Bild: Peter Boetticher
Die Mensch-Maschine Kraftwerk führt vor dem pittoresken Ambiente des Schloss Schönbrunn durch ihr Œuvre: Elektronische Musik paart sich mit Computeranimationen zu einem Gesamtkunstwerk.
Sein erstes Mal vergisst man nie. Es war 1993 und der Verfasser dieser Zeilen süße 16. Keine Angst: Es geht hier nicht um persönliche Sexbekenntnisse. Die Rede ist natürlich von meinem ursprünglichen Kraftwerk-Erlebnis. Von den Eltern vorm Linzer Brucknerhaus abgesetzt, wo die Düsseldorfer Band damals im Rahmen der Ars Electronica auftrat, passierte mir noch vor der Tür ein Fauxpas. Mit routiniertem Blick erspähte ein fliegender Händler aus Großbritannien mein naives Antlitz und schwatzte mir ein schwer inoffizielles und noch dazu schlecht gemachtes Roboter-Shirt auf.
Ich habe es jahrzehntelang behalten, als Zeichen meiner Schmach. Meine Konzertpremiere fernab von EAV und irgendwelchen Stadtfesten begann also mit einer Niederlage. Müßig zu ergänzen: Drinnen am Verkaufsstand gab es viel schöneres Merchandise. Tja, ich musste passen, das mitgebrachte Geld hatte ich bereits einem skrupellosen Inselbewohner übergeben.
Was mit stotterndem Motor begann, wurde dann doch noch ein furioser Abend. Nach einigen Jahren Schaffenspause waren Kraftwerk Anfang der 1990er im Zuge der Techno-Welle gerade wieder aktiv geworden und ließen sich und ihr in der Geschichte der elektronischen Musik einzigartig einflussreiches Werk feiern. Wobei die Party wohlgemerkt nur im Publikum stieg. Mastermind Ralf Hütter und seine Mitarbeiter – der nüchterne Terminus trifft es besser als Bandkollegen – verharrten auf der Bühne stoisch vor ihren Bildschirmen. Im Zugabenteil wippte Hütter ein bisschen mit dem Beat mit – für seine Verhältnisse der Gipfel der Ekstase.
Ich liebte (und liebe bis heute) Kraftwerks Musik, die bis zur Monotonie repetitiv ist, aber gleichzeitig auch unglaublich zart und melodiös. Auf ihren besten Platten gelang Kraftwerk der Spagat aus kühler Distanziertheit und romantischen Harmonien, aus Maschinen und Pop. Mit dem schier endlosen, unwiderstehlichen Titelsong ihres Albums „Autobahn“ begründeten sie 1974 ihre Karriere. 50 Jahre später ist das Stück ein zeitloser Klassiker wie Songs der Beatles oder Beach Boys (nur dauert er rund 20 Minuten länger als diese).
Ihre beste Phase hatten Kraftwerk in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern. Da nahmen sie drei makellose Alben auf, die man immer und immer wieder hören kann. Auf „Trans Europa Express“ (1977) kombinierten sie futuristische Technologie mit charmanter Nostalgie. Der Nachfolger „Die Mensch-Maschine“ (1978) war die Geburtsstunde der Roboter, die seither auf jeder Tour mitreisen – und fast schon beängstigend perfekt. Vom Artwork über die Texte bis zu jedes einzelnen Bumm- und Tschack-Sound stimmte einfach alles. Mit „Das Model“ enthält die Platte auch den größten Hit der Formation.
Es ist oft davon die Rede, dass Kraftwerk ihrer Zeit voraus waren oder die Zukunft vorhergesehen haben. Tatsächlich trifft das vor allem auf „Computerwelt“ (1981) zu. Musikalisch lieferte dieses Opus den Blueprint für alles, was sich in den Jahren danach an Elektro und Techno entwickeln sollte. Und inhaltlich? Sahen Kraftwerk den Siegeszug des „Heimcomputer“ voraus, hatten in „Computerliebe“ eine Vorahnung von Online-Dating und prognostizierten im Titelstück gespenstisch akkurat, wie wir heute unter Maschinen leben: „Interpol und Deutsche Bank / FBI und Scotland Yard / Flensburg und das BKA / Haben unsere Daten da / Nummern, Zahlen, Handel, Leute / Computerwelt.“
Gleichzeitig war „Computerwelt“ das letzte wirklich bedeutende Werk. Ein paar Jahre war die Gruppe ihrer Zeit voraus gewesen, danach holte der Rest der Musikwelt auf. Heute sind die Herren aus Düsseldorf auch ohne ihr Zutun überall, denn ihr Einfluss lässt sich auf so gut wie jeden zweiten Popsong nachweisen. Sie hatten ihre Zeit und könnten es längst sein lassen. Tatsächlich sind nach und nach drei von vier Mitgliedern des klassischen Lineups ausgestiegen. Mitgründer Florian Schneider, der als die Seele von Kraftwerk galt, verstarb 2020.
