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Henry Rollins: "Ich bin eine Ein-Personen-Subkultur"

22.12.2022 von Emanuel Rudas

Underground-Legende, Weltenbürger, Aktivist: Punk-Autorität Henry Rollins kommt für drei Vorstellungen seiner Spoken-Word-Performances nach Österreich. Im Gespräch mit ticket! lässt Rollins erkennen: von Altersmilde keine Spur.

Henry Rollins hat viel zu sagen. Die mittlerweile 61-Jährige Ikone des Punkrock steht mit ungebrochener Energie auf der Bühne. Gefühlt nur einmalig wird zu Beginn Luft geholt, dann entlädt sich ein Wortgewitter über den Saal. Rollins zieht sein Publikum innerhalb weniger Minuten in seinen Bann – und das oftmals für mehrere Stunden.

Rollins gelingt dabei ein bemerkenswertes Kunststück: Dass sich dabei der Puls der Zuhörenden spürbar beschleunigt, liegt nicht mehr an im Eiltempo abgespielten Songminiaturen, wie er sie früher in seinen Bands Black Flag oder Rollins Band zelebrierte. Henry Rollins stellt sich seinen Zuhörern alleine, gelegentlich flankiert von sorgsam ausgewählten Bildern aus dem privaten Reisearchiv. Was klingen mag wie ein Diavortrag aus dem Audimax, ist eine packende Mischung aus Anekdoten und Erfahrungsberichten eines weit gereisten Geschichtenerzählers. Seine „Good To See You“-Tour führt ihn im Februar nach Salzburg, Graz und Wien, aber auch Städte wie etwa Laibach oder München (im März) stehen am Programm. Wir sprachen mit Henry Rollins übers Reisen in heutigen Zeiten, interkulturelle Unterschiede in seinen Shows und 90ies-Nostalgie.

Das Reisen und das Kennenlernen fremder Kulturen gehören zu deinen Hauptthemen. Die Entwicklungen der letzten Jahre – Pandemie, Inflation, eine gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber der Klimakatastrophe – könnte aber genau das bedrohen.

Ich habe keine Ahnung, was Millionen von Fremden in der ganzen Welt in Zukunft tun werden. Ich frage mich aber, ob das Internet die Welt transparenter gemacht hat und das Ergebnis sein könnte, dass sich viele Menschen damit zufriedengeben, einige Bilder oder Filmaufnahmen online anzusehen und gar nicht das Bedürfnis haben, diese Orte tatsächlich zu besuchen. Ich glaube, dass viele Menschen aus dem Westen wenig bis gar kein Interesse an Kulturen haben, die sich stark von den ihren unterscheiden.

Das Fliegen steht ohnehin mittlerweile aufgrund des enormen ökologischen Fußabdrucks zunehmend in der Kritik.

Sollte mir das jemand vorwerfen, würde ich dennoch Flüge antreten. Ich glaube, egal wie gut man es meint: irgendjemand wird immer einen Fehler finden. Ich habe einmal einen Artikel darüber gelesen, wie George Clooney Millionen von Dollar für Drohnen zur Überwachung der damals neuen Grenze zwischen dem Sudan und dem Südsudan bereitstellte. Die Leute kommentierten darunter: "Muss schön sein, sich das leisten zu können ... " Da wurde mir klar: Undank ist der Welten Lohn. Egal wie gut deine Tat ist, irgendjemand wird sich schon finden, der sie durch den Dreck zieht. Ich denke, man tut, was man für richtig hält, und hoffentlich trifft man eine gute Wahl.

Wie ging jemand wie du mit den Lockdowns um? Konntest du dennoch reisen?

Ich bin nirgendwo hingegangen. Die letzte internationale Fernreise, die ich unternommen habe, ging Ende 2019 nach Japan. Ich war frustriert, aber es gab nicht viel, was ich tun konnte, also habe ich an Buchprojekten und anderen Dingen gearbeitet, bis ich Anfang 2022 wieder auf Reisen gehen konnte. Die Zeit war deprimierend, aber ich habe das Beste daraus gemacht, so gut ich konnte.

