Mayhem kürzlich bei der Bandprobe (Foto: Finn Ronny Roger Ballann)
Was waren in deiner Booker-Karriere eigentlich die abstrusesten Wünsche von Bands, abseits vom typischen „Ich brauche ein Kilo Gras!“?
Danzig wollte einmal eine Sightseeing-Tour, geführt von einem 18- bis 25-jährigen Mädchen mit Hochschulabschluss, die zudem noch single sein musste. Gorgoroth wollten in Arnheim einmal einen Tischler, der ihre satanischen Kreuze reparieren kann, sollten sie während der Show brechen
(lacht). Das sollte wohl ein Witz sein, aber solche Sachen streichen wir dann raus. Persönliche Sachen kommen oft drauf, nicht nur Zigaretten oder diverse Tabletten aus der Apotheke, ich habe auch schon einmal eine Hämorrhoidensalbe holen müssen, aber da nennen wir jetzt keine Namen
(lacht). Bei mir gibt es für das Eindhoven Metal Meeting im Normalfall auch nur einen Festivalrider, an den sich alle halten müssen, aber der ist auch wirklich sehr gut. Ich bin selber als Tourmanager viel herumgekommen und wenn jeder nur annähernd so einen Rider hätte, wären alle viel glücklicher. Wir haben von der Backline her viele Amps, Material von mehreren Schlagzeugfirmen, verschiedene Gitarren und für die Headliner auch In-Ear-Monitor-Sachen oder solches Zeugs. Ich kann aber nicht für alles garantieren und manches wird mit der Gage verrechnet – überhaupt wenn die Wünsche sehr spät eintrudeln. Gutes Essen und unlimitiert Getränke backstage ist bei mir aber eine Selbstverständlichkeit. Allerdings habe ich hinten nur die großen Fässer, die können nicht so leicht raus in den Nightliner gekarrt werden
(lacht).
Du hast ein sehr internationales Billing – wie sieht das bei den Besuchern aus? Aus welchen Nationen kommt das Publikum und wie sieht dort die Gewichtung aus?
Es ist überraschend international: Mehr als 50 Prozent der Tickets wurden letztes Jahr außerhalb Hollands verkauft. Vielleicht kaufen die Holländer auch prinzipiell immer erst spontan, sie haben ja nicht so eine weite Anreise. Der Fußballklub PSV Eindhoven ist sehr populär, vielleicht sind auch deshalb so wenige Karten in Holland verkauft, weil die ein Heimspiel haben? Ich weiß es nicht. In Holland sind die Metaller normalerweise keine Fußballfans, im Gegensatz zu zum Beispiel Deutschland: Dort wird als erstes gefragt, wo du herkommst und welches Team du unterstützt. In Holland interessiert sich nur ein kleiner Prozentsatz für Fußball. Musik und Kunst haben mit Sport hier wenig zu tun. Wir haben schon seit jeher viele Bands, aber auch Besucher aus Irland, England und Schweden hier, aber das liegt natürlich an den billigen Flügen von Ryan Air.
Gab es ein Line-Up, auf das du ganz besonders stolz bist und umgekehrt eines, das dir noch heute Bauchschmerzen bereitet?
Auf dem ersten Arnheim-Metal-Meeting-Shirt stand auf der Rückseite „No Fillers, Just Killers“
(lacht). Das war die Devise, die bis heute noch gilt. Ich hoffe immer, dass die Leute auch neue Bands kennenlernen und sie zu schätzen wissen. 2010 hatte ich mit Immortal, Kreator, Death Angel, Katatonia, Pestilence und St. Vitus aber schon ein Hammer-Line-Up, das ich so schnell wohl nicht mehr hinkriegen werde. Auch eine Band wie Repugnant, mit dem einen bekannten Sänger (Papa Emeritus von Ghost, Anm.) zu haben, war toll. Und auch das Line-Up von 2014 war mit At The Gates, Triptykon, Asphyx, Urfaust, Primordial, Blasphemy und Morbid Angel famos, zudem In Solitude bei uns ihre allerletzte Show spielten, weil sie sich kurz danach auflösten. Im Grunde war ich aber mit jedem Line-up zufrieden, auch wenn es sich nicht jedes Jahr gänzlich so entwickelt, wie ich eigentlich ursprünglich wollte.
Obwohl du selbst bei deinem Festival viel zu tun haben wirst – gibt es heuer Fixpunkte, die du unbedingt sehen musst?
Ich möchte mir fast alles ansehen, aber das wird natürlich nicht möglich sein. Wo ich mir auf jeden Fall zumindest Teile des Sets geben werde, sind Moonspell, Mayhem, Tiamat, Caronte und Aura Noir. Ich buche ja grundsätzlich nur Sachen, die mir auch gefallen.
