Bild: Barracuda Music / Sacred Bones
Sein aktuelles Album „Belaya Polosa“ hat das weißrussische Post-Punk- und Synthie-Trio Molchat Doma erstmals in der erzwungen entwurzelten Heimat Los Angeles aufgenommen. Mannigfaltige Einflüsse aus der Post-Sowjet-Ära sind aber noch zuhauf vorhanden. Im Interview gibt uns die Band nähere Einblicke in ihre Klangwelt, ihre alte Heimat und notwendige Veränderungen.
Zugegeben: Musikalisch hört man eher selten etwas aus Weißrussland. Dabei sind Belarussen sehr musikalische Menschen, mit tragischer Geschichte – kein Wunder also, dass wir mit Molchat Doma eine der besten Darkwave-Bands der Geschichte vorliegen haben: Sie schöpfen ihre Inspirationen aus der Perestroika-Ära, dem Brutalismus und den Plattenbau-Siedlungen Minsks und erschufen so dystopische Klänge, die nicht selten insbesondere Joy Division ähneln.
Die sowjetische Szene hat uns als Band definitiv stark beeinflusst. Auf unserem neuen Album „Belaya Polosa“ („Ein weißer Streifen”) haben wir uns dann aber doch deutlich davon entfernt. Dasselbe gilt auch für das bekannte Lo-Fi-Konzept. Wir orientieren uns mittlerweile deutlicher am Sound der Neunziger-Jahre.
Wir glauben fest daran, dass unsere Musik Ähnlichkeiten mit der klassischen Architektur Osteuropas aufweist. Wir sind damit aufgewachsen und waren permanent damit konfrontiert – insofern hat diese Bauweise definitiv die Stimmung unserer Musik inspiriert. Wenn du dich auf Instagram herumtreibst, wirst du auch sehen, dass es den Hörern genauso geht. Es gibt extrem viele Videos von Gebäuden und Konstrukten aus der Sowjet-Ära, die mit unseren Songs hinterlegt sind.
Wir sind uns sehr sicher, dass jeder von uns eine dunkle Seite in sich trägt, die sich manchmal den Weg nach außen bahnt – zumeist in Form von Musik. Im realen Leben sind wir aber ziemlich positive und soziale Menschen.
Die Antwort auf diese Frage findet man im Song „The Houses Are Silent“ von unserem Debütalbum: Wir beziehen uns da auf die endlosen Plattenbausiedlungen von Minsk.
Das ist eine exzellente Frage. Die jeweilige Sprache, in der Lieder gesungen werden, ist immer besonders wichtig. Es stimmt, dass Deutsch oder Russisch viel härter und kantiger klingen und nicht die abgerundeten Stellen von Französisch oder auch Weißrussisch hat, das ebenfalls sanfter als Russisch klingt. Das ist der Grund, warum wir oft danach gefragt werden, warum wir unsere Songs nicht in Englisch oder anderen Sprachen vortragen. Das Russische passt aber viel besser zu unseren Texten und der gesamten Atmosphäre. Außerdem beherrsche ich Englisch nicht flüssig genug.
Natürlich ziehen wir sehr viele Inspirationen aus dem visuellen Bereich. Ich bin zum Beispiel einmal durch Instagram gescrollt und habe ein Video gesehen, wo ein Paar Jive getanzt hat. Ich dachte mir, das könnte gut zum Song „You Don’t Know Who I Am“ passen. Nun haben wir darin einen Mann, der Jive tanzt – et voila.
Das ist absolut korrekt, wiewohl wir vorwiegend von anderen Musikern oder Bands wie Depeche Mode, Massive Attack, Portishead, Radiohead und noch vielen anderen beeinflusst sind.
Wir haben dahingehend überhaupt keine spezifischen Ziele. Wir wissen eigentlich nie so richtig, was am Ende des Tages aus uns rauskommt. Wir lieben es, zu experimentieren und machen einfach immer das, worauf wir Lust haben.
Das ist wirklich schwer zu beantworten, denn wir haben das neue Album erstmals außerhalb unserer Heimatstadt geschrieben. Generell würde ich aber schon sagen, dass die jeweilige Umgebung stark mitbestimmt, wie etwas am Ende klingt und sich anfühlt.
Wir waren schon eine Zeit lang nicht mehr in Minsk und wissen nicht mehr so richtig, was in der musikalischen Szene dort so alles passiert.
Ich muss dir ganz ehrlich sagen, dass ich der lokalen Musikszene in Minsk nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit widme und auch schon lange nichts mehr von neuen oder jüngeren Künstlern gehört habe. Vor fünf Jahren war das noch ganz anders, aber diese Zeit ist vorbei.
In erster Linie musst du dich in die einheimische, weißrussische Küche fallen lassen. Das ist absolut essenziell. Dann solltest du einfach einen gemütlichen Spaziergang durch die Stadt machen – sie ist wunderschön.
Wir sind sehr daran interessiert, mit anderen Künstlern zu arbeiten. Vor allem Regisseuren oder sogar Videospielentwicklern. Da kann ich mir sehr viel vorstellen und wir sind definitiv sehr offen für solche Ideen.
Am Wichtigsten ist es für uns, sehr viel zu experimentieren und neue Ideen zu kreieren. Wir suchen immer nach etwas Neuem, das uns interessiert und das wir auch für die Außenwelt als spannend erachten. All das möchten wir dann über die Musik ausdrücken.
Wir sind sehr gute und enge Freunde und unterstützen uns in allen Dingen des Lebens. Ich würde auch sagen, dass wir in erster Linie Freunde sind und uns dadurch gegenseitig helfen, kreative Prozesse anzustoßen und gemeinsam Inspirationen zu finden.
Ich denke, diese Veränderung hört man dem neuen Album sehr gut an. Unser Sound hat sich stark verändert. Wir haben heute mehr Möglichkeiten uns auszudrücken und zu präsentieren. Wir haben uns auf natürlichem, ungezwungenem Wege entwickelt und sind nicht stehengeblieben. Das merkst du vor allem deutlich im Direktvergleich mit unseren frühen Liedern.
Absolut. Wir lieben das Experimentieren generell, viel mehr aber noch auf der Bühne. Wir versuchen an den Intros zu schrauben, neue Instrumente in die Live-Versionen einzubauen, den Grundsound zu verändern oder Arrangements zu adjustieren. Ein Livekonzert sollte sich immer deutlich von einer Studioaufnahme unterscheiden.
Unsere Hauptaufgabe als Musiker ist es, die Energie, die Stimmung und unsere Gefühle auf der Bühne und in den Songs so zu transportieren, dass automatisch eine besondere Verbindung zu den Hörern entsteht. Wir wollen Musik verständlich machen, ohne dafür extra Wörter zu verwenden. Auch wenn die Menschen nicht verstehen, worüber ich singe, sollen sie sich mit den Songs identifizieren können.
Molchat Doma stammen aus Minsk in Belarus, der Bandname heißt übersetzt „Die Häuser schweigen”. Molchat Doma wurden 2017 gegründet und bestehen seitdem aus Egor Shkutk (Gesang), Roman Komogortsev (Gitarre, Drumcomputer, Synthesizer) und Pavel Kozlov (Bass, Synthesizer). Bisher wurden vier Alben veröffentlicht, zuletzt im September „Belaya Polosa”. Aktuell ist die Band in Los Angeles beheimatet.