Wie erlebst du Unterschiede in den Ländern, in denen du auftrittst? Ist "Henry Rollins on stage" in den USA das Gleiche wie in Österreich?

Die "internationale" Show unterscheidet sich ein wenig. Ich nenne keine Namen von amerikanischen Politikern, die einem österreichischen Publikum bestenfalls entfernt bekannt sein könnten. Wenn ich im Publikum säße, würde ich mich langweilen. Ich versuche, die Themen offen zu gestalten, so dass jeder etwas damit anfangen kann. Die Shows unterscheiden sich nicht allzu sehr von jenen, die ich in den USA mache. Das war einer der Gründe, warum das Reisen für mich so wichtig war. Es war großartig, um überall Geschichten zu erzählen. 

Ein zentraler Teil deiner Spoken-Word-Abende sind Anekdoten aus deiner Geschichte als Musiker. Im Zuge der Vorbereitung las ich in einem Interview aus dem Jahr 1993, dass du dich damals schon zum alten Eisen zähltest – im Vergleich zur damals jungen Generation von Kurt Cobain oder Eddie Vedder. Wie fühlt sich das heute an, 30 Jahre später?

Wir sind alle älter geworden. Irgendwann verlässt die Leute das Interesse an diesen Künstlern und sie widmen sich den nächsten, das ist einfach der Lauf der Kultur. Ich bin alt und wahrscheinlich wird mein Publikum eher früher als später weiterziehen. Ich denke, einige Bands oder Künstler können ihr Publikum länger halten als andere. Ich wette, dass eine Band wie Pearl Jam in der Lage sein wird, große Hallen zu füllen, bis sie nicht mehr spielen will, dasselbe gilt für die Foo Fighters und Bruce Springsteen. So wird es für mich nicht weitergehen. 

In diesem Interview sagst du außerdem: "Aufstehen, mitmachen, sich engagieren. Die Welt steht in Flammen. Für mich sind die 90er Jahre ein Aufruf, zu den Waffen zu greifen." Im Vergleich zur heutigen Zeit wirken diese Zeit doch geradezu idyllisch.

Ich denke, die Geschichte der Menschheit ist eine lange Reihe von Entwicklungen, die auf einander aufbauen. Landwirtschaft + Handelswege + Kolonisierung + Erster Weltkrieg + Zweiter Weltkrieg usw. All diese Dinge zusammengenommen - was ergibt das? Ich denke, in diesem Jahrhundert ist das "=" endlich angekommen. Mit ihrer Technologie in der Hosentasche sind die Menschen teils Voyeur, teils Exhibitionist, teils Spion, teils Sozialexperte, usw. "Wir" sind angekommen.

Was ich über die 90er Jahre gesagt habe, war genau richtig. Es war ein Aufruf zum Kampf, und meiner Meinung nach haben nicht genug Leute darauf reagiert, mindestens eine Generation hat es ausgesessen. Und was hat man davon? Die Invasion und Besetzung des Irak, Dick Cheney, der die USA in eine heimtückischere hegemoniale Maschine des Zu-Weit-Gehens verwandelt hat, institutionalisierte Homophobie und einen leichteren Zugang zur kriminellen Klasse und die Ausplünderung der Mittelschicht. Wenn Politiker sagen: "Wir sind besser als das", dann wissen Sie, dass sie lügen. Es gibt dieses "Wir" nicht. Du magst „es" vielleicht sein, aber "wir" sind die „Proud Boys“ (Anm.: rechtsextreme US-Gruppierung) und die Aufhebung der Entscheidung Roe v. Wade durch den Obersten Gerichtshof der USA. "Wir" haben Donald Trump gewählt und wollen die Teile der Geschichte nicht lehren, die "wir" für schlecht fürs Geschäft halten. "Wir" sind hier, auf der anderen Seite des "=" und streiten über den Klimawandel und Impfregelungen.

