Ihr Mann hat bereits festgelegt, in welcher Pose er als Plastinat verewigt werden möchte. Und Sie?
Auch ich habe bereits darüber nachgedacht, aber für mich sehr schnell entschieden: Ich möchte diese Entscheidung gar nicht treffen, weil ich weiß, wie schwierig das dann für diejenigen ist, die die Arbeit machen müssen. Nur allzu oft sind solche Vorstellungen später gar nicht umsetzbar. Diese Entscheidung gebe ich gerne ab. Ich glaube, da wird schon etwas Gutes daraus werden.
Sie haben zuvor bereits die Nachvollziehbarkeit angesprochen, sie wissen, wer da vor Ihnen am Tisch liegt. Welchen Bezug haben Sie zu Ihrem „Rohmaterial“?
Wir kennen in der Tat viele Körperspender auch persönlich. Zum einen, weil wir in der Vergangenheit mehrfach Körperspendertreffen organisiert haben – entweder im Zusammenhang mit der Ausstellung oder hier in unseren Labors, damit sich unsere Spender und ihre Familienangehörigen einen Eindruck davon verschaffen können, was mit ihrem Körper eigentlich passiert, wenn er nach dem Ableben an unser Institut gelangt. Zum anderen gibt es auch immer wieder Körperspender, die eine persönliche Ansprache wünschen. Manche schicken auch ihre ganze Krankenakte mit, damit wir über ihre körperlichen Besonderheiten informiert sind. Der Bezug ist also bei dem einen mehr und bei dem anderen weniger.
Wieso ist das Ausstellen eines Ganzkörperplastinats für viele eigentlich ein gröberer Tabubruch als der einzelner Organe oder Extremitäten?
Das mag man nicht ganz verstehen, da gebe ich Ihnen recht: Wenn man einzelne Organe ausstellen darf, warum nicht auch den ganzen Körper? Mit Logik ist da nicht dahinter zu kommen. Offenbar entsteht eine andere, emotionale Qualität, wenn man die menschliche Form erkennen kann. Dann ist der Eindruck näher an einem selbst dran; man fühlt sich berührt. Ein einzelnes Organ wie etwa eine Leber wird als abstrakt wahrgenommen. Aber wenn da ein ganzer Körper steht, schwingt eine gänzlich andere Bedeutung mit.
Kann man demnach auch davon ausgehen, dass die „Körperwelten der Tiere“ für weniger Kontroversen sorgen, nachdem Tiere zwar nicht unbedingt in der Emotion, doch aber auf Gesetzesebene als „Objekte“ und nicht als „Lebewesen“ rangieren?
Ja, das spielt sicher eine Rolle. Der Mensch wird in seinen Werten definitiv anders berührt, wenn es sich um tierische Körper handelt.
Wo sind für Sie als Kuratorin die unterschiedlichen Herausforderungen, ob Sie jetzt Plastinate von Menschen oder von Tieren auf Tour schicken?
In den Tierausstellungen haben wir teilweise sehr, sehr große Plastinate. Es ist logistisch schon eine Herausforderung, etwa einen ganzen Elefanten oder eine Giraffe zu transportieren. Und es bedarf auch deutlich mehr Manpower, so eine Ausstellung zu bewegen. Darüber hinaus ist es viel komplizierter, eine Tierausstellung in ein anderes Land zu bringen, insbesondere wenn sie CITES-geschützte Tierarten enthält, also solche, die vom Aussterben bedroht sind. Da gibt es spezielle Aus- und Einfuhrregularien, die man einhalten muss. Und im Hintergrund gibt es viel mehr komplizierte Papierarbeit als bei der Menschenausstellung: Man muss stets erst eine Ausfuhrgenehmigung bei der zuständigen Behörde beantragen und gleichzeitig um eine Einfuhrgenehmigung in dem Land ersuchen, in das man die Ausstellung transportieren will. Erst wenn alle Genehmigungen vorliegen, kann der Transport erfolgen.
Weil Sie gerade die Elefanten und Giraffen angesprochen haben: Ihre Exponate reichen von filigran-winzig bis monumental-groß. Welches der Stücke war das bisher Anspruchsvollste?
