So ist es S
ólstafir mit ihrem fünften Album „Ótta“ erneut gelungen, fulminant den Herbst einzuläuten. Seit ihrem Zweitling, dem bittersüßen „Masterpiece Of Bitterness“, tunken die geläuterten Black Metaller ihren ureigenen, kargen Kosmos in Entrücktheit, fabrizieren einen Abgesang auf dem Weg in Dantes Inferno: „Lasciate ogni speranza voi ch’entrate!“. Es scheint, als stünden sie stoisch an zerklüfteter Küste, langbärtig und mit vom Wind zerzaustem weißem Haupthaar, die Haut von der Gischt feucht und gegerbt – nicht unähnlich zur Figur, die das aktuelle Covermotiv ziert. Erneut geben sich die Isländer auf ihrer Pilgerfahrt ins Ungewisse, ins Nirgendwo, harsch und versöhnlich. Sie bezaubern mit intensiven Streichern und einem leisen Piano – irgendwann erbricht ein Geysir Orgien in Moll, während Aðalbjörn Tryggvason stimmlich vor sich hin leidet und inwendig in seiner Ohnmacht erbricht.
Nicht den Herbst allein, viel mehr alle vier Jahreszeiten (wenngleich in der schaurigen Stephen-King-Mutation „Frühling, Sommer, Herbst und Tod“) vertonen Árstíðir mit ihrem mehrstimmigen, polyglotten, komplexen Indie-Konstrukt aus Cello, Piano, Violine und Gitarre. Es ist ein ungewöhnlicher, unikaler Mix aus komplexen und reduzierten Klängen, ein transparentes, oft zartes, immer schwebendes Klangbild, das eine magische Balance zwischen Intimität und Geheimnis hält – frappierend und mindestens so traumhaft wie die Feenlandschaft Islands. Der Höhepunkt in diesem fragilen Konstrukt sind insbesondere die perlenden Stimmen, solo oder im Satzgesang – die den Eindruck erwecken, als könne man fliegen.
Klischee
Es kommt beinah einem platten Klischee gleich, wenn Publizisten versuchen, Direktbezüge zwischen der Musik einerseits, dem Land und den Leuten andererseits herzustellen – wenngleich: In Island ist es vielleicht naheliegender als sonst wo. 2007 veröffentlichten Sigur Rós ihren Dokumentarfilm „Heima“. Dort flossen Ausschnitte von Liveauftritten nahtlos in Bilder der isländischen Landschaft ein. Und selbst ohne unbeholfen mit trivialen Assoziationen zu spielen, weckt isländische Musik nicht selten das Gefühl, als sei sie als Geräuschkulisse eines Promovideos einer Touristenwebsite gedacht – diesen nicht gänzlich unkritischen Eindruck vertreten zahlreiche Musiker Islands, unabhängig voneinander befragt. Eine Selbstanalyse fördert jedoch nicht mehr als ein ratloses Schulterzucken ans Licht, denn: Als Patrioten sehen sie sich, gerade die jüngere Generation, nicht: „Geschichte ist etwas Schönes. Jeder sollte wissen, woher er kommt und wie er zu dem wurde, was er eben ist, aber wir sind extrem weit von Patriotismus entfernt. Wir machen nichts, weil wir stolz auf das Land sind. Ich hasse das Wort Patriotismus, weil es extrem einengt, gerade politisch. Andererseits gibt es so viel Kunst, Musik und Kultur in der isländischen Geschichte, die mich sehr wohl stark inspiriert“, zieht Arnór Dan Arnarson von Agent Fresco eine klare Trennlinie.
Tatsächlich hat Musik schlichtweg einen immens hohen Stellwert im alltäglichen Leben in Island, wie Stefán erneut bestätigt: „Ich glaube, dass uns die Sonne, die Helligkeit stark abgeht. Menschen flüchten sich dann ins kreative Arbeiten, insbesondere in die Musik. Musik hilft, Depressionen zu überwinden.“ Überdeutlich spricht der isländische Charakter in der „Universalsprache“ der Musik – einmal in der Muttersprache, dann wieder auf Englisch oder gar auf Vonlenska, einer Fantasiesprache von Sigur Rós’ Jón Þór Birgisson, die auf Melodiebögen aufbaut. Denn eine Introspektive, was isländische Musik unterm Strich tatsächlich viel mehr ist als ein bloßes Abbild einer bestimmten Sozietät in einem gewissen Ambiente, muss sich nicht zwangsweise in der Landessprache ausdrücken, ist sie in ihrem Vokabular und ihrer Grammatik doch sehr komplex, und kann – wie Soundzauberer Júníus Mayvant meint – rasch sehr schroff klingen, während Óskar wiederum ihren Kitsch hervorkehrt. Wir sehen: schon in der Brust des Ausdrucks, um Goethe zu persiflieren, leben zwei Seelen mit einem wehvollen „Ach!“ – da tut es gar nicht not, auch noch die malerischen landschaftlichen Klüfte interpretativ ins Boot zu holen: Gerne würde man die Beziehung zwischen den bauschigen Klangwolken und dem Zug dichter Cumulusfelder über Fjorden ausloten, in ihren schweren Bass-Drones den traurigen Klang der furchigen Erdkruste vermuten. Nur zu gerne würde man Analogien zwischen dem stoischen Rauschen der am Strand nagenden Wellen und den Streichern finden, das Mahlen der eisigen Gletscher in den ambient verschobenen Tönen wiederfinden – oder in den stellenweise unschuldig-naiven Pop-Gebilden die unglaublich klaren, sanft mäandernden Flüsse widergespiegelt sehen. All dies wäre richtig, aber falsch zugleich. „Ja, wir Isländer haben Vulkane und Thermalquellen und all das, aber wir sind weder Eskimos noch Elfen“, echauffiert sich da Björk enerviert.
Sólstafir spielen am 20. Mai im VZ Komma Wörgl, tags darauf in der Wiener Arena. Bereits ausverkauft sind Sigur Rós, die u. a. mit Ásgeir am 12. Juli im Rahmen des Ahoi! The Full Hit Of Summer Festivals auf der Linzer Donaulände aufspielen. The Vintage Caravan spielen am dritten Rock In Vienna-Tag auf der Wiener Donauinsel, und Thorsteinn Einarsson am 11. Juni am Kufstein Unlimited.