Dass die Mensch-Maschine trotzdem verlässlich läuft und läuft und läuft wie der Volkswagen, dessen Hupen Kraftwerk einst für das Intro von „Autobahn“ verwendeten, ist das Verdienst von Ralf Hütter. Er war von Anfang an für den Großteil der Musik verantwortlich. Irgendwann wurden die Ideen weniger, der technologische Vorsprung der Band geringer. Anstatt in Folge mediokre Alben zu veröffentlichen, begann Hütter schon in den Neunzigern mit dem Remix-Album „The Mix“ selbst mit der vorzeitigen Verwaltung des Nachlasses.
Seit auch schon wieder fast 15 Jahren tourt Kraftwerk nun mit einem Greatest-Hits-Programm samt eindrucksvoller 3D-Show durch die Weltgeschichte. Lediglich kleine Sounddetails und Feinheiten bei den Videoprojektionen änderten sich in diesem Zeitraum noch. Ralf Hütter ist inzwischen 77 Jahre alt und erfreut sich guter Gesundheit. Trotzdem dürfte im Hintergrund daran gearbeitet werden, in Zukunft nur mehr die Kraftwerk-Roboter, die traditionell für das Stück „Die Roboter“ auf die Bühne kommen, auf Tournee zu schicken. Dann könnte die Band ewig touren.
Das Interesse ist ungebrochen: Seit Jahren spielen Kraftwerk weltweit für ein bunt gemischtes Publikum zwischen 17 und 70. In Österreich war die Show zuerst 2014 an mehreren Abenden im Burgtheater zu erleben, 2018 im Römersteinbruch St. Margarethen und nun vor Schloss Schönbrunn. Auf mysteriöse Weise scheint sich Kraftwerks Musik ständig aus sich selbst heraus zu erneuern. Anders gesagt: Was einst visionär war, klingt heute im besten Sinne zeitlos.
Schon 2003 beantwortete Ralf Hütter in einem seiner seltenen Interviews die Frage eines englischen Journalisten, ob Kraftwerk unsterblich seien, wie folgt: „In a way, yes. In German there is a saying: ,Ewig währt am längsten.’“ Länger als das T-Shirt, das meine Frau zurecht irgendwann entsorgt hat.
Kraftwerk gastieren am 6. Juli im Ehrenhof des Schloss Schönbrunn. Tickets gibt es bei oeticket.
Übrigens: Ex-Kraftwerk-Musiker Karl Bartos hat "Das Cabinet des Dr. Caligari" vertont - und präsentiert dies live im November im Gartenbau Kino.
Der Bayer Karl Bartos war von 1975 bis 1990 Live-Schlagzeuger und Co-Komponist bei Kraftwerk, unter anderem entstammen die Titel „Tour de France” und „Das Model” auch seiner Feder.
Als eine „Tour de Force” hingegen wird der Stummfilmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari” bezeichnet: 1920 schuf der in Breslau geborene Robert Wiene dieses Meisterwerk des Schreckens, ein Film, bei dem Schein und Sein ein sinistres Doppelspiel liefern. Verlangsamte oder übertriebene Bewegungen, exzentrische Körpersprachen, das permanente Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven und Räumen und nicht zuletzt die Gestalten mit dunkel umrandeten Augen und starren Blicken faszinierten und schockierten gleichermaßen. Der Film entstand unter den Eindrücken des Ersten Weltkrieges und sah die Machenschaften des despotischen Nazi-Regimes voraus, wenn er von einem Schlafwandler, der tagsüber vom zwielichtigen und tyrannischen Dr. Caligari als Jahrmarktsattraktion herumgezeigt wird und nachts Morde begeht, erzählt.
Dem „Cabinet“ verfiel nicht nur etwa David Bowie oder Star-Regisseur Tim Burton, sondern eben auch Bartos, der dem Stummfilm über viele Jahre hinweg in akribischer Detailarbeit ein Klangkorsett bastelte, das nun Anfang Februar endlich öffentlich präsentiert werden konnte. Ursprünglich plante Bartos naheliegend, einen elektronischen Klangkörper für den Film zu verfassen, was aber nicht passte. Da der Film ein Produkt des 20. Jahrhunderts ist, jedoch in der Zeit der Romantik und mit Rückblenden ins 18. Jahrhundert spielt, entwickelte Bartos schließlich ein Sinfonie-Konzept, das auf Geräusche, den Wahnsinn des Films und eine plastische Aura setzt.
Mit seinem musikalischen Partner Mathias Black trägt Bartos den Soundtrack zum abgespielten Film am 4. November live im Wiener Gartenbaukino vor. Tickets hierfür gibt es direkt beim Gartenbau Kino.