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Musical & Show

Der Glöckner von Notre Dame

06.10.2022 von Manuel Simbürger

Disney-Musicals sind für vieles bekannt – für ihre herzerwärmenden Happy-Ends, den mitreißenden Songs und den wallenden Mähnen der Prinzessinnen zum Beispiel –, aber nicht unbedingt für ihre politischen Statements und Messages. „Der Glöckner von Notre Dame“ aus dem Jahre 1996, ohnehin in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme unter den oft unter vielen Restriktionen leidenden Mauskonzern-Märchen, ist hier aber eine erfrischende Besonderheit. Basierend auf Victor Hugos Roman aus 1831 erzählt die Geschichte rund um den Buckeligen Quasimodo, die Roma-Schönheit Esmeralda und die berühmte Kathedrale von Notre Dame von gesellschaftlichen Vorurteilen, der Angst vor dem Fremden und der Frage, wer Mensch und wer Monster ist. Aufklärung? Ja, aber mit Disney-Touch: Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft spielen in der Story nämlich eine ebenso wichtige Rolle.

Aufwühlende, nuancierte und vor allem zeitlose Themen also, die „aktueller denn je“ sind, ist VBW-Musical-Intendant Christian Struppeck überzeugt. Also haben sich er und sein Team entschlossen, „Disneys Der Glöckner von Notre Dame“ als Musicaladaption auf die Bühnen des Ronacher zu bringen. Dort feiert das düster-romantische und doch hoffnungsvolle Märchen ab 8. Oktober seine österreichische Erstaufführung. „Das Publikum darf sich auf einen spektakulären Musicalbesuch mit handverlesener Besetzung, imposanter Musik, einem gewaltigen 24-köpfiger Chor und selbstverständlich allen bekannten Disney Songs freuen“, so Struppeck. „Ein hochemotionaler und in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Theaterabend für die gesamte Familie.“ Gemeinsam mit dem Musical „Rebecca“, das im September im Raimund Theater seine (Comeback)-Premiere feierte, freut sich Struppeck auf eine „abwechslungsreiche Musicalsaison“. Wir sprachen mit den „Glöckner“-Hauptdarstellern David Jakobs (Quasimodo) und Abla Alaoui (Esmeralda).

Kathi Schiffl
David Jakobs ist ein deutscher Musicaldarsteller, der mit 12 in „Les Misérables“ debütierte und in Deutschland u. a. in „The Who’s Tommy”, „Hair“, „Jesus Christ Superstar” und „Der Glöckner von Notre Dame“ zu sehen war. Abla Alaoui ist eine deutsch-marokkanische Schauspielerin und Sängerin und spielte in Deutschland bereits in „Sister Act”, in Wien in „Mozart!”, „Jesus Christ Superstar”, „Tanz der Vampire”, „Mamma Mia!“, „Miss Saigon” und zuletzt 2022 in „Elisabeth” vor Schloss Schönbrunn.

Abla, wie viel bedeutet es dir, die Rolle der Esmeralda zu spielen?

Esmeralda ist eine besondere Figur unter den Disney-Frauen und zeichnet sich vor allem durch ihren Mut, Sinn für Gerechtigkeit und ihre Empathie aus. Ich freue mich unendlich, eine so heldenhafte Frau verkörpern zu dürfen. In einem Musical von Disney zu spielen war schon immer ein großer Traum für mich.

David, du hast Quasimodo schon in der Musical-Inszenierung in Berlin gespielt ...

Quasimodo ist eine sehr spezielle, weil emotional und körperlich äußerst umfangreiche Rolle. Als Quasimodo heimlich seinen Glockenturm verlässt, erlebt er die Welt zum ersten Mal, was ihm eine sehr kindliche, reine und unschuldige Note verleiht. Spannend für mich als Schauspieler!

Worum geht es im Kern der Geschichte?

David: Im Fokus steht die Frage, wer Mensch und wer Scheusal ist. Jeder von uns trägt beide Seiten in sich. Außerdem sieht man an Quasimodo sehr gut: Jemand wird „anders“ behandelt, weil die Gesellschaft entscheidet, dass er „anders“ ist. Andersartigkeit ist also eine Wertung von außen. Aber steht uns das überhaupt zu? Und bewertet nicht jeder von uns Menschen, die „außen“ sind? Wer ist dann eigentlich wirklich das Scheusal?

Abla: Der eigene Standpunkt ist nicht immer der einzig richtige auf dieser Welt. Es ist egal, woran wir glauben oder nicht glauben. Es ist egal, woher wir kommen. Es ist egal, wie wir aussehen. Wir sind alle Menschen und verdienen gleichermaßen Liebe, Sicherheit und Gerechtigkeit.