Vor drei Jahren hast du aber auch ein wenig experimentiert ...
Bingo, erwischt
(lacht). Ich versuchte damals, am Donnerstag mehr traditionellen Metal einfließen zu lassen. Grundsätzlich ist das bei uns willkommen, ich hatte auch W.A.S.P. für letztes Jahr im Gespräch, aber nachdem sie im November ohnehin auf Tour waren hatte das dann im Dezember keinen Sinn mehr, weil der Exlusivfaktor weg ist. Hätte das funktioniert, hätte ich auch Lizzy Borden, Raven und Flotsam & Jetsam dazugestellt. Jedenfalls hatten wir 2013 am Donnerstag Accept, Death Angel und Sabaton – es war gut besucht, aber dennoch ein großes Minus für mich. Ich wollte das Festival vom musikalischen Standpunkt immer schon breiter machen. Ich will nicht immer die 08/15-Bands spielen lassen, aber das ging schon öfters in die Hose. Ich buche zwischendurch gerne mal Exoten, hatte zum Beispiel schon mal Heaven Shall Burn, aber die haben nichts gezogen. Sie sind eine großartige Band, aber nicht für unser Stammpublikum. Bei den Deathstars war es ähnlich. Vielleicht fanden 2013 die Leute drei Tage aber auch einfach nur zu viel. Andere Experimente, wie vorletztes Jahr Blasphemy, haben hingegen super funktioniert. Die habe ich extra nur für diese eine Show aus Kanada einfliegen lassen.
Gab es auch Bands, die du unbedingt wolltest, aber trotz mehrmaligem Versuch nicht bekommen hast?
Ja, Bolt Thrower versuche ich schon seit zehn Jahren zu bekommen. Ich hatte sie schon mal gebucht und bestätigt, aber damals wurde kurz vor der Veröffentlichung bekannt, dass Sänger Karl genau an dem Wochenende Vater werden sollte – was dann auch tatsächlich so passierte – und die Band hat ihren Auftritt zurückgezogen. Ich hoffe immer noch, dass es irgendwann mal passieren wird. Die zweite Band ist Autopsy, da hat es aus diversen Gründen nie geklappt. Burzum habe ich auch schon mal angefragt. Varg hat mir sogar geantwortet: Kein „Fuck You!“, aber ein „Nein, danke!“
(lacht).
Ich habe letztes Jahr auch versucht, Laibach mit einem härteren Set zu bekommen, aber sie wollten auf keinem reinen Metal-Festival spielen, was ich auch respektiere. Viele Metaller kennen die Band nicht, für die stilistische Breite hätte mir das dennoch gut gefallen. Ich kann mir erlauben, pro Festivaltag ein, zwei Bands zu nehmen, die ganz anders sind. Ich bin damit zwar schon ein paar Mal auf die Fresse gefallen, aber das macht ja nix.
https://www.youtube.com/watch?v=KNmbUDA0Spg
Wie sieht es insgesamt mit der Metalszene in Holland aus?
Die Eventszene ist super, weil es sehr viele Clubs gibt, die, vom Staat subventioniert, nur für Livemusik gebaut wurden. In Nijmegen gibt es zum Beispiel einen neuen Klub, da wird der Nightliner auf einen Lift gestellt und umgedreht, damit er wieder leichter rausfahren kann. Toll nicht? Für Musiker ist Holland ein Valhalla, man darf quasi an jeder Ecke spielen und es gibt in jeder Stadt Musikclubs. Schweden hingegen hat extrem viele Talente, aber keine Clubs, die vom Staat bezahlt werden. Dafür bekommen die Musiker gratis Musikunterricht und Rabatte auf Instrumente und Proberäume – deshalb gibt es auch so viele talentierte schwedische Bands. Livespielen ist dort aber schwierig, weil genauso wie in London, Paris oder auch Wien die Clubs alle gemietet werden müssen. Das ist dann eine Kostenfrage: Als Anfängerband wirst du nicht gebucht und kannst dir nur selten leisten, selbst etwas auf die Beine zu stellen – in Holland gibt es dieses Problem nicht. In Amsterdam selbst ist die Metalszene hingegen klein, dort gibt es mehr Technopartys und Gothic-Musik.
Hast du dir jemals überlegt, so ein Festival wie das Eindhoven Metal Meeting nach Österreich zu tragen? Es vielleicht in Wien zu machen?
Wir überlegen uns, das Konzept im Frühjahr 2017 nach Wien zu übertragen. Für den 8. April (Samstag) ist bereits die Arena reserviert, wir werden zwei Bühnen bespielen. Der aktuelle Arbeitstitel lautet auf "Vienna Metalfest". Wem etwas besseres einfällt, sich bei uns unter info@district-19.com meldet und uns überzeugt, bekommt auf jeden Fall gratis Eintritt!
