Bild: Nina Andersson
Bereit für einen Trip durch die weirde Welt von Fever Ray? Der schwedische Musikexport ist Headliner des Domplatz Open-Air in St. Pölten. Fever Ray rebelliert gegen tradierte Geschlechterrollen, schminkt sich bis zur Unkenntlichkeit und macht experimentierfreudigen Elektropop, der mal dunkel klingt, dann wieder sinnlich und aufgekratzt. Eine Liebeserklärung an eine eigensinnige Künstlerpersönlichkeit.
(Hinweis: Um – passend zum Spielort St. Pölten – die Landesregierungsvertreter*Innen Niederösterreichs vollends aus der Fassung zu bringen, wurde Dreijer im Text mit weiblichen Pronomen versehen, wenn es sich um Momente ihres Lebens handelt, als sie sich noch als Frau identifizierte. Für die Zeit danach wurde sich um eine genderneutrale Ansprache bemüht.)
Wer ist Fever Ray? Ein mysteriöses Wesen, das alle paar Jahre mit einem neuen Album und einem neuen Äußeren zurückkehrt – um kurz darauf wieder in der Anonymität abzutauchen. Ungeschminkt auf der Straße würde man Fever Ray, bürgerlicher Name Karin Dreijer, vermutlich gar nicht erkennen, so perfekt ist das Spiel mit Maskierung und Kostümierung.
Es begann bereits vor der Solokarriere, im Geschwisterduo The Knife mit Bruder Olof in den frühen Nullerjahren. Auf Promo-Fotos trugen die beiden Schweden seltsame Vogelmasken, bei ihren Live-Auftritten versteckten sie sich hinter Unmengen von Trockeneis. Als dann 2009 das Solodebüt erschien, wäre Fever Ray ob all der weißen und schwarzen Farbe im Gesicht auch gut und gern als Black-Metal-Act durchgegangen. Am Cover des Albums „Plunge“ (2017) lässt sich Karin Dreijers wahres Äußeres noch am besten erkennen. Allerdings ist ihr Gesicht solcherart mit den Lettern „FEVER RAY“ bemalt, dass das Resultat erst recht wieder fremdartig-gespenstisch aussieht. Völlig bizarr ist schließlich der Look von Fever Ray zum aktuellen Album „Radical Romantics“ (2023): Dreijer spielt ein nicht mehr klar als Frau oder Mann identifizierbares Wesen in einem schlecht sitzenden Anzug, mit blutunterlaufenen Augen und Dreiviertelglatze. Die möglichen Assoziationen dazu reichen von queerem Alien (Riff Raff aus der Rocky Horror Show?) bis creepy Buchhalter.
Verrückt genug? Die Musik steht dem um kaum etwas nach. Im Grunde macht Fever Ray zwar Elektropop, wie er seit den Achtzigern gängig ist. Es handelt sich um eine nach so vielen Jahren sehr klar definierte Musik, bei der man als Hörer von den Synthiebässen über die Melodielinien bis zu den Beats eigentlich genau weiß, was zu erwarten ist. Nur bürstet Fever Ray diesen Sound gegen den Strich, bis er ungewohnt anders klingt, lässt genreuntypische Instrumente und tribales Getrommel erklingen.
Und dann ist da diese Stimme. Schon seit dem Debüt von The Knife im Jahr 2001, mit dem Dreijer zum ersten Mal international auf sich aufmerksam machte, ist der Gesang das Alleinstellungsmerkmal. Die Stimme wird oft stark verzerrt und verfremdet, der Ton ist mal schrill, dann wieder maskulin und heiser. Bisweilen klingt Fever Ray wie die schwedische Schwester im Geiste von Björk. Allerdings ist die Musik nicht derart entrückt von der echten Welt wie die der Isländerin. So seltsam fast alles an Fever Ray erscheint, kommt ihre Musik doch mitten aus dem Leben. Blickt man hinter die Maske, ist die Kunst oft sehr von privaten Dingen bestimmt und gibt Auskunft darüber, wo Karin Dreijer gerade steht.
Geboren 1975 in Göteborg, wuchs sie mit ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder Olof in einem linksliberalen Haushalt auf. Musik spielte von früh an eine Rolle. Mit 19 war Dreijer Sängerin der schwedischen Rockband Honey Is Cool, mit der sie mehrere Alben veröffentlichte. Ein bisschen was davon ist heute noch auf Streaming-Portalen erhalten. Ihr Frühwerk ließ nicht erahnen, wohin es Dreijer später ziehen sollte. Es war fest verwurzelt im amerikanischen Indierock der Neunziger – einige Songs würden auch heute noch gut in die Rotation von FM4 passen. An der Stimme freilich erkennt man Dreijer, die klang auch damals und ohne große Effekte darauf bereits einzigartig.
Die ersten Erfahrungen der jungen Sängerin mit der Musikindustrie verliefen ernüchternd bis frustrierend. Honey Is Cool sollte einfach eine lässige Gitarrenrockband mit ein paar Freunden sein. Weil ihr aber eine junge Frau vorstand, wurde sie jedoch als „Mädchenband“ vermarktet. Konzerte auf Festivals waren schwer zu bekommen, da es oft nur einen Quoten-Slot für weibliche Acts gab. Von Gitarren und Rockfestivals hält sich Karin Dreijer seither fern.
