Für „Wie wir leben wollen“ gingen Tocotronic ins Candy Bomber-Tonstudio in Berlin-Tempelhof, weil: Analog ist besser. Auch Die Ärzte setzten für „auch“ auf das Uralt-Equipment von Paul Lemp und Ingo Krauss, die das Studio im ehemaligen Flughafen-Bau führen - wohlgemerkt, es handelt sich hierbei nicht um die Ruine "Berlin Brandenburg", die den deutschen Steuerzahler vor Eröffnung bereits mehr als 5 Milliarden gekostet hat. Ein Ende ist nicht in Sicht.
Durch das Tonstudio unweit der Tempelhofer Landebahnen weht der faulige Atem der deutschen Geschichte, der seinen Höhepunkt im Neubau 1934 fand und den größenwahnsinnigen Vorstellungen der Nazis entsprechend zu einer faschistischen Monumentalarchitektur geriet. Die Berliner selbst verbinden Tempelhof eher mit der Luftbrücke der Westalliierten zur Zeit der Berlin-Blockade durch die Sowjetunion: Militärmaschinen, liebevoll „Rosinenbomber“ – „Candy Bomber“, eben – genannt, versorgten die eingeschlossene Stadt ab Juni 1948 über ein Jahr lang mit Lebensmitteln. Seit seiner Schließung vor knapp acht Jahren erfuhr der Flughafen eine Bedeutungsänderung gen Kultur- und Freizeitoase. Dort, im Rosinenbomber, checkten die Retrorocker Kadavar ein, um „Berlin“ seinen dementsprechenden Sound zu verpassen.
Woher kommen eigentlich eure tierischen Pseudonyme: Tiger, Lupus, Dragon - beziehungsweise euer alter Bassist Mammut?
Tiger: Als wir beide, Lupus und ich, uns kennenlernten fanden wir das einfach eine lustige Idee, weil wir beide Christoph heißen. Hinter den Tiernamen selbst steckt aber keine Geschichte.
Lupus: Ein Wolf und ein Tiger sind einfach cool. Als Simon in unsere Band kam, wollten wir ihn Ratte nennen
(lacht).
„Delfin“ war auch im Gespräch, heißt es …
Lupus: Ja
(lacht). Er hat sich dann aber doch für den Drachen entschieden.
Dragon: Eigentlich wollte ich ja „Kippe“ heißen.
Lupus: Aber das ist kein Tiername, Simon … „Kippe“ übrigens deswegen, weil er den ganzen Tag raucht – aber das tut ein Drache ja irgendwie auch. Es gibt da noch ein paar Namen, die wir intern verwenden
(lacht schelmisch), aber der offizielle ist eben „Dragon“ …
Gebt ihr beide euch daheim in den eigenen vier Wänden auch Tiernamen?
Lupus und Tiger: (lachen)
Lupus: Nein, das machen wir nicht. Vielleicht, wenn einer sauer wird …
"Tiger, bei Fuß!“?
Lupus: Das wird er nicht machen, der ist ja einen Kopf größer als ich
(lacht). Der sagt dann nur, „Fick dich!“
(lacht). Ne, wir sprechen uns mal so und mal so an, wie es gerade passt, das ist relativ locker. Am Anfang war es einfach ein Spaß, wir fanden es lustig – aber dann stand es auch auf der ersten Platte drauf und dann blieben wir halt dabei. So gibt es wenigstens auch keine Irritation, wenn da zwei Christoph mit von der Partie sind.
Ihr seid alle zugezogene Berliner, dennoch gibt’s mit dem dritten Album eine Hommage an die deutsche Bundeshauptstadt. Welchen Stellenwert hat die Stadt selbst für euch, wie stark ist sie mit euch als Individuen und eurer Musik verbunden?
Lupus: Tiger und ich wohnen seit fast 10 Jahren da, wir sind damals nach Berlin gezogen, um Musik zu machen. Wir haben unsere Band da gegründet, wir haben da unseren Proberaum, Berlin ist unsere Base – und von daher mit der Band eng verbunden. Wenn man so wie wir zuletzt das ganze Jahr unterwegs ist, dann ist das ein angenehmes Nachhausekommen, so ein Fluchtpunkt, wenn man die gelbe Berliner Ortstafel sieht. Von daher ist Berlin wichtig für uns, einfach, um den Ausgleich zu schaffen.
