Bild: David Wilson
Das mitreißende Bühnenspektakel “Mythos: Ragnarök” verbindet die Erhabenheit der nordischen Mythologie mit der packenden Action des Profi-Wrestlings und epischer Rockmusik. Hauptdarsteller und Regisseur Ed Gamester erzählt im folgenden Interview, was ihn an der Welt der Wikinger so fasziniert, wie gefährlich Theater tatsächlich sein kann – und warum gerade dieser Irrsinn ein Bollwerk gegen die KI darstellt.
Edward “Ed” Gamester ist Wrestler und Stuntman. Und er ist Produzent, Regisseur und einer der Hauptdarsteller des bahnbrechenden Theaterstücks “Mythos: Ragnarök”, das (in der englischsprachigen Originalversion) am 6. Oktober im Linzer Posthof und am 7. Oktober im Wiener Gasometer zu sehen sein wird. Der 39-jährige Engländer verspricht ein einmaliges Spektakel: “Denn wir sind keine Schauspieler, sondern Wrestler. Und wir haben nicht alles bis ins letzte Detail geplant. Wir improvisieren sehr viel – und je motivierter uns das Publikum unterstützt, umso mehr Spaß macht die Show.”
Ich komme beruflich aus dem Profi-Wrestling und arbeite schon lange als Stuntman. Deshalb habe ich mir gedacht: Am besten könnte man diese alten Mythen, diese Geschichten von Odin, Loki und anderen nordischen Göttern in Form eines Wrestling-Matches erzählen (lacht). Ich wollte aber eine Form erschaffen, bei der es mehr ums Storytelling und weniger um den Sport geht – in der Hoffnung, dass die Leute unsere Performance mit der gleichen Haltung aufnehmen wie traditionelles Theater. Es geht ja niemand mit der Erwartung ins Theater, dass er da oben auf der Bühne das wahre Leben zu sehen bekommt. Und natürlich ist das, was wir machen, nicht “echt”. Wir spielen Theater.
Mit voller Absicht. Niemand von uns hatte zuvor Erfahrung mit dialogbasiertem Schauspiel. Wir mussten erst herausfinden, wie das überhaupt funktioniert, dieses “Schauspielen”. Nach fünf Jahren “Mythos: Ragnarök” glaube ich aber, dass die Leute nicht mehr merken, dass wir gar keine Schauspieler sind …
Ja, mit 1,75 Metern und einem Kampfgewicht von 80 Kilo bin ich der Kleinste von allen. Das macht aber nichts. Denn gerade im Wrestling spiegelt die eigene Körperlichkeit den Charakter wider, den man im Ring – oder in unserem Fall auf der Bühne – darstellt. Deshalb müssen kleinere, schnellere, beweglichere Typen wie ich nicht nur anders trainieren als größere, schwere Typen, sondern auch andere Figuren verkörpern.
Die Bewegungsabläufe unterscheiden sich enorm. Wir achten ja darauf, dass die Wrestling-Moves zum Charakter passen. Odin ist in unserer Show statisch und sitzt oft auf seinem Thron. Er ist aber auch unglaublich aggressiv, sehr bestimmt und selbstbewusst. Odin ist der Kriegsgott, zu kämpfen ist immer sein erster Impuls, um einen Konflikt zu beenden. Sein Kampfstil ist sehr geradlinig. Er geht direkt in seinen Gegner hinein, packt ihn, hebt ihn hoch, wirft ihn zu Boden und versucht, ihn zu verletzen. Er will immer gewinnen!
Loki ist fahrig, rastlos, immer in Bewegung. Aber er kämpft nicht gern. Er nutzt lieber seine Schläue, um sich aus brenzligen Situationen heraus zu manövrieren. Er versucht auszuweichen. Loki duckt sich weg, bringt seine Gegner zum Stolpern oder zieht ihnen frech die Hosen runter. Als Loki kämpfe ich recht wenig. Meistens springe ich auf meine Gegner drauf und versuche sie festzuhalten, damit jemand anderer sie schlagen kann.
Im Wrestling sind Storytelling und der Kampf ein und dasselbe. Was wir machen, ist das gleiche wie bei einem Actionfilm: Dort explodieren Dinge ja auch nicht aus reiner Freude an Explosionen. Unsere Kämpfe sind dramaturgische Mittel, um die Handlung voranzutreiben; am Ende jeder Auseinandersetzung ist die Ausgangslage der Geschichte eine andere als zu ihrem Beginn.
Was wir machen, ist grundsätzlich sehr gefährlich. Wir vergessen das nur manchmal, weil wir das alle schon so lange machen. Aber wir müssen den Gedanken an die Risiken ohnehin ausblenden – sonst würden wir das Ganze ja nicht machen (lacht). Tatsache ist aber: Wir sind alle ausgebildete Wrestler. Wrestling ist wie eine Sprache, die wir alle sprechen, wie ein Tanz, den wir alle tanzen. Und auch wenn die Action nicht bis ins kleinste Detail durchchoreografiert ist, kennen wir alle die einzelnen Bestandteile eines Kampfes und geben uns während der Performance zu verstehen, was wir als nächstes tun werden. So kann jeder seinen nächsten Move planen.
