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Nicki Minaj & Cypress Hill: Ménage-à-trois

01.07.2024 von Eduard Mastalski

Wonach bewerten wir popkulturelle Signifikanz? Heutzutage gibt es unzählige Metriken dafür: Klicks, Likes, Plays, Verkäufe, etcetera – alles brauchbare Möglichkeiten, Erfolg oder Reichweite zu messen und dann in Meetings mit dem C-Level in eine vermeintlich „sexy“ Power Point zu packen, um zu zeigen, wie sehr man den Markt nicht verstanden hätte.
Aber irgendwie fühlt sich das ein bisschen zu „sauber“ und gleichzeitig zu „schmutzig“ an: brechen wir popkulturelle Signifikanz nur auf die „nackten“ Zahlen herunter, dann verliert sie irgendwie ihre Berechtigung. Da muss mehr dahinterstecken. Betrachten wir das an zwei Beispielen: Cypress Hill und Nicki Minaj. Warum diese beiden? Weil beide uns diesen Sommer besuchen, einerseits, aber andererseits auch, weil sie sich erstklassig anbieten.

Starten wir bei den „nackten“ Zahlen: Plattenverkäufe, Videoaufrufe, Follower, Platinalben, Streamingplays – geschenkt. Wer mir nicht glauben will, soll sich selbst überzeugen: Cypress Hill und Nicki Minaj sind erfolgreich, egal welche Metrik man ansetzt. Für wen dies also ausreichend als Definition für popkulturelle Signifikanz gilt, es sei hiermit festgehalten. Die Tatsache, dass man zur Bestätigung auch nicht auf obskure Statistiken zurückgreifen muss, sei hier nur als bestätigendes Attribut festgehalten.

Cypress Hill

Für alle, denen diese Definition aber nicht ausreicht, bohren wir tiefer und starten 1988: als Onika Tanya Maraj-Petty (so heißt Nicki Minaj im bürgerlichen Leben) gerade sechs Jahre alt war, kommen ein paar Jungs aus South Gate, Kalifornien zusammen, um Musik zu machen. Nach einiger Zeit nennen sie sich Cypress Hill, Erfolg stellte sich schon bald ein: ihr Debütalbum „Cypress Hill“ erschien 1991, zwei Millionen Exemplare wurden verkauft, Doppel-Platin. Von da an ging es dann schnell: Festivalauftritte, eine Tour mit den Beastie Boys, SNL, die Simpsons und schließlich 2019 ein Stern am berühmten „Walk of Fame“ in Hollywood, als erste Hip-Hop-Gruppe überhaupt. Falls jemand eine Checkliste führt: die dürfte nun voll sein.

Hinzu kommt, dass Cypress Hill bereits früh immer wieder bereit waren, die Grenzen ihres Genres zu überwinden. Ob nun sprachlich, indem sie, treu zu ihren Wurzeln, Spanisch rappten oder musikalisch: Gründungsmitglied Sen Dog hatte bereits 1996 erste Erfahrungen im „Rap-Rock“ oder eben „Crossover“ gemacht, 2000 sollte dann mit „Skull & Bones“ ein Cypress-Hill-Doppelalbum erscheinen, dass sich in eine Platte mit Rap und eine mit Rock aufteilte und dessen Lead-Singles „Rock-Superstar“ bzw. „Rap-Superstar“ in beiden Genres entsprechend erfolgreich waren. Es folgten Touren mit Limp Bizkit und The Offspring, die Cypress Hill einem neuen Publikum bekannt machten und für die Bekanntheit und den Stellenwert von Hip-Hop in der Populärkultur von immenser Bedeutung waren. Auf dem damit verbundenen Legenden-Status könnte man sich ausruhen, das tun Cypress Hill aber nicht: etliche Alben und Veröffentlichungen, Touren und Projekte säumen ihren Weg in den letzten Jahrzehnten. Dabei blieben sie immer relevant und über die Genregrenzen relevant: B-Real zum Beispiel hat zusammen mit Chuck D von Public Enemy und der Instrumentalabteilung von Rage Against The Machine (die ihre Verehrung von Cypress Hill mit einem Cover von „How I Could Just Kill a Man“ auf ihrem Album „Renegades“ zeigten) die Supergroup Prophets of Rage gegründet, die einige Jahre lang die Festivalszene aufmischte und einmal mehr bewies, dass sich unterschiedliche Musikstile nicht gegenseitig ausschließen.

