Das Spielen mit Behemoth ist zweifelsohne herausfordernd. Birgt Me And That Man hingegen für dich, Adam, auch Hürden, die ad hoc jetzt neu waren – beispielsweise der Gesang oder das Nicht-Maskieren?
Adam: Ich muss bei Behemoth definitiv stärker fokussieren, bevor ich auf die Bühne gehe – Behemoth ist auch physisch anstrengender als Me And That Man, da bin ich um einiges angespannter als hier. Wir zwei genehmigen uns vor der Show auch gerne mal einen Drink oder auch zwei, etwas, das bei Behemoth undenkbar wäre – da herrscht für jeden striktes Alkoholverbot. Alkohol würde die Stimmung auch zu sehr lockern, etwas, das bei Me And That Man wiederum durchaus dienlich ist. Behemoth, das ist reiner Sport – im Vorfeld ist die Stimmung aufgeheizt, als stünde ein Kampf auf Leben und Tod bevor. Bei Me And That Man dominiert ein Laissez-Faire.
John: Und wir tragen nur das Make-Up, das uns der Alltag zufügt.
Adam: Würdest du dich eigentlich einmal so schminken, so wie ich bei Behemoth?
John: Nein, warum zum Teufel sollte ich das auch tun? Okay, für ein Video vielleicht … Man muss künstlerisch wohl für alles offen sein – außer nackt: So renne ich nicht herum!
Gewandet seid ihr ja - noch; Diesbezüglich schriebt ihr vor kurzem im Sozialen Netzwerk, der surreale Regisseur Alejandro Jodorowsky sei eine der maßgeblichsten Inspirationen für euer Auftreten gewesen …
Adam: Rückblickend, ja. Das war nicht so zu verstehen, dass wir hingingen und bewusst Stilelemente von ihm übernahmen. Ich hätte auch Ennio Morricone erwähnen können, oder Fields Of Nephilim – es geht einfach um diesen schäbigen Westernlook. Jodorowskys Kunst ist extravagant, Me And That Man hingegen sehr minimalistisch und monochromatisch, von daher sind es auch nur einzelne Elemente, die auf unsere Begeisterung für ihn zurückzuführen sind – die Hutkrempen beispielsweise.
Wie wichtig sind die optischen Stilmittel überhaupt?
Adam: Sehr.
John: Es kommt drauf an: Es gibt Bands, die spielen wie sie aussehen. Und es gibt Bands, die sehen aus, wie sie spielen – wenn du verstehst, was ich meine. Es gibt schon Bands, die überstilisiert, aber scheiße sind. Für mich vorbildhaft waren immer schon Roxy Music zu ihren Anfängen – immens überdreht, aber trotzdem irgendwie cool. Deine Frage geht ja eigentlich noch viel weiter: Mich tangiert es jeden Tag, wie ich aussehe – egal, ob ich auf der Bühne stehe oder nicht, und zwar nicht aus narzisstischen Gründen, sondern einfach, weil ich mich wohlfühlen will und ich auch nur so die Mädels abschleppen kann. Außer die, die man nicht abkriegen will: Für die braucht man sich natürlich nicht herzurichten
(lacht).
Stellt das Cover von „Songs Of Love And Death“ eigentlich eine Hommage an Willie Nelson dar? Beim alten Männchen würden eigentlich nur mehr die Zöpfe fehlen.
Adam: Diese Assoziation haben tatsächlich schon einige hergestellt, aber die Ähnlichkeit war so nicht beabsichtigt. Ursprünglich hätte es Charles Bukowski beziehungsweise sein Alter Ego Henry Chinaski sein sollen, da wir einige Referenzen zu seinem Werk in dem unsrigen haben – er war initiativ Johns und mein gemeinsamer Nenner. Unser Label fürchtete jedoch rechtliche Schritte, daher mussten wir es noch abändern lassen.
Adam, du bist ausgebildeter Museumskurator – was, würdest du sagen, unterscheidet die Musik von den anderen Künsten?
Adam: Ich glaube nicht, dass ich in der Position bin, dir da wirklich eine fundierte Antwort drauf zu geben – ich kann dir nur von meinem Standpunkt aus sagen, dass ich sie alle als gleichberechtigt erachte, auch wenn ich mich der Musik verschrieben habe.
John: Die Künste vermischen sich auch gern und gut zu einem größeren Ganzen und fließen ineinander, das geht sogar so weit, dass Menschen wie etwa meine Partnerin Anita Musik in Farben sieht. Von daher kann ich mir gut vorstellen, dass die divergierenden Wirkungsmächte der einzelnen Künste vielleicht auch nur von Menschenhand gemacht sind.
Welche Rolle spielt Kunst im alltäglichen Leben?
Adam: Ich sehe Kunst als universelle Sprache an, mittels der Kunst kommuniziert man weitestgehend ohne Sprachbarrieren. Für mich ist diese Form der Kommunikation so wesentlich, dass ich sie beinahe schon mit dem Atmen gleichsetze.
John: Hat nicht Yoko Ono gesagt: „Kunst ist mein Leben, mein Leben ist Kunst“? Was Kunst ist und was nicht ist ja auch sehr subjektiv – für den einen sind es ausschließlich Bilder in Museumsgalerien, für den anderen auch die unflätigen Kritzeleien an Hausmauern.
Adam: Kunst ist auch eine der wenigen Errungenschaften, die uns von den Tieren unterscheiden – denn die beherrschen sie nicht.
