Bild: David Maupile
Der Podcast „Sag mal, Du als Physiker“ erklärt Physik so, dass sie wirklich jeder kapiert. Nun auch live auf der Bühne. Eine Show, die dabei hilft, die Welt nicht nur besser zu verstehen, sondern auch mit anderen Augen zu sehen. Wir baten die Hosts zum Interview.
Energie! Coole Sache! Aber halt – Energie?! Was ist das eigentlich für ein Stoff, der da durch Stromkabel fließt? Oder die Luftmoleküle neben dem Heizkörper schneller schwirren lässt und so dem Raum erwärmt? Wie kann man Energie in eine mit Chemikalien gefüllte Batterie einsperren? Und warum geht sie wirklich niemals nie verloren, obwohl sie ja ziemlich oft verschwendet wird? So viele Fragen – und mindestens genauso viele interessante Antworten.
Teilchenphysiker Johannes Kückens, Wissenschaftsjournalist Michael Büker und Journalist Jens Schröder vom erfolgreichen Wissens-Podcast „Sag mal, Du als Physiker“ (erhältlich bei Audible) gehen in ihrer neuen Live-Show dem Wesen der Energie auf den Grund. Und machen vor, wie wir künftig viel effizienter damit haushalten können, denn die Zukunft ist näher, als wir denken. Das alles machen die drei mit humorvoller Erklär-Kraft und energiegeladenen Experimenten – bei denen sie sich zwischendurch ganz schön abstrampeln müssen. Am Ende gibt’s für das Publikum (und Moderator Schröder) eine Sicht in eine neue (und doch so vertraute) Welt, einen gefühlten IQ-Push sowie etliche Aha-Momente.
Am 29. September machen Kückens, Büker und Schröder mit viel Energie im Infotainment-Gepäck Station im Wiener stadtTheater Walfischgasse. Davor gaben sie uns aber noch ein sehr kluges Interview. Man lernt eben nie aus!
Michael Büker: Podcasts sind ja erst in der zweiten Welle groß geworden. Die erste Welle fand circa 2006 bis 2010 statt, da waren sie eher noch ein Nischending für Leute, die aufgrund von speziellen Interessen und auch technischer Spielereien einen Zugang dazu gefunden haben. In der zweiten Welle, so ab 2016, ist das Ganze zu einem Massenmedium geworden, weil es auch in die neue Medienlandschaft gepasst hat, in der alles auf dem Smartphone stattfindet. Auch die technischen Voraussetzungen waren fünf bis zehn Jahre davor noch gar nicht vorhanden gewesen.
Und ich glaube, dass erfreulicherweise an wissenschaftlichen Inhalten einfach ein großes Interesse besteht. Auch im Fernsehen ist Wissenschaft immer noch etwas, was Leute begeistert. Und wir hatten wohl einfach Glück, dass wir mit einem Format, das viele Hörerinnen und Hörer sympathisch finden, zur richtigen Zeit gestartet sind.
Jens Schröder: Der Vorteil von Podcasts ist auch, dass man nicht auf einen Bildschirm gucken muss, aber trotzdem inhaltlich etwas konsumieren kann. Denn das Thema der permanenten Screentime betrifft uns ja alle. Podcasts kann man neben dem Kochen, bei der Gartenarbeit, beim Autofahren, beim Pendeln und so weiter hören. Und, das merken wir auch bei unseren Live-Auftritten: die Leute, die uns regelmäßig hören, empfinden oft eine Nähe zu uns. Sie sagen zu uns, dass wir bei denen im Kopf sind. Wir sind jede Woche bei ihnen im Kopf und sie fühlen sich uns somit nah und freuen sich auf die Themen, die wir besprechen.
Johannes Kückens: Im Podcast hat man auch einfach Zeit, Dinge tiefer zu erklären. Jens kann nochmal nachfragen und wir können es nochmal anders erklären.
Jens Schröder: Ich habe das Gefühl, dass viele Leute ein großes Interesse an vertieftem Wissen haben. Wir haben, auch für uns selbst überraschend, viele sehr unterschiedliche Hörerinnen und Hörer aus allen Bildungsgruppen. Vieles in der Gesellschaft scheint zwar zu verblöden und oberflächlich zu werden, aber es scheint auch eine permanente Gegenbewegung zu geben.
Johannes Kückens: Jens war damals Chefredakteur der Zeitschrift PM. Die Print-Verlage wollten im Podcast-Business mitmischen. Jens ist daraufhin auf uns zugekommen und wollte ein kleines Team zusammenstellen.
Jens Schröder: Ich kannte genau zwei Physiker. Die kannten sich aber gegenseitig nicht.
