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Heavys: die ersten Kopfhörer für Heavy-Metal-Fans

10.10.2023 von Stefan Baumgartner

Ende 2021 bin ich auf ein interessantes Projekt aufmerksam geworden, das ich dann im Jänner 2022 auf Kickstarter mit grob 150 Euro (privat, wohlgemerkt) unterstützt habe: Axel Grell, den „Godfather of German Audio Engineering“ kannte ich bereits aus seiner Zeit bei Sennheiser – das (deutsche) Unternehmen, dem ich (beziehungsweise meine Ohren) seit Jahren großes Vertrauen schenke, wenn es um Kopfhörer für den alltäglichen Gebrauch unterwegs, im Büro und daheim geht. Sennheiser-Kopfhörer, und das ist ihr größter Vorteil, bieten auch im mittleren Preissegment das Hör- und Tragevergnügen, was Mitbewerber erst für ein paar Scheinchen mehr kredenzen – sie sind zweifelsohne nicht die einzigen am Markt, die vernünftige Kopfhörer herstellen, aber gerade für den Alltagsgebrauch bieten sie für meine Bedürfnisse konstant eine gute Leistung was Haptik, Verarbeitung, Optik und natürlich auch Leistung betrifft.

Mittlerweile verbindet man mit seinem Namen nicht mehr die Marke Sennheiser (für die er unter anderem den legendären HD 800 entwickelte, den ziemlich viele Audiophile auf der Welt besitzen), sondern Grell Audio und: Heavys, das Produkt, das eben meine Aufmerksamkeit erregte – ist immerhin Heavy Metal privat meine bevorzugte Musik, und das schon seit grob drei Jahrzehnten. Für mich war es spannend herauszufinden, ob der seriöse Ingenieur sich tatsächlich in die Welt des Wilden und Ungestümen hineinversetzen konnte – und nicht nur in die Welt der Klassik- und Jazz-Aficionados.

Natürlich: Heavy Metal klingt – im Grunde – nicht viel anders als Klassik und Jazz. Gerade mit jenen beiden Spielarten hat Heavy Metal überraschend viel gemein, wenngleich auch distinguierte Anzugsträger jetzt vielleicht empört aufseufzen und erblasst in ihr Wildleder-Fauteuil sinken werden. Aber Heavy Metal klingt gerne auch mal so dissonant und aufeinandertürmend wie der Jazz, so vielschichtig und bombastisch wie die Klassik. Heavy Metal ist ebenso komplex wie beide „E“-Spielarten, und auch in der Lautstärke eifern sie alle drei gern auch mal um das Spitzenfeld, wenngleich songdienlicher als etwa im Schlager. Ja, Heavy Metal setzt nicht bevorzugt auf Blechbläser, Tasteninstrumente und Streicher, sondern auf verzerrte Gitarren und gerne auch mal Sänger, die eher nach einer brünstigen Wildsau klingen – aber wenn Sie Richard Wagner und John Coltrane übereinanderlegen und rückwärts abspielen, klingt das auch nicht viel anders als das, was Heavy Metal ausmacht. Zumal: die Bandbreite im Metal ist, wie in allen Genres, tatsächlich breit – selbst meine Großmutter selig hörte mit ihren ungeübten Ohren die Unterschiede zwischen klassischem Heavy Metal und Grindcore raus.

(Die möglichst extrem ausgelegte Playlist für den Produktest.)

Anderthalb Jahre musste ich als Backer der ersten Stunde nun warten, um herauszufinden, ob Axel Grell sich in seinem Projekt übernommen hat – oder nicht. Grob 150 Euro habe ich damals als Early Backer für sie gelöhnt, aktuell sind sie (ausschließlich über die eigene Website) um den doppelten Preis zu erwerben. Für den Preis erwarte ich mir keinen HE1, den Grell dereinst für Sennheiser entwickelt hat – das gute Stück klingt zwar wie als säße man am besten Platz der Elbphilharmonie und das Orchester spielt für einen allein, kostet dafür auch stolze 50.000 Euro - und dafür würde sich ein Heavy-Metal-Fan schon eher die signierte Original-Ausgabe von Mayhems "Deathcrush" kaufen, fünfundzwanzig mal.

Heavys: der Test

Von den Heavys erwarte ich mir ein Produkt, das tatsächlich auf die Zielgruppe zugeschnitten ist – preislich geht es schon einmal absolut in Ordnung: Heavy-Metal-Fans geben gern auch mal gut Geld für eine rare Vinyl aus, da darf die Anlage oder der Kopfhörer auch schon ein bisschen mehr kosten – man befindet sich mit 300 Euro also im guten unteren Mittelfeld. Der Ersteindruck zählt freilich auch – selbst im Spotify-Zeitalter kaufen viele Heavy-Metal-Fans Alben noch nach dem Cover und denken immer noch teils-antiquarisch, dass wenn die Aufmachung fetzt, der Inhalt wohl auch stimmen wird. Damit liegt man im Heavy Metal auch heute noch oft richtig – bei weitem aber nicht immer. Im Falle der Heavys haben wir tatsächlich hochwertig verarbeitete, stabile, robuste Kopfhörer vorliegen, die zwar schwer und wuchtig geraten sind, sich dabei aber angenehm und ohne Druck auszuüben am Kopf anschmiegen – man darf also vorsichtig prognostizieren, dass die Dinger langlebig sind. Auch hat man glücklicherweise nicht den Fehler gemacht, die Kopfhörer billig mit Totenschädeln und Grusel-Schriftarten zu verzieren – vielmehr nimmt sich die Marke „Heavys“ zurück und prangt sehr dezent auf den Ohrmuscheln und am Bügel (nebst einer grafisch kreativ gestalteten "Pommesgabel").