Warum machst du das Festival eigentlich im Dezember – hat das einen besonderen Grund?
Es gab einfach schon sehr viele Sommerfestivals und ich hatte ein paar Jahre lang das Elsrock, das war ein Open-Air im Osten von Holland, und mit dem wollte ich klarerweise nicht konkurrieren. Wenn es in so einem kleinen Land fast schon jede Woche ein Festival gibt, wollte ich mich nicht mit noch einem dazugesellen – das hat auch mit Respekt den anderen Veranstaltern gegenüber zu tun. Außerdem gibt es alle zwei Jahre eine Fußball-EM oder Fußball-WM, und in der Zeit brauchst du nichts machen. Die großen Zugpferde wie Wacken oder Summer Breeze würden nie etwas verschieben, aber die kleineren müssen sich da schon etwas überlegen ... Außerdem regnet es in Holland auch extrem oft, von daher habe ich keine tollen Erfahrungen mit Open-Airs gemacht.
Hast du einen bestimmten USP, der dich und dein Festival im Vergleich zu allen anderen irgendwie besonders macht?
Das sollen andere beurteilen. Ich bin jedenfalls Perfektionist und nie zufrieden. Die Line-ups von 2010 und 2014 waren schon fast perfekt für die Größe des Klubs. Das Zusammenstellen eines Billings ist ja immer wieder schwierig: Viele Bands wollen nicht live spielen, spielen schon woanders, sind gerade im Studio oder es scheitert an den finanziellen Verhandlungen. Ich probiere, es jedem Recht zu machen. So habe ich zum Beispiel seit vier Jahren den gleichen Eintrittspreis, obwohl alles drumherum immer teurer wird, die Flugkosten, Gepäck, Hotels für die Bands, etcetera. Ich kann da nicht noch mehr Geld generieren. Mir wurde auch schon eine größere Halle angeboten, aber die hat eine beschissene Akustik. Dort findet auch das Speedfest statt. Da passen zwar 4.000 Leute rein, aber ich weiß schon vorher, dass alles, das schneller ist als Mid-Tempo, einen Staubsaugersound mit Echo und Hall haben wird. Im De Effenaar haben wir zwar keinen perfekten Sound, aber er ist sehr, sehr gut – da bin ich durchaus kritisch.
Also kann sich der Besucher sowohl musikalisch auf ein starkes Festival freuen, wie auch sich seines leiblichen Wohls sicher sein und mit massig Merchandise eindecken ...
Korrekt. Außerdem haben sich schon einige namhafte Musiker als Besucher angekündigt,viele wie zum Beispiel Anders von Unleashed sind ja regelmäßig privat bei uns zu Gast. Und sollte sich unter den Besuchern Musiker finden: Labelmenschen sind auch immer sehr viele zu Gast: Networking ist also garantiert!
Hast du dir schon einmal überlegt, einen Mitschnitt des Festivals als Erinnerung auf DVD anzubieten?
Wir machen ein Aftermovie mit ganz kurzen Sequenzen. Manche Bands verbieten das Mitfilmen und das Filmen im Backstagebereich, bei anderen liegt das Problem bei den Publishing-Verträgen, nicht einmal an der Band: Bei Sepultura war das etwa so – da sind die Rechte an verschiedenste Ecken verstreut und dann darfst du einfach nicht mitfilmen, egal was die Band sagt. Oder man darf zwar filmen, aber nicht verkaufen. Es gibt aber inoffizielle, wirklich feinste HD-Aufnahmen vom Eindhoven Metal Meeting auf YouTube.
Was ist die „Eindhoven Metal Academy“?
Eine Initiative vom Dynamo. Den Club gibt's ja schon ewig. Die haben 1986 das erste Dynamo veranstaltet, ab 1987 dann Open-Air. Das war früher ein Jugend- und Fitnessclub für problematische Jugendliche. Die haben immer viel Metal gemacht und sehr aktiv mit Leuten gearbeitet, die in irgendeiner Art benachteiligt waren. Es ging auch darum, die Kriminalität einzudämmen und den Leuten etwas zu bieten. Es wurden immer wieder Konzerte organisiert, damit Aktivitäten stattfinden. Jedenfalls haben sie dort vor zwei Jahren die Metalakademie gestartet. Das sind ein paar Leute, die selbst ein Instrument spielen, und die geben Coachings zu Songwriting, Studiotechnik und Livepräsenz. Ich war aber noch nie dort und kann nicht beurteilen, wie das dort genau gehandhabt wird. Einerseits ist es für Anfänger sicher eine tolle Hilfe, andererseits kriegt man alles vorgekaut und darunter kann die Eigenständigkeit leiden. Ich kenne Künstler, die hatten den gleichen Gitarrenlehrer und klingen tatsächlich auch gleich. Irgendwann muss man sich dann auch selbst weiterentwickeln.