Musikalisch waren die 90er noch stark geprägt von der Teilung „Mainstream“ und „Underground“. Diese Trennung scheint sich in Zeiten des Internets aufgelöst zu haben. Gibt es noch einen Mainstream oder Subkulturen?

Irgendwann wird fast alles zum Mainstream, weil jemand einen Weg findet, damit Geld zu verdienen. Ich denke, es gibt Subkulturen, die nicht vorhatten, Subkulturen zu sein. Fast mikroskopisch kleine Musikszenen im Mittleren Westen der USA und in Skandinavien. Das sind einfach coole Spinner, die Kassetten und CDRs mit Noise- und Drone-Musik für ihre Freunde machen und sich gegenseitig in ihren Kellern vorspielen. Ich habe buchstäblich Tausende von Veröffentlichungen dieser Art. Ich lebe allein. Etwa 99% der Zeit arbeite ich allein. Ich stehe mit einer einzigen Person in Kontakt, die nicht von mir bezahlt wird oder eine Provision erhält oder mit der ich keine geschäftliche Beziehung habe, wie z. B. den Kauf einer Platte oder so. Ich weiß nicht, wie Facebook funktioniert und was es bewirkt. Ermöglicht es den Leuten, miteinander in Kontakt zu bleiben? Nein, danke. Ich bin eine Ein-Personen-Subkultur. Was ich damit sagen will, ist, dass fast alles, wofür sich eine Menge Leute interessieren, für mich uninteressant ist. 

Um auf den Ausgangspunkt unseres Gesprächs zurückzukommen: Ist "Klimaschutz" so etwas wie ein neuer Mainstream?

Es kann nicht Mainstream sein, so wie etwa die Fußballweltmeisterschaft, bis die Regierungen in der ganzen Welt es als Tatsache anerkennen. Für Millionen von Menschen auf der ganzen Welt ist die Wissenschaft eine Art kommunistische Alchemie, die ihr Misstrauen und ihre Wut hervorruft. Erinnerst du dich an die Eröffnungsszene in "2001 - Odyssee im Weltraum", als die Affen den Monolithen mit Knochen bewerfen? Einige von ihnen sitzen in den Kongresskammern der USA. Sie trinken Bier und füllen Stadien. Sie jubeln Fremden zu, die einen Ball kicken, und werden wütend, wenn man sie bittet, eine Maske zu tragen. Das ist der Mainstream. Klimaschutz ist etwas für Kommunisten, Homos und Leute, die lesen.

Im Moment gibt es eine gewisse 90er-Jahre-Nostalgie: in der Musik, in der Kunst, in der Unterhaltung. Haben wir es hier mit einer idealisierten Version dieser Zeit zu tun? 

Die Zeit neigt dazu, die rauen Kanten der Vergangenheit abzurunden. In den USA denken die Menschen gerne an die 1970er Jahre zurück. Sie sollten etwas über die USA in den 1970er Jahren lesen. Unglaubliche Gewalt, Bombenanschläge, Flugzeugentführungen, kriminelle Polizisten, schreckliche Beispiele von Rassismus, Frauenfeindlichkeit waren wie ein dickes, allgegenwärtiges Aerosol. Ich glaube, es gibt fast ausnahmslos keine "guten alten Zeiten". Die Menschen sind ganz schön hart. Man kann sich noch so viele Hoffnungen machen, aber irgendwann werden sie einen enttäuschen. Und wenn eine Kultur stagniert, sucht sie in der Vergangenheit nach Inspiration. Das ist einer der Gründe für das Comeback der Vinyl-Schallplatte. Warum werden Filme neu gedreht? Warum werden Fernsehsendungen "neu aufgelegt"? Weil dem Entertainmentkonzern die Ideen ausgegangen sind und er immer noch dringend Ihr Geld braucht. Die guten Sachen sind da draußen und es gibt sie in großer Menge, man muss nur wissen, was gut ist und wo man es findet.

Henry Rollins gastiert auf "Good to See You"-Tour im Februar in Laibach, Salzburg, Wien und Graz, im März in München. Tickets gibt es auf oeticket.com.

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