Foto: Anne Colliard
Er wollte eigentlich nur spielen. Unterhalten. Frei sein. Guy Laliberté aus Kanada erkundete bereits ganz allein mit zarten 18 Jahren Europa, die Reise finanzierte er sich als Straßenkünstler: Er sorgte bei den gestressten Passanten unter anderem als Jongleur und Feuerschlucker für ein kleines Lächeln und erstaunten Gesichtern, er beherrschte allerdings auch die Mundharmonika und das Akkordeon. Laliberté lebte für die Kunst, aber sicher nicht für den großen Reichtum.
Doch das Leben, nein: sein großes Talent, meinte es gut mit Laliberté. 1982 gründete er mit einigen wenigen Artisten eine kleine Varieté- und Straßentheatergruppe in der Provinz Québec, schon zwei Jahre später wurde er von der Regierung beauftragt, anlässlich der 450-Jahr-Feier von Québec eine Straßenveranstaltung in mehreren Städten auf die Beine zu stellen. Das Publikum war begeistert, der Erfolg hielt an, die Idee des Cirque du Soleil („Zirkus der Sonne“) war geboren. Zirkus war gestern, nun war Cirque du Soleil angesagt, ein einzigartiger und spektakulärer Mix aus Theaterkunst, Akrobatik, Livemusik, Farbenspielen und dem Ziel, Emotionen zu wecken und den ZuschauerInnen eine alle Sinne umfassende Flucht aus dem Alltag bieten zu können – jenseits aller Regeln und Kategorien. Auf traditionelle Zirkuselemente wie Manege oder Tiere wurde (und wird) bewusst verzichtet.
Das Konzept ging auf, das irdische Universum begeistert, die Zirkus- und Akrobatik-Welt war nie mehr dieselbe: Schnell mauserte sich der Cirque du Soleil zum erfolgreichsten künstlerischen Entertainment-Unternehmen weltweit, aus den anfangs 20 Straßenkünstler sind mittlerweile rund 1.300 Artisten aus 50 Ländern geworden. Der Cirque du Soleil sorgte bisher bei rund 200 Millionen Zuschauer in fast 450 Städten in 60 Ländern auf sechs Kontinenten für frenetische Begeisterungsstürme und heruntergeklappten Kinnladen. Unter den Fans befindet sich auch Kult-Regisseur James Cameron, der den Artisten 2012 mit dem 3D-Film „Cirque du Soleil: Worlds Away“ Tribut zollte. Und Laliberté (mittlerweile 63 Jahre jung)? Der ist inzwischen Milliardär, Weltraumtourist und Verfechter für sauberes Trinkwasser auf der ganzen Welt. 2004 wurde er vom renommierten Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten gewählt. Nicht schlecht für einen Jongleur und Feuerschlucker.
In all den Jahrzehnten seit seiner Gründung ist sich der Cirque du Soleil, so sehr er auch Diversität, Detailreichtum und wahrgewordene Wunder zelebriert, im Kern immer treu geblieben: Die Grenze zwischen Fiktion und Realität, zwischen Schein und Sein, zwischen dem, was doch nicht möglich sein kann und dem, was durch scheinbar pure Willenskraft doch möglich ist, verschwimmen zu lassen.
Die neue Produktion „Luzia“, die vom 13. April bis 14. Mai im Grand Chapiteau in Wien/Neu-Marx Station macht, ist hier keine Ausnahme: Mithilfe spektakulärer visueller Überraschungen und atemberaubender Akrobatik entführt uns die Produktion in ein imaginäres, surreales Mexiko, eher Traum als Wirklichkeit, aber irgendwie auch beides. Das weiße Zelt (mittlerweile Markenzeichen des Cirque du Soleil) verwandelt sich in einen atemberaubenden artistischen Reigen, der in einer Filmkulisse beginnt, vom Ozean zu einem verrauchten Tanzsaal und weiter zu einer Wüste führt. Vor unseren Augen tut sich eine rauschhaft-intensive Märchenwelt auf, ein farbenprächtiger Bilderbogen aus Orten, Gestalten und Klängen Mexikos, die Tradition und Moderne von Mexiko spiegeln. Einmal mehr ein Akt gegen Rationalisierung und Kalkulierbarkeit. Mit Opulenz wird in „Luzia“ nicht gespart, tief berührend ist das Dargebotene trotzdem – und abgehoben nur im besten Sinne.
Die Prämisse von „Luzia“: Einer mit dem Fallschirm abgesprungener Reisender landet in einem fremden Land und macht dort faszinierende Begegnungen, trifft auf meisterhaft miteinander verwobene Kultur, Natur und Mythologie eines traumhaften Landes mit einer geheimnisvollen Menagerie von Figuren und Charakteren. Geleitet wird er bei seiner Reise (die auch eine Reise zu sich selbst ist) von den seelenschmeichelnden Elementen Licht und Regen, setzt sich der Name der Show doch durch die Wörter „luz“ (spanisch für „Licht“) und „Iluvia“ (spanisch für „Regen“) zusammen. Und genau hier unterscheidet sich „Luzia“ von allen bisherigen Cirque-du-Soleil-Shows: Erstmals in der Geschichte einer Zeltshow wird Wasser als dominant künstlerisches Element in die Inszenierung eingebaut: Ein 3.500 Liter umfassendes Wasserbecken unter der Bühne erzeugt einen spektakulären Regenvorhang, der die Akrobatik auf ein noch nie dagewesenes Level hebt. Kurz: „Luzia“ ist ein Fest für alle Sinne und ein Bühnengemälde des Lebens, das einen nachhaltig verzaubern wird. Rückreise in die Realität auf eigene Gefahr.
Der Cirque du Soleil gastiert mit „Luzia” am 13. April bis 14. Mai in Neu-Marx in Wien. Tickets gibt es auf oeticket.com.