Johannes Kückens: Dann haben wir uns zusammen in ein Studio gesetzt und haben einfach mal so drauflosgeredet. Ich glaube, es ging damals um das Beamen, also, ob man Menschen teleportieren kann. Und auch über das Zeitreisen haben wir geredet. Das war noch nicht gründlich recherchiert, so, wie wir es heute tun. Aber ein bisschen was weiß man ja auch so als Physiker. Und das hat ganz gut funktioniert in dieser Dynamik. Wir haben den Piloten danach an Audible geschickt und die haben sofort zugeschlagen – was auch sehr ungewöhnlich ist.
Jens Schröder: Wir haben anfangs in einem sehr schönen kleinen Studio in einer Journalistenschule aufgenommen, aber direkt nebenan war eine Herrentoilette. Man hat immer die Toilettenspülung gehört und das war nicht so toll (lacht)!
Johannes Kückens: Bei mir ging es in der 11. Klasse los, die Begeisterung kam durch einen extrem tollen Lehrer. Ich hatte natürlich immer schon ein Faible für Naturwissenschaften und für Mathe, das hat mir grundsätzlich Spaß gemacht. Aber ich hatte keine Fixierung auf Physik. Erst aufgrund dieses Lehrers hatte ich beschlossen, Physik zu studieren.
Michael Büker: Bei mir war es ein Interesse von vielen. Meine Leistungskurse waren Geschichte und Spanisch. Physik übte aber auch immer eine große Faszination auf mich aus – aber so, wie es in der Schule unterrichtet wurde, hat es mich nur punktuell mitreißen können. Insbesondere die Themen von Raumfahrt und die Erkundung des Sonnensystems haben mich immer schon sehr begeistert. Ich habe Physik studiert, weil es gegenüber Sprachen die besseren Berufsaussichten versprach. Nach dem Studium wurde mir aber klar, dass ich in der Forschung nicht gut arbeiten kann, stattdessen aber gerne darüber rede und erkläre, was Physik ist. Und dann haben meine Talente im Beruf des Wissenschaftsjournalisten sozusagen wieder zusammengefunden. Ich mag das öffentliche Sprechen, das Präsentieren und Erklären sehr gerne und denke, meist gelingt mir das auch ganz gut.
Jens Schröder: Ich war immer stolz darauf, dass mich Physik und Mathe null interessiert haben und ich es auch gar nicht kapiert habe. Ich war aber auch davon überzeugt, es im Leben nicht zu brauchen. Meine Leistungskurse waren Englisch und Deutsch und ich wollte Journalist werden. Klare Sache also.
Heute ist mir das ein bisschen peinlich, weil ich nun weiß, wie relevant Mathematik und Physik sind, dass diese Themen überall sind und dass es wirklich sinnvoll wäre, wenn wir alle mehr davon wüssten oder zumindest ein Grundverständnis davon haben würden. Erst in meiner langen Zeit in der GEO-Redaktion bin ich überhaupt auf das Thema Naturwissenschaften gekommen und habe mich gefragt: Warum ist das früher so an mir vorbeigegangen? Jetzt bin ich wirklich begeistert und freue mich über meine Rolle des Fragenstellers und Moderators des Podcasts. Denn ich denke, mit dieser Rolle können sich die Hörer*innen identifizieren.
Michael Büker: Ganz klar: nicht denjenigen Erklärungen folgen, die man überall findet. Für ganz viele Dinge – “Warum ist der Himmel blau?”, “Wie funktioniert der Kühlschrank?”, “Was passiert bei einer Sonnenfinsternis?” – gibt es Schulbucherklärungen mit zwei, drei Sätzen, die man überall findet. Manche davon sind ganz gut brauchbar, andere aber richtig schlecht.
Mein Paradebeispiel ist der Kühlschrank: Ja, hier ist es gasförmig und da ist es flüssig und da ist ein Ventil und da ist eine Pumpe und tralala – und am Ende ist es kalt. Aber das versteht kein Mensch. Ich nehme mir dann immer genug Zeit, um es selber nochmal von ganz von vorne neu zu verstehen. Manchmal komme ich mir dabei auch richtig blöd vor, wenn ich eine Woche dran sitze, einen Kühlschrank zu verstehen. Die Erklärungen, die dabei rauskommen, sind aber in der Regel besser verständlich.
Johannes Kückens: Ich finde es immer ganz toll, wenn man sich Stück für Stück in ein Thema reinarbeiten kann. Man geht erstmal von einem naiven Bild aus. Jeder hat eine Vorstellung, wie irgendwas funktioniert, oft ist sie aber sehr falsch. Aber auf dieser Vorstellung kann man Schritt für Schritt aufbauen. Ganz wichtig ist natürlich, tolle Bilder und Analogien zu finden, die aus dem Alltag sind. Auch wir Physiker brauchen diese Bilder. Wir können ja auch nicht nur in Mathematik denken. Es gibt vielleicht zwei, drei Genies, die tun das – ich aber nicht. Ich brauche Vergleiche aus dem Alltag. Das ist, glaube ich, bei vielen Menschen so. Das versuchen wir auch, in unserem Podcast umzusetzen.