Das ist schwer zu sagen, denn die Herausforderungen haben sich über die Zeit stets gewandelt. Mein Mann hatte zum Beispiel schon 1977 die Plastination erfunden, aber erst 1990 war es ihm gelungen, das erste Ganzkörperplastinat herzustellen. Dazwischen hat er am Prozess noch viel gefeilt und geforscht. Damals war schon die schiere Größe eine Herausforderung. Aber seitdem haben wir viele Erfahrungen gesammelt und unsere Techniken entsprechend verfeinert. Die nächste große Herausforderung war, ein ganzes Pferd zu plastinieren, und schließlich der zuvor genannte Elefant. Das wäre nur noch zu toppen durch das größte Tier überhaupt, und das wäre ein Blauwal. Aber ganz ehrlich, ich hoffe, das wird nie passieren, denn das wäre so aufwändig, dass es unsere finanziellen und logistischen Möglichkeiten granatenmäßig sprengen würde (lacht).
Abgesehen davon: Wo stoßen Sie bei Ihrer Arbeit noch an Grenzen?
Wir hatten einmal versucht, Quallen zu plastinieren. Aber Quallen bestehen zu über 90 Prozent aus Wasser. Die waren innerhalb kürzester Zeit so stark geschrumpft, dass es schier aussichtslos war. Für uns ist es auch immer noch eine Herausforderung, Augen gut zu erhalten. Das hat sehr unterschiedliche Gründe. Oft ist es auch so, dass die Augen bereits angetrocknet oder trüb sind, wenn der Körper in unserem Institut ankommt,. Deswegen erhalten wir im Regelfall immer nur den Augapfel, aber die Iris tauschen wir gegen eine gläserne aus. Auch das Darstellen des Lymphsystems ist extrem schwierig, weil die Lymphgefäße so fein sind, dass man sie mit bloßem Auge im Gewebe gar nicht erkennen – geschweige denn präparieren kann. Da muss man besondere Farbinjektionen anwenden, damit es überhaupt funktioniert – und das ist extrem aufwändig und noch deutlich verbesserungswürdig. Es gibt also immer noch Herausforderungen!
Haben Sie da, so wie früher als Kind ans Christkind, eine Wunschliste aufliegen?
Natürlich könnte ich mir das ein oder andere Tier vorstellen, das die Ausstellung didaktisch gut ergänzen und aufwerten würde. Aber gerade bei tierischen Exponaten ist es so, dass wir tatsächlich nur auf das zugreifen, was sich uns gerade anbietet – etwa wenn in einem Zoo, der nicht allzu weit von unseren Labors entfernt ist, ein Tier stirbt. Wir hielten es nicht für richtig, ein Tier nur zum Zwecke der Ausstellung zu töten.
Bestimmt eigentlich der Verfall der „Mechanik“ des Körpers über die Lebenszyklen hinweg das Ablaufdatum – oder ist es eine „natürliche Uhr“, die tickt?
Es ist wohl eine Kombination aus beidem: Die Altersforschung ist noch lange nicht abgeschlossen. Was man bisher weiß ist, dass sich Zellen nicht beliebig oft teilen und erneuern können und dass es damit tatsächlich eine biologische Uhr gibt, die tickt. Aber die Lebensdauer und vor allem die Lebensqualität im Alter ist natürlich auch davon abhängig, wie man mit seinem Körper über die Jahre umgegangen ist. Es ist nun mal so, dass sich ungesunde Ernährung oder Rauchen auf alle Organsysteme auswirkt und damit langfristig die Lebensqualität und die Lebensdauer beeinflusst.
Wie weit ist es für Sie als Medizinerin nachvollziehbar, dass sich der Mensch in vollstem Bewusstsein Schäden zufügt – sei es durch das Rauchen oder Alkohol, durch schlechte Ernährung oder andere Faktoren, die einem bewussten Leben widersprechen? Ist das nicht immens borniert?
Das würde ich so nicht sagen. Unser Körper ist sehr leidensfähig, hat sehr viele Reserven und kann viele Fehltritte kompensieren. Dadurch nehmen wir oft zunächst gar nicht wahr, wenn unser Körper Schaden nimmt. Ganz im Gegenteil: Wenn ich heute rauche, dann gaukeln mir die Inhaltsstoffe sogar vor, dass es mir besser geht. Oder wenn ich die Nächte durchfeiere, macht das jetzt, im Moment, Spaß und ich kriege vielleicht Anerkennung von meinen Freunden. Gerade wenn man noch jung ist und die Reserven noch voll sind, erschließt sich einem nicht, wie viel Schaden man sich damit langfristig zufügt. Sowas merkt man oft erst, wenn es zu spät ist und sich erste Krankheiten einstellen.
Sie haben den menschlichen Körper bereits bis in seine Einzelteile zerlegt, auf den Sitz der Seele sind Sie jedoch noch nicht gestoßen. Warum glauben manche Menschen dennoch so hartnäckig daran?
