So ist die Dystopie des 21. Jahrhunderts ebenfalls thematisches Kernstück von „New Age Disorder“ – treffend, denn zum einen ist Heavy Metal per se von Natur aus keine tumbe Proletenmusik, braucht zum anderen aber Krisen wie das tägliche Brot: Nur, wer auf die Welt so richtig angepisst ist, schlägt alles, nur keine sanften Töne an. „We’re losing the ability to think outside the system, shifting straight to mankind’s doom“, heißt es da im Titeltrack und folgerichtig im Opener „Capitalypse Now!“: „Europe 21st century, the age of great oppression – World War III is just a matter of time.“
Getragen werden die – zugegeben, für die breite Masse verschwindend wirklich
relevanten – Diskurse wie auch schon am Debüt von einer gelungenen Mixtur aus Bay-Area-Thrash mit NWoBHM-Einsprengsel – Traditionstreue wird großgeschrieben, und wie auch schon auf „United Desperation“ beweist man hier das Potential, nicht nur gekonnt die Vorväter von Metallica, Testament, Death Angel und Co. blind zu kopieren, sondern mit eigener Note das weiterzudenken, was Anfang der Achtziger geboren wurde – und unter Bush teilweise sogar als psychologische Kriegsführung eingesetzt wurde. Und Krieg, den haben wir – wenn es nach einem bestimmten Klientel geht – ohnehin schon vor unsere Haustüre geholt. Und selbst wenn dem nicht so ist: Vielleicht würde die Menschheit bei all ihrem stupiden Stumpfsinn ein Tabula Rasa gut verdienen.
Von wegen „Tabula Rasa“: Gerade die gefälligen, melodiösen Iced-Earth-mäßigen Passagen, die das vornehmlich im Midtempo gehaltene Gestampfe auflockern, sorgen für Kurzweil – wie auch der feinfühlig und geschickt ausgebaute Lead-Bereich („Cannibal Cops“) mundet. Gesanglich wurden diesmal die Tonlagen, in denen man am Debüt noch Schwächen vermelden konnte, kurzerhand ersatzlos gestrichen – was der Abwechslung nicht schadet, für die Qualität aber durchaus dienlich ist, ist das Kernspektrum immer noch variantenreich genug. Enclave verstehen es, gute Ideen auch zu anständigen Songs gedeihen zu lassen - etwas, woran heute viele zu scheitern scheinen, und ja, auch von den vormaligen Aushängeschildern. Nein, Hits wie "Whiplash", "Hello From The Gutter" oder "Flag of Hate" sucht man auch auf "New Age Disorder" vergebens - dafür liegt die Messlatte durchwegs weit über Rohrkrepierern, auch etwas, das man leider mittlerweile nicht mehr sämtlichen Altvorderen andichten kann. Enclave tönen retro, ohne die Huldigung marktschreierisch anzupreisen - "New Age Disorder" klingt ohne Wehmut nach der "guten, alten Zeit", dabei selbst in melodischen Momenten nach verschwitzten Eiern in der Hose. Auf "New Age Disorder" findet man zuvorderst markante Kanten, ja. Aber auch majestätische Ohrwurmpassagen, die zwischen energetische Eruptionen gesetzt dafür sorgen, dass - ohne dabei cheesy zu werden - das Geschick des traditionellen Heavy Metals, sich unbarmherzig irgendwo zwischen Hammer, Amboss und Steigbügel einzulagern, aufgegriffen wird.
https://www.youtube.com/watch?v=2043IGpuDoM
Es ist dies, im überbordenden Thrash-Revival, vielleicht auch ein USP von Enclave, dass sie zwischen räudigem Rumpel-Thrash und Hochgeschwindigkeits-Gefrickel doch eigen querpreschen und man sich nicht auf obskurem Geholze allein ausruht oder in jazzige Sphären abdriftet, wenngleich die Produktion gerne furztrockener sein dürfte. Das Geschick der Mödlinger ist, nicht zu langweilen, dabei aber auch nicht zu überfordern – eine Gratwanderung, die Enclave gerade als Liveband zelebriert und diesmal in der Szene-Hymne „Austrian Thrash Command“ eine durchaus passable historische Festigung gefunden hat: Eigenlob stinkt zwar, aber feiern, das kann das Quartett durchaus – da darf man sich zwischendrin auch schon einmal
selbst feiern. Immerhin ist Musik neben „körperlicher Ertüchtigung“ seit jeher einer der wichtigsten Sozialisationsmöglichkeiten, sorgt sie neben Identitätsbildung auch für Sinnfindung und wirkt als Katalysator – die Welt, ja nicht einmal das kleine Biotop des Thrash Metals, werden Enclave damit freilich nicht retten können. Aber immerhin herrscht bis zum Untergang eine Mörderstimmung – und dazu braucht es nicht einmal den aufgelegten Schenkelklopfer, dass Gitarrist und Gründungsmitglied Martin Zahedi hinkünftig vom Australier Reece Tyrrell ersetzt wird – also von wegen „no kangaroos in Austria“.
Enclave spielen am 26. Jänner vor Ranger im Wiener dasBach. Wir verlosen 1x2 Tickets!
Tickets gibt es bei oeticket.com. Sie möchten an unseren Verlosungen teilnehmen? Dann füllen Sie einfach das untstehende Formular aus oder senden eine E-Mail an gewinn@ticketmagazin.com. Einsendeschluss ist am 25. Jänner! Die Verlosung erfolgt unter Ausschluss des Rechtsweges. Die Teilnahme am Gewinnspiel ist nicht an den Erwerb des Magazins gebunden. Eine Weitergabe der Daten an Dritte erfolgt nicht. Eine Barablöse des Gewinnes ist nicht möglich. Mitarbeiter der CTS Eventim Austria GmbH sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Bitte notieren Sie im Feld „Wunschgewinn“ das Kennwort "Enclave"!
*Pflichtfelder