebe das Wiener Publikum. Wenn jemand gut ist, dann geben sie Vollgas und ich habe das große Glück, dass sie immer Vollgas geben, wenn ich komme. Die Schlussfolgerung daraus: Ich bin nicht so schlecht (lacht). Ich fühle mich in einer klassischen Stadt aber nicht anders als sonst wo. Ich bin hier eher Vermittler von großen Genies und dementsprechend verhält man sich. Crossover erlaubt mir viel mehr Freiheiten als das recht strenge Klassik-Korsett.
Nein, da bin ich zu stur. Wenn ich etwas machen will, dann mache ich es so lange, bis es funktioniert und da gibt es keine Widerrede. Wenn ich eine Idee nicht umsetzen kann, bin ich nicht gut genug, also muss ich so lange daran arbeiten, bis sie passt. Aufgeben ist keine Lösung, auch wenn ich mir die Zähne dabei ausbeiße.
Oh ja, ich werde immer ehrgeiziger. Das ist Fluch und Segen zugleich. Je mehr schöne Sachen man aus der Vergangenheit aufzuweisen hat, desto mehr will man diese auch wieder erleben. Ich sehe vielleicht nicht so aus, aber innerlich bin ich ein sehr zerrissener, emotionaler und mit Selbstzweifeln geplagter Künstler. Man denkt immer, dass man Glück hat, aber man hat dafür auch hart gearbeitet. Es muss immer mehr gehen und alles besser werden, denn sonst wäre das Ende schon erreicht. Das Ziel ist, immer etwas auf die Beine zu stellen, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Wiederholen kann jeder, erschaffen können nur wenige.
Sehr selten. Ich kenne diese Momente aus dem Urlaub. Man braucht immer ein paar Tage, bis man seine Einheit gefunden und aus dem Alltag heruntergekommen ist. Man spürt Müdigkeit und Erschöpfung, realisiert aber auch, was man in den letzten 18 Monaten so alles geschafft hat. Während einer Tour blickt man maximal drei Tage vorwärts und hangelt sich durch. Es ist unmöglich, in dieser Zeit zu reflektieren.
Psychologisch ist diese Getriebenheit zu einem gewissen Stück eine Motivation, sich selbst etwas zu beweisen. Man steckt viel Liebe, Herzblut, Schweiß, Arbeit und Lebensenergie in etwas. Wenn du mit dem Ergebnis daraus das erste Mal für drei Minuten auf der Bühne stehst und die Leute begeistert davon sind, dann war es all die Mühe wert.
Nein, das war einfach extrem. Diese Tour war irre geplant. Irgendwann mussten wir auf die Stopp-Taste drücken und das Gas rausnehmen. Ich und mein Team arbeiten gerne hart. Wir sind in dem Sinne so richtige Jungs und gehen nach dem Prinzip „bis einer weint“ vor. Das ist unsere Maxime. Sie ist natürlich total ungesund, aber keiner will oder kann schwächeln. Ich am Allerwenigsten, denn ich bin der Rädelsführer dieser Truppe und will, dass andere schwächeln, bevor ich es tue. Dann passiert aber, dass wir viel zu viel annehmen und nicht mehr aufhören. Am Schluss will keiner zugeben, dass es zu viel war und man sehnt sich innerlich den Tag herbei, an dem endlich alles vorbei ist (lacht).
Der legendäre Bayern-Torwart Oliver Kahn hat in einer Pressekonferenz einmal gesagt: „Ich habe so viel Druck, ich kenne keinen Druck mehr.“ Wenn du immer auf Hochspannung bist, bleibst du drauf. Ich werde auf Tour fast nie krank, weil der Körper es gewohnt ist, mit so viel Adrenalin, Energie und Intensität umzugehen. Wenn ich dann Pause mache, klappe ich zusammen und fange mir eine Erkältung ein.
Obwohl ich schon weiß, dass das nächste Projekt vor der Tür steht, bin ich bei den ersten Shows einer solchen Tour gedanklich noch nicht so weit. Ich weiß jetzt schon die nächsten zwei, drei Projekte. Die Namen und auch die Umsetzung sind mir bekannt, das ist ein Fluch, weil ich da absolut rastlos bin und nicht aus meiner Haut kann. Wenn ich aber auf die Bühne gehe und diese Songs spiele, bin ich gedanklich voll im Hier und Jetzt.