Wie lässt sich eure Wahrnehmung der Stadt auf die unterschiedlichen Bilder und Perspektiven in der Sonnenbrille am Cover zu „Berlin“ umlegen?
Lupus: Als wir angefangen haben, die Platte zu schreiben, haben wir uns überlegt, was der Arbeitstitel und die Idee dahinter sein sollte – und relativ rasch kam da Berlin als roter Faden auf, einfach aus dem Grund, weil wir nach langer Zeit auf Tour endlich wieder zuhause waren und wieder das tun konnten, was uns schon eine halbe Ewigkeit abging: Musik, einfach so zum Spaß.
Beim Cover haben wir schlichtweg im Hinterkopf gehabt, dass Berlin eine geschichtsreiche Stadt ist – im Zentrum davon der alte Flughaften Tempelhof, in dem wir auch „Berlin“ aufgenommen haben. Tempelhof existiert seit der Weimarer Republik, wurde im Dritten Reich dann aber neu gebaut und war später für die Luftbrücke, die den Westsektor versorgte, wichtig. Seit der Wiedervereinigung ist es nun einer der größten Parks, die es in der Metropole gibt. Es gab sogar ein Bürgerbegehren, wo entschieden wurde, dass er nicht bebaut werden darf, die ganze Fläche brach bleiben muss. Das zeigt auch, wie sich die Leute mit der Stadt identifizieren und dafür sorgen, dass sie so bleibt, wie sie sie erleben wollen.
Die Idee hinter den Brillengläsern und den Motiven darin war die, dass jeder die Stadt anders sieht. Als Tourist bewegt man sich zum Beispiel am Brandenburger Tor, oder beim Fernsehturm – als Einheimischer kennst du deinen eigenen Kiez wie die Westentasche. Jeder entscheidet, wie und was er von der Stadt wahrnimmt, und das haben wir versucht, mit den unterschiedlichen Reflexionen in der Brille zu verbildlichen.
Losgelöst von Kadavar kommt mir vor, dass Berlin das musikalische Pendant zum literarischen Prag ist, das Franz Kafka als „Mütterchen“ bezeichnete – keiner anderen Stadt wurde derart oft eine Ehrerbietung kredenzt, gleich ob von David Bowie, Lou Reed, Iggy Pop oder auch Nick Cave. Was macht ihren künstlerischen Reiz aus?
Tiger: Ich glaube, das Interessante an Berlin ist, dass niemand so genau weiß, wo es hingeht. Es gibt eine Co-Existenz von allem und es gibt für jeden irgendwie seine Nische, jeder schwimmt in seinem kleinen Teich herum und kann machen was er will. Es ist einfach eine lockere Atmosphäre, weil du musst dich nicht mit irgendwas Bestimmten identifizieren, jeder kann seinen eigenen Kram machen. Ich glaube, das haben wir gesucht, als wir nach Berlin gezogen sind: So eine Stadt mit einem Groove, der nicht fertig ist, wo jeder machen kann, worauf er Lust drauf hat. Das macht’s für mich aus.
Lupus: Der Vorteil von Berlin ist auch, dass obwohl es eine weltweit angesagte Metropole ist, sie nach wie vor relativ billig ist. Das ist natürlich für Künstler angenehm, wenn man in einer Stadt lebt, in der man noch überwiegend aktiv Musik machen kann und nur wenige Tage nachts in einer Bar oder so jobbt. In London, Paris oder New York zahlst du dich allein für einen Proberaum dumm und dämlich, musst den noch dazu mit anderen Bands teilen und hast selber nur wenige Stunden in der Woche davon. In Berlin bist du künstlerisch und finanziell frei, auszuprobieren – da muss es nicht einmal irgendwo hin führen. Dieses Experimentieren und Übergreifen, wie Christoph gesagt hat, ist es dann, was den Reiz ausmacht.
Lupus, du bist ja aus Thüringen, Tiger, du aus dem Westen – Simon ist aus Frankreich, und euer ex-Bassist Mammut war sogar aus Kärnten. Gibt es da einen Culture-Clash zwischen der deutschen und österreichischen Mentalität, oder zwischen Ost und West?
Tiger: Mittlerweile sind wir schon so nah, da merkt man das eigentlich nicht mehr – aber hie und da gibt es dann doch kleine Missverständnisse, je nachdem, wie man Sachen ausdrückt. Das ist aber alles überbrückbar und überschaubar, man muss sich nur anschauen, an welchen Stellen man selbst dann doch ein bisschen anders tickt.
Lupus: Es sind Nuancen. Bei den wichtigen Punkten, da stimmen wir überein – ansonsten würde das auch nicht funktionieren
(lacht). Der eine steht halt lieber als erstes auf und geht duschen, und der andere pennt halt lieber bis fünf Minuten vor der Zeit. Scheißegal. Das sind Kleinigkeiten, da spielt man sich ein und nach ein paar hundert Tagen auf Tour ist dann eh alles egal
(lacht).
Seid ihr damals eigentlich mit dem österreichischen Humor auch in Verbindung gekommen, oder war Mammut einberlinert?
Lupus: Nene, natürlich – da hat er schon Wert drauf gelegt. Keine Integration
(lacht)!
Auch du bist ein „Lindemann aus dem Osten“ – sind da irgendwelche Verwandtschaftsbeziehungen zu Till von Rammstein vorhanden?
Lupus: Ich bin mir dessen nicht bewusst, vielleicht über viele Ecken – aber: ne. Ich wurde ständig drauf angesprochen, als in allen Städten Plakate für seine Soloplatte hängen, von der ein paar dachten, es wäre meine
(lacht). Getroffen habe ich ihn noch nie, aber vielleicht ist, da es jetzt nicht so viele Lindemanns gibt, irgendwie eine Verwandtschaft vorhanden …
Wenn wir jetzt wieder auf Lou Reed zurückkommen – mit dem Cover von Nicos „Reich der Träume“ habt ihr erstmals einen deutschsprachigen Song aufgenommen. Was hat ihn dafür qualifiziert?
Lupus: Wenn man ein Album „Berlin“ nennt und selbst eine deutsche Band ist, dann liegt es nahe, etwas Deutsches zu probieren. Wir hatten zuerst die Idee für ein eigenes Stück, aber so richtig habe ich mich da nicht herangetraut. Englisch ist für mich einfacher, da kann man viel sagen ohne wirklich was zu sagen. Deutsche Wörter, also ihre Bedeutungen, wiegen schon schwerer als im Englischen. Da kam dann relativ rasch die Idee auf, etwas zu covern und wir haben wochenlang überlegt, welches Stück mit Berlin-Bezug es sein könnte. Es ging auch wieder weg vom Deutschen, bis hin zu den Sex Pistols mit „Holiday In The Sun“, wo es um die Mauer geht. Eines Tages kam dann Simon mit „Reich der Träume“ von Nico. Das Stück ist relativ unbekannt, aber hat gepasst: Ihre Stimme ist auch tief, ich fand den Text cool und die Musik gibt uns genug Spielraum, um selber zu interpretieren. Dadurch, dass Nico in Berlin begraben liegt und der Autor des Stückes selbst auch Berliner ist und in der Krautrock-Szene mit Ashra Temple und Agitation Free in den Siebzigern großen Einfluss auf die Szene hatte, hat es gleich doppelt gepasst.
Hast du damit jetzt die Furcht vor einem eigenen deutschen Song verloren?
Lupus: Ne
(lacht). Noch nicht, ich lass das mal setzen. Wenn man so intensiv an einer Platte arbeitet, verliert man sowieso erst einmal den Überblick und ist total fokussiert. Ich habe jetzt auch einmal so eine Phase, wo ich mir die Platte erstmal nicht mehr anhöre – ich mache gern die Promo, spiele die Stücke live, aber die Platte selbst ist mal abgeschlossen und fertig.