Jens Schröder: Das hört sich nach Arbeit beim Hören an. Aber wir versuchen natürlich schon, alle Themen auch unterhaltsam und humorvoll aufzuarbeiten. Ein bisschen eine ironische Distanz gehört auch dazu. Manchmal brauchen die Leute einfach auch mal einen blöden Spruch.
Johannes Kückens: Die allerabgefahrenste Physik, also alles, was mit Quantenphysik zu tun hat, hat mich immer schon am meisten interessiert. Die Welt des Allerkleinsten. Was sind die grundlegenden Naturgesetze, die die Welt zusammenhalten? Was sind die elementaren Bausteine? Was bedeutet das für unsere makroskopische Welt?
Mein zweites Lieblingsthema ist der Bereich der Energiewende, weil es sehr relevant ist und natürlich voll von Physik steckt. Wie fahren die Autos und der Nahverkehr in Zukunft? Gerade beschäftige ich mich mit dem Nahverkehr. Was ist dann mit den Russen? Fahren die in Zukunft Wasserstoff? Oder fahren die doch alle elektrisch, auch auf den langen Strecken?
Michael Büker: Bei mir ist es auf jeden Fall Raumfahrt und Astrophysik, schon immer gewesen. In der Teilchenphysik und bei der Kerntechnik fühle ich mich ebenfalls zu Hause. Ich mag aber auch Orchideenthemen, bei denen man mit ein bisschen Aufwand einen Überblick gewinnen kann über etwas, das technisch ziemlich vielfältig ist. Zum Beispiel denke ich gerade an eine Folge über U-Boote, die ich geschrieben habe, in der wir erstmal ganz grundsätzlich drüber reden, wie ein Schiff überhaupt abtauchen kann. Dann aber wird es vielfältig. Es gibt Forschungs-U-Boote, die klein sind und Kilometer tief tauchen können, aber davon gibt es nur wenige. Es gibt militärische U-Boote, von denen es ziemlich viele gibt. Die sind ziemlich groß, aber sie tauchen eigentlich nie tiefer als 400 oder 500 Meter. Und dann gibt es Atom-U-Boote. Was meint man damit?
Jens Schröder: Solche Querschnittsthemen mag ich auch gerne. Wir haben zum Beispiel mal eine Folge über die Physik des Schaums gemacht. Meine Lieblingsfolgen – ich schreibe ja manchmal auch eine Folge – sind aber jene, die historisch und biographisch geprägt sind. In denen also Persönlichkeiten von Physikerinnen und Physikern der Vergangenheit und deren Leistungen gewürdigt werden. Sehr gelungen zum Beispiel fand ich die Folge über Lise Meitner und die Kernspaltung. Auch über Enrico Fermi, Cecilia Payne sowie William Herschel und seine Schwester Caroline haben wir bereits gesprochen. Heute denken wir uns: Was haben die alle gekonnt, was andere nicht konnten? Diese Biographien zu lesen war irre interessant.
Jens Schröder: Das ist auch so, und es freut mich, dass man es mir anmerkt. Ich kann mich für diese Themen wirklich begeistern und ich denke, das transportiere ich auch. Ein Erfolgsfaktor unseres Podcasts ist, dass wir uns alle drei über die verschiedenen Facetten, die dieser Podcast verinnerlicht hat, begeistern können auf die verschiedenste Weise.
Michael Büker: Es gibt manche Experimente, die sind so kurios und lustig, dass man wirklich gerne dabei gewesen wäre. Ein niederländischer Meteorologe hat zum Beispiel mal eine Blaskapelle auf einen fahrenden Zug gestellt, um den Doppler-Effekt nachzumessen, also, wie sich die Tonhöhe ändert. Aber man konnte überhaupt nichts hören, weil die Lokomotive so laut war.
Am meisten Gänsehaut bekomme ich aber, wenn ich an die Entdeckung der Relativitätstheorie denke, vor allem an die allgemeine Relativitätstheorie. Diese Entdeckung hat alles umgekrempelt, was man bisher vom Universum wusste, also, wie Raum und Zeit überhaupt zusammenhängen. Das war solch Geniestreich, der in einem einzigen Kopf entstanden ist und sich seit 100 Jahren in jeder Hinsicht als richtig erweist.
Jens Schröder: Ich wäre gerne im 17. Jahrhundert in Florenz dabei gewesen und geguckt, ob Galileo Galilei wirklich Steine vom schiefen Turm von Pisa geschmissen hat. Ich glaube nämlich, das hat er gar nicht, das ist nur eine Legende. Ich würde es gerne nachprüfen.