Ihre Frage postuliert, dass eine Seele etwas Dinghaftes wäre. Vielleicht ist die Seele ja flüssig und wir haben sie deswegen noch nicht entdeckt – wer weiß (lacht)? Die Idee, dass es eine Seele gibt und damit auch ein Leben nach dem weltlichen, hat etwas sehr Tröstliches, genauso wie es für den Menschen etwas Schönes sein kann, Teil eines höheren Ganzen zu sein. Ich glaube, dass die kultur- und religionsübergreifende Idee einer Seele und einem Leben nach dem Tod Ausdruck der Sehnsucht nach etwas Bedeutsamem und Unvergänglichem ist.
Wie weit sehen Sie also Religion und Wissenschaft als sich gegeneinander ausspielende Kontrahenten?
Das ist eine so große Frage, dass ich sie allgemein nicht beantworten kann. Aber in Bezug auf unsere Ausstellung scheinen sich Religion und Wissenschaft nicht gegeneinander auszuschließen. Ich habe viele Besucher erlebt, die im Anschluss erzählten, dass für sie der Körper so wunderbar gemacht scheint, dass die Ausstellung für sie der beste Gottesbeweis sei. In der Renaissance sah man das interessanterweise ähnlich: in dieser Zeit erachtete man die Anatomie als Fenster in Gottes Werk. Aus diesem Grunde fanden die zu jener Zeit üblichen anatomischen Theater teilweise auch in Kirchen statt. Andere Körperweltenbesucher bestaunen in der Ausstellung wiederum das Werk einer Millionen Jahre währenden Evolution. Die Ausstellung „Körperwelten“ ist bewusst deutungsoffen und wertneutral gehalten, so dass sich jeder darin mit seiner persönlichen Weltanschauung wiederfinden kann.
Wie weh tut es eigentlich Ihnen als Medizinerin, wenn Menschen das Vertrauen in die Wissenschaft verlieren und etwa anfangen, von Universalheilmittel wie Globuli und MMS zu fabulieren?
Ich glaube, dass man gut daran tut, ein gesundes Maß an Zurückhaltung gegenüber der modernen Medizin aufzubringen. In der Medizingeschichte gibt es genügend Beispiele von gepriesenen Therapieformen, die nur wenig später als obsolet galten, weil neue Erkenntnisse etwas Anderes nahelegten. Verstehen Sie mich nicht falsch, die heutige Medizin leistet Enormes und es ist auch ihr zu verdanken, dass die Menschen heute eine deutlich höhere Lebenserwartung haben als noch vor wenigen Jahrzehnten – aber ein unkritisches, blindes Vertrauen in sie halte ich auch nicht für gerechtfertigt. Auch ich gehe nicht wegen jedem Zipperlein zum Arzt oder nehme Medizin, sondern vertraue erst einmal auf die Selbstheilungskräfte meines Körpers. Erst, wenn es nicht mehr geht oder wenn es etwas Ernsthaftes ist, vertraue ich mich der Medizin an.
Wie weit hat sich eigentlich ihre Sichtweise zur Vergänglichkeit mit ihrer Beschäftigung entwickelt?
Mich berührt es natürlich, wenn verstorbene Körperspender angeliefert werden, die ich einmal kennengelernt habe. Besonders berührt es mich aber, wenn Körper eintreffen, die jünger sind als ich. Das ist für mich immer eine Bestätigung, dass das Leben ein Geschenk ist. Dann nehme ich mir vor, weiterhin gesund zu leben, indem ich zum Beispiel auf gesunde Ernährung und sportliche Ertüchtigung achte und nichts auf die lange Bank zu schieben, denn das Leben kann morgen schon vorbei sein. Für mich ist es jeden Tag eine Lektion für mein eigenes Leben.
Sie haben es zum Anfang unseres Gesprächs bereits angesprochen: Sie nehmen mit Ihrer Arbeit gewissermaßen die Krux eines Zwitterwesens ein: Sie agieren privatwirt- und populärwissenschaftlich, sind aber kein Kunstbetrieb. Sie bedienen als Wissenschaftler auch Laien, das aber künstlerisch unterhaltsam. Wo ziehen Sie selbst die Grenze zum Morbiden oder Perversen – Vorwürfe, denen Sie sich selbst stellen mussten?