Unsere Ohren sind von Natur aus so konzipiert, dass sie Schall aufnehmen, der direkt vor uns entsteht. Deswegen versuchte man mit den Heavys, ein „Livesound“-Erlebnis nachzuahmen – die Bühne ist ja bekanntlich vor dem Publikum. Um das zu erreichen, verwenden sie eine einzigartige, patentierte Technologie mit acht Treibern, von denen vier an der Vorderseite der Ohrmuschel positioniert sind. Das Ergebnis ist ein optimaler Zugang zum Innenohr und ein möglichst natürliches Klangerlebnis.

Das Klangerlebnis ist aber nicht nur „natürlich“ – wer viel auf Konzerte geht, weiß, dass der „Livesound“ auch schon mal ziemlich scheiße klingen kann. Nicht so bei den Heavys: Sie klingen klar und präzise, lassen somit alles von den verzerrten Gitarren bis hin zum kräftig wummernden Bass deutlich hören. Nur den Death- oder Black Metal-Gesang versteht man auch weiterhin nicht, würde meine Großmutter unken – aber das liegt einzig daran, dass es bei Kopfhörern keine Untertitel gibt. Weil ja, auch die Gesangsnuancen sind sowohl in hohen wie auch in den tiefen Tönen gut austariert. Überhaupt ist der Frequenzbereich, in dem die Heavys gut funktionieren, für die Preisklasse erstaunlich gut aufgestellt – und das ist immens wichtig, denn Heavy Metal ist tatsächlich sehr dynamisch und nicht nur Bass, Bass, Bass. Natürlich ist auf den Bass – immerhin das Fundament eines jeden einzelnen Heavy-Metal-Songs! – ein besonderes Augenmerk gelegt – er klingt wuchtig, aber nicht dröhnend, Subfrequenzen hingegen einen Tick zu rauschig, als es mir lieb wäre. Aber kleine Unschärfen an Spitzenpositionen gestehe ich in dem Preissegment zu. Insbesondere, wenn die Mitten so gut funktionieren wie hier: Riffs, Soli im Besonderen, und Gesang sind klar abgesetzt – da muss die Produktion der Songs schon von Haus aus sehr matschig sein, dass die Heavys nichts daraus machen können. So kann man Heavy Metal auch hören, wie er ausschließlich gehört gehört: lang und laut. Viele preislich vergleichbare Kopfhörer knicken da nach ein, zwei Stunden Dauerbelastung schon mal gerne ein und sorgen für eher unangenehmes Schmerzempfinden im Innenohr.

Apropos Dauerbelastung: Die Heavys sorgen mit ihrem „Hell Blocker“ – einer Noise-Cancellation – dafür, dass das Umfeld nicht zwingend zwangsbeglückt wird. Und gerade die Geräuschunterdrückung – sowohl von Innen nach Außen, aber auch von Außen nach Innen! – funktioniert hier so gut wie nur selten bei einem Over-Ear-Kopfhörer aus der mittleren Preisklasse (Ausnahme: der Sony WH-1000xm5)! Meine KollegInnen im Büro waren hierfür sehr dankbar. Und auch ich, weil ihr Geschnatter nicht meinen Todesblei zerstörte.

Und schließlich: Dass die Kopfhörer sich sowohl über Bluetooth als auch mit Kabel mit dem bevorzugten Abspielgerät verbinden lassen, ist ein kleiner Mehrwert, der auch nicht unter den Tisch gekehrt werden darf. So kann man sich entscheiden, ob man die Musik in all ihrer Intensität und Energie wild herumspringend genießt, oder es sich wie einer dieser Klassik-Aficionados im Fauteuil gemütlich macht und mit einem guten Glas Pinot Noir in den drommetenrot lodernden Weltuntergang eintaucht.

Eine kleine Warnung nur zum Abschluss: Die Heavys verstehen sich primär als Kopfhörer, die speziell auf die Zielgruppe des Genres „Heavy Metal“ zugeschnitten sind. Das heißt aber nicht, dass andere Musiken nicht auch gut bis hervorragend über sie funktionieren – mit Hip-Hop, Pop und Indie werden sie definitiv keine Probleme haben, distinguierte E-Musik-Hörer werden letztlich wohl weiterhin auf hochwertigere, und auch noch feiner justierte Produkte zurückgreifen, während die Heavys gerade bei vielen fein ziselierten Musiken (ich denke da etwa an das Spätwerk von Nick Cave oder den kompletten Warp-Katalog) etwas zu ruppig rüberkommen. Aber wenn Sie neben den mexikanischen Disgorge und Darvaza hin und wieder auch gerne einmal Johnny Cash, Einstürzende Neubauten und PJ Harvey hören, werden Sie zwischendurch die Kopfhörer nicht wechseln müssen. Allein: Bei Helene Fischer fangen sie an zu glosen, bei Andreas Gabalier fangen sie schließlich Feuer – aber das ist kein technischer Defekt, sondern durchaus so gewollt. Das nennt sich: Selbstschutz.

Heavys sind ausschließlich online zum Preis von aktuell 299 Dollar erhältlich. Der Produkttest wurde in keinster Weise von Grell Audio und/oder Heavys bezahlt.

Heavy Metal hört sich live jedoch immer noch am besten an, deswegen auf zu einem der zahlreichen Konzerte in ganz Österreich - egal ob Judas Priest, Fear Factory, Abbath, Blind Guardian oder die beiden ex-Sepultura-Gründungsmitglieder Cavalera: Da ist für jeden Geschmack etwas dabei! Tickets gibt es bei oeticket.

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