Und zum Thema Relativitätstheorie: Ein Experiment, was mich sehr fasziniert, ist, dass zwei Physiker in den 70er-Jahren beweisen wollten, dass die Zeit tatsächlich langsamer vergeht, wenn sich etwas im Vergleich zu etwas anderem schnell bewegt. Dazu haben sie zwei Atomuhren im Flugzeug um die Welt fliegen lassen und nachher genau rausgefunden, dass diese im Vergleich zu der Uhr, die unten geblieben ist, genauso falsch gehen, wie Einstein das hätten berechnen müssen. Fast ganz genau auf die Nanosekunde. Das finde ich total irre.
Johannes Kückens: Mir fallen die Magdeburger Halbkugeln ein: ein Experiment, bei dem man nachgewiesen hat, dass wir hier einen Luftdruck haben und dass es auch sowas wie ein Vakuum gibt, bei dem der Luftdruck fehlt und dass diese beiden Kugeln einfach zusammenhielten, ohne dass man irgendwas zusammenschrauben musste. Nicht mal von Pferden konnten sie auseinandergezogen werden. Ich glaube, mit dem Wissen von damals muss das schon ein beeindruckendes Erlebnis gewesen sein. Da wäre ich sehr gerne dabei gewesen.
Johannes Kückens: Diese großen Distanzen, die oftmals im Weltraum zurückgelegt werden, sind vollkommen unmöglich. Es handelt sich hierbei ja um Tausende oder Millionen von Lichtjahren, die da zurückgelegt werden und da wird dann völlig außer Acht gelassen, dass die Dichtgeschwindigkeit die Obergrenze ist – und selbst die kann man mit einem realen Raumschiff nicht mal annäherungsweise erreichen. Auch nicht in ferner Zukunft.
Michael Büker: Eine Frage, die man sich oft bei solchen Filmen stellen kann, um sich den Spaß zu verderben, ist: Wo soll die Energie herkommen? Das ist dann immer irgendein Zauberkram. Da wird dann von Antimaterie oder so gesprochen, das kann man dann glauben oder nicht.
Interessant ist auch: Eine Person fällt aus gigantischer Höhe und droht auf dem Boden aufzuschlagen – aber ein Meter vor dem Boden kommt ein Superheld und fängt sie auf und alles ist gut. Ob man aber auf die Hände von jemandem fällt oder auf den Beton, kommt aufs Gleiche raus. Was Energieerhaltung und Impulserhaltung betrifft, liegt da oft etwas im Argen. Das ist lustig.
Jens Schröder: Wenn in Filmen ein Komet oder was auch immer das Raumschiff bedroht, muss dieser mit einer Atombombe gesprengt werden. Oder die Sonne muss mit einer Atombombe wieder in Gang gebracht werden. In den Filmen ist es immer so, dass mehrere Leute diese Bombe persönlich im Raumschiff abliefern müssen. Aber WARUM? Warum müssen da überhaupt Menschen mitfliegen (lacht)?
Michael Büker: Es geht um Energie, ein sehr breites Thema. Zum einen wollen wir erklären: Was bedeutet Energie, von der wir ständig sprechen, überhaupt? Jeder hat eine andere Vorstellung von diesem Begriff. Natürlich geht es auch darum, wo im Alltag Energie für uns eigentlich relevant ist. Die Energiewende wird auch Thema sein, also: Wie können wir zukünftig genug Energie haben, ohne gleichzeitig massenweise Kohlendioxid in die Atmosphäre zu schießen oder ohne massenweise fossile Energieträger zu verbrennen? Wir schauen uns näher an, welche Ideen klug sind und welche weniger. Wo haben wir schon viel erreicht, wo müssen wir noch etwas tun? Natürlich stellen wir immer die Physik dahinter vor, die wir mir Experimenten verdeutlichen. Experimente, die einen gedanklich weiterbringen.
Jens Schröder: Mein Highlight ist, dass wir einen großen Überblick geben über den Energieverbrauch des gesamten Landes Deutschland. Wir zeigen, wo im großen Stil auf welche Weise die Energie verbraucht wird. Wo sieht man das sonst?!
Johannes Kückens: Wir überspitzen natürlich auch, um bestimmte Dinge deutlich zu machen. Wir tanzen zum Beispiel ein Braunkohlekraftwerk vor. Und Jens kommt ordentlich ins Schwitzen, denn er muss selbst Energie produzieren, die wir auf der Bühne live abnehmen.
Michael Büker: Es wird also sowohl etwas geboten als auch viel erklärt. Die Show ist eine Mischung aus Erklären, Spaß haben und Zeigen.
Jens Schröder: Nach der Show wird es noch ein Meet & Greet mit unseren Hörerinnen und Hörern geben. Da kann man uns auch Fragen über Physik stellen.