Nicki Minaj

Ebenso wenig schließen sich popkultureller Appeal und Skill aus: Nicki Minaj beweist das immer wieder aufs Neue. Von Lil’ Wayne entdeckt, tauchte sie zuerst als Feature-Gast auf und bewies, dass sie Songs von Robin Thicke und Mariah Carey genauso bereichern kann, wie Songs von Yo Gotti und Kanye West. Ihr Feature auf eben dessen Track „Monster“ war es schließlich auch, das alle aufhorchen ließ: diese verhältnismäßig unbekannte Rapperin tauchte da mit Ye und Jay-Z auf einem Track auf und lieferte den besten Part des Songs, sogar den besten Verse der letzten fünf Jahre, meinte zumindest das Complex Magazin. Das kurz darauf erscheinende Album „Pink Friday“ ging Platin und zementierte Nicki Minaj nicht nur in der Szene, sondern eben im popkulturellen Diskurs der frühen 10er Jahre: „Monster Bass“ – die fünfte Single Auskopplung – erfüllt keine Genreklischees, sondern ist ein Upbeat-Elektropop-Hit. Und so sehr vielleicht manche Puristen die Nase rümpfen, der Song ging 12x Platin in den USA und war aus der Rotation keiner Radiostation herauszudenken. So wie Cypress Hill den Schritt in den Rock wagten und dabei überzeugten, schaffte Nicki Minaj diesen Schritt in die Popwelt: Touren mit Britney Spears, Auftritte bei „Good Morning America“, gemeinsam mit Prince für Donatella Versace, VMAs, AMAs, BETs und Guiness World Records – Minajs Errungenschaften sprechen für sich selbst. Ihr aktuelles Album „Pink Friday 2“ ist da keine Ausnahme, debütierte es doch auf der Eins in den US-Amerikanischen Billboard 200.

Dabei steht die handwerkliche Fähigkeit der Rapperin aber niemals in Frage. Egal ob über Eurodance-, Trap-, Technopop- oder klassische Hip-Hop-Beats: Nicki Minajs hats drauf. Dass dazu auch oft Menschen tanzen und nicht nur mit dem Kopf nicken, spricht für die Öffnung des Genres. Dass dies noch dazu durch eine Frau passiert, die erfolgreichste Rapperin seit Missy Elliot, ist nochmal wichtiger als Zeichen für eine Kultur, der oft Sexismus und Verschlossenheit vorgeworfen wird.

Open Ya Mind!

Hip-Hop ist nunmal mehr als Cyphers im Keller des Jugendzentrums. Hip-Hop darf auch bunt sein und Spaß machen. Hip-Hop darf auch mal zur Gitarre greifen und statt kopfnicken eben headbangen. Eine Kultur, die sich immer nur mit sich selbst beschäftigt und sich gegenüber anderen verschließt, marginalisiert sich irgendwann selbst. Es braucht Künstler:innen wie Cypress Hill und Nicki Minaj, die Möglichkeiten neu denken und sei es nur, damit die „Puristen“ (was ja letztlich meist auch nur „Konservative“ heißt) was zu schimpfen haben. Alle anderen von uns haben halt Spaß. Und einen Ohrwurm von „Starships“ oder „Hits from a Bong“.


Live-Termine


Cypress Hill gastieren am 13. Juli mit Clawfinger in der METAStadt, Nicki Minaj gastiert neben u. a. Playboi Carti, Travis Scott, Money Boy, Lil Tjay und Shirin David zwischen 5. und 7. Juli am Rolling Loud in Ebreichsdorf. Tickets gibt es bei oeticket.

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