Nach dem Freitagabend beim Eindhoven Metal Meeting werden sie das Programm im Dynamo selber gestalten.
Eindhoven hat angeblich die längste Pub-Straße Hollands.
Das könnte durchaus hinkommen. Viele Städte haben das auf einem Platz angeordnet, nicht auf einer geraden Straße. Dort gibt es für die Fleischesser auch ein gutes Steakhouse, die Ribs Factory. In der Pub-Street sind ab 1 oder 2 Uhr sehr viele Besoffene unterwegs, da würde ich ein bisschen aufpassen. Wenn dich da wer blöd anredet, würde ich nicht kontern, weil da fängst du sonst sofort eine. Es gibt auch viel Polizei dort. Die Stimmung ist schon gut, aber es sind nicht von ungefähr auch 200 Polizisten unterwegs, wovon die Hälfte inkognito ist. Empfehlen kann ich vor allem das "The Jack", da gehen viele Metaller hin.
Kann man in Eindhoven auch irgendwas erleben, abseits von Musik und Alkohol?
Normale Klamotten kaufen ist dort generell gut, weil es mehr Angebot gibt als in Wien und die Sachen auch billiger sind. Von vielen Metalheads wird auch das Holland-Casino besucht. Mit schönen Jeans und Turnschuhen kommt man schon rein, es kostet etwa 5 Euro Eintritt. Eindhoven ist halt eher auch eine Industriestadt, es gibt schon moderne Kunst und auch das alte Philips-Gebäude, das wie ein Ufo ausschaut, aber sonst gibt es wenig Kulturelles zu sehen.
Infos:
Es wird bereits einen Tag vor dem Festival, also am 15. Dezember (Donnerstag) im De Effenaar eine Pre-Party geben. Es kann sein, dass eine bereits angekündigte namhafte Band sogar auf diesen Tag vorverlegt werden muss. Es lohnt sich also, nicht erst am ersten Festivaltag anzureisen! Am Donnerstag öffnen die Türen für nach aktuellem Stand drei Bands um 19 Uhr. Am Freitag, dem ersten offiziellen Festivaltag, öffnen die Türen um 16 Uhr, am Samstag um 15. Uhr. Die Afterparty im Dynamo beginnt am Freitag um 1:30 Uhr. Die letzte Band wird das Eindhoven Metal Meeting am Sonntag um 2:30 in der Früh beschließen. Das komplette Line-Up wird in den nächsten Wochen stehen.
Auch dieses Jahr wird es wieder einen Marktplatz im De Effenaar geben, wo man von Vinyl über CDs und Shirts bis hin zu Accessoires alles einkaufen kann. Es ist ein kleiner aber feiner Markt, bei dem es auch Raritäten gibt. Außerdem gibt es in der Location 200 Locker-Rooms, man muss also nicht alles gleich ins Hotel schleppen.
Bezahlt wird in der Location (Bar, Merchandise, Restaurant) ausschließlich mit Bargeld, es gibt kein Bonsystem.
Hauptbier im De Effenaar ist das Dommelsch, das aus Brabant, dem Bundesland, in dem auch Eindhoven liegt, kommt. Es gibt aber an der Bar noch weitere Biersorten. Man muss sich aber bewusst sein: Das Bier ist in Holland etwas teurer als in Österreich, dafür sind die Gläser kleiner.
Im Effenaar herrscht Rauchverbot, es gibt aber einen Raucherraum. Zusatzinfo: Es wird dich sowohl in der Location wie auch auf der Straße niemand blöd anreden, wenn du etwas anderes rauchst als normalen Tabak, auch nicht die Polizei. Eindecken mit den nötigen Substanzen sollte man sich aber besser in Amsterdam, denn es ändern sich in Rest-Holland stets die Gesetze, ob du als Tourist in einen Coffee-Shop darfst oder nicht. Dass man über die Grenze, egal mit welchem Verkehrsmittel man angereist kommt, nichts mitführen sollte, versteht sich ohnehin von selbst.
Achtung: Während das Kiffen erlaubt ist, darf man in der Öffentlichkeit (das betrifft auch zum Beispiel den Zug) keinen Alkohol konsumieren. Für das Pinkeln an Hausmauern oder Bäume zahlt man übrigens grob 100 Euro Strafe. Dies sollte man sich also auch sparen.
Die Bahnhofsgegend, in der sich das Effenaar befindet, wird nächtens gern auch von zwielichtigem Gesindel bevölkert. Achtet also auf eure Wertsachen! Solltet ihr mit dem Auto anreisen, parkt lieber in einer der Parkgaragen - die kosten zwar, sind aber dafür bewacht.
Tickets sind bei oeticket.com erhältlich.