John: Eigentlich schon, nur behirnen tun sie sie nicht
(lacht).
Adam, du meintest einmal, du fühlst dich nicht als Schöpfer von Kunst, sondern allein als „Medium“. Ist das in etwa die Transformation der literaturtheoretischen Strömung von Barthes, „Der Tod des Autors“?
Adam: Streckenweise. Meine Vorstellung ist schlichtweg die, dass ich Umwelteindrücke aufsauge, sie verdaue und wieder ausscheide. Ich erfinde nichts Neues, ich wiederfinde nur, recycle oder baue Versatzstücke neu zusammen – von daher geht es durchaus d’accord mit Barthes und dem Theorienkonstrukt des Poststrukturalismus. Meine Kunst entsteht wie andernorts der Kaffee: Verschiedene Ingredienzen laufen zusammen und mittels Reaktionen untereinander oder Kräfteeinwirkung von außen entsteht ein Gebräu. Und in diesem Gedankenkonstrukt bin ich nur das Medium, die Maschine.
Von wegen „Recycling“: Vielerorts wird hervorgehoben, dass der Albumtitel „Songs Of Love And Death“ eine explizite Hommage an „Songs Of Love And Hate“ von Leonard Cohen sein muss …
Adam: Warum nennt niemand „Songs Of Faith And Devotion“ von Depeche Mode? Hier folgt der Titel der exakt gleichen Formel – und ich denke es ist nicht verfehlt zu sagen, dass sie musikhistorisch ähnlich einflussreich wie Cohen sind. Würde ich nur ein bisschen überlegen, würden mir vermutlich noch 50 weitere Titel einfallen, die für unseren Albumtitel fairerweise Pate gestanden haben hätten können. Aber gut, Cohen ist natürlich eine Ikone, ein Klassiker – wie auch Depeche Mode, wohlgemerkt.
Ihrem neuen Album „Spirit“ mangelt es vielleicht an herausragenden Überhits, es funktioniert dafür als eine durchdachte Einheit, als Kontinuum hervorragend. Ein österreichischer Boulevardschmock hingegen meinte kürzlich, es sei deutlich schwächer als „The Afterlove“ von James Blunt …
Adam: Was für ein grenzdebiler Vergleich! Ich finde „Spirit“ gut – nicht außergewöhnlich, aber gut. Aber ich bin auch ein Fan – bisher fand ich noch auf jedem Album Momente, die mir gefielen. Es ist mir aber natürlich auch bewusst, dass Künstler Momente haben, in denen sie schwächeln – aber als Fan übersieht man diese, oder akzeptiert sie einfach. Ich muss es ja wissen, auch ich bin nur ein Mensch
(lacht). Jedenfalls habe ich schon Karten für die Show in Leipzig – da wird es mich wieder aushängen
(lacht).
Apropos Fan-Dasein: Es ist ja nicht unüblich, das Metal-Fans auch über Genregrenzen schielen und sogar Gefallen an artverwandten Künstlern wie Johnny Cash, Nick Cave, Leonard Cohen, Tom Waits oder David Eugene Edwards finden. Dennoch ging ein beachtliches Raunen durch die Szene, als angekündigt wurde, dass du ein Country-Projekt ins Leben gerufen hast …
Adam: … und man fragt mich nach wie vor, ob ich Behemoth auf Eis gelegt oder gar verlassen hätte! Ich glaube, die Menschheit muss sich wieder Lese- und Verständnisfähigkeit erarbeiten, das stand niemals zur Debatte!
John: Viele Musiker haben doch ihre Nebenbeschäftigungen …
Adam: Und natürlich könnte der Weg, den ich jetzt mit Me And That Man eingeschlagen habe, irgendwann einmal meine Hauptbeschäftigung werden, nämlich dann, wenn ich Behemoth physisch nicht mehr stemmen kann – und so meine Musikerkarriere zu prolongieren vermag. Aber das wird im Optimalfall noch einige Jahre dauern. Ja, Ozzy steht immer noch, aber der
wirklich extreme Metal ist ja doch ein relativ junges Genre mit anderen Herausforderungen – da neigt sich gerade einmal die erste Generation mit Slayer, Tom Warrior, Nile und einigen anderen dem Fünfziger zu und man wird erst sehen, wie und ob das auch im höheren Alter funktioniert. An denen werde ich mich messen müssen – und bis zum Fünfziger habe ich ja doch noch ein Jahrzehnt Galgenfrist
(lacht). Klar, man muss mit jedem Jahr mehr auch mehr auf sich und die Gesundheit achten, aber wenn man das tut, kann man den Peak einige Jahre noch mitziehen.
Jeff Walker von Carcass nahm mit den Fluffers ein Country-Album auf, David Vincent von Morbid Angel veröffentlichte kürzlich seine „Drinking With The Devil“-Single. Wo sind die Parallelen von Metal und Country?
Adam: Ich glaube, Metal und Country teilen sich einen gewissen Proll-Charme. Allerdings mag ich nur sehr wenig Country-Musik, etwa Those Poor Bastards, mit denen wir auch schon verglichen wurden.
John, haben dich deine Fans auch gefragt, wer dir ins Hirn geschissen hat, dass du jetzt mit diesem Satanisten auf beste Freunde machst?
John: (lacht) Nein, denen scheint es zu gefallen. Da hieß es maximal, wozu ich ihn denn nötig hätte
(lacht) – aber meine Zielgruppe wird auch mit Me And That Man eher bedient als die Fans von Behemoth.