Ja, natürlich, immer wieder. Das lässt sich nicht vermeiden. Zuletzt hat es mein linkes Knie erwischt. Plötzlich konnte ich nicht mehr wie geplant agieren, habe aber meinen Kollegen zu verstehen gegeben: Passt bitte auf, ich kann mein linkes Bein nicht mehr belasten.
Absolut! In kaum einer Sportart hat Musik so eine Bedeutung wie im Wrestling. Wenn du schon einmal so eine Veranstaltung gesehen hast, wirst du bemerkt haben, dass jeder Wrestler von einem eigenen Song durchs Publikum in den Ring begleitet wird. Diese Musik dient dazu, die Figur einzuführen. Innerhalb weniger Sekunden erfährt das Publikum allein über den Sound wahnsinnig viel über den Charakter dieser Figur.
Natürlich, der Sound ist ja enorm wichtig. Anfangs haben wir bewusst Songs aus der Metal-Subkultur verwendet, vor allem aus dem Viking-Metal. Speziell das Publikum, das wir anfangs angezogen haben, hat sich durch diese Musik sofort zu Hause gefühlt. Mittlerweile spielen wir “Mythos: Ragnarök” aber seit fünf Jahren, und das Publikum ist aus der ursprünglichen Core-Szene herausgewachsen. Also mussten auch wir uns weiterentwickeln.
Ich war jahrelang sehr stolz, dass Bands wie Týr (am 2. Dezember in Wörgl, Anm.) von uns Tantiemen bekommen haben. Aber je größer unsere Show geworden ist, umso wünschenswerter war es, dass die Musik tatsächlich uns gehört. Also haben wir den norwegischen Komponisten Kjell Braaten, der schon mit Wardruna, vielen anderen nordischen Künstlern und für die Netflix-Serie “Vikings: Valhalla” gearbeitet hat, gebeten, einen neuen Soundtrack für “Mythos: Ragnarök” zu produzieren. Jetzt hat tatsächlich jede Figur ihren eigenen Song.
Was ich an der Wikingerzeit so liebe: Es war eine Welt der kleineren Stämme, der kleineren Kulturen. Menschen sind ums Lagerfeuer gesessen und haben die Geschichten der Götter von Generation zu Generation weitererzählt. Es scheint eine Zeit gewesen zu sein, in der man wirklich jeden Menschen in seiner Umgebung kennen konnte. Dadurch war das aber auch eine Zeit, in der man für sein Verhalten unmittelbar verantwortlich gemacht werden konnte. Ob man ein nützlicher Teil der Gemeinschaft war oder ein Unruhestifter, konnte die eigene Zukunft ganz direkt beeinflussen. Ich glaube, dass die Menschen damals genauer über ihre eigenen Handlungen, über Worte und Taten, nachdenken mussten, als wir es heute tun.
Ich würde nicht gern in einer Epoche mit so schlechter Zahnhygiene, kargem Essen und Holzhütten ohne Dusche und WC leben. Trotzdem will ich die Geschichte weitertragen – nicht zuletzt, weil ich als Engländer weiß, wie groß der Einfluss der Wikinger auf unsere Geschichte und die Entwicklung unserer Gesellschaft war. Aber es gibt noch eine weitere wichtige Ebene in unserem Stück.
Die Art und Weise, wie wir performen, soll den Menschen eine Botschaft mitgeben: Wenn du siehst, wie ich nach zwei Stunden aussehe, so voller Schweiß, Blut und Tränen – dann siehst du, dass das keine Maske ist, kein Make-up. Das ist echt. Wir sind echt. Wir sind auf der Bühne zwei Stunden lang durch die Hölle gegangen. Gerade in Zeiten, in denen die KI immer größeren Einfluss aufs Showbusiness, vor allem aufs Kino und Fernsehen, hat, bleibt die Bühne ein Ort, an dem echte Menschen ihre Kunst zelebrieren.
Tatsächlich habe ich “Mythos: Ragnarök” geschrieben, weil ich nicht wie andere Kollegen in der Wrestling- und Stuntszene mit 50 immer noch meine Knochen hinhalten wollte, um meine Miete bezahlen zu können. Ich will es selbst in der Hand haben, was ich tue. Und auf der Bühne findet sich immer eine Möglichkeit. Es gibt ja auch andere Mythologien, und einen Gott wie Zeus kann ich mit 60 immer noch glaubwürdig spielen.
Ja, nächstes Jahr wollen wir ein neues Stück auf die Bühne bringen. Und da hilft es uns sicher, dass mit dem Film “The Odyssey” gerade ein neuer Hype um die griechische Götterwelt entstanden ist. Und für uns wird es spannend, weil wir ein neues Konzept entwickeln müssen: Anders als in der nordischen Mythologie geht es bei den Griechen ja nicht nur um Kämpfe unter mehr oder weniger gleich starken Göttern, sondern es kommen auch echte Menschen ins Spiel.
Ja. Wobei das eigentlich nur mein Plan B ist.
Schau, die KI hat längst begonnen, die Jobs von Schauspielern und Stuntleuten auszuradieren. Aber sie wird niemals die menschliche Interaktion auf der Bühne ersetzen können. Mein großes Ziel ist, mein eigenes Theater zu besitzen und dort nicht nur Schauspieler, sondern auch Wrestler ausbilden und fair bezahlen zu können. Und nebenbei kann ich ja immer noch irgendeinen Gott verkörpern.