1998 zog sie mit ihrem Bruder, der in der Zwischenzeit begonnen hatte elektronische Musik zu produzieren, nach Stockholm und gründete das Duo The Knife. In den Nullerjahren legte die Band drei Alben vor, die Dreijers Karriere begründeten: „The Knife“ (2001), „Deep Cuts“ (2004) und das Meisterstück „Silent Shout“ (2006). Die Musik war tanzbar, aber auch leicht neben der Spur. Schon „Neon“, der erste Song am Knife-Debütalbum, ist ein Wettstreit zwischen coolen Beats, Dreijers Stimme und einem in diesem Kontext sehr ungewöhnlichen Instrument – einem Saxofon. Zwischendurch kam den Geschwistern immer wieder mal ein Hit aus. Vor allem „Heartbeats“ aus dem Jahr 2004 fasziniert bis heute mit einer Mischung aus nordisch-kühlen Stimmungen und karibisch wirkenden Percussions. In gewisser Weise war das Projekt nach ein paar Jahren auserzählt. Die Dreijers machten im Anschluss noch Musik für eine Oper über Charles Darwin und legten 2013 überraschend das Doppelalbum „Shaking the Habitual“ vor. Trotz einiger starker Momente erwies es sich als ziemlich verkopftes Werk über feministische und queere Theorien. Vor lauter Konzepten vergaßen die beiden ein bisschen auf die Musik.
Zu der Zeit hatte Karin Dreijer längst ihre Solokarriere als Fever Ray lanciert. Inspiration ihres fantastischen, selbstbetitelten Debütalbums von 2009 waren die Schattenseiten des Lebens in einer Kleinfamilie. Als zweifache Mutter litt Dreijer, die damals Dreijer-Andersson hieß und mit einem Programmierer verheiratet war, zu der Zeit unter häufigem Schlafentzug. Die geisterhaft-nervösen Stimmungen der Songs rührten also nicht etwa von daher, dass die Musikerin in den schwedischen Wäldern bizarre Rituale abgehalten hätte, als ganz profan von der überreizten Wahrnehmung einer Frau, die kurz vorm Nervenzusammenbruch stand. In den wenigen Interviews zur Platte sprach sie davon, wie sehr sie mit der Mutterrolle und dem Konzept Kleinfamilie haderte. Denn obwohl Schweden in gesellschaftlichen Dingen einen sehr fortschrittlichen Ruf hat, werde von Frauen auch doch stillschweigend erwartet, dass sie bei den Kindern zu Hause bleiben, während der Mann Karriere macht.
Ganze acht Jahre ließ Dreijer – frisch geschieden – ihre Fans auf neue Musik von Fever Ray warten. Als „Plunge“ 2017 endlich erschien, klang es wie eine Explosion, ein Befreiungschlag. Die Songs waren viel direkter, beatlastiger und körperlicher als die des Erstlings. In den Texten prallten das Private und das Politische aufeinander. „Every time we fuck we win“, skandierte Drejier mit schriller Stimme. Und: „This country makes it hard to fuck!” Die Gespräche zum Album verliefen ganz anders als zuvor, Dreijer hatte wieder begonnen auszugehen, sprach über Tinder-Dates und Clubnächte. Inzwischen begriff sich Dreijer als genderfluid. Die Musik auf „Plunge“ klang entsprechend aufgekratzt, hungrig nach neuen Erfahrungen. Vorbei mit tradierten Geschlechterrollen und Normen, hier verwarf Fever Ray diese als langweilig, tauchte in neue Welten ein.
Umso überraschender kam es, dass Fever Ray auf dem folgenden, aktuellen Album „Radical Romantics“ das tat, was alle anderen auch machen: Lieder über die Liebe singen. Freilich mit ganz eigenem Blickwinkel: Dreijer verwirft die Liebe als Gefühl – sie sei vielmehr eine Handlung. Dazu ringt Fever Ray dem durchdeklinierten Genre Elektropop wieder erstaunliche Rhythmen, Sounds und Melodien ab, ein paar Songs entstanden mit Bruder Olof, der nach Jahren in Berlin wieder in Schweden lebt (Manche Beziehungen sind eben langlebiger als andere.). An einer Stelle der Platte schreit Fever Ray einen Jungen an, ihr Kind in der Schule nicht mehr zu mobben. Es ist ein so großartiger wie verstörender Moment. Im Alltag würde man sich fragen: Passiert das gerade wirklich? Der von Trent Reznor und Atticus Ross co-produzierte Song heißt „Even It Out“ und ist als Crashkurs der beste Einstieg in Dreijers wunderbar weirde Welt. Nichts und niemand sieht so aus wie Fever Ray. Und es klingt auch niemand so.
Fever Ray gastiert am 7. Juli am Domplatz St. Pölten. Davor: Arlo Parks, HVOB, Salamirecorder & The Hi-Fi Phonos. Tickets gibt es bei oeticket.