Zeitlose Themen, die gerade jetzt wieder hochbrisant sind ...

Abla: Wie Europa mit Menschen umgehen soll, die vor Krieg, Armut und Verfolgung aus ihren Heimatländern über unsere Grenzen kommen, ist schon seit vielen Jahren fortwährend Thema politischer Debatten. Leider hat die Debattenkultur – vor allem durch Social Media, speziell Twitter – für viele desintegrierend gewirkt, was vielerorts dazu führte, dass Menschen auf der Suche nach einer neuen Heimat pauschal abweisend behandelt wurden. In „Der Glöckner von Notre Dame“ findet sich dieses Thema wieder. Vor allem Sinti und Roma sind heutzutage immer noch unglaublich vielen rassistischen Vorurteilen ausgesetzt. Es ist wichtig, ihnen eine Stimme zu geben und darauf aufmerksam zu machen. Ich finde es großartig, dass die Vereinigten Bühnen Wien sich nicht davor scheuen, Aufklärung voranzutreiben, Diskurse zu starten und in Diskussionen hineinzugehen.

Abla, du hast marokkanischer Wurzeln, bist aber in Deutschland geboren und aufgewachsen. Hast du selbst bereits Erfahrungen mit Mobbing oder Ausgrenzung gemacht?

Ich wurde in der Schule gemobbt, das hatte allerdings weniger rassistischen Hintergrund und ging eher in Richtung Bodyshaming. Schön war es trotzdem nicht. Eine solche Art von Ausgrenzung zu erfahren, macht viel mit einem und ich habe den größten Teil meiner zwanziger Jahre damit verbracht, meine Kindheit dahingehend aufzuarbeiten.

David, wie ist es mit dir?

Ich wurde wegen meiner eher kleinen Körpergröße im Kindergarten und in der Schule veräppelt, wurde „Zwerg“ genannt. Das ist bei weitem nicht das Schlimmste, hinterlässt aber durchaus Spuren auf einem zarten jungen Seelchen.

Wie unterscheidet sich die österreichische Inszenierung des Stückes von der deutschen?

David: In Wien ist das Tolle, dass wir mit einem fulminanten Orchester arbeiten, dass die ohnehin epochal geschriebene Musik des Disney-Films perfekt unterstreicht. Das Orchester ist voluminöser, aber auch das Ensemble ist neu zusammengestellt und hierdurch ergeben sich natürlich frische und neue Möglichkeiten. Damit wird die Wiener Fassung mit Sicherheit eine ganz eigene und besondere Note bekommen. Also: Der Mantel ist ähnlich, aber es handelt sich um eine eigenständige Produktion.

Bitte erzählt ein bisschen von den Proben.

Abla: Ich habe eine Solo-Tanznummer. Es ist der erste große Auftritt von Esmeralda. Bisher wurde ich nie speziell als Tänzerin für eine Rolle besetzt und es ist sehr aufregend und herausfordernd für mich, diese Nummer so rüberzubringen, dass es Esmeralda gerecht wird. Aber ich freue mich sehr auf die Herausforderung. Die Proben machen sehr viel Spaß. So wie das Stück aufgebaut ist erzählt die komplette Company die Geschichte, was es sehr besonders macht.

David: Bei den Proben herrscht generell eine tolle Stimmung, was immer ein gutes Zeichen ist. Ohne zu spoilern: Das Ende ist sehr besonders. Als wir es das erste Mal probten, wurden alle Darsteller, auch ich, überaus emotional. Wir alle haben die Probe beseelt verlassen und wussten: Wir sind Teil etwas Besonderen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen euch beiden?

Abla: David ist ein ausgezeichneter Schauspieler und Sänger. Er geht feinfühlig und intelligent an die Rolle des Quasimodo heran und behandelt jeden Augenblick und jede seiner Emotionen mit dem größtmöglichen Respekt. Nicht nur das Esmeralda-Herz in meiner Brust schlägt ganz doll, wenn ich die Szenen mit ihm probe. Ich bewundere seine Arbeit sehr und finde, er ist einer der besten Darsteller der heutigen Zeit.

David: Abla und ich kennen uns schon von früher. Unsere Zusammenarbeit ist großartig. Abla hat eine sehr wache, präsente Energie. Quasimodo geht in jede Situation sehr unbedarft, je mehr hier also von meinem Gegenüber kommt, desto mehr kann ich agieren. Abla ist dafür die beste Partnerin, die man sich vorstellen kann. Es fällt mir also nicht schwer, mich als Quasimodo in sie zu verlieben (lacht)!

 

„Der Glöckner von Notre Dame“ premiert am 8. Oktober im Wiener Ronacher. Tickets sind bei oeticket.com erhältlich.

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