Das kann sich nur auf die Frage beziehen, was wir mit den Körpern Verstorbener oder den menschlichen Körperteilen machen: Dass wir diese Körper scheinbar künstlerisch darstellen, ist etwas, was wir von den Ausstellungsbesuchern unserer ersten Ausstellung in Japan gelernt haben. Dort hatten wir vier ganze Körper ausgestellt, die allerdings nicht für eine öffentliche Ausstellung, sondern für den anatomischen Unterricht konzipiert waren. Die standen einfach nur aufrecht da, wie anatomische Modelle. Manche Besucher meinten, dass diese Körper doch etwas zum Fürchten aussähen; sie sähen so tot aus. Das ließ uns sofort an die Renaissanceanatomen erinnern – wenn man sich die alten anatomischen Darstellungen jener Zeit anschaut, sind die Körper immer sehr schön dargestellt, in natürlicher, lebendiger Pose und manchmal sogar in wunderschöne Landschaften gestellt. Für uns war klargeworden, dass unsere Plastinate auch eine Qualität über ihre wissenschaftliche Aussage hinaus haben müssen, wenn wir ein Laienpublikum ansprechen wollen. Sie müssen ästhetisch anzuschauen sein, dürfen nicht abschrecken, sondern den Menschen so faszinieren, dass er geneigt ist, sich selbst in diesen Exponaten wiederzuerkennen. Unsere Grenzen sind dann ganz klar dort, wo wir den Körper entmenschlicht darstellen oder entwürdigen würden – eine untere Extremität etwa als Golfschläger oder eine Harnblase als Vase umfunktionieren würden.
Ist das aus künstlerischer Perspektive gar nicht reizvoll für Sie?
Nein, gar nicht. Wir sind beide Ärzte und haben Großes erreicht mit dieser Ausstellung. Es ist so ein dankbares Feld, Menschen etwas über ihre Leiblichkeit zu vermitteln, sodass sie sich selbst in einem anderen Licht sehen können. Das ist so viel mehr wert als ein künstlerischer Missbrauch.
Ist dies auch der Grund, warum in den Museen keine Repliken angeboten werden – aus Angst vor der Verfremdung im Privatgebrauch?
Nein. Wir sind zwar ein privatwirtschaftliches Unternehmen, von daher muss die Ausstellung natürlich profitabel laufen, weil wir keine öffentlichen Gelder oder Unterstützungen erhalten – aber wir sind auch nicht in erster Linie Unternehmer. Es ist nicht unser Interesse, da auch noch den letzten Cent heraus zu kitzeln.
Auch Fotografien in der Ausstellung stehen Sie ablehnend gegenüber. Warum?
Das hat sich ein bisschen gewandelt, auch weil sich die Gesellschaft gewandelt hat: Jeder ist es heute gewöhnt, jederzeit und überall Selfies zu machen, und so viel Aufsichtspersonal könnten wir gar nicht stellen, dass wir das Fotografieren in der Ausstellung verhindern könnten. Insofern haben wir unsere Politik gelockert und man darf – sofern man dadurch nicht andere Besucher stört oder behindert – durchaus das eine oder andere Foto für den Privatgebrauch machen. Hinter dem Verbot steckte am Anfang aber auch, dass die Exponate noch so einen Skandalwert hatten, dass Fotos von Plastinaten in einen sehr schrägen Kontext gestellt wurden. Derartige Missbräuche wollten wir damit unterbinden.
Zurück nach Graz: Wie wird sich die Ausstellung von bisherigen „Zyklus des Lebens“-Stationen, etwa 2013 in Wien, unterscheiden?
Die Idee und die Konzeption der Ausstellung, wie sich ein Körper über einen Lebenszyklus hinweg entwickelt, ist natürlich vergleichbar mit der Ausstellung, wie sie in Wien zu sehen war. Aber die Exponate sind fast alle anders. Die Frage nach der Unterschiedlichkeit birgt aber auch immer die Frage in sich: Wenn ich schon einmal so eine Ausstellung besucht habe, lohnt sich ein erneuter Besuch? Ich glaube, ja, denn man geht in so eine Ausstellung immer mit aktuellen Erfahrungen, mit einem Erlebnisschatz – und der ändert sich über die Jahre hinweg: Sie hatten zwischenzeitlich vielleicht eine Erkrankung, oder ihre Frau wurde schwanger oder sie mussten einen Todesfall in der Familie vermelden. Das heißt, Sie werden die Ausstellung heute mit ganz anderen Augen sehen und nochmals ganz anders erfahren.
Seit 2. Juni und bis September gastiert die "Körperwelten"-Ausstellung in der Grazer Messehalle A. Tickets